Ein junger Mann sitzt an einem Tisch neben einem Bücherregal und liest.
Michael Moll studiert Politikwissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Bildrechte: MDR/Sven Stephan

Verein hilft Studenten in Halle Mein Problem: Ich bin Arbeiterkind

Bildung kann sich nicht jeder leisten. Das zeigt die Tatsache, dass an den Universitäten wenige Arbeiterkinder studieren. Der Verein "Arbeiterkind.de" will das in Halle ändern.

von Sven Stephan, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein junger Mann sitzt an einem Tisch neben einem Bücherregal und liest.
Michael Moll studiert Politikwissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Bildrechte: MDR/Sven Stephan

Die letzte Klausur hat er gerade überstanden, jetzt stehen zwei Hausarbeiten an. Die vorlesungsfreie Zeit – auch gern als Semesterferien bezeichnet – bedeutet für viele Studenten intensive Studienarbeit, weiß Michael Moll. Er ist 27 Jahre alt und studiert Politikwissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. An sich nichts Ungewöhnliches, aber Michael ist der Erste in seiner Familie, der eine akademische Laufbahn einschlägt. Er ist ein so genanntes "Arbeiterkind".

Ein junger Mann sitzt an einem Tisch und liest in Fachbüchern.
Michael Moll studiert Politikwissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Bildrechte: MDR/Sven Stephan

Dass er diesen Weg gegangen ist, sei auch seiner Mutter zu verdanken, sagt Michael. Sie hat ihn und seinen Bruder allein groß gezogen, viel Geld gab es nie in der Familie. "Unsere Mutter war überzeugt, dass eine gute Bildung unsere einzige Chance ist, aufzusteigen. Sie hat daher sehr darauf geachtet, dass wir gelernt und immer unsere Hausaufgaben gemacht haben." Das hat Michael geprägt. Der Wille, weiterzukommen im Leben, sei immer da gewesen, sagt er.

Doch Kontakt zur akademischen Welt hatte er seinerzeit keinen. Der Einstieg war für ihn daher "ein großer Bruch", wie Michael selbst sagt. Sein erster Studientag war der erste Tag, an dem er tatsächlich eine Universität betrat. Eine völlig neue Welt, in die er sich einfinden musste. "Scheinbar banale Dinge – wie das Schreiben einer Hausarbeit – fallen Nicht-Akademiker-Kindern oftmals schwieriger", schätzt er ein.

Man muss eine gewisse Sprache lernen, man muss eine Anpassungsleistung durchführen. Man schwimmt von einem kleinen Aquarium in ein riesiges, großes.

Deutlich weniger Arbeiterkinder studieren

Diese fehlende Vertrautheit mag einer der Gründe sein, aus denen Arbeiterkinder in Deutschland immer noch eher selten ein Studium beginnen. Zahlen des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) aus dem Jahr 2017 belegen den Trend deutlich: 27 von 100 Kindern aus Nicht-Akademiker-Familien entscheiden sich für ein Studium; unter denen, bei denen mindestens ein Elternteil einen Hochschulabschluss hat, sind es 79 von 100.

Umgekehrt haben 53 Prozent aller Studienanfänger in Deutschland mindestens ein Elternteil mit einem Hochschulabschluss; ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung der 18- bis 25-Jährigen beträgt aber gerade mal 28 Prozent.

Arbeiterkinder nutzen also die Chance auf ein Studium deutlich seltener und sind damit an deutschen Hochschulen unterrepräsentiert. Und in den letzten zehn Jahren haben sich diese Zahlen kaum geändert. Die soziale Herkunft ist in Deutschland also immer noch entscheidend für den Bildungsweg.

Das Netzwerk "Arbeiterkind" bietet Hilfe an

Eine Tatsache, die das Netzwerk "Arbeiterkind.de" nicht länger hinnehmen will. 2008 wurde es gegründet mit dem erklärten Ziel, Chancengleichheit herzustellen. Innerhalb von zehn Jahren ist aus einem kleinen Grüppchen ein Netzwerk aus 6.000 Ehrenamtlichen geworden, die mittlerweile bundesweit in 75 lokalen Gruppen organisiert sind. Auch an acht Hochschulstandorten in Mitteldeutschland ist "Arbeiterkind.de" vertreten.

