Interview Der Mann, der seine Tochter Leonora an den IS verlor

Die Tochter von Maik Messing aus dem Burgenlandkreis ist ausgerissen. Doch nicht einfach nur so. Messings Tochter Leonora schließt sich 2015 dem IS an und heiratet einen deutschen IS-Kämpfer. Nach Hause ist sie seitdem nicht gekommen. Mehrere Fluchtversuche scheitern. Mittlerweile ist seine Tochter nicht mehr Teil des IS, lebt in einem kurdischen Gefangenenlager in Syrien. Es kann sein, dass sie bald nach Deutschland zurückkehrt. Ihr Vater spricht bei MDR SACHSEN-ANHALT über seinen Kampf, seine Tochter wieder in den Armen halten zu können.

Herr Messing, wie war der Moment, als Sie feststellten, Ihre Tochter ist nicht mehr da und beim IS?

Maik Messing: Unfassbar, weil so etwas hat es bei ihr nicht gegeben. Leonora war eine Vorzeigetochter. Rückblickend war es zu schön, muss ich sagen. Wir haben es gemerkt, als ihr WhatsApp-Profil weg war. Sie war nicht mehr erreichbar. Das waren die ersten Anzeichen, dass irgendetwas nicht stimmt. Dann rufst du tausend Telefonnummern an, denn irgendwo wird sie ja schon sein. Sie war aber nirgendwo.

Das fühlt sich wie ein Ring um die Brust an. Der wird immer enger. Da schießen einem tausend Gedanken durch den Kopf, aber an Syrien haben wir im ersten Moment überhaupt nicht gedacht. Gar nicht.

Gab es einen Abschiedsbrief?

Ja, der war in ihrem Laptop. Der war nicht zu Ende geschrieben. Sie hat geschrieben, dass sie uns liebt und dass es nicht unsere Schuld ist. Wir sollen uns keine Vorwürfe machen.

Du verstehst es nicht, du kannst es nicht nachvollziehen. Du bist einfach nur hilflos und fällst in ein Loch. Und das wird immer tiefer.

Maik Messing und seine Tochter Leonora, die zum IS ging, 2014 im Portrait in Barcelona.
Da war noch alles in Ordnung: Maik Messing und Leonora 2014 in Barcelona. Bildrechte: NDR/Das Erste

Es gab den Tag, an dem Sie vom vermeintlichen Tod Ihrer Tochter erfuhren. Was geht einem da durch den Kopf? Wie haben Sie diesen Tag erlebt?

Im ersten Moment glaubt man das nicht. Wir hatten so die Regel für uns. Alle Meldungen, die von dort kommen: 80 Prozent sind nicht wahr und 20 Prozent entsprechen der Wahrheit. Man kann so eine Todesmeldung nicht überprüfen. Es gibt keinen Totenschein, es gibt keine amtliche Bestätigung oder ein Foto vom Leichnam.

Man muss prüfen, inwieweit das in den Sozialen Medien bestätigt wird. Dort waren sie (der IS, Anm. d. Redaktion) sehr aktiv damals. Die sind ja, wenn sie umkommen, in dem Moment Märtyrer. Auch die Frauen sind dann ja für den vermeintlich einzig wahren Glauben gestorben. Es deutete dann viel daraufhin, dass es tatsächlich stimmt.

Dann beginnt man zu begreifen, dass wir es nicht geschafft haben, sie da rauszuholen. Es begann aber auch die Erkenntnis zu reifen: Es ist vorbei. Zwar auf die schlechteste Art und Weise. Aber es ist vorbei. Es ist ein wahnsinniger Schmerz. Das war's. Du kannst nichts mehr machen.

Dann kam die komplette Kehrwende. Leonora lebt noch.

Auch das mussten wir erstmal überprüfen. Ist das wirklich Leonora, die sich da meldet? Da fragst du dann zum Beispiel: Wie hießen denn die Ponys vom Opa? Welche Farbe hat dein Fahrrad? Solche Sachen. Wenn das dann richtig beantwortet wird, dann begreifst du: Sie lebt. Dann fängst du wieder von vorne an. Dann bist du wieder in dieser Tretmühle.

Sie haben versucht, Ihrer Tochter bei der Flucht zu helfen. Diese Versuche misslangen. Wie war das?

Sie hatte sich aus dem Internetcafé (von wo aus ein Fluchtversuch starten sollte, Anm. d. Redaktion) gemeldet. Das Letzte, was sie da geschrieben hatte, war "Ich komme". Da hast du zuhause gesessen und gedacht, jetzt geht's los. In spätestens drei, vier Tagen bist du im Flugzeug Richtung Türkei und holst sie. Doch dann kamen keine Meldungen mehr.

Da hast du gedacht, das war es. Jetzt hast du tatsächlich deine Tochter umgebracht.

Dann meldete sich bei uns ihr Ehemann (ein deutsches IS-Mitglied, Anm. d. Redaktion) und hat uns dazu gratuliert, dass die Flucht nicht geklappt hat. Da hast du gedacht, das war es. Jetzt hast du tatsächlich deine Tochter umgebracht. Eine der letzten Nachrichten von ihrem Ehemann war aber, dass wir jetzt sehr, sehr lange nichts mehr von ihr hören werden. Das hieß zumindest, dass sie noch lebt.

Leonora steht mit schwarzem Kopftuch an einer Autotür in der Wüste
Trotz Hilfe vom Vater: Mehrere Fluchtversuche von Leonora scheiterten. Bildrechte: AFP

In alldem wurden Sie auch noch Großvater. Eines der größten Glücksgefühle, die man als Mensch haben kann. Eigentlich. Konnten Sie sich über ihre Enkelkinder in Syrien freuen?

Man hat keine Beziehung zu den Kindern, wie ein normaler Großvater. Du hast Bilder und Videos gesehen, aber du hast sie noch nie auf dem Arm gehabt. Sicher hat man sie von der ersten Sekunde an gerne. Diese kleinen Würmer können nun wirklich nichts für den Blödsinn, den Vater und Mutter da veranstaltet haben.

Bei einem weiteren Fluchtversuch waren Sie in Kontakt mit den Schleusern. Aber Sie haben dann deren Telