Figuren von Mann und Frau mit intersexuellem Geschlechterzeichen und Bundesadler
Ein Streitthema unserer Zeit: Wie geschlechtergerecht soll Sprache sein? Bildrechte: imago/Christian Ohde

"Streitbar" an der Uni Magdeburg Diskussionen um die Macht der Sprache

Sollte es Lehrerinnen und Lehrer, ÄrtzInnen oder Beamt*innen heißen? Und wenn die Entscheidung für eine dieser Varianten fällt, wie wird sie dann ausgesprochen? Hat Sprache überhaupt die Macht, mehr Geschlechtergerechtigkeit herzustellen? Darüber ist an der Universität Magdeburg diskutiert worden. Auch die feministische Rapperin Sookee aus Berlin war dabei.

von Sören Thümler, MDR SACHSEN-ANHALT

Figuren von Mann und Frau mit intersexuellem Geschlechterzeichen und Bundesadler
Ein Streitthema unserer Zeit: Wie geschlechtergerecht soll Sprache sein? Bildrechte: imago/Christian Ohde

In Sachsen-Anhalt gibt es breits seit mehr als 25 Jahren ein Gesetz zur Förderung der Gleichstellung der Frau in der Rechts- und Verwaltungssprache. Es fordert von der öffentlichen Verwaltung, bei allen Rechts- und Verwaltungsvorschriften, Vordrucken oder Stellenausschreibungen, die jeweils zutreffenden weiblichen und/oder männlichen bzw. geschlechtsneutrale Sprachformen zu verwenden.

Dass das mit der Umsetzung im Alltag wesentlich komplexer und komplizierter ist, zeigt sich in den Debatten, die fast täglich geführt werden, nicht nur im Internet. Im Nachbarland Niedersachsen hat sich zum Beispiel die Stadt Hannover erst im Januar für eine gendergerechte Sprache in der Verwaltung entschieden. Und der Aufschrei der Kritiker war bundesweit laut. Von "Vergewaltigung der Sprache" bis zu "Gender Gaga" ist vor allem in den sozialen Netzwerken die Rede.

Auch der jüngste Talk-Abend bei der "Streitbar" an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg zeigt, wie kontrovers die Positionen sein können. Dort diskutieren Vertreter aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur aktuelle Debatten, diesmal eben zur Frage: "Welche Macht hat Grammatik?"

Kontroverser Talk an Uni Magdeburg

Das Campustheater auf dem Universitätsgelände in Magdeburg war rappelvoll. Der Andrang war so groß, dass zusätzliche Stühle organisiert werden mussten. Rund 200 Studenten wollten mit diskutieren, wie wir in Zukunft sprechen wollen. Die Uni hatte die Berliner Rapperin Sookee eingeladen, die von sich sagt: "Selbstverständlich bin ich Feministin". Die 35-Jährige, sie studierte Gender Studies an der Humboldt-Universität in Berlin, macht politischen Hip-Hop.

Im Podium saßen auch Andrea Blumtritt, die Landesbeauftragte für Frauen-und Gleichstellungspolitik in Sachsen-Anhalt, sowie Prof. Dr. Martin Dreher, Professor für die Geschichte des Altertums an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg sowie Jakob Adler, Arzt und Science Slammer. 

Grundsätzlich ging es um die Frage, warum es weiter verbreitet ist, nur die männliche Endung zu benutzen, und damit alle anderen "mit zu meinen". Andrea Blumtritt sagte dazu: "Auch Frauen, die sich nicht benachteiligt fühlen, sind der Wirkung und Macht der männlich geprägten Formen unterworfen." Blumtritt sagte, sie wünsche sich in Zukunft eine Sprache, die sensibel und reflektiert sei. "Das mag mühsam sein. Aber der Weg zu einer Sprache, die einer demokratischen Gesellschaft würdig ist, ist ein guter Weg."

Auch Frauen, die sich nicht benachteiligt fühlen, sind der Wirkung und Macht der männlich geprägten Formen unterworfen.

Andrea Blumtritt, Landesbeauftrage für Frauen-und Gleichstellungspolitik

Die Berliner Rapperin Sookee sprach sich für einen Perspektivwechsel aus. Alle müssten einfach mal ausschließlich die weibliche Form verwenden, sagte sie und erinnerte an ein Experiment des Feminismus der späten 1970-iger Jahre, das es genau so machte. "Da schauen wir doch einfach mal, was passiert mit der Enttäuschung bei den Männern, einfach nur noch mitgemeint zu sein."

Ganz anders sieht das der Historiker Prof. Dr. Martin Dreher. Er vertritt die Ansicht, dass geschlechtergerechte Sprache zwar bei der direkten Anrede, bei der Rechtsprechung und bei der Einbeziehung aller Geschlechter wichtig sei. Aber: "Wenn über Personen gesprochen wird, ist sie überflüssig." Dreher ist außerdem der Meinung, dass bei allen aktuellen Lösungen die Sprache beeinträchtigt und verschandelt wird. Wenn geschrieben werde: "Lieber Leser….", dann seien Frauen doch mit eingeschlossen.

