Gastbeitrag Lernen in Corona-Zeiten: Der Schulfrust eines Vaters

Ein Mann, Mitte 40 mit dunklen Haaren, vor einem Regal Zuhause im Homeoffice
Bildrechte: Tobias Thiel

Tobias Thiel sagt über sich, dass er am Ende ist. Vor Schulfrust. In einem Eintrag auf seinem Blog schilderte der Wittenberger neulich einen Tag als Vater, an dem ihm wegen des Verhaltens der Lehrer und der Bildungspolitik der Kragen geplatzt ist. Für MDR SACHSEN-ANHALT hat Thiel seine Gedanken zusammengefasst.

Kinder machen am Küchentisch gemeinsam ihre Hausaufgaben mit den Eltern.
Zu Hause lernen: In der Corona-Krise ist das Alltag. Bildrechte: imago images/MiS

Es gab und gibt keine Corona-Ferien, sondern Fernunterricht, der oft auch als Homeschooling bezeichnet wird. Für berufstätige Eltern im Homeoffice ist das keine einfache Situation, wie ich im Folgenden zeigen möchte. Es geht mir mit diesem Beitrag nicht darum, Lehrkräfte schlecht zu machen, die gerade auch viel leisten. Es geht mir vielmehr um die Perspektive von Eltern und deren Probleme – und um meinem Wunsch nach einer Schule, die jetzt die Chance nutzt, in der Digitalisierung anzukommen.

Ein vielversprechender Anfang

Mit Blick auf das Homeschooling begann unsere Corona-Zeit halbwegs erleichtert. Auf der Website der Schule unserer Kinder hieß es nämlich: "Erstelle einen Plan für jeden Tag! Erledige die Aufgaben möglichst selbstständig, deine Eltern haben jetzt vielleicht andere Sorgen". Tatsächlich haben wir als Eltern von vier Kindern, die beide Vollzeit im Homeoffice arbeiten, wirklich keine Nerven und Zeit, mit jedem Kind Aufgaben zu bearbeiten. Wir haben uns also an diese Verheißung gehalten und unsere Verantwortung darin gesehen, dass unsere Kinder sich genügend Zeit für die Aufgaben nehmen und die notwendigen, digitalen Zugangsgeräte nutzen können. Und wir waren uns einig, dass es nun Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer sei, darauf zu achten, dass die Kinder vorankommen oder Unterstützung erhalten.

Ein Schild mit der Aufschrift «Schule geschlossen» hängt an der Eingangstür des Gymnasiums in Bad Waldsee in Baden-Württemberg
Der Anfang kurz nach den Schulschließungen war vielversprechend, meint unser Autor. Dann ging es bergab. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Die Realität: unübersichtlich und unorganisiert

Dachten wir! Bis vor zwei Wochen, als wir die Oma engagiert haben. Sie hat per Skype und Discord mit dem Fünft- und Achtklässler besprochen, was zu tun ist – sofern sie die Aufgaben und die Passwörter für die Zugänge überhaupt finden konnten. Es gibt nämlich weder eine zentrale Ablage pro Klasse, noch ein Lernmanagementsystem. Die Kinder müssen die Materialien auf der Homepage oder in den Clouds der Lehrkräfte suchen.

Nach kurzer Zeit meldete uns die Oma zurück, dass die Kinder im Stoff schon Wochen zurückliegen. Und sie war etwas enttäuscht, dass es wenig kreative Aufgaben gab. "Lies Seite X bis Y und löse die Aufgaben auf Seite Z", war das Schema, nach dem fast aller "Fernunterricht" bei uns gestrickt war. Es gab wenig multimediale Inhalte, fast nichts, was extra für den Fernunterricht erstellt wurde. Vor allem aber gab es fast keine persönlichen Kontakte, keine Videokonferenz, kaum eine persönliche Mail. Immerhin eine Lehrerin hat einmal angerufen, um nachzufragen, wie es geht. Eine andere Lehrerin meinte, es sei nicht schlimm, wenn die Schülerinnen und Schüler nicht alle Aufgaben schaffen würden. Deshalb animierten wir unsere Kinder, sich zuerst auf die Hauptfächer zu konzentrieren.

Hausaufgaben liegen auf einem Tisch
"Lese das, löse dann die Aufgabe auf Seite 12": Eintöniges Lernen in der Krise Bildrechte: Liane Watzel

Bis vergangene Woche Dienstag! Der folgende Mittwoch, der 6. Mai, war nämlich der erste Tag, an dem drei unserer Kinder wieder in die Schule mussten. Und damit begann der Stress. Ein A1-Plakat in Geschichte, das schon für die Zeit vor Ostern terminiert war, sollte nun mitgebracht werden – obwohl es noch gar nicht erstellt war. Also Panik beim Kind, bei Oma, bei der Mutter, verzweifelte Recherche, gemeinsames Arbeiten der drei an einem Online-Dokument. Unsicherheit, ob das Plakat auch als Ausdruck geht. Wir haben allerdings nur einen A3, keinen A1-Drucker. Und eigentlich ist es ja auch eine Bastelaufgabe mit Glitzer und so. Am Ende: Heute schaffen wir es nicht mehr! Reicht es vielleicht bis zum folgenden Montag? Da geht dann ohnehin erst die andere Hälfte der Klasse in die Schule.

