Generation Deutsche Einheit Nadine Pigors: "Mit Bezeichnungen wie Ossi und Wessi kann ich nichts anfangen"

MDR-Reporter André Damm
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Nadine Prigors ist Ärztin – und hat sich mit ihrem Beruf einen Traum erfüllt. Ob das zu DDR-Zeiten auch möglich gewesen wäre? Die Medizinerin weiß nicht so recht. Was sie weiß: Mit Begriffen wie "Ossi" und "Wessi" kann sie rein gar nichts anfangen. Teil 2 der MDR-Reihe Generation Deutsche Einheit.

Auf dem Foto ist eine hellblaue Mauer zu erkennen, die in der Mitte ein großes Loch hat. Durch dieses Loch schaut eine junge Frau mit dunkeblonden Haaren und einer Brille. 4 min
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Auf dem Parkplatz vor dem aufwändig sanierten Fachwerkhaus am Pretzscher Schloss stehen schon früh am Morgen die ersten Autos. Es sind Patienten, die entweder bestellt sind, ein Rezept haben wollen oder plötzliches Unwohlsein verspüren. Wegen der Corona-Hygieneregeln setzen sich viele nicht ins Wartezimmer, andere stehen auf den Gängen, manche warten vor der Tür – so sieht ein alltäglicher Morgen in der Hausarztpraxis von Nadine Pigors aus.

Die schlanke, hochaufgeschossene Medizinerin leitet die Praxis seit Januar 2019. Viele Patienten sind froh, dass sich eine Nachfolgerin für den bisherigen Allgemeinmediziner gefunden hat, der aus Altersgründen nicht mehr praktiziert. Denn an Beschwerden mangelt es auch auf dem flachen Land nicht. "Von Grippe über Rückenschmerzen bis hin zu Herz-Kreislauferkrankungen ist alles dabei. Wirklich alles. Ich muss häufig versuchen, den Facharzt zu ersetzen. Das ist aber nicht immer möglich."

Für die Ärztin ist die Wiedervereinigung ein Glücksfall

Mit dem Beruf als Ärztin ist für die 39-Jährige ein später Traum in Erfüllung gegangen. Eigentlich wollte sie immer Pharmazie studieren, doch nach einem Praktikum war für sie klar, dass es nicht der richtige Beruf ist. Sie schwenkte um auf Medizin. Diesen Beruf empfindet sie als herausfordernd und fordernd. Der Arbeitsalltag ist anstrengend, dazu kommen Notfälle, Besuche in Altenheimen und Bereitschaftsdienste am Wochenende. Für ihre beiden Kinder bleibt da nicht viel Zeit übrig, häufig muss der Ehemann einspringen. "Ich habe ein Diensthandy. Meine große Tochter findet es schrecklich, wenn am Wochenende das Handy klingelt und ich wieder meine Familie verlassen muss. Aber das bringt der Beruf mit sich."

Eine Ärztin im grünen Shirt steht in einer Praxis und blickt auf medizinisches Gerät.
Mit ihrem Beruf hat sich Nadine Pigors einen Traum erfüllt. Bildrechte: MDR/André Damm

Nadine Pigors weiß zu schätzen, dass sie Medizin studieren konnte. Ob das zu DDR-Zeiten auch möglich gewesen wäre? Sie zuckt mit den Schultern. Als rationaler Mensch hat sie sich darüber noch keine Gedanken gemacht. Sie weiß aber, dass ihre Mutter wegen ihrer Religionszugehörigkeit beruflich gehandicapt war. Die deutsche Wiedervereinigung ist für die Ärztin ein Glückfall. Begriffe wie Demokratie, Meinungs-und Reisefreiheit sind für sie selbstverständlich. Deshalb hat sie nie darüber nachgedacht, ob es besser gewesen wäre, in der DDR aufzuwachsen.

Steckbrief: Das ist Nadine Pigors

  • Name: Nadine Pigors
  • Geburtstag: 13. September 1981
  • Geburtsort: Wittenberg
  • Wohnort: Wittenberg
  • Beruf/Ausbildung: Medizinstudium an der Martin-Luther-Universität in Halle, Assistenzärztin in Torgau, später drei Jahre als in der zentralen Notaufnahme in einem Krankenhaus in Hamburg, seit Januar 2019 mit Hausarztpraxis am Pretzscher Schloss im Landkreis Wittenberg
  • Schulabschluss: Abitur
  • Lieblings-Ost-Produkt: Othello-Kekse von Wikana (wegen der Kinder)

Ohnehin fühlt sich die couragierte Frau aus dem Landkreis Wittenberg nicht als Ostdeutsche. "Mit Bezeichnungen wie Ossi und Wessi kann ich nichts anfangen. Das hat auch in meiner Hamburger Zeit keine Rolle spielt. Das ist eher so ein Ding der älteren Generationen. Da gibt es noch mehr Klischees und Vorurteile."

Mit Bezeichnungen wie Ossi und Wessi kann ich nichts anfangen. Das hat auch in meiner Hamburger Zeit keine Rolle spielt. Das ist eher so ein Ding der älteren Generationen.

Nadine Pigors geboren 1981

Die Hausarztpraxis am Pretzscher Schloss wird von der Bevölkerung gut angenommen. Ist das ein Job fürs ganze Leben? Nadine Pigors zögert kurz und fragt zurück. "Warum nicht?" Sie fühlt sich in der Dübener Heide ausgesprochen wohl, schätzt die Natur, genießt die Ruhe und freut sich, bekannte Gesichter zu treffen. "In dieser Gegend bin ich aufgewachsen und deshalb verwurzelt."

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 06. Oktober 2020 | 10:40 Uhr

1 Kommentar

nasowasaberauch vor 3 Wochen

Frau Pigors besitzt die Gnade der späten Geburt und hatte Zeit in die neue Gesellschaftsform zu wachsen. Mit den Begriffen Ossi - Wessi kann sie nichts anfangen, aber indirekt bestätigt sie mit ihrem Heimatgefühl ihre Ostidentität.

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