Generation Deutsche Einheit Mareike Wollert: "Ich liebe das Dorfleben"

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Auch wenn es Mareike Wollert fürs Studium nach Kiel gezogen hat, war die Rückkehr in die Heimat immer vorprogrammiert. Zu groß ist die Verbundenheit mit der Familie und der Region. Teil 6 der MDR-Reihe Generation Deutsche Einheit.

Auf dem Foto ist eine hellblaue Mauer zu erkennen, die in der Mitte ein großes Loch hat. Durch dieses Loch schaut eine Frau, mit dunkelblonden Haaren. 4 min
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Mareike Wollert öffnet die Tür zum Melkstand. Es ist laut, eine Kuh ist in den Melkroboter gekommen und wird vollautomatisch gemolken. Die Maschine hat allein die Saugvorrichtung ans Euter angesetzt. Die 29-Jährige blickt auf ein Display, kann Auffälligkeiten wie zu geringe Milchmenge oder eine nicht optimalen Gesundheitszustand der Kuh erkennen. Mareike Wollert kennt sich mit der modernen Landwirtschaft aus – und das von Kindesbeinen an. Sie ist in Gohre bei Stendal auf einem Bauernhof aufgewachsen.

"Ich liebe das Dorfleben", sagt die junge Frau. Mareike Wollert ist bodenständig. Nach dem Abitur auf dem Winckelmann-Gymnasium in Stendal zog es sieh dennoch für fünf Jahre nach Kiel, wo sie Landwirtschaft studiert hat. Für sie war dabei immer klar, dass sie später wieder zurück in ihre Heimat möchte. Heute ist sie als Marketingmitarbeiterin der Rinderallianz in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern viel im Lande unterwegs. Ihr Büro ist in Bismark – eine halbe Stunde von ihrem Zuhause entfernt. Sie rührt die Werbetrommel für den landwirtschaftlichen Zuchtverband mit seinen 260 Mitarbeitern. Der Verband vermarktet Zuchtbullen. Jährlich werden mehr als 100.000 Rinder und fast eine Million Spermienportionen weltweit verkauft.

Zurück in die Heimat war immer das Ziel 

Mareike Wollert ist eine Frohnatur. Sie geht auf die Leute zu und ist aufgeschlossen. In ihrem Beruf als Marketingexpertin kommt ihr das Naturell entgegen. Aber: "Ich bin in meinen Augen nicht die typische Frau, die im Marketing ist", sagt sie. Durch Zufall habe sich die Option für sie ergeben. "Für mich war unterbewusst immer klar, dass ich wieder zurück in die alte Heimat möchte", sagt sie. Sie sei zwar gerne in Kiel gewesen und habe dort noch immer gute Freunde, der Impuls wieder in die Altmark in die Nähe der Familie zu ziehen, sei immer da gewesen, sagt sie.

 

Auch der berufliche Weg in der Landwirtschaft war vorgezeichnet. Mutter Marion Wollert sieht ihren eigenen Einfluss. "Ich bin Landwirtin geworden und habe damit meinen Lebenstraum verwirklichen können und bin darin sehr glücklich. Und unsere Kinder sind zufällig auch Landwirte geworden. Also haben wir es ihnen gut vorgelebt. Und das ist schön."

Ganz wesentlich hat die Erfüllung des Lebenstraums mit dem Mauerfall zu tun. Zu DDR-Zeiten habe sie Lehrerin werden wollen, erzählt Marion Wollert. Dies wurde ihr aber verwehrt. Den Grund hat sie erst unlängst erfahren. Ihr Engagement in der Kirche sei es gewesen, habe ihr eine alte Lehrerin anvertraut.

Familientradition Landwirtschaft 

Als die Mauer fiel war Marion Wollert als Studentin in Dresden. "Wir waren keine Helden", sagt Vater Rainer Wollert. In die Demonstrationen waren sie mehr zufällig geraten. Auch einen der Züge mit Flüchtlingen aus der Prager Botschaft sahen sie vorbeifahren. Im heimischen Gohre wurde aus der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft ein Bauernhof. Die Eltern stürzten sich – zusammen mit den Eltern von Marion Wollert – in das Abenteuer Selbstständigkeit. Es wurde an die landwirtschaftliche Tradition der Familie an Ort und Stelle angeknüpft und etwas Neues aufgebaut.    

Steckbrief: Das ist Mareike Wollert

Ein kleines Mädchen mit blonden Locken trägt eine graue Katze auf dem Arm und schaut in die Kamera.
Mareike Wollert, als sie ca. drei Jahre alt ist. Bildrechte: Wollert

  • Name: Mareike Wollert
  • Geburtstag: 14. Juli 1991
  • Geburtsort: Stendal
  • Wohnort: Stendal
  • Beruf/Ausbildung: Studium der Landwirtschaft
  • Schulabschluss: Abitur
  • Lieblings-Ost-Produkt: Tangermünder Nährstange in der weißen Version

Mareike Wollert kennt die Geschichten ihrer Eltern und auch der Großeltern, die ebenso wie ihr Bruder Christian mit zum Drei-Generationen-Haushalt gehörten. Der Großvater ist mittlerweile verstorben. Für Ostalgie war bei den Erzählungen aber nie viel Platz. "Ich würde jetzt nicht sagen, dass wir das Thema ständig haben. Wenn irgendwelche Jahrestage anstehen, spricht man natürlich auch über dieses Thema."

