Generation Deutsche Einheit Lukas Herzer: "Mein Opa hat sich vom Westgeld als Erstes eine Kettensäge gekauft"

Als Lukas Herzer geboren wurde, war Deutschland schon sechs Jahre wiedervereint. Dass er die DDR nicht mehr erlebt hat, macht den 24-Jährigen nicht traurig. Im Gegenteil. Der junge Winzer schmunzelt eher über so manche Geschichte von früher. Teil 3 der Reihe Generation Deutsche Einheit.

Auf dem Foto ist eine hellblaue Mauer zu erkennen, die in der Mitte ein großes Loch hat. Durch dieses Loch schaut ein junger Mann, mit blonden Haaren. 4 min
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Als Lukas Herzer geboren wurde, war Deutschland schon sechs Jahre wiedervereint. Dass er die DDR nicht mehr erlebt hat, macht den 24-Jährigen nicht traurig. Im Gegenteil. Teil 5 der Reihe Generation Deutsche Einheit.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Fr 09.10.2020 10:40Uhr 04:25 min

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Der Arbeitstag von Lukas Herzer beginnt mit Treckerfahren. Vorsichtig schiebt er den mit sechs Tonnen Trauben beladenen Anhänger rückwärts in den Hof. Er kommt gerade vom Weinberg. Dort haben die am Vortag gelesenen Müller Thurgau Trauben eine Nacht geruht. Jetzt kommen sie hier vom Maischehänger auf die Presse. Wie eine große Wäschetrommel sieht die Presse aus, dreht sich langsam und gleichmäßig und gibt dann unten in einer Wanne den wertvollen Traubensaft frei. "Das ist die schönste Zeit des Jahres", strahlt der junge Winzer, während er auf dem Hänger steht und zusieht, wie die grünen Trauben nach unten und aus dem Hänger herausgezogen werden. Stück für Stück rutscht der Berg aus Trauben in sich zusammen. Jetzt, in der Weinlese, zahlt sich aus, wofür der Winzer das gesamte Jahr arbeitet.

Seit ein paar Wochen erst ist er zurück in der Heimat, arbeitet im elterlichen Weingut. Im hessischen Geisenheim hat er Weinbau und Oenologie studiert. Dass er zurück an Saale und Unstrut kommt, war für ihn von Anfang an klar. "Es hat eigentlich nie zur Debatte gestanden, woanders hinzugehen", sagt Lukas ohne jeden Zweifel. "Ich bin sehr mit der Region verbunden, finde die Landschaft sehr schön und mag die Mentalität der Leute hier, dieses Bodenständige." Die Frage, wo er seine Zukunft sieht, war immer leicht zu beantworten. Nicht ganz so einfach war die Antwort auf die Frage nach dem "Was". Wie es nach dem Abitur weitergehen soll.

Nach dem Abitur eine Ausbildung zum Landwirt

Das Interesse für Weinbau war immer da. Seine Eltern sind Winzer und damit ist er aufgewachsen. Aber es gibt noch eine andere Leidenschaft und eine andere prägende Person in seiner Kinder- und Jugendzeit. Das ist sein Opa, der ihn für die Landwirtschaft begeistert. Deshalb entscheidet sich Lukas für einen Weg, den nicht viele Abiturienten gehen. Er macht zuerst eine Ausbildung – zum Landwirt. Etwa zehn Kilometer entfernt von Roßbach, bei der Agrargesellschaft Prießnitz, fängt er an zu lernen. Innerhalb von nur zwei Jahren, also in verkürzter Zeit, macht Lukas seine Ausbildung und wird dabei auch noch ausgezeichnet – zum damals besten Landwirt Azubi Sachsen-Anhalts. Doch schon dabei währenddessen hat er einen neuen Plan.

Die Liebe für den Weinbau neu entdeckt

Es reift die Idee, doch zurück in den Weinbau zu gehen, beziehungsweise hier noch mal neuanzufangen. Lukas beginnt in Hessen zu studieren. Der Weinbau hat ihn nie losgelassen. Hier sieht er seine Zukunft. Er absolviert Praktika in Südafrika, Franken und in der Pfalz. In der Pfalz lebt ein Teil seiner Familie, denn es ist die Heimat seines Vaters, der kurz nach der Wiedervereinigung in den Burgenlandkreis kommt und hier seine zukünftige Frau kennenlernt. Ohne die deutsche Einheit hätte es Lukas nicht gegeben. "Wir haben die Wiedervereinigung mit Leben erfüllt", sagt Mutter Andrea Herzer.

Die DDR-Zeit kennt ihr ältester Sohn nur aus den Erzählungen von ihr und von den Großeltern. Was bei Lukas hängenbleibt, sind zum Beispiel die Geschichten über den technischen Fortschritt. "Mein Großvater hat sich vom Westgeld als Erstes eine Kettensäge gekauft." Er erinnert sich auch an die Entwicklungen während seiner Kindheit. Wie die Autos von früher, Wartburg und Trabant, nach und nach von den Straßen verschwinden und durch neue Fahrzeuge ersetzt werden. "Dass die Dörfer saniert wurden, dass die Fassaden abgeputzt und die Häuser wieder schön wurden", zählt Lukas die für ihn augenscheinlichsten Veränderungen auf.

