Urlaub zu Hause Komm mit mir ins Abenteuer-Zeitz!

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Es gibt Orte, an denen möchte man Urlaub machen. Und es gibt Zeitz. Doch auch in der kleinen Stadt im Burgenlandkreis gibt es einiges zu erleben, hat unser Autor bei einem Besuch festgestellt.

Unterirdisches Zeitz
In Zeitz kann man einige Abenteuer erleben – auch unterirdisch. Bildrechte: IMAGO

Haben sie schon mal über Urlaub in Zeitz nachgedacht? Ganz ehrlich, ich nicht. Selbst für einen Tagesausflug hätte ich sicher eher an andere Orte in der Gegend gedacht. An Naumburg, die Weltkulturerbestadt, natürlich. Oder vielleicht an Weimar. Auch der Saaleradweg ist mir natürlich ein Begriff. Aber auf Zeitz wäre ich wohl eher nicht gekommen. Zu klein, zu langweilig – wären bisher meine Gedanken dazu gewesen.

Corona verändert jedoch die Perspektive – auch meine. Wenn Fernreisen kaum noch möglich sind, wird das Naheliegende plötzlich interessant. Und so mache ich mich auf, um zu schauen, was man denn in Zeitz so erleben kann. Und offenbar bin ich nicht der Einzige. Nach Angaben der Stadt steigen die Besucherzahlen seit Jahren. "Ein wachsendes Angebot an Veranstaltungen und Ausstellungen mit nationalen und internationalen Künstlern bietet Raum für Meinungsaustausch und Visionen und zieht Besucher an", erklärt Kathrin Nerling, die im Rathaus im Bereich Kultur und Tourismus tätig ist. Genaue Zahlen werden jedoch nicht genannt.

Am Bahnhof angekommen, lasse ich den Herrmannschacht links liegen. Die alte Brikettfabrik kenne ich nämlich schon. Stattdessen mache ich mit dem Rad auf in Richtung Zentrum. Doch mein Diamant-Rad ohne Gangschaltung wurde eher nicht für Städte wie Zeitz gebaut. Nach einer Rechtskurve erwartet mich plötzlich eine sehr steile Straße mit gefühlt 20 Prozent Steigung. Ich steige ab und schiebe weiter. Das gibt mir Gelegenheit, mich umzuschauen.

Schloss Moritzburg in Zeitz
Schloss Moritzburg und der Schlosspark gehört zu den Hauptattraktionen in Zeitz. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Stadtbild zeigt Brüche der Gesellschaft

Die Altstadt ist überwiegend schick saniert. Doch abseits der kurzen Einkaufsstraßen sehe ich viele heruntergekommene Gebäude. Zeitz hat nach der Wende die Hälfte seiner Einwohnenden verloren. Aktuell sind es noch etwa 33.000. Der Bruch, den die Wiedervereinigung für die Menschen bedeutete, findet sich auch im Stadtbild wieder. Besonders auffällig wird das, wenn man von der Michaeliskirche die Straße hinunterblickt. Vorn dominiert das Grau unsanierter, oft leerstehender Häuser.

Dahinter strahlt das Schloss Moritzburg – eines der Highlights der Stadt. Darin befindet sich auch das Deutsche Kinderwagenmuseum. Auch der Schlosspark scheint ein guter Ort zum Verweilen zu sein. Gerade während der aktuellen Pandemie erfreut er sich großer Beliebtheit. Denn hier sind Kulturveranstaltungen auch mit Abstand möglich. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zahl der Besucherinnen und Besucher im Park fast verdoppelt. Etwas mehr als 2.100 waren es im Juli 2020. Ein Jahr zuvor wurden im Juli knapp 1.300 Tickets verkauft.