Der Blick in der Familie wird stets nach vorne gerichtet, beschreibt Mareike Wollert die Stimmung in der Familie. Es sei auf dem Hof immer wieder investiert worden, oft auch in Tierwohl. Mal war es ein Wasserbett für Kühe, mal ein Milchautomat im Supermarkt. Oder vor 18 Jahren ein vollautomatischer Melkstand für die 120 Kühe.

Das was wir haben: Meinungsfreiheit, Reisefreiheit, die freie Wahl, den Beruf zu ergreifen, den man möchte, zu sein wie man ist – auch jenseits des Mainstream – das ist sehr, sehr viel wert.

Mareike Wollert

Neben ihrem Job bei der Rinderallianz hilft Mareike Wollert auch gerne auf dem elterlichen Hof aus. "Ich bin eine gute Aushilfe. Das ist ein Hobby für mich. Es macht mir Spaß, sonst würde ich es nicht machen. Ich mag den Umgang mit den Kühen, ich mache das schon, seit ich klein bin. Die Lust zur Landwirtschaft ist immer noch sehr, sehr groß.“ Es sei eine schöne Ergänzung zum Bürojob, sagt sie. Selbst das Melken mit der Hand bekommt sie noch hin. "Ich habe da zwar keine Routine, das können andere sicher besser, aber ein bisschen was bekomme ich hin", sagt sie mit einem Lachen.  

Drei Personen stehen nebeneinander vor grünen Büschen und schauen in die Kamera. Ganz links steht ein mittelalter Herr mit kurzen, dunkelblonden Haaren und einer Brille. In der Mitte steht eine junge Frau mit dunkelblondem, schulterlangem Haar und ganz rechts steht eine mittelalte Frau mit kurzen Haaren.
Mareike Wollert mit ihren Eltern Rainer und Marion Wollert Bildrechte: MDR / Brahms

Mareike Wollert ist viel unterwegs. Sie besucht Höfe in ganz Sachsen-Anhalt und auch in Mecklenburg-Vorpommern, um sie für das Rinder-Fachjournal zu porträtieren oder auszuzeichnen. Auch zu Messen ist sie unterwegs. Ihr Chef Matthias Löber schätzt nicht nur ihre persönliche Art, sondern die der gesamten Nachwende-Generation an sich. "Die Qualitäten sind, dass sie schon als Jugendliche Vieles hinterfragen, was bestimmte Strukturen angeht. Viele neue Ideen greifen hier um sich. Und das ist in Ordnung", so der Rinderallianz-Geschäftsführer. Das Unternehmen mit seinen rund 260 Mitarbeitern habe einen Altersschnitt von unter 40 Jahren. Viele junge Leute seien zur Ausbildung im Westen gewesen und dann zurückgekommen.

Zweite Heimat in Kiel gefunden

Bei Mareike Wollert war es die Sehnsucht nach der Heimat und dem familiären Umfeld. Mit einem Ost-West-Denken habe das nichts zu tun gehabt, sagt sie. Ihr Studienort Kiel ist für sie eine zweite Heimat geworden. Viele Freunde sind noch dort. Mareike Wollert hat für sich ihren Weg gefunden und blickt optimistisch in die Zukunft. Dass die Wende 1989 auch ihr Leben beeinflusst hat, steht für sie außer Frage. "Das, was wir haben: Meinungsfreiheit, Reisefreiheit, die freie Wahl, den Beruf zu ergreifen, den man möchte, zu sein wie man ist – auch jenseits des Mainstream – das ist sehr, sehr viel wert." Ihre Generation dürfe das nicht vergessen, dass ihnen das quasi geschenkt worden sei, sagt die junge Frau. "Da muss man aufpassen, dass man das nicht verliert."

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Über den Autor Bernd-Volker Brahms wurde in Leer/Ostfriesland geboren und hat in Göttingen Deutsch und Geschichte studiert. Er hat 18 Jahre lang für verschiedene Zeitungen als Redakteur gearbeitet. Er ist politischer Reporter mit Leidenschaft. Er berichtete bereits sechs Mal über Badminton von Olympischen Spielen. Brahms arbeitet im MDR-Regionalstudio Stendal.

Quelle: MDR/jb

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 14. Oktober 2020 | 10:40 Uhr

1 Kommentar

Uwe B vor 2 Wochen

Vielleicht ist es einfach nur etwas nachlässig geschrieben. Eigentlich hat der Artikel nichts mit der deutschen "Einheit" zu tun. Stattdessen werden die Errungenschaften der Wende gelobt. So weit so gut. Da würde mich interessieren, ob dem Autoren bewusst ist, dass "Einheit" und Wende nicht dasselbe sind.

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