Schicht im Schacht Wie Zeitz für die Zeit nach der Kohle plant

Das absehbare Ende der Braunkohle bereitet vielen Menschen Sorgen. Auch im Zeitzer Revier. Aber dort und in der Umgebung wird längst an der Zukunft gefeilt, es könnten sogar zusätzliche Jobs entstehen. Der Geschäftsführer eines Industrieparks erklärt einige Ideen – und auf welche Rohstoffe Zeitz künftig setzen könnte.

Oliver Leiste
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von Oliver Leiste, MDR SACHSEN-ANHALT

Chemie- und Industriepark Zeitz
Im Chemie- und Industriepark Zeitz soll Grüne Chemie den Verlust der Braunkohle kompensieren. Bildrechte: imago/STAR-MEDIA

Man muss schon genau hinschauen, um die Brikettfabrik "Herrmannschacht" zu entdecken. Umgeben von den Industrieanlagen der Südzucker-AG steht sie unweit des Bahnhofs von Zeitz, an der B180. Die Fabrik ist heute ein Museum, in dem sich Besucher über die Anfänge der Kohleverarbeitung in der Region informieren können.

Schon in ihren Anfangstagen hatte die Fabrik einen engen Bezug zur Zuckerfabrik nebenan. Denn der "Herrmannschacht" wurde im 19. Jahrhundert nur errichtet, um den enormen Energiebedarf des Werks zu decken. Später kam die Brikettherstellung hinzu. Insgesamt gab es im Kohlerevier des Burgendlandkreises 28 solcher Fabriken. Aus der Braunkohle wurden nicht nur Briketts und Energie gewonnen, sondern auch Diesel, Farben und sogar Margarine.

Braunkohle ist Geschichte

Lupinen blühen vor den historischen Gebäuden der Brikettfabrik Herrmannschacht in Zeitz
Der "Herrmannschacht" in Zeitz verkörpert die Geschichte der Region. Bildrechte: dpa

Doch die Braunkohle ist Geschichte. Im "Herrmannschacht" schon seit 1959 – auch wenn es danach noch viele Jahre dauert, bis darin das Museum eröffnet wurde. Nun hat die deutsche Kohlekommission das Ende des fossilen Brennstoffs beschlossen, spätestens 2038 soll Schluss sein.

Und nicht nur in Zeitz beginnen Überlegungen, wie die Zukunft ohne Kohle aussehen könnte. Wie kann verhindert werden, dass – wie schon nach der Wende – tausende Menschen arbeitslos werden? Welche Industriezweige werden in Zukunft gebraucht?

Schicht im Schacht Im Rahmen der Serie "Schicht im Schacht" begleitet MDR SACHSEN-ANHALT den Strukturwandel im Burgenlandkreis. Regelmäßig sind unsere Reporter vor Ort, um mit Betroffenen zu sprechen oder Probleme zu benennen. Aber auch positive Entwicklungen und neue Ideen sollen so gezeigt werden.

Von der Kohle zur Grünen Chemie

Geschäftsführer Arvid Friebe steht im Industriepark Zeitz.
Arvid Friebe, Geschäftsführer des Industrieparks Zeitz. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Ein paar Kilometer entfernt, im Chemie- und Industriepark Zeitz, ist man bei diesen Fragen schon ein paar Schritte weiter. Dort soll der Sprung von der Braunkohle hin zur Grünen Chemie gelingen, erzählt der Geschäftsführer des Parks, Arvid Friebe. Bedeutet: Es werden neue Antriebsquellen und Energieträger gesucht – möglichst aus nachwachsenden Rohstoffen.

Friebe hat auch ein konkretes Beispiel parat: "In Deutschland wird gerade das Verbot von Plastiktüten diskutiert. In Frankreich werden schon Tüten auf Biobasis verkauft. Warum soll das in Deutschland nicht gehen?" Solche Tüten, womöglich aus Zuckerrüben, könnten künftig auch im Zeitzer Umland produziert werden, sagt er.

Schon heute würden einige Unternehmen im Industriepark sehr nachhaltig arbeiten, so Friebe. Um den Bedarf an neuem Erdöl zu reduzieren, nutzt eine Firma ein Verfahren zum Recycling von Schmierölen. Eine andere hat einen Innovationspreis für die Entwicklung eines alternativen Bindemittels bekommen.