Sechs Menschen sitzen gemeinsam an einem Café-Tisch, im Hintergrund steht eine Fahne mit der Aufschrift - Arbeiterkind.de.
Die hallesche Gruppe von „Arbeiterkind.de“ trifft sich an jedem 1. Montagabend im Monat um 20 Uhr im halleschen nt-Café. Zu erreichen ist die hallesche Gruppe per Mail unter halle@arbeiterkind.de.
Bildrechte: MDR/Sven Stephan

Die hallesche Gruppe trifft sich immer am ersten Montagabend des Monats. Zwischen sieben und zehn Freiwillige sind dabei, alle sind Arbeiterkinder. Sie besuchen Schulen in der Region, um Schüler über die Möglichkeiten und Vorteile eines Studiums zu informieren. Sie werben auf Bildungsmessen für die akademische Laufbahn. Vor allem aber wollen sie Mentoren sein für andere Arbeiterkinder beim Einstieg ins Studium, sagt Martin Krause. Der Lehramtsstudent engagiert sich seit vier Jahren bei "Arbeiterkind.de".

Kontakt zum Netzwerk "Arbeiterkind.de"

In Mitteldeutschland unterhält das Netzwerk "Arbeiterkind.de" zwei Regionalbüros in Leipzig und Erfurt. Lokale Gruppen gibt es an acht mitteldeutschen Hochschulstandorten: Leipzig, Dresden, Freiberg, Chemnitz, Halle, Magdeburg, Erfurt, Jena. Kontaktdaten und Termine bzw. Orte für offene Treffs finden sich auf der Webseite www.arbeiterkind.de.

"Ich selbst bin auch ein Arbeiterkind und möchte gern meine Erfahrungen weitergeben und ermutigen, diesen Schritt auch als Erster in der Familie zu gehen. Wir bieten Hilfe an für Studierende, um die ersten Semester zu meistern und vielleicht Hilfe bei der Hausarbeit zu geben oder bei der Studienfinanzierung. Ich selbst hab' beraten, wie man ein Stipendium bekommt und da bieten wir auch konkret Hilfe für Studierende an", so Martin Krause. "Ich glaube unsere Arbeit ist sehr wichtig, weil so viele Nicht-Akademiker-Kinder den Schritt noch nicht wagen. Sie wissen einfach nicht, welche Vorteile ein Studium mit sich bringt und welche tollen Möglichkeiten ein Studium für einen persönlich und beruflich ermöglicht."

Arbeiterkindern fehlt es an akademischen Vorbildern

Dass das so ist, liegt keinesfalls an mangelnder Begabung. "Es fehlt jemand, der den Weg schon gegangen ist, jemand, der Fragen zum Studium beantworten kann", sagt Michael, der sich ebenfalls in der halleschen Gruppe von "Arbeiterkind.de" engagiert. "Den meisten fehlt der Bezug zur Hochschule, weil die Lebenswelten der Eltern völlig andere sind." – "Und," so ergänzt Martin, "die Ängste und Hürden sind einfach oft zu groß, diesen Schritt wirklich in Angriff zu nehmen und sich zu trauen und auch zu wissen, wie sehr sich das lohnt." Diese Ängste wolle man anderen Arbeiterkindern nehmen, auch deshalb sei man als Ansprechpartner da.

Ein junger Mann sitzt an einem Tisch neben einem Bücherregal und liest.
Michael Moll kennt den besonderen Leistungsdruck, der auf Arbeiterkindern an der Uni lastet. Bildrechte: MDR/Sven Stephan

Die Begleitung durch die Mentoren während der ersten Semester ist auch aus einem anderen Grund wichtig. Denn häufig bringen sich Arbeiterkinder im Studium doppelt unter Druck. Zu groß sei häufig der Respekt vor der akademischen Welt. "Bei manchen schwingen da auch Versagensängste und Sorgen mit, dass man nicht die gleichen Leistungen erbringt, wie Akademiker-Kinder", sagt Michael. "Diese Sorgen sind oft völlig unbegründet, führen aber dazu, dass man die eigene Leistung nicht so wertschätzt, wie man das eigentlich machen könnte."

Auch finanzielle Sorgen spielen eine Rolle

Bei vielen kämen finanzielle Sorgen hinzu. Ohne Bezug zur akademischen Welt wird die Frage, wie man das Studium finanziert, zu einer der größten Hürden dafür, überhaupt ein Studium aufzunehmen. So berichtet es das Netzwerk "Arbeiterkind.de". Deshalb informiert die Organisation ausführlich über staatliche Unterstützung und andere Möglichkeiten der Finanzierung, wie etwa Stipendien.

