Höhere Nachfrage Arztpraxen geht Grippe-Impfstoff aus

Wer sich gegen Grippe impfen lassen will, kann das nicht mehr überall in Sachsen-Anhalt tun. Hunderttausende Impfdosen sind bereits verbraucht worden, eine flächendeckende Versorgung ist nicht mehr sichergestellt. Ärzte, Apotheker und Krankenkassen sind uneins, wer an dem Engpass Schuld trägt.

In Sachsen-Anhalt wird der Grippe-Impfstoff knapp. Eine flächendeckende Versorgung ist bereits nicht mehr gewährleistet, obwohl etwa 700.000 Impfdosen nach Sachsen-Anhalt geliefert worden waren. Einige Arztpraxen können ihre Patienten noch impfen, in anderen steht jedoch kein Impfstoff mehr zur Verfügung. Das haben Recherchen von MDR SACHSEN-ANHALT ergeben.

Beispielsweise sind in der halleschen Kinderarztpraxis von Romy Berg nach Angaben der Ärztin 400 Impfdosen aufgebraucht. 150 seien nachbestellt, doch die würden nicht geliefert. Ihre Patienten würden nun andere Arztpraxen abtelefonieren, um herauszufinden, wer noch Impfdosen vorrätig habe.

Wahrscheinlichkeit einer Grippeerkrankung steigt

Ein Mann mit Arztkittel und grauem Haar.
Dr. Gunther Gosch praktiziert in Magdeburg und weiß um die Gefahren der Grippe. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

So geht es auch Patienten aus anderen Praxen in Halle und Naumburg, bei denen MDR SACHSEN-ANHALT nachgefragt hat. Dagegen sind in den von MDR SACHSEN-ANHALT kontaktierten Kinderarztpraxen in Sangerhausen und Magdeburg noch genügend Grippeimpfungen vorhanden.

Arzt Gunther Gosch aus Magdeburg hat noch 20 Dosen vorrätig, würde jedoch gerne mehr haben, um seine Patienten auch weiter impfen zu können. "Wenn eine Grippewelle kommt und große Teile der Bevölkerung nicht geimpft sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass viele an Grippe erkranken, Komplikationen erleiden oder im Einzelfall an der Grippe sterben höher, als wenn sie geimpft worden wären", sagte Gosch MDR SACHSEN-ANHALT.

Nur ein Impfstoff-Hersteller für Sachsen-Anhalt

Wie es zu dem teilweisen Engpass kommen konnte, darüber sind sich die Vertreter der Ärzte, Apotheker und Krankenkassen nicht einig. Im März und April 2018 hatten die sachsen-anhaltischen Ärzte bereits den Impfstoff bestellen müssen – bei einem einzigen Hersteller. Auf den hatten sich Apothekerverband und Krankenkassen vertraglich geeinigt.

Impfampullen bei der Produktion
Die Herstellung des Impfstoffs dauert mehrere Monate. Deshalb kann nicht einfach nachproduziert werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gunther Gosch, der auch Vorstand in der Ärztekammer Sachsen-Anhalt ist, hält das für die Ursache der heutigen Knappheit: "In den Vorjahren waren das immer mehrere Impfstoffhersteller, deren Produkte verimpft werden konnten. In dieser Impfsaison mit der Monopolisierung ist nur ein Hersteller am Markt, der anders als versprochen nicht ausreichend lange versorgen konnte."

AOK: Lage in Sachsen-Anhalt besser als in anderen Bundesländern

Der Apothekerverband und die AOK, die im Namen der gesetzlichen Krankenkassen Sachsen-Anhalts mit dem Landesapothekerverband die Verhandlungen zum Vierfach-Grippeimpfstoff geführt hatte, weisen die Verantwortung von sich. Von der AOK hieß es auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT:

Ziel dieser Vereinbarung war es, dass Impfstoffe frühzeitig bestellt und bevorratet werden können. […] In Sachsen-Anhalt ist die Lage deshalb deutlich besser als in anderen Bundesländern.

AOK Sachsen-Anhalt

Der Magdeburger Apotheker Gert Fiedler, Vorstandsmitglied im Apothekerverband, sagte, der Grippe-Impfstoff sei bedarfsgerecht an die Praxen ausgeliefert worden. Einige vom ihnen hätten sogar bis zu 30 Prozent mehr als den Bedarf bestellt.

Erste Engpässe schon im November

Bereits im November war der Grippe-Impfstoff im Wittenberger Gesundheitsamt ausgegangen. Laut Amtsarzt Hable hatte das Gesundheitsamt neue Impfdosen beim Land beantragt. Die Nachfrage nach der Impfung ist in dieser Saison offenbar höher als in der vorangeganenen. Es habe einen "regelrechten Ansturm" auf den Impfstoff gegeben, sagte Hable MDR SACHSEN-ANHALT. Das könnte daran liegen, dass erstmals ein Vierfach-Impfstoff verwendet wird.

Vierfach-Impfstoff Seit Herbst und Winter 2018 bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen erstmals den Grippe-Impfstoff mit dem Vierfach-Schutz. In den vergangenen Jahren hatten gesetzlich Versicherte nur den Dreifach-Schutz bekommen. Nun ist die Nachfrage höher als vorab vermutet.

Neuer Impfstoff kann nicht kurzfristig nachproduziert werden. Der Hersteller brauche laut Apothekerverband einen langen Vorlauf. Die Produktion dauere etwa sechs Monate.

Schwere Grippewelle im vergangenen Jahr

In der vergangenen Grippesaison 2017/2018 hatte Sachsen-Anhalt unter einer besonders schweren Grippewelle zu leiden. Die Krankenkassen meldeten mehr als 25.000 Erkrankte. 81 Menschen starben hierzulande an der Infektion. Verantwortlich dafür wurde unter anderem der Dreifach-Impfschutz gemacht, der nicht die richtigen Virenstämme enthielt.

Quelle: MDR/lk

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 03. Januar 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Januar 2019, 14:48 Uhr

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3 Kommentare

05.01.2019 15:25 Leser 3

Wieviel Branchen hängen dran? Jeder verdient. Und ich sah einen Bericht, wonach es nur mit einem einzigen Hersteller in Deutschland einen Kassenvertrag gibt. Unglaublich. Und dieser kommt mit der Produktion nicht nach, benötigt dafür 6 Monate. Dann geht die Ware zu den Apotheken, wo die Arztpraxen ordern. Paradoxer geht's nicht mehr.

05.01.2019 07:41 Carolus Nappus 2

Manche tun dies eben, um sich nicht unfreiwillig mit dem Virus zu infizieren. Das ist wie immer eine Abwägung, der jeder für sich treffen darf. Die Versichertengemeinschaft zahlt dann auch bereitwillig alle Kosten für jene, die sich infizieren. Ist also eine recht einfach Entscheidung.

04.01.2019 16:43 Sachse43 1

Wer sich freiwillig vergiftet, dem ist nicht mehr zu helfen!

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HINTERGRUND

Sechs Spritzen sind sternförmig angeordnet, die Kanülen zeigen aufeinander, darunter ist ein roter Kreis. Auf dem Foto steht die Frage geschrieben: "Impfen gegen alles?"
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