Selbstfahrspritze auf einem Feld.
Das Pflanzenschutzmittel Glyphosat wird vor allem vor dem Anbau oder nach der Ernte aufgetragen. (Symboldbild) Bildrechte: imago/photothek

Umstrittenes Pflanzenschutzmittel Dem Glyphosat in Sachsen-Anhalt auf der Spur

Der Unkrautvernichter Glyphosat könnte krebserregend sein. Dennoch hat die EU die Zulassung des weit verbreiteten Pflanzenschutzmittels verlängert. Welche Rolle spielt Glyphosat in Sachsen-Anhalt? Eine nicht ganz einfache Spurensuche.

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Maria Hendrischke, MDR SACHSEN-ANHALT

Selbstfahrspritze auf einem Feld.
Das Pflanzenschutzmittel Glyphosat wird vor allem vor dem Anbau oder nach der Ernte aufgetragen. (Symboldbild) Bildrechte: imago/photothek

Das Pflanzenschutzmittel Glyphosat ist umstritten. Möglicherweise ist Glyphosat krebserregend. Studien dazu kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Weltweit ist der Wirkstoff in etwa 160 Ländern zugelassen und der am häufigsten eingesetzte Unkrautvernichter. Die EU hat sich 2017 für eine Verlängerung der Glyphosat-Zulassung entschieden – trotz Protesten.

Ich wollte herausfinden, welche Rolle Glyphosat in Sachsen-Anhalt spielt. Meine Ausgangsfrage war: Wo wird der Wirkstoff überhaupt eingesetzt – und in welchen Mengen?

Meldepflicht für Glyphosat-Absatz in Deutschland

Für ganz Deutschland bin ich über das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) relativ schnell auf Zahlen gestoßen. Laut einer Bund-Länder-Expertengruppe würden knapp 40 Prozent der Ackerfläche mit Glyphosat behandelt, teilte mir die Behörde mit. Deutschlandweit seien 2017 etwa 4.700 Tonnen Glyphosat verkauft worden. Der Absatz des Mittels ist nach dem Pflanzenschutzgesetz meldepflichtig. Für die Meldung der abgesetzten Mengen sind dem BVL zufolge die Zulassungsinhaber und Vertreiber zuständig. In welchem Bundesland oder gar in welchem Landkreis sie Glyphosat verkauft haben, müssen sie aber nicht aufschlüsseln. Das sei in der Meldepflicht nicht vorgesehen, so das BVL.

Aus der in einem Jahr verkauften Menge Glyphosat lässt sich natürlich noch nicht auf die tatsächlich verwendete Menge schließen. Wie viel Glyphosat jährlich auf Feldern oder in Gärten landet, erfasst die Behörde nicht. Das BVL verweist mich dafür an das Julius-Kühn-Institut (JKI), eine Forschungseinrichtung des Bundes zu Kulturpflanzen. Weiter geht's.

Verwendete Glyphosat-Menge nur grob geschätzt

Exakt die Story "Glyphosat - Tote Tiere, Kranke Menschen"
Glyphosat: etwa 5.000 Tonnen des Wirkstoffs sind 2017 in Deutschland verkauft worden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das JKI erhebt, wie viele chemische Pflanzenschutzmittel pro Jahr in Deutschland eingesetzt werden. PAPA-Erhebung heißt die Datenreihe, die Abkürzung steht für Panel Pflanzenschutzmittel-Anwendungen. Auch zum Herbizid Glyphosat erfasst das Institut für dieses Panel Zahlen.

Allerdings erhebt das JKI nur die Glyphosat-Menge, die beim Anbau von ausgewählten Kulturpflanzen eingesetzt wird. Beispielsweise liegen Zahlen für Kartoffeln, Mais und Wein vor. Die neuesten Werte zur verwendeten Glyphosat-Menge finde ich für 2017, allerdings nur aufgesplittet nach den erfassten Kulturpflanzen, keine Gesamtsumme. Ich addiere selbst alle Glyphosat-Mengen, die ich für 2017 finde und komme auf etwa 2.800 Tonnen.

