Generation Deutsche Einheit Marcus Weise: "Wir sind die Generation der Schulschließungen"

Er war Landesschülersprecher und der jüngste Bürgermeister Sachsen-Anhalts: Heute lenkt der 32 Jahre alte Marcus Weise in Harzgerode als Bürgermeister die Geschicke seiner Heimatstadt. Teil 1 der Reihe Generation Deutsche Einheit.

Auf dem Foto ist eine hellblaue Mauer zu erkennen, die in der Mitte ein großes Loch hat. Durch dieses Loch schaut ein junger Mann, mit kurzen dunklen Haaren. 4 min
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Er war Landesschülersprecher und der jüngste Bürgermeister Sachsen-Anhalts. Heute lenkt der 32-jähirge Marcus Weise in Harzgerode die Geschicke seiner Heimatstadt. Für die CDU ist er dort Bürgermeister.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Mo 05.10.2020 10:40Uhr 04:15 min

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Es ist Anfang Juli im Jahr 2005. Marcus Weise ist 17 Jahre alt, hat gerade die 11. Klasse hinter sich und sitzt in einer Feierstunde. Es ist das letzte Mal, dass er in seiner Schule sitzt, denn es ist die Abschlussveranstaltung des Gymnasiums von Harzgerode, seines Gymnasiums, an dem er Schülersprecher ist. Ein Erlebnis, das den Schüler Marcus Weise bis heute prägt.

"Da blutet immer noch mein Herz, dass diese Schule geschlossen wurde. Das tut heute noch weh. Als die Abschlussveranstaltung war, haben alle geweint. Das war so ziemlich das Schlimmste, was wir in unserer Schulzeit erlebt haben", erinnert sich der heutige Bürgermeister von Harzgerode, einer Stadt im Unterharz mit 13 Ortsteilen und knapp 8.000 Einwohnern. Er findet: "Wir sind die Generation der Schulschließungen. Die, die kurz vor der Wende und kurz danach geboren wurden, die mussten die ganzen Schulschließungen mitmachen. Einige haben zwei bis drei Schulen erlebt, die während ihrer Schulzeit geschlossen wurden, das hinterlässt natürlich Spuren."

Marcus Weise wird 1987 in Rathenow geboren, als seine Eltern dort gerade Verwandte besuchen. Die Familie lebt aber in Harzgerode. Dort wächst er auch auf. Nach der Trennung der Eltern lebt er beim Großvater. Der ist selbständiger Handwerker und betreibt als Schmiedemeister eine Schlosserei. Nach der Wende betätigt er sich politisch im Stadtrat.

Es sei viel über Politik geredet worden Zuhause, und er habe oft helfen müssen im Betrieb, erinnert sich Marcus Weise an diese Zeit. Er erinnert sich jedoch auch daran, dass Kindergartenfreunde plötzlich verschwanden, weil die Eltern fortzogen, der Arbeit wegen – Umbrüche der Wendezeit. Das alles habe ihn geprägt, so Marcus Weise. Trotzdem empfinde er seine Kindheit als unbekümmert und voller Freude.

Steckbrief: Das ist Marcus Weise

Foto eines Kleinkindes
Marcus Weise als Baby Bildrechte: Marcus Weise

  • Name: Marcus Weise
  • Geburtstag: 4. Dezember 1987
  • Geburtsort: Rathenow
  • Wohnort: Harzgerode
  • Beruf/Ausbildung: Bürgermeister der Stadt Harzgerode (CDU) / Bachelor Wirtschaft und Politik, Master Politikwissenschaften
  • Schulabschluss: Abitur
  • Lieblings-Ost-Produkt: Knusperflocken

Die Einheit betrachtet Marcus Weise als Glücksfall. Schon als Schüler sei ihm das bewusst gewesen. "Was wir als Generation schnell begriffen hatten, war die Freiheit, die wir haben. Klassenfahrten ins Ausland, Schüleraustausch, nach der Schule für ein Jahr ins Ausland gehen, das ist etwas, was unsere Eltern nicht hatten", sagt er.

