Generation Deutsche Einheit Erik Beinert: "Der Wessi ist nach wie vor von sich überzeugt, der Ossi dagegen ist zurückhaltend"

Die Zeit kurz nach der Wende war nicht leicht für Erik Beinert. Doch sie hat ihn geprägt, menschlich wie beruflich. Heute leitet der 37-Jährige den Pflegedienst, den seine Mutter Anfang der 1990er gegründet hatte. Bereut hat er das nie. Teil 5 der MDR-Reihe Generation Deutsche Einheit.

Auf dem Foto ist eine hellblaue Mauer zu erkennen, die in der Mitte ein großes Loch hat. Durch dieses Loch schaut ein junger Mann, mit kurzen dunklen Haaren. 4 min
Bildrechte: Pixabay, Weidling/Schörm/MDR

Mit einem Lächeln im Gesicht und einem freundlichen "Hallo, na wie geht's?" betritt Erik Beinert schwungvoll die kleine Wohnung von Rolf Wahl. Der Rentner drückt sich aus seinem Sessel und freut sich. Seit acht Jahren kommt Erik Beinert einmal die Woche zu ihm. Er füllt die Medikamentenbox auf, kontrolliert das Gewicht, misst den Blutdruck. Und: Er nimmt sich Zeit für ein Gespräch. Dass Erik Beinert als Unternehmens-Chef persönlich vorbeischaut, ist nicht selbstverständlich, ihm aber wichtig, erzählt Beinert, während er Tabletten aus einer Packung drückt: "Ich will wissen, ob die Patienten mit unseren Mitarbeitern zufrieden sind. Die Hemmschwelle, zum Telefon zu greifen, ist höher, als wenn man persönlich vorbeifährt und direkt mal nachfragt."

Seit drei Jahren führt der 37-Jährige den Pflegedienst Beinert mit seinen 32 Mitarbeitern. Mitten in Eisleben betreibt das Unternehmen eine Tagespflege. In Lüttchendorf ist eine Außenstelle der Firma, hier arbeitet auch noch Eriks Mutter Petra, die das Unternehmen 1992 gegründet hat. Es ist die Zeit kurz nach der Wende, wie für viele, die Zeit des großen Umbruchs, erinnert sich Petra Beinert: "Es war für uns eigentlich nicht so einfach, weil ich von heute auf morgen arbeitslos geworden bin als Gemeindeschwester. Und es musste irgendwo weitergehen und dann habe ich den Mut gefasst, mich selbstständig zu machen."

Für ihn als Kind war die Zeit nach der Wende nicht einfach

Erik Beinert ist damals neun Jahre alt: "Es war eine schwere Zeit für uns als Kinder. Meine Mutter war nur unterwegs, kannte kein Wochenende und auch keine Ferien." Zusammen mit seinen beiden Geschwistern wächst er praktisch beim Vater auf, ein Bergmann, der nach der Wende auch seinen Job verlor. Das Pflegedienst-Unternehmen der Mutter bestimmt den Familienrhythmus. Die Grenze zwischen Beruf und Familie, sie verschwimmt: "Das Büro war am Anfang bei uns im Haus drin. Wir sind Samstag von oben mit dem Schlafanzug runter gegangen und dann kamen plötzlich die ersten Angestellten rein und haben bei uns ihre Pflegedokumentation gemacht. Und so bin ich da auch reingewachsen", erzählt Beinert.

Schon als Jugendlicher fährt er zusammen mit seiner Mutter auf Hausbesuche. Selbst die "schweren Fälle", so sagt es Petra Beinert heute, hätten ihn nicht abgeschreckt. 2007 steigt Erik Beinert nach einer Krankenpfleger-Ausbildung dann ins Familienunternehmen ein – als Pfleger. Vor drei Jahren übernimmt er den Chef-Posten. Mit dem Wechsel an der Spitze verändert sich auch der Umgang mit den Mitarbeitern: "Diese Personalführung, die Du damals angewendet hast, kannst Du heute nicht mehr machen", sagt Beinert. "Früher war es ein Arbeitnehmer-Markt, da kamen die Bewerber zu Dir, waren froh, wenn Du ihnen Arbeit gegeben hast. Heute ist andersrum, Du musst die Bewerber umgarnen, damit sie sich auf Arbeit wohlfühlen."