Diese Zahl ist jedoch wenig aussagekräftig: Das JKI kann lediglich geschätzte Glyphosat-Mengen angeben. Der Grund: Die eingesetzten Mengen werden nur von einer kleinen Stichprobe von Betrieben erfasst und dann vom Institut auf ganz Deutschland hochgerechnet. Daher seien die Mengenangaben für die einzelnen Wirkstoffe vielfach "mit hohen Unsicherheiten behaftet", erklärt das JKI. Das bedeutet: Die Glyphosat-Menge, die 2017 in Deutschland beim Anbau der ausgewählten Kulturpflanzen eingesetzt wurde, könnte deutlich unter oder über den 2.800 Tonnen liegen. Hinzu kommt, dass Glyphosat womöglich auch noch beim Anbau von Pflanzen eingesetzt wird, die das JKI gar nicht erfasst.

Was ist Glyphosat?

Glyphosat ist ein chemischer Wirkstoff, der in unterschiedlichen Pflanzenschutzmitteln zur Unkrautvernichtung eingesetzt wird. Das Herbizid ist weltweit in etwa 160 Ländern verbreitet und wird unter verschiedenen Namen von verschiedenen Firmen vermarktet. Der US-Konzern Monsanto hat Glyphosat in den 1970er-Jahren entwickelt. Der Pharma- und Agrarchemieproduzent Bayer hat Monsanto und damit Glyphosat 2018 übernommen. 1974 wurde laut Julius-Kühn-Institut das erste Unkrautvernichtungsmittel mit Glyphosat in Deutschland zugelassen.

Glyphosat ist 2017 in der EU nach monatelangem Diskussionen für weitere fünf Jahre, also bis Ende 2022, zugelassen worden. Umweltschützer hatten gegen eine erneute Zulassung protestiert. 18 der 28 EU-Staaten hatten dafür gestimmt, die Zulassung zu verlängern, darunter auch Deutschland.

Wofür wird Glyphosat eingesetzt?

Glyphosathaltige Mittel sollen die Äcker von Unkräutern freihalten. Sie hemmen ein für das Pflanzenwachstum wichtiges Enzym, wodurch die Pflanze abgetötet wird. Glyphosat wirkt nicht nur gegen Unkraut, sondern gegen jede Pflanze. Daher wird der Wirkstoff in erster Linie kurz vor der Aussaat oder nach der Ernte ausgebracht, um nur die ungewollten Pflanzen zu vernichten. In der deutschen Landwirtschaft wird Glyphosat unter anderem beim Anbau von Getreide, Raps, Zuckerrüben und Wein angewendet. Der Vorteil des Mittels liegt für Landwirte in Zeit- und Kostenersparnissen: Felder müssen nicht mehr umgepflügt werden. Hersteller und Bauern verweisen in diesem Zusammenhang auch darauf, dass dies der Bodenerosion entgegenwirkt.

Auch Hobbygärtner nutzen Glyphosat. Es ist beispielsweise in dem Unkrautvernichter "Roundup" enthalten.

Keine Zahlen zur Glyphosat-Verwendung in Sachsen-Anhalt

Aber immerhin gibt es Zahlen zu Absatzmengen und auch eine Erfassung zu Einsatzmengen von Glyphosat für Deutschland. Doch eigentlich interessiert mich ja, wie viel Glyphosat in Sachsen-Anhalt eingesetzt wird. Das Bundesamt für Verbraucherschutz hatte mir bereits gesagt, dass die Glyphosat-Meldepflicht des Pflanzenschutzgesetzes keine Aufgliederung der Absatzmengen nach Bundesländern oder noch kleineren Einheiten vorsehe. Aber noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, denn: In einzelnen Bundesländern, etwa in Brandenburg, würden beispielsweise Umweltbehörden den Absatz im Land erheben, schreibt mir das BVL.