Stärkere regionale Gemeinschaft

Das große Ziel der Verantwortlichen im Revier ist es, möglichst keine Arbeitsplätze abbauen zu müssen. 3.500 Menschen sind nach Angaben von Friebe derzeit in den Braunkohlebetrieben und Chemiefirmen in der Umgebung von Zeitz tätig. Statt eines großen Bruchs wie in den 1990er Jahren soll es ein Wandel werden, der Schritt für Schritt vollzogen wird: "Mibrag will die Quote seiner Mitarbeiter ungefähr halten", erklärt Friebe. "Wenn wir gleichzeitig hier noch Neuansiedlungen herholen, könnte es gelingen, dass wir mindestens den Standard halten – und uns vielleicht sogar noch verbessern."

Die Voraussetzungen dafür sind da. Allein im Chemie- und Industriepark Zeitz ist noch ein Viertel der insgesamt 230 Hektar großen Fläche frei für Neuansiedlungen. Zudem haben die Unternehmen begonnen, sich stärker zu vernetzen. "Inzwischen wird viel mehr miteinander interagiert. Vorher hat jeder auf seins geschaut. Jetzt entsteht eher eine regionale Gemeinschaft. Im Rahmen des Kohleausstiegs sitzen wir seit Anfang des Jahres verstärkt zusammen", sagt Friebe.

Zweifler mitnehmen

Dafür, dass aus dem Süden Sachsen-Anhalts oft vor allem Sorgen vor dem Wandel zu hören sind, gibt sich Friebe erstaunlich optimistisch. "Es ist als Geschäftsführer natürlich auch mein Job, Dingen immer das Positive abzugewinnen", sagt er. Sein Motto: "Was du nicht ändern kannst, musst du als Chance begreifen." Dabei ist ihm bewusst, dass längst nicht alle so denken. "Die Zeitzer sehen das Glas grundsätzlich eher halb leer." Sein Ziel ist es, auch die Zweifler zu überzeugen und mit in die Zukunft zu nehmen. "Dann können wir alle Nutznießer der unvermeidlichen Entwicklung werden."  

Was du nicht ändern kannst, musst du als Chance begreifen.

Arvid Friebe, Geschäftsführer Chemie- und Industriepark Zeitz

Forderungen an Land und Bund

Doch bis es so weit ist, gibt es noch viel zu tun. Damit der Strukturwandel gelingt, "muss man sich jetzt den Buckel krumm machen", erklärt Friebe. Und ergänzt: "Ich bin mir noch nicht sicher, ob das im Bund und Land alle verstanden haben."

Deshalb hat Friebe konkrete Forderungen an die Entscheider in den Parlamenten: "Man möchte jetzt unheimlich viel in die Infrastruktur investieren. Der Ansatz ist richtig. Aber wir brauchen noch zusätzliches Personal. Gerade in den schwächeren Gemeinden, wie wir sie hier im Umland haben." Schließlich seien die schon während der massiven Strukturveränderungen in den Nach-Wendejahren ausgeblutet. "Wir müssen natürlich auch den Unternehmen, die wir hier ansiedeln wollen, etwas bieten. Dafür muss das Fördermittelrecht überdacht werden. Da sehe ich momentan nichts." Ein paar gerade Straßen würden jedenfalls nicht reichen, um Investoren anzulocken, sagt Friebe.

Zeit für neue Geschichten

Wenn seine Wünsche erfüllt werden, ist Friebe guter Dinge, dass "wir das hinbekommen". Statt der Kohle könnten künftig Zuckerrübe, Mais und Weizen die prägenden Rohstoffe im Zeitzer Revier sein. Und teilweise sind sie das heute schon – etwa in der eingangs erwähnten Zuckerfabrik. Ihr könnte deshalb beim Strukturwandel eine entscheidende Rolle zukommen.

Und vielleicht erzählen sie nebenan – in der Brikettfabrik "Herrmannschacht" – dann irgendwann nicht nur die Geschichte, wie es mit der Braunkohle angefangen hat. Sondern auch, wie sie erfolgreich wieder abgeschafft wurde.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT - mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Zudem ist er immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 11. September 2019 | 10:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. September 2019, 19:23 Uhr

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