Viel Applaus gab es für Jakob Adler, den Magdeburger Science Slammer. Seiner Ansicht nach sind die meisten Menschen noch auf dem Wissensstand der 4. Klasse: Sie hätten das verinnerlicht, was sie in Heimatkunde über Geschlechter gelernt hätten. Adler: "Es gibt heute noch Ärzte, die Inter- und Transsexualität als Krankheit sehen. Mit Aufklärung muss es auch Sprachwandel geben. Die Menschen müssen da aber entspannen und Kompromisse finden." Am Ende war man sich einig, dass es in Zukunft eine gendergerechte Sprache geben müsse.

Auch Fachleute vertagen das Thema

Doch, wie eine solche gendergerechte Sprache schließlich aussieht und klingt, scheint dagegen noch völlig offen. Genau deshalb hat sich der Rat für deutsche Rechtschreibung bei seiner Tagung im November in Passau einstimmig dafür ausgesprochen, den Sprachgebrauch zunächst weiter zu beobachten.

Der Vorsitzende Josef Lange sagte: "Die Erprobungsphase verschiedener Bezeichnungen des dritten Geschlechts verläuft in den Ländern des deutschen Sprachraums unterschiedlich schnell und intensiv." Sie solle nicht durch vorzeitige Empfehlungen und Festlegungen des Rats beeinflusst werden, wie das Gremium befand.

In Sachsen-Anhalt umstritten

Trotz des schon über 25 Jahre gültigen Gesetzes zur Förderung der Gleichstellung der Frau in der Rechts- und Verwaltungssprache gibt es in Sachsen-Anhalt zu diesem Thema noch immer Gegenwind.

Der Kreisverband der CDU in der Börde zum Beispiel vertrat auf seinem Neujahrsempfang die Meinung, die Partei müsse sich mit den Themen beschäftigen, die die Menschen interessierten. Gendergerechte Sprache gehöre nicht dazu. Die AfD im Landtag verlangte sogar die Abschaffung "aller durch Feminismus und Gender-Mainstreaming bedingten Schreibweisen im amtlichen Gebrauch".

Die Generalklausel, dass trotz Nennung ausschließlich männlicher Bezeichnungen selbstverständlich auch Frauen gemeint seien, ist überholt und unbedingt zu vermeiden.

Universität Magdeburg, Büro für Gleichstellungsfragen

Dagegen spricht sich die Magdeburger Otto-von-Guericke Universität als Institution ganz klar für eine gendersensible Sprache aus. In einer Handreichung des Büros für Gleichstellungsfragen heißt es: "Die sprachliche Gleichbehandlung aller Geschlechter bildet eine Grundvoraussetzung auf dem Weg zur Umsetzung von Geschlechtergerechtigkeit." Und weiter: "Die Generalklausel, dass trotz Nennung ausschließlich männlicher Bezeichnungen selbstverständlich auch Frauen gemeint seien, ist überholt und unbedingt zu vermeiden. Stattdessen sollen Texte gendergerecht formuliert werden. Das bedeutet, alle Geschlechter gleichermaßen anzusprechen sowie sprachlich und bildlich sichtbar zu machen und auf die Darstellung stereotyper Geschlechtervorstellungen zu verzichten."

Ähnliche Empfehlungen für eine gendergerechte Sprache gibt es auch an der Martin-Luther-Universität Halle.

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Quelle: MDR/mg

Zuletzt aktualisiert: 02. Februar 2019, 18:01 Uhr

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13 Kommentare

04.02.2019 15:13 böse-zunge 13

Ich bin da eher ein Freund der Vereinfachung - Mensch
Der Mensch aus Europa der sich da nennt Lieschen Müller, der Mensch aus Amerika der sich da nennt Rod B. Stard - usw.
Kleinster gemeinsamer Nenner: Menschen, teilen sich ein und denselben Planeten

04.02.2019 13:51 Fakt 12

>>Westsachse, #11:
"Der Plural umfasst ausdrücklich beide Geschlechter."<<

Von welchem Plural reden Sie?
Plural von Frau? Wäre Frauen und umfasst kaum alle Geschlechter.
Plural von Mann? Wäre Männer und umfasst auch nur ein Geschlecht.
Plural von Bahnhof? Wäre Bahnhöfe - umfasst gar kein Geschlecht.

Auch der Rest Ihres Beitrags wäre äußerst erklärungsbedürftig.

04.02.2019 02:00 Westsachse 11

Hätten die Damen einfach mal im Deutschunterricht aufgepasst. Der Plural umfasst ausdrücklich beide Geschlechter. Wenn man das weiß und gelernt hat, ergeben sich überhaupt keine Probleme. Im Gegenteil werden Frauen sogar bevorzugt. Denn sie können in der Mehrzahl exklusiv angesprochen werden, wohingegen Männer stehts im Plural aufgehen.