Mit 14 beginnt er, sich politisch zu engagieren

Als die Schließung seiner Schule droht, beginnt sich Marcus Weise politisch zu betätigen. Mit 14 Jahren wird er Schülersprecher an seiner Schule, später sogar Landesschülersprecher. Nach dem Abitur am Gymnasium in Ballenstedt studiert Marcus Weise Politik und Wirtschaft in Halle. Nach erfolgreichem Abschluss wird er Mitarbeiter eines Bundestagsabgeordneten. Im Jahr 2009 mit 21 Jahren tritt er das erste Mal für den Harzgeröder Stadtrat an. Fünf Jahre später wird er mit 26 Jahren jüngster Ortsbürgermeister in Sachsen-Anhalt. Seit 2017 ist der heutige Vater zweier Kinder hautamtlicher Bürgermeister in Harzgerode.

Für die Einheit sei er der Generation seiner Eltern und Großeltern außerordentlich dankbar, so Weise. Wichtig sei heute nur, dass man sich immer wieder selbst kümmern muss. Er glaubt, die Mehrheit seiner Generation hätte das begriffen, weil sie nach der Wende aufgewachsen sei. Die Meisten seines Abiturjahrgangs, so Weise, machten heute das, was sie gern möchten. Und Marcus Weise macht gern Kommunalpolitik. Das sei sein Traumjob, "weil man für die Menschen, die in der eigenen Umgebung leben, tätig ist", sagt er.

Ich würde es interessant finden, mich mal zurückzuschicken, so ein halbes Jahr DDR-Leben erleben, um sich ein eigenes Bild zu machen.

Marcus Weise geboren 1987
Morgenrot über den Dächern von Harzgerode
Blick über Harzgerode: Marcus Weise ist hier Bürgermeister. Bildrechte: Torsten Brehme

Im Jahr 2018 wurde das Engagement belohnt: Harzgerode wurde damals Sachsen-Anhalts Kommune des Jahres, vor allem wegen des "innovativen Demographie-Managements". Attraktiver und lebenswerter soll die Stadt werden. So genannte weiche Standortfaktoren sollen verbessert, Zuzug attraktiv gemacht werden. Die Stadt hat seit 1990 ein Drittel ihrer Bevölkerung verloren. Da müsse gegengesteuert werden, so Weise. Außerdem war es damals gelungen, eine Fünfzig-Millionen-Euro-Investition nach Harzgerode zu holen. 150 neue Jobs entstanden.

Der DDR trauert er keine Träne nach

Er sei ein normaler Mensch, sagt Marcus Weise von sich. Er hat ein Auto und ein kleines Haus, das vom Großvater, das er sich ausgebaut hat. Seinen kleinen Sohn, so alt wie er zur Wendezeit, bringt er jeden Morgen in den Kindergarten. Früh habe er einfach am meisten Zeit fürs Private, sagt er mit Hinweis auf den Tagesablauf eines Bürgermeisters.

Doch was wäre aus einem Marcus Weise in der DDR geworden? "Sicher kein Bürgermeister", glaubt der, und "schon gar nicht einer von der CDU" fügt er lachend hinzu. Marcus Weise trauert der DDR keine Träne nach. Allerdings wurmt ihn manchmal, dass er nicht immer alles versteht und nicht mitreden kann, wenn sich Ältere über die Zeit vor 1989 unterhalten. Mal kurz nachschauen, wie es war, damals, als er geboren wurde, so kurz vor der Wende, das würde er schon ganz gern. Marcus Weise: "Ich würde es interessant finden, mich mal zurückzuschicken, so ein halbes Jahr DDR-Leben erleben, um sich ein eigenes Bild zu machen."

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 05. Oktober 2020 | 10:40 Uhr

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