Zwei Telefonanrufe und eine E-Mail später weiß ich jedoch: Weder Sachsen-Anhalts Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Energie (MULE) noch die Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau Sachsen-Anhalt (LLG) erfassen Zahlen zu Glyphosat. Somit gibt es keine Angaben, wie viel von dem Pflanzenschutzmittel in Sachsen-Anhalt verkauft wird. Ebenso wenig ist klar, in welcher Menge das Mittel hierzulande eingesetzt wird – oder auf welchen Flächen genau. Schade. Bei einem Wirkstoff, über den dermaßen kontrovers diskutiert wird, hatte ich das eigentlich erwartet.

Was ist an Glyphosat problematisch?

Glyphosat steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Es gibt mehrere Berichte und Studien dazu, die aber umstritten sind. Die zur Weltgesundheitsorganisation WHO gehörende Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) erklärte zuletzt im März 2015, Glyphosat sei "wahrscheinlich krebserzeugend bei Menschen". Den Herstellern zufolge handelte es sich dabei jedoch nur um "theoretische Überlegungen" ohne Bezug zu realen Verbraucherrisiken. 2016 kamen Experten eines anderen internationalen Gremiums zu dem Schluss, dass Glyphosat keine Gefahr für den Menschen darstelle, da die Konzentrationen in der Nahrung nicht so hoch seien, dass sie die Gesundheit gefährden würden.

Ein weiteres Problem ist, dass Unkrautarten durch starken Einsatz von Glyphosat gegen das Mittel resistent werden können. Solche Pflanzen seien beispielsweise bereits in den USA, Kanada, Südamerika und Australien nachgewiesen worden, teilte das Julius-Kühn-Institut mit. Deutschland sei von Glyphosat-Resistenzen – Stand 2016 – nicht betroffen.

Was würde ein Verbot von Glyphosat bedeuten?

Bei einem Glyphosat-Verbot muss Unkraut auf andere Weise bekämpft werden. Die Stadt Weißenfels etwa setzt auf mechanische Methoden, die sie mehrfach im Jahr anwendet – zum Beispiel einen Drahtbesen. In Einzelfällen wird mit der Hand gejätet. Das JKI empfiehlt für größere Flächen, einen Pflug einzusetzen.

Das Institut hat 2016 berechnet, wie teuer der Verzicht auf Glyphosat werden könnte. Demnach könnten pro Hektar bis zu 40 Euro Mehrkosten für einen Landwirt anfallen – und das gilt nur, wenn die Bodenbedingungen günstig seien. Bei schlechten Bedingungen könnte es pro Hektar mehr als doppelt so teuer werden.

Einige Kommunen verzichten freiwillig auf Glyphosat

Im Laufe meiner Recherche finde ich allerdings etwas anderes heraus. Die EU hat die Zulassung von Glyphosat zwar bis Ende 2022 verlängert, aber etwa 460 Kommunen in Deutschland verzichten laut Umweltverband BUND von sich aus auf das Mittel. Und auch in Sachsen-Anhalt haben einer BUND-Übersichtskarte zufolge zwei Städte Glyphosat verboten: Magdeburg und Weißenfels im Burgenlandkreis.

Magdeburg hat im August 2018 ein Glyphosat-Verbot auf städtischen Flächen beschlossen, sagt mir die Sprecherin der Stabsstelle Klimaschutz/Umweltvorsorge. Das Verbot gilt sowohl für Flächen, die die Stadt Magdeburg selbst nutze, als auch für verpachtete Flächen, allerdings nur für seither neu aufgesetzte oder verlängerte Pachtverträge. Somit werde das Glyphosat-Verbot "peu à peu" umgesetzt, so die Stabssprecherin. Der Verband der Gartenfreunde Magdeburg, der Flächen der Stadt pachtet, hat sogar schon 2013 in seiner Gartenordnung beschlossen, auf chemische Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat zu verzichten.

