Identitäres Hausprojekt in Halle Das "Gespenst" im Steintor-Viertel

Die Identitäre Bewegung hat im Sommer in der Innenstadt von Halle direkt neben dem Steintor-Campus ein Haus bezogen. Das Wohnprojekt ist von Beginn an umstritten. Es hat bereits mehrere Demonstrationen von linken Gruppen gegeben. Anwohner haben kürzlich erstmals ihrem Unmut gegenüber den neuen Nachbarn in einem offenen Brief Luft gemacht. MDR SACHSEN-ANHALT hat mit ihnen gesprochen.

von Cornelia Winkler, MDR SACHSEN-ANHALT

Zentral gelegen, jung, studentisch – so wird das Steintor-Viertel in Halle von seinen Anwohnern beschrieben. Doch seitdem dort im Sommer die "Identitäre Bewegung" ein Haus in der Adam-Kuckhoff-Straße bezogen hat, kommt es immer wieder zu Ausschreitungen. Mehrfach wurde das Haus bereits angegriffen. Farbbeutel und Steine wurden geworfen. Mülltonnen wurden angezündet. Zudem hat es mehrere Proteste aus der Öffentlichkeit gegen die neuen Mieter gegeben. So auch am Samstag: Mehrere linke Gruppen hatten zu einer Demonstration unter dem Motto "Kick them out – Nazizentren dicht machen" aufgerufen. Nach Polizeiangaben haben gut 800 Menschen an dem friedlichen Protest gegen das von der "Identitären Bewegung" genutzte Zentrum teilgenommen.

Identitäre nicht in der Nachbarschaft gewollt

Darüber hinaus haben kürzlich erstmals Nachbarn ihrem Unmut öffentlich Luft gemacht. In einem offenen Brief haben sie erklärt, dass sie keine Nachbarschaft mit den Bewohnern des Hausprojektes eingehen wollen. Der Grund: Der Verfassungsschutz stuft die Bewegung als rechtsextrem ein.

Rund 120 Anwohner haben den Brief unterschrieben. Eine von ihnen ist Angela Bartz. Vor einem Jahr ist die Pädagogin in das Viertel gezogen. Es sei ein schönes Viertel mit vielen Studenten und Familien, sagte sie MDR SACHSEN-ANHALT. Doch seit dem Sommer habe sich daran einiges geändert. "Seit die Identitäre Bewegung hier ist, hat sich die Lebensqualität im Viertel verändert. Zum Beispiel durch die häufige Polizeipräsenz." Aber auch in den Gesprächen der Anwohner untereinander spiegele sich das wider. "Wir reden ganz oft miteinander. Viele sind in Sorge, was passiert. Ich kenne auch Familien, die überlegen, hier wegzuziehen. Das würde ich äußerst schade finden."

Seit die Identitäre Bewegung hier ist, hat sich die Lebensqualität im Viertel verändert.

Angela Bartz, Anwohnerin

Sehen tun die Anwohner des Steintor-Viertels ihre neuen Nachbarn dabei so gut wie nie. "Ich weiß überhaupt nicht, wer da wohnt", so Angela Bartz. Das bestätigt auch ein Anwohner, der aus Sicherheitsgründen lieber anonym bleiben möchte. Die Bewohner des Hauses sehe er selten und wenn, dann nur in einer Gruppe. Meist sei das bei ihren Aktionen, wie beispielsweise dem Versuch, Erstsemester auf dem Uni-Campus anzuwerben. Ansonsten seien sie eher unauffällig. Es fühle sich beinahe an wie ein Geist, der im Viertel schwebt.

Durch die Kameras hat man das Gefühl, es sei eine Art Gespensthaus, das alles sieht, aber man selbst bekommt es nicht zu Gesicht.

Awohner des Steintor-Viertels, anonym

Denn nachdem das Haus der rechten Bewegung Ziel mehrere Angriffe war – erst vergangene Woche hatten 20 bis 30 vermummte das Haus mit Farbe und Buttersäure attackiert – haben die Identitären zur eigenen Gegenmaßnahme gegriffen und in etwa fünf Metern Höhe zwei Überwachungskameras an der Fassade installiert. Ob wirklich gefilmt wird, ist unklar. Aber das bloße Dasein genügt, dass sich die Anwohner beobachtet fühlen.