Das Ost-West-Denken begegnet ihm täglich

Seine Mutter Petra weiß, wovon er spricht: "Wir Alten haben noch so ein DDR-Denken!" Sie sei mehr die "Peitsche", er selbst eher das "Butterbrot", sagt ein grinsender Erik Beinert und stupst seine Mutter liebevoll in die Seite. Für den Familienvater ist sie trotz der schwierigen Nachwende-Jahre ein Vorbild. Doch eines möchte er unbedingt anders machen: Erik Beinert möchte eine bessere Balance zwischen Arbeit und Familie hinbekommen. Und er möchte mehr Zeit haben für seine Hobbys. Zum Beispiel das Mountainbiking. Seit Jahren fährt er in einem besonderen Team: Dem Ost-West-Express, mit Fahrern aus den neuen und alten Bundesländern: "Du merkst schon, das sind verschiedene Charaktere", sagt Beinert. "Der Wessi ist nach wie vor sehr von sich überzeugt und kann Dir auch seine Standpunkte sehr gut nahebringen, wohingegen der Ossi sehr zurückhaltend ist."

Steckbrief: Das ist Erik Beinert

Ein kleiner Junge auf einem schwarz-weißen Kinderbild.
Erik Beinert als kleiner Junge Bildrechte: Beinert

  • Name: Erik Beinert
  • Geburtstag: 16. August 1983
  • Geburtsort: Eisleben
  • Wohnort: Lüttchendorf am Süßen See
  • Beruf/Ausbildung: gelernter Krankenpfleger
  • Schulabschluss: Realschule
  • Lieblings-Ost-Produkt: Nudossi (ohne Palmöl), Bautzner Senf

Das Ost-West-Denken, es begegnet Erik Beinert auch in seiner täglichen Arbeit. Selbst 30 Jahre nach der Wende würden immer noch Unterschiede gemacht zwischen Ost und West, sagt Beinert. "Wenn ich mich mit Leuten unterhalte, kommt es oft abfällig rüber, dass beispielsweise diese oder jene Firma von einem Wessi geleitet wird." Erik Beinert glaubt, dass immer noch eine gewisse Unzufriedenheit nachhallt, darüber "was hier nach der Wende mit den Betrieben passiert ist."

Wenn ich mich mit Leuten unterhalte, kommt es oft abfällig rüber, dass beispielsweise diese oder jene Firma von einem Wessi geleitet wird.

Erik Beinert geboren 1983

Für ihn selbst gibt es diese Ost-West-Trennung nicht mehr. Mit seiner Frau und seiner sechsjährigen Tochter lebt er in Lüttchendorf am Süßen See. Dort hat sich die kleine Familie ein Haus gebaut: "Ich will hier bleiben und alt werden", erzählt er. Und er will das Pflegedienst-Unternehmen Beinert weiterführen: "Auch, wenn es manchmal hart ist, ein Unternehmen in der Größe zu führen, mache ich das auch ein Stück weit für meine Eltern. Damit das weitergeführt wird, was meine Mutter aufgebaut hat."

Nach 20 Minuten ist Erik Beinerts Hausbesuch bei Rolf Wahl zu Ende. Gleich geht es zurück ins Büro nach Eisleben, eine Besprechung steht an: "Na dann, bis nächste Woche, Herr Wahl", sagt er und sein Blick fällt beim Verlassen des Wohnzimmers kurz auf die braune Schrankwand. Neben eingerahmten Familien-Erinnerungen steht dort auch ein Bild von ihm selbst und seinen Mitarbeitern des Pflegedienstes Beinert.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 13. Oktober 2020 | 10:40 Uhr

0 Kommentare

Mehr aus Sachsen-Anhalt