Europa-Flaggen
Die EU hat die Zulassung für Glyphosat 2017 um fünf Jahre verlängert. Bildrechte: dpa

In Weißenfels ist Glyphosat seit 2016 auf öffentlichen Flächen verboten. Im Juni 2018 hat der Stadtrat von Weißenfels das Verbot auch auf städtische Grundstücke ausgedehnt, die verpachtet werden. Weißenfels verpachtet insgesamt etwa 560 Hektar Land. Das Glyphosat-Verbot soll wie in Magdeburg in neuen oder zu verlängernden Pachtverträgen vereinbart werden. Zu den Pächtern gehören landwirtschaftliche Betriebe, Privatpersonen und ein Gartenverein. Konkretere Angaben macht die Stadt aus Datenschutzgründen nicht.

Glyphosat-Verbot auch in Haldensleben?

In der Übersichtskarte des BUND steht es zwar noch nicht drin, aber auch die Stadt Haldensleben in der Börde verzichtet bei Flächen, die von der Stadt selbst bewirtschaftet werden, auf Glyphosat. Das ist im Juni 2018 beschlossen worden. Unkraut werde nun manuell entfernt, sagt mir der Pressesprecher der Stadt. Es sei auch über ein Glyphosat-Verbot in neuen oder verlängerten Pachtverträgen diskutiert worden. Doch das sei umstritten. Der Stadtrat habe die Entscheidung über diesen Punkt daher auf Januar 2020 vertagt.

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT - in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

Quelle: MDR/mh

Zuletzt aktualisiert: 14. April 2019, 16:57 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

17 Kommentare

16.04.2019 18:13 Theodor Dienert 17

#15 Erna, wenn Sie hier im Netz Kommentare abgeben, dann bitte bei der Wahrheit bleiben!
Das Totalherbizid „Glyphosat“ wird genauso vor wie nach der Ernte eingesetzt. Vor der Ernte wird es im Getreideanbau benutzt um einen gleichmäßigen Reifezeitpunkt der Körner zu erzielen. Ab einem gewissen Stadium wachsen die Getreidekörner nicht mehr und dann kommt Glyphosat zur Anwendung um die Pflanzen gleichmäßig abzutöten und den Erntezeitpunkt bestimmen zu können.
Nach der Ernte wird das Mittel dann wieder verwendet um Unkräuter und Vorjahresfrüchte abzutöten.
Wie Sie nun sehen ist Glyphosat ein Universalmittel!
Nur eben schade, dass man damit nicht nur die Insekten, sonder auch die Menschen ausrotten kann...

16.04.2019 07:56 Basil Disco 16

Ich muss Ihnen da widersprechen, Herr Leistner (Beitrag 14). Glyphosat ist schon seit vielen Jahren umstritten, nicht erst seit Bayer den weltweit meistgehassten Konzern gekauft hat. Ich empfehle zu dem Thema den bereits einige Jahre alten Beitrag "Mit Gift und Genen", der sich mit Monsanto befasst. Darin wird auch gezeigt, wie Monsanto den Ruf von Wissenschaftlern ruiniert und diese persönlich bedroht, wenn sie anderer Meinung sind als die von ihnen bezahlten Gefälligkeitsgutachter. Und natürlich die Seilschaften in den Zulassungsbehörden.

15.04.2019 13:10 Erna 15

#7 Prof. Dr. Werner Kratz:
Danke für diesen Kommentar zum "Pestizid". Allein die falsche Bezeichnung entlarvt sie.

#MDR:
Was soll die fehlerhafte Bildunterschrift "Das Pflanzenschutzmittel Glyphosat wird vor allem vor oder nach der Ernte aufgetragen. "?

Es ist ein Totalherbizid, dass für den Einsatz vor der Ernte weder zugelassen ist noch Sinn machen würde, da sämtliche Blätter absterben und das Mittel in die Frucht eindringen würde. Richtig ist vielmehr es wird vorwiegend vor der Aussaat eingesetzt.

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT: Vielen Dank für ihren Hinweis. Wir werden die Bildunterschrift präzisieren.