Sachsen-Anhalt-Tour statt Weltreise

Weiter geht es zum Altmarkt. Dort findet man das Rathaus und einen großen Parkplatz. An einem unscheinbaren Eckhaus steht "Unterirdisches Zeitz" geschrieben. Ich gehe durch die Tür und betrete unerwartet eine andere Welt. Eine mystische – und auch ein bisschen gruselige. Denn in dem Gebäude befindet sich einer der Zugänge zu dem Gangsystem, das sich unter der Altstadt befindet. Hier treffe ich Brigitte Steinke. Die 67-Jährige wird uns mitnehmen in die Zeitzer Unterwelt.

Wir, das sind zwei Familien mit Kindern und ich. Eine Mutter erzählt mir, dass auch sie wegen der Corona-Pandemie ihren Urlaub umgeplant hat. Eigentlich wollte die Familie aus Querfurt weiter wegfahren. "Stattdessen waren wir gestern im Röhrigschacht bei Sangerhausen. Heute sind wir hier. Und auch nach Thale wollen wir in den nächsten Tagen noch."

Tor zur Unterwelt

Zunächst aber müssen wir uns einkleiden. Gelbe Regenjacken und Helme sind Pflicht. Die Jacken sollen vor der Feuchtigkeit in den Kellern schützen. Meine lässt mich dagegen an jenem Tag eher schwitzen. Deswegen hätte ich darauf wohl verzichten können. Für den Helm bin ich dagegen sehr dankbar. Denn nach den ersten Stufen dauert es kaum 20 Sekunden, bis ich mich das erste Mal stoße. Viele Gänge sind so niedrig, das ich mich nur gebückt vorwärts bewegen kann. Und trotzdem stoße ich ständig irgendwo an.

Die Gänge verbinden zahlreiche Kellergewölbe. Entstanden sind sie zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert, erzählt Brigitte Steinke. Sie wurden gebraucht, um die Bierfässer der Zeitzerinnen und Zeitzer kühl zu lagern. Denn hier unten steigt die Temperatur nur selten über zehn Grad. Und damals, zum Ende des Mittelalters, wurde viel Bier getrunken. Oder zum Kochen verwendet. Bei knapp 30 Grad Außentemperatur finde ich die Idee durchaus erfrischend. Wobei der Hintergrund nicht ganz so lustig ist. Denn die Trinkwasserqualität war damals so mies, dass man selbst Kindern lieber Bier zu trinken gab.

Gruseliges für Kinder und Erwachsene

Seitdem wurden die Gänge für verschiedene Dinge genutzt – als Lagerstätte, aber teilweise auch als Müllhalde. Nach der Wiedervereinigung hat der Verein "Unterirdisches Zeitz" den Betrieb übernommen. Zahlreiche Gänge wurden in Eigenregie wieder freigelegt und schließlich für Besucherinnen und Besucher geöffnet. Bilder zeigen unter Tage, wo man sich gerade im Stadtgebiet befindet. Es gibt spezielle Gruseltouren für Kinder. Deswegen liegen in manchen Kellern grinsende Skelette. Die Erwachsenen gruseln sich eher bei dem Gedanken, dass hunderte Menschen während des 2. Weltkriegs hier unten saßen, um Schutz vor Bombenangriffen zu suchen.

Gut 45 Minuten dauert die Tour durch das unterirdische Zeitz. Täglich klettern bis zu 100 Menschen in die Unterwelt hinab. Brigitte Steinke gehört seit etwa zehn Jahren zu dem Team, das die Führungen gibt. Zum Verein kam sie über eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme – und ist dann dabei geblieben. Die 67-Jährige ist eine der jüngsten in der Runde. Der Verein hat große Nachwuchssorgen. Kein Einzelfall in der Stadt. Die Überalterung merkt man in Zeitz an vielen Stellen. Und selbst in der verborgenen Welt der alten Gänge bleiben einem die Probleme der Menschen hier nicht verborgen.

