Generation Deutsche Einheit Toni Eggert: "Wenn wir Rennen fahren, repräsentieren wir Deutschland"

Er ist mehrfacher Weltmeister und Weltcupgewinner, hat eine Olympiamedaille gewonnen und ist so etwas wie ein Vorzeigesportler. Toni Eggert wurde kurz vor der Einheit geboren, erlebte die Wende als Kind in Ilsenburg im Harz und als Jugendlicher in Oberhof im Thüringer Wald. Heute spielen Ost und West für ihn gar keine Rolle mehr. Teil 10 der Reihe Generation Deutsche Einheit.

Auf dem Foto ist eine hellblaue Mauer zu erkennen, die in der Mitte ein großes Loch hat. Durch dieses Loch schaut ein junger Mann, mit dunkelblonden Haaren. 4 min
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Er ist Weltmeister, hat bei Olympia gewonnen: Toni Eggert wurde kurz vor der Einheit geboren, erlebte die Wende als Kind. Heute spielt all das für ihn keine Rolle mehr. Teil 8 der Reihe Generation Deutsche Einheit.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Fr 16.10.2020 10:40Uhr 04:04 min

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Toni Eggert ist mal wieder zu Hause in Ilsenburg, um die Eltern zu besuchen und den Bruder – vor allem aber, um zu arbeiten. Denn seine Rennschlitten, mit denen er bei Weltcup- und WM-Rennen durch die Eiskanäle in aller Welt rauscht, baut der 32-Jährige selbst. In der Zimmerei des Vaters in Ilsenburg entstehen sie – Hightech-Geräte aus Metall, Karbon und Polyester, und bis ins kleinste Detail von ihm selbst durchkonstruiert.

"Wir messen in Tausendstel, und wir haben schon Rennen wegen Tausendstel verloren. Da kann entscheidend sein, wenn der Lack nicht richtig poliert ist", erklärt er, der sich penibel um jedes noch so kleine Detail kümmert. Am Abend zuvor ist er 21 Uhr aus der Werkstatt raus, morgens 7:30 Uhr war er wieder da.

Toni Eggert hat einen Drang zur Perfektion

Diesen Drang zur Perfektion, dieses technische Verständnis hat er wohl von seinem Vater, der auch Rennschlitten baut, und der auch ein erfolgreicher Rennrodler war. Er war Junioren-Weltmeister 1985. Auch der Großvater war ein erfolgreicher Rennrodler, Vierter bei den Olympischen Winterspielen 1964 in Innsbruck. Die Eggerts sind eine Rodel-Dynastie.

Toni Eggert kam über seinen Vater zum Rodelsport. Die ersten Trainingsstunden absolvierte er beim heimischen BRC Ilsenburg, für den er heute noch startet. Die ersten Fahrten unternahm er auf der legendären Bahn in Schierke. Als er elf Jahre alt war, ging er nach Oberhof ans Sportgymnasium. Die DDR sei damals eigentlich kein Thema gewesen, erinnert er sich. 

Er könne sich als Kind eigentlich an keine großen Veränderungen erinnern, blickt Toni Eggert zurück. Seine Eltern hätten ihm zwar viel erzählt, aber das sei sehr weit entfernt gewesen. In Oberhof aber habe er noch Lehrer und Trainer alter DDR-Schule kennengelernt. Die hätten auch mal auf den Tisch gehauen. Diese Trainer seien deutlich strenger gewesen, als die heutigen. Er sei ihnen heute dankbar dafür. "Die haben sich super um uns gekümmert, aber wenn du nicht gehört hast, gab es echt Ärger", erinnert sich Eggert. Heute würden alle eher mit Samthandschuhen angefasst. Das sei früher nicht so gewesen.

Steckbrief: Das ist Toni Eggert

  • Name: Toni Eggert
  • Geburtstag: 12. Mai 1988
  • Geburtsort: Suhl
  • Wohnort: Ilsenburg / Oberhof
  • Beruf/Ausbildung: Sportsoldat (Stabsunteroffizier), Leistungssportler
  • Schulabschluss: Abitur
  • Lieblings-Ost-Produkt: Flugzeug Jak 52

Was das Thema Ost-West anginge, da habe es den einen oder anderen gegeben, der mal rumgefrotzelt hätte, nach dem Motto "die blöden Ossis" oder eben andersrum "guck dir mal die Wessis an". Für ihn habe das aber nie eine Rolle gespielt. Ost oder West sei ihm egal, eine Ost-Identität sei ihm fremd. "Wenn wir Rennen fahren, repräsentieren wir Deutschland. Und so empfinde ich das auch", erklärt er. "Da bin ich auch mit dem ganzen Herzen dabei. Da ist es für mich nicht entscheidend, ob ich aus der Ost- oder Westhälfte komme."

Toni Eggert bei der Arbeit an einem seiner Rennschlitten
Toni Eggert ist Perfektionist. Seine Rennschlitten baut er selbst. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Toni Eggert trainiert und lebt heute dort, wo sein Vater zu DDR-Zeiten trainiert und gelebt hat. Da lässt es sich gut Vergleiche ziehen. Zu DDR-Zeiten sei mehr in den Sport investiert worden, glaubt er. Er wisse von Erzählungen, dass zu DDR-Zeiten den Rodlern ständig ein Arzt und zwei Krankenschwestern sowie Physiotherapeuten zur Verfügung gestanden hätten. Heute gebe es lediglich noch einen Physiotherapeuten. Auf der anderen Seite seien damals die Athleten verheizt worden, ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit. 

Nein, Leistungssportler in der DDR wäre Toni Eggert wohl nicht gern gewesen, auch aus einem anderen Grund. Auf die Frage nach seinem liebsten Ostprodukt überlegt er kurz und zeigt dann auf das Foto eines rot-weiß-schwarzen Flugzeugs, seines Flugzeugs. Toni Eggert besitzt eine alte sowjetische Jak-52, und die sei doch ein echtes Ostprodukt, erklärt er lachend.

Das Fliegen ist für mich eine unglaubliche Freiheit. Schon allein deshalb bin ich sehr dankbar für die Wende.

Toni Eggert geboren 1988

Ein Leben, wie er es führt, wäre in der DDR wohl nicht möglich gewesen. Toni Eggert ist Pilot und inzwischen sogar Fluglehrer. "Ich fliege mit unglaublicher Leidenschaft", erklärt er. Vor ein paar Wochen sei er mal schnell nach Helgoland geflogen. Das wäre in der DDR natürlich nicht möglich gewesen. Eggert: "Es ist für mich eine unglaubliche Freiheit, das Fliegen. Schon allein deshalb bin ich sehr dankbar für die Wende."

Die nächsten sportlichen Ziele sind längst gesteckt

Doch wie schon als Schüler in Oberhof, nimmt sich der 32-jährige Athlet auch jetzt nur wenig Zeit zum Bilanzieren. Er schaut voraus, auf die bevorstehende Saison, auf die nächsten Olympischen Winterspiele, auf die danach folgende Heim-WM. Toni Eggert hat als Rennrodler noch Einiges vor. Dafür muss der neue Schlitten fertig werden. Er stürzt sich an die Arbeit. Ende November beginnt die Wettkampfsaison.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 15. Oktober 2020 | 10:40 Uhr

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