Wenn Mutter Andrea erzählt, mit welchem Aufwand Sanierungsarbeiten in der DDR abliefen, klingt das für ihre drei Kinder zu recht wie aus einer anderen Zeit. "Da lacht der sich heute immer halb kaputt, unser Lukas", sagt sie und muss dabei selbst lachen. "Wenn ich dann erzähle, was wir für Kopfstände machen mussten, um eine Fuhre Dachziegel zu bekommen. Heute erschlägt es einem mit dem Baumaterial."

Steckbrief: Das ist Lukas Herzer

Eine Familie steht an einem Tisch, darauf mehrere Flaschen Wein.
Lukas Herzer mit Mutter Andrea und Vater Stephan Bildrechte: Herzer

  • Name: Lukas Herzer
  • Geburtstag: 19. Juli 1996
  • Geburtsort: Naumburg
  • Wohnort: Roßbach bei Naumburg
  • Beruf/Ausbildung: Ausbildung zum Landwirt, danach Studium Weinbau und Oenologie
  • Schulabschluss: Abitur
  • Lieblings-Ost-Produkt: Saale-Unstrut Wein ;-)

Dass er die DDR-Zeit selbst nicht miterlebt hat und nur aus Erzählungen kennt, darüber ist der 24 Jährige nicht traurig. Er weiß es zu schätzen, unbeschränkt reisen zu können, sich in den verschiedenen Regionen Deutschlands über die Erfahrungen im Weinbau austauschen zu können. Dabei bemerkt er aber auch heute noch immer wieder Unterschiede zwischen Ost und West. "Ich habe manche Leute kennengelernt, die über jeden Schritt nachgedacht haben. Was es sie kostet, wenn ich sie es so oder so machen." In den neuen Bundesländern sieht Lukas Herzer finanzielle Aspekte seltener als den ausschlaggebenden Punkt. "Bei uns entscheidet man eher aus dem Bauch heraus, anstatt alles an Kosten und Zahlen festzumachen."

Ein junger Mann steht auf einem Weinanbaugebiet.
Lukas Herzer liebt seinen Job. Dass er arbeitsreich ist, hat ihn nicht davon abgehalten. Bildrechte: MDR/Fabian Brenner

Ost-West Unterschiede auf dem Feld, im Wald und in den Köpfen

Noch konkreter sind die Unterschiede in den Bereichen, die er beruflich kennengelernt hat. Die Landwirtschaft in der Heimat ist noch heute geprägt durch die Zwangskollektivierung in der DDR. Kleine, private Bauern sind selten. Die Ackerflächen viel größer als in den alten Bundesländern. "Die Agrarbetriebe in unserer Region sind heutzutage froh, wenn sie große Felder bewirtschaften und dann auch mit großer Technik bearbeiten können. Da sind westdeutsche Betriebe immer etwas neidisch." Aber alles hat Vor- und Nachteile. Wenn Lukas in seiner Freizeit als Jäger unterwegs ist, merkt er das in Bezug auf die Größe der Felder. "Ich habe Freunde in der Nähe von Ingolstadt und da gibt es viele kleine Felder. Was man da an Niederwild sieht: Hasen, Fasane und Rebhühner. Das ist Wahnsinn."

Während des Studiums in Hessen hat das Thema Ost/West kaum eine Rolle gespielt. In seinem Jahrgang war er der einzige "Ossi". Ein paar Witze oder Sprüche gab es immer mal, aber mehr nicht. "Im Gegenteil, es war eine schöne Erfahrung, sich mit Leuten auszutauschen, die 500 Kilometer entfernt ihre Heimat haben und zu hören, wie sie beispielsweise bestimmte Dinge im Weinbau machen." 

Bei uns entscheidet man eher aus dem Bauch heraus, anstatt alles an Kosten und Zahlen festzumachen.

Lukas Herzer geboren 1996

Andrea Herzer arbeitet im Büro Papierkram ab und nimmt Kundenanrufe entgegen, während Lukas schon wieder im Weinberg ist. Dass ihre Kinder nach der Schule in den Familienbetrieb einsteigen, hatte sich die dreifache Mutter vielleicht gewünscht, aber keineswegs gefordert. Lukas erinnert sich an einige dieser Gespräche: "Unsere Eltern haben uns nie gezwungen, auch Winzer zu werden." Von Anfang an hätten die Eltern immer wieder betont, wieviel Arbeit es ist, im Weingut zu arbeiten. "Es ist sehr viel Lebenszeit, die daran hängt und viel Freizeit, die man opfert." Bis zu 60 Stunden sind die Arbeitswochen lang. "Das muss man schon wollen. Ansonsten braucht man es gar nicht erst anfangen", sagt Lukas Herzer beim Gang durch die Rebstöcke. Er inspiziert die Trauben, probiert sie und muss entscheiden, wie lange sie noch hängen bleiben. Noch ein paar Tage, dann sind sie perfekt. 

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 09. Oktober 2020 | 10:40 Uhr

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