Große Stille auf dem Elsterradweg

Wir verlassen derweil die unterirdischen Gänge und kehren zurück ans Tageslicht. Ich verabschiede mich, denn der zweite Teil meines Ausflugs steht bevor: eine Tour über den Elsterradweg zurück nach Leipzig, wo ich wohne. Während es sich über Zeitz langsam zuzieht, komme ich zügig voran. Der Weg ist gut ausgeschildert und meist asphaltiert. Schnell liegt die Kleinstadt hinter mir. Neben mir schlängelt sich die Weiße Elster durch die Auen und Felder. Außer Kühen, Schafen oder Enten treffe ich kaum jemanden. An die Ruhe könnte ich mich gewöhnen.

Nach einigen Kilometern verpasse ich bei Bornitz eine Abzweigung und fahre ein paar hundert Meter auf einem Feldweg. Nicht weiter schlimm denke ich, denn schon im nächsten Ort, in Draschwitz, würde ich den Radweg wieder treffen. Die kurze Strecke kann ich auch auf der Straße fahren. Doch schnell merke ich, dass etwas nicht stimmt. Die Kontrolle in Draschwitz bringt Gewissheit: Ich habe eine Panne.

Na prima, ist mein erster Gedanke. Auf einen Fahrradladen in dem kleinen Örtchen hoffe gleich gar nicht. Doch auch eine Bushaltestelle kann ich nicht entdecken. Der Gasthof an der Hauptstraße ist geschlossen und der Internetempfang ist schlecht. Das macht die Orientierung schwierig. Schließlich weiß ich nicht, in welche Richtung der nächste Bahnhof liegt.

Entdeckungstour durch Zeitz und die Elsteraue
Die Elsteraue, unendliche Weiten. Menschen trifft man hier eher selten. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Hunger trifft Entschleunigung

Klar ist nur, nach Zeitz will ich nicht zurück. Dort gewittert es gerade. Das kann ich aus der Entfernung sehen. Auch einige Kilometer vor mir grummelt es. Direkt über mir ist es dagegen nur bewölkt. Notgedrungen beschließe ich, meinen Weg zu Fuß fortzusetzen. Und so schiebe ich mich und mein kaputtes Fahrrad vorbei an niedlichen Dörfern mit Fachwerkhäusern – Reuden oder Predel etwa – und auch an menschenleeren Wiesen. Wenn ich in der ganzen Zeit – am Ende bin ich etwa dreieinhalb Stunden auf der Strecke unterwegs – zwanzig Radfahrende getroffen habe, waren es viele. Komplette Stille und totale Entschleunigung also.

Nach einer Weile habe ich mich mit meinem Schicksal abgefunden. Das einzige, was mich stört, ist mein Hunger. Denn Mittagessen hatte ich noch nicht, dabei ist es bereits nachmittags. Doch Gaststätten suchen Reisende wie ich an Wochentagen auf diesem Teil des Elsterradwegs vergebens. Natürlich gibt es welche. Aber die öffnen erst am Abend. Oder nur am Wochenende. Ein vorsorglicher Radwanderer sollte also lieber ein paar Schnitten einpacken.

Ein Aussichtsturm aus Holz steht neben einem Radweg.
Aussichtsturm bei Profen Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Kein schlechter Ort für Urlaub

In Profen gibt es schließlich einen Bahnhof. Ich entscheide mich jedoch, noch etwas weiter zu gehen. Der nächste Halt ist dann erst im sächsischen Pegau, weitere neun Kilometer entfernt. Für die Entscheidung werde ich mit einem spektakulären Blick belohnt. An einer Holzbrücke, als ich ein weiteres Mal die Weiße Elster überquere. Der Fluss bildet an dieser Stelle zugleich die Grenze zu Sachsen.

Und während es hinter mir langsam wieder aufklart, gelange ich zu der Erkenntnis, dass Zeitz und die Elsteraue keine schlechten Orte zum Urlaub machen und Erholen sind. Vor allem, wenn man es ruhig mag. Aber seien Sie vorsichtig, wenn Sie herkommen. Es könnte sein, dass Sie unerwartet ein Abenteuer erleben.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT und ist immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts. Zudem begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR UM VIER | 11. August 2020 | 16:00 Uhr

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