Hat man sich für ein Studium entschieden, hören die Sorgen nicht in jedem Fall auf. Michael etwa fiel nach zwei Jahren aus der BAföG-Förderung. Er musste das Studium unterbrechen und ging arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Erst zwei Jahre später konnte er wieder an die Uni zurück – und geht derzeit 20 Stunden pro Woche arbeiten, um über die Runden zu kommen. "Man kann nicht planen, wenn die finanzielle Sicherheit fehlt. Man muss sich über viele Dinge Gedanken machen", sagt Michael. Das belastet zusätzlich, nicht selten verlängert sich dadurch auch die Studiendauer.

Solche oder ähnliche Geschichten können fast alle erzählen, die zu den Treffen der halleschen Gruppe von "Arbeiterkind.de" kommen. Denn obwohl sie vor allem organisatorischer Natur und auch als Anlaufpunkt für Interessierte gedacht sind, dienen die regelmäßigen Zusammenkünfte auch dem Erfahrungsaustausch junger Menschen, deren Situation im unmittelbaren Umfeld oftmals einzigartig ist.

"Uni und Zuhause sind zwei verschiedene Welten"

"Man wagt einen Aufstieg, den man zu Hause nicht nachvollziehen kann", bringt Martin Krause die Erfahrungen vieler Arbeiterkinder auf den Punkt. Denn weil der Familie der Bezug zur akademischen Welt fehlt, fehlt häufig auch Verständnis für das, was den Nachwuchs an der Uni umtreibt und beschäftigt. Und sei es nur die Frage, warum Semesterferien eben nicht wirklich Ferien sind, weil für Prüfungen gelernt oder eine Hausarbeit geschrieben werden muss. Mit mangelndem Rückhalt in den Familien hat das nichts zu tun, viele sind stolz auf den Weg, den ihre Kinder gehen. Aber mit Problemen aus dem Uni-Alltag können sich Arbeiterkinder kaum an die eigene Familie wenden. "Uni und Zuhause sind zwei verschiedene Welten", sagt Martin.

Auf verschiedenen Etagen stehen viele Regale mit Büchern.
Auch in der vorlesungsfreien Zeit warten Orte wie die Bibliothek am halleschen Steintor-Campus auf Studierende. Bildrechte: MDR/Sven Stephan

Andererseits können die Freunde an der Uni genau diese Situation kaum nachvollziehen, wenn sie nicht selbst Arbeiterkinder sind. Etwa, dass zu Hause manchmal echte Anerkennung für akademische Leistungen fehlt oder das schlechte Gewissen, das die Kommilitonen plagt, wenn sie das Gefühl haben, als Studierende der Familie daheim "auf der Tasche zu liegen", während die Geschwister vielleicht schon eigenes Geld verdienen.

Dieser Spagat zwischen zwei Welten verunsichert viele Arbeiterkinder, er macht zerrissen, manchmal auch allein, wie sie beim Treffen in Halle berichten. Und oft wirken die Erfahrungen lange nach. Eine der Teilnehmerinnen, die bereits eine beachtliche akademische Laufbahn vorweisen kann, sagt: "Ich denke immer noch oft: 'Ich gehöre hier gar nicht her, gehöre nicht dazu. Und irgendwann merken die das.'" Auch nach Jahren an der Hochschule kann die Herkunft als Arbeiterkind prägend sein. Das sollte sie nicht – und genau dieser Gedanke motiviert die Mentorinnen und Mentoren von "Arbeiterkind.de", sich ehrenamtlich zu engagieren und anderen den Weg zum Studium zu bahnen und zu erleichtern.

Für Arbeiterkinder gibt es keine Lobby

Angefangen als Website hat sich "Arbeiterkind.de" nach eigenen Angaben zur "größten deutschen Organisation für Studierende und Akademikerinnen und Akademiker der ersten Generation" entwickelt. Zurzeit erreicht das Netzwerk jährlich etwa 30.000 Schülerinnen und Schüler im direkten Kontakt über Vorträge oder auf Messen und Informationstagen. Um ein Vielfaches höher liegt die Zahl derer, die sich im auf der Website des Netzwerks über die Möglichkeiten und Vorteile eines Studiums informieren. Finanziert wird die Arbeit durch Fördermittel und Spenden.