Ich erfuhr alles erst am Abend, weil ich das erste Mal wieder einen ganzen Tag im Büro war und musste mir erstmal mit dem Schreiben meines Blogs Luft machen. Während ich das schrieb, kam die Zehntklässlerin ins Zimmer und druckt noch ein paar Seiten aus. Auch sie hat erst am Vorabend erfahren, dass sie bei einem Lehrer alles ausgedruckt mitbringen soll, was sie in dessen Fach in der Corona-Zeit gemacht hat und ihm schon per Mail geschickt hatte – inklusive der mehrseitigen Aufgabenstellung des Lehrers!

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Beunruhigend ist auch, dass der Leistungsbewertungserlass des Landes, der vorschreibt, wie viele Noten und Klassenarbeiten es pro Jahr braucht, nach meiner Kenntnis bisher nicht außer Kraft gesetzt wurde. Hausaufgaben dürfen eigentlich nicht bewertet werden und keinem sollen Nachteile aus der Corona-Zeit erwachsen. Aber in ihrem Brief wies eine Lehrerin zum Schulstart ausdrücklich darauf hin, dass sich niemand auf Corona ausruhen solle. Die Versetzungsregeln würden wie immer gelten. Eine andere Lehrerin meinte, dass sie gehört habe, dass viele Kinder nicht motiviert gewesen seien. Ich kann das nicht bestätigen. Ich habe meine Kinder – besonders den 11-Jährigen – bewundert, wie sie sich jeden Morgen wieder an ihren Schreibtisch gesetzt und ganz ernsthaft versucht haben, ihre Materialien durchzuarbeiten.

Das Positive, das Schule nicht sieht

Ich bin begeistert, was sie in dieser Zeit gelernt, was sie sich ganz überwiegend eigenständig erarbeitet haben: Sie können sich jetzt selbst organisieren. Das ist noch nicht perfekt, aber viel weiter als vor der Corona-Krise. Sie recherchieren selbstständig online. Sie suchen sich ihre Arbeitsmaterialien im Netz und arbeiten gemeinsam mit anderen Schülerinnen und Schülern online an Dokumenten oder erstellen einen Podcast oder ein Video. Sie können E-Mails schreiben. Darüber hinaus haben sie gelernt, Masken zu nähen und Mittagessen zu kochen. Obwohl inzwischen alle Lehrpläne kompetenzorientiert sind, scheint sich an unserer Schule niemand für diese neu erworbenen Kompetenzen zu interessieren. Es scheint nur zu zählen, ob es noch gelingt, den Lernstoff in jedem Fach zu behandeln.

Und meine Kinder sind vermutlich vergleichsweise privilegiert. Sie haben Zugang zu Technik und Internet. Sie haben eine Oma, die sich kümmert und auch Eltern, denen sie nicht egal sind. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es denen geht, die in Dörfern wohnen, wo es kein oder nur sehr langsames Netz gibt oder deren Eltern nur eine begrenzte Handyflat haben. Oder die Kinder und Jugendlichen, die die PDFs mit den Aufgaben nur an einem kleinen Smartphone lesen können. Oder Alleinerziehende, die sich überhaupt nicht abwechseln oder über die Situation austauschen können.

Der Schulbesuch

Schule mit Sicherheitsabstand Corona
So richtig geklappt hat das mit den Regeln an der Schule von Tobias Thiels Kindern nicht – anders als auf diesem Symbolbild. Bildrechte: imago images/ Pressedienst Nord / Björn Hake

An der Schule angekommen, stellten meine Kinder fest, dass die Hygienemaßnahmen aus ihrer Sicht nicht greifen. Sportunterricht wurde erst vom Plan gestrichen, nachdem meine Frau angerufen hatte. In jeder Pause wechseln die etwa 200 Schülerinnen und Schüler die Räume. Nur wenige Beteiligte trugen eine Maske. Ich weiß nicht, ob das gefährlich ist, möchte aber lieber nicht wissen, wie es den Kindern und Jugendlichen geht. Sie haben sich sieben Wochen eingeschränkt, keine Freundin oder höchstens mal einen Freund getroffen. Sie sind zu Ostern nicht zur Oma gefahren, um sie zu schützen. Sie haben Angst vor einem Virus. Und jetzt zählt das alles nicht mehr.

Gab es eigentlich Entscheidungen auf Landes-, Kreis- oder Schulebene, bei denen Schüler- und Klassensprecher oder andere Vertreterinnen junger Menschen eingebunden wurden? Sichtbar wurde es jedenfalls nicht.

Der Blick nach vorn

Zum Abschluss möchte ich aufhören, die Defizite zu beschreiben. Ich wünsche mir nämlich, dass unsere Gesellschaft und das System Schule aus der Corona-Zeit lernen und dass wir uns auf mögliche weitere Pandemie-Wellen und die sich weiter digitalisierende Gesellschaft vorbereiten. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Kinder und Jugendliche entsprechend der gesetzlichen Grundlagen an allen sie betreffenden Entscheidungen beteiligt werden. Ich wünsche mir eine Schule, die Medien nutzt, diskutiert und reflektiert. Ich wünsche mir, dass in diesem Schuljahr nicht der Stoff im Vordergrund steht, sondern die Frage, wie wir eine Schule in und für die digitale Welt organisieren, in der Präsenz- und Fernunterricht miteinander verbunden werden.

Ich wünsche mir eine Schule, die Medien nutzt, diskutiert und reflektiert.

Dafür braucht es gute Lernmanagementsysteme für die Schülerinnen und Schüler. Dafür braucht es Technik für alle. Dafür braucht es verbindliche Kommunikationskanäle. Dafür braucht es Unterstützungssysteme für diejenigen, die technische oder inhaltliche Hilfe benötigen. Ich wünsche mir eine Bildung, die außerschulische Angebote und andere Formate als Frontalunterricht mitdenkt. Und ich wünsche mir Lehrerinnen und Lehrer, denen es gelingt, den Kindern und Jugendlichen zu zeigen, dass sie als Menschen wertvoll sind.

Ein Mann, Mitte 40 mit dunklen Haaren, vor einem Regal Zuhause im Homeoffice
Bildrechte: Tobias Thiel

Über den Autor Tobias Thiel lebt in Wittenberg, ist 45 Jahre alt, Vater von vier Kindern und in der Jugendbildung tätig. Dabei beschäftigt er sich mit zeitgemäßer Bildung, Medienpädagogik und der Möglichkeit von Teilhabe und Partizipation. Seit 2019 bloggt Thiel über Bildung, Politik und persönliche Erfahrungen.

Quelle: MDR/mar,ld

4 Kommentare

Tobias Thiel vor 29 Wochen

Lieber Herr Doßmann, genau darum geht es. Ich beschreibe an meinem konkreten Beispiel ein systematisches bzw. systemisches Problem. Mich macht es sehr traurig, dass wir aktuell nicht aus der Krise lernen und jetzt die nötigen Schritte gehen, sondern auch in Schule so tun, als wäre nichts passiert, und wir müssten jetzt nur noch mit halben Unterricht das Schuljahr gut zu Ende bringen. Ich weiß, dass Schulen und Lehrer/-innen da genauso allein gelassen werden, wie ich es für Kinder und Eltern beschrieben habe.

Tobias Thiel vor 29 Wochen

Danke fürs Feddback. Die Erwartung hatte ich nicht. Das Aufrechterhalten einer persönlichen Beziehung, also einfach mal anrufen oder zur Abwechslung mal Unterricht per Videokonferenz oder eine freundliche Eingangsbestätigung für eingesendete Aufgaben, hätte mir voll und ganz gerreicht. Bei uns wären das übrigens pro Tag 12 Fächer à 1,5 Stunden Inhalt, deren Inhalt wir uns erst erarbeiten müssten. Und Homeoffice mit Familie, störungsfreie Arbeitszeiten und Feierabend würden einen weiteren Text füllen. Das größere Problem aber ist, dass die Kinder auch keine strukturierte Freizeit mehr hatten, Musikschule, Sport, Theater-AG, Treffen mit Freunden sind weggefallen. D.h. wir mussten auch sehen, wie wir Freizeit organisieren, die sie sonst sehr selbstorganisiert wahrnehmen.

hercule vor 29 Wochen

Ein netter Text und auch irgendwo verständlich nur mich stört eine Sache das Lehrer die Lernfortschritte kontrollieren sollen. Der Vater hat ja schon bei 4 Kindern Probleme die Lehrkräfte betreuen das 10 fache. Wenn man davon ausgeht das jedes Kind pro Woche 10 Aufgaben bekommt und das über 8 Wochen soll die Lehrkraft 3200 Aufgaben auswerten und den Lernfortschritte kontrollieren ? Und auch Eltern im Home-Office haben Feierabend und können die Aufgaben kontrollieren.

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