Wer, wann, wie gefilmt werde, wüssten sie nicht, so der anonyme Anwohner. "Wir haben keine Ahnung, was mit den Aufnahmen passiert und wer diese zu sehen bekommt. Aber man fühlt sich beobachtet. Und diese Gedanken hatte man hier früher nicht, wenn man auf die Straße geht." Ob durch die Kameras die Privatsphäre der Anwohner im Steintor-Viertel verletzt wird, prüft derzeit der Landesdatenschutzbeauftragte.

Anwohner gründen Bürgerinitiative

Damit sie selbst aktiv etwas tun können, hat sich im Viertel eine Bürgerinitiative gegründet. Rund 60 Anwohner seien in der Initiative bereits aktiv, sagte der Sprecher des Bündnisses "Halle gegen Rechts", Valentin Hacken, MDR SACHSEN-ANHALT.

Das Bündnis unterstützt die Initiative und ist ein Ansprechpartner. "Es ist toll, dass sich die Anwohner hier selbst zu einer Initiative organisiert haben", so Hacken. Einladungen zu Treffen habe es dabei gar nicht gegeben. Alles habe über Mund-zu-Mund-Propaganda unter den Nachbarn selbst funktioniert.

Ziel der Initiative sei es, dass das Haus mit der Nummer 16 wieder von anderen Mietern bezogen wird. "Wir wollen die Atmosphäre wieder haben, wie sie hier vorher war. Wir wollen das Gefühl wieder reanimieren", sagt der anonyme Anwohner. Um das zu erreichen, plant die Initiative gemeinsame Aktionen mit den Nachbarn. So wird den Angaben zufolge beispielsweise ein Straßenfest geplant.

Gegenseitig Mut machen

Gemeinsam singen, basteln und Glühwein trinken – damit wollen sie sich gegenseitig wieder Mut machen, erklärt Politikerin Birke Bull-Bischoff, die für Die Linke im Deutschen Bundestag sitzt. Sie selbst wohnt im Steintor-Viertel und engagiert sich in der Bürgerinitiative – in ihrer Rolle als Anwohnerin und nicht als Politikerin, erklärt sie. Denn auch sie sehe in dem Zuzug der vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Bewegung und deren Aktionen einen "Einschnitt in der Lebensqualität" in dem Wohnviertel.

Dabei versucht Bull-Bischoff aber optimistisch zu bleiben und das Positive in der Situation zu sehen: Eine neu entstandene Verbindung unter den Anwohnern selbst. Durch die Treffen habe man sich ja auch untereinander besser kennengelernt und sei als Nachbarschaft auch enger zusammengewachsen.

Das Ansiedeln der Identitären Bewegung im Wohnviertel bedeutet für uns alle eine Art Einschnitt in die Lebensqualität.

Wie die Identitären zu dem offenen Brief der Anwohner stehen, war nicht zu erfahren. Anfragen von MDR SACHSEN-ANHALT blieben unbeantwortet. Auch vor Ort wollte sich keiner der Hausbewohner äußern.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 28.10.2017 | ab 18:00 Uhr
MDR SACHSEN-ANHALT Heute | 28.10.2018 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/cw

Zuletzt aktualisiert: 29. Oktober 2017, 17:16 Uhr

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78 Kommentare

31.10.2017 18:32 Bingo 78

Seine Nachbarn kann man sich nicht aussuchen, da muß man Tolerant sein. Die "Toleranten" und "Bunten" und "Weltoffenen" können dies nicht, Sie reden nur davon.

31.10.2017 17:52 Theophanu 77

Eulenspiegel 75: Zwei Fragen:
1. Darf ich als Frau mit mein Mann auch in die Moschee, gibt es da Geschlechtertrennung?
2. Nach Einschätzung von sichehrietsorganen gibt es in Europa etwa 50000 Gefährder, davon über 23000 allein in UK. "... das es sich da um freundliche und nette Menschen handelt die niemanden etwas Böses wollen. " Gehören die auch dazu?

31.10.2017 17:41 Brentano 76

Frei nach Karl Marx:
"In Halle geht ein Gespenst um."
Kann es sein, dass sowohl selbsternannte Qualitätspresse und "besorgte" Anwohner diffuse Ängste haben?
Kommt Ihnen bekannt vor?
Richtich! (Schreibfehler beabsichticht)

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