Michael Moll hat ohne "Arbeiterkind.de" zum Studium gefunden – wie übrigens alle seiner Mitstreiter aus der halleschen Gruppe. Aber wie sie hat er davon erfahren und hält es für eine gute und wichtige Idee, im Netzwerk mitzuarbeiten und anderen mit den eigenen Erfahrungen weiterzuhelfen. "Weil ich selbst weiß, wie schwierig das ist – und weil Arbeiterkinder keine Lobby haben."

War die DDR gerechter?  Die Geschichte der Arbeiter- und Bauernfakultäten

Kurz nach ihrer Gründung im Jahr 1949 hatte sich die DDR auf die Fahnen geschrieben, Kinder von Arbeitern und Bauern zu fördern. Sie, denen eine Hochschul-Ausbildung zuvor meist verwehrt war, sollten nun endlich die Möglichkeit dazu erhalten. Dazu richtete der Staat an allen ostdeutschen Hochschulen so genannte Arbeiter- und Bauern-Fakultäten ein, die auf ein Studium vorbereiteten, und warb aktiv unter jungen Werktätigen darum, ein Studium aufzunehmen. Eine neue, sozialistische Elite sollte so herangebildet werden – ganz nach dem Anspruch der DDR als "Arbeiter- und Bauern-Staat".

Der Plan ging zunächst auf: Nach nicht einmal zehn Jahren kam gut die Hälfte aller Studienanfänger aus Arbeiter- oder Bauernfamilien. Im Gegenzug blieb so manchem, der nicht als staatstreu galt, das Studium verwehrt. Später übernahmen die Erweiterten Oberschulen diese Art der Vorauswahl. Über die Jahre wurde die DDR ihrem Anspruch aber immer weniger gerecht. 1989 war nicht mal mehr jeder zehnte Studienanfänger in der Republik ein Arbeiterkind.

Von der Geschichte der Arbeiter- und Bauernfakultäten und von ihrer Bedeutung für die DDR erzählt die neue Dokumentation "Kaderschmiede für den Osten – die ABF in Halle" aus der Reihe "Der Osten – entdecke wo du lebst" am Dienstag, 26. Februar, um 21 Uhr im MDR-Fernsehen.

Es selbst sei nicht den geradlinigsten akademischen Weg gegangen, sagt Michael. Es sei eher ein Aufstieg mit Hindernissen. Aber er ist froh, dass er den Schritt gewagt hat und ist überzeugt, dass er sich lohnt. "Man erkennt Dinge, blickt auf vieles im Leben anders, als man es vielleicht vorher gemacht hat."

Derzeit arbeitet er fleißig, um schon bald seinen Bachelor-Abschluss in der Tasche zu haben. Und dann? Ein Auslandsaufenthalt wäre schön, sagt Michael. Seinen Master-Abschluss will er machen. Und später mal im Beruf an der Universität bleiben. Vielleicht sind dann mehr Arbeiterkinder wie er unter den Studenten als heute. 

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Dieses Thema im Programm: MDR – "Der Osten – entdecke wo du lebst" | 26. Februar 2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Februar 2019, 20:06 Uhr

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15 Kommentare

27.02.2019 18:18 marc 15

Es gibt auch so etwas wie Stallgeruch. Man redet zwar miteinander, aber doch nicht vom Gleichen.

26.02.2019 18:18 H. P. 14

26.02.2019 15:19 R.
Genau so sieht es aus!
26.02.2019 14:02 Friedwald N.
Das ist ein Hauptgrund warum viele Fachkräfte fehlen, alles studiert. Um eine Fachkraft zu sein. muss man nicht studieren. Ein weiterer Grund ist, es können keine Fachkräfte mehr für 100% Gehalt aus dem Billiglohnsektor in den Westen gelockt werden, denn nach mehr als 3 Millionen abgeworbenen in 30 Jahren gibt es dort auch keine Fachkräfte mehr.

26.02.2019 15:19 R. 13

Was für ein Schwachsinn! Es kann jeder studieren. die Kinder von Arbeitern wollen eben gleich Geld verdienen und nicht den Steuerzahlern auf der Tasche liegen indem sie sich mit Bafög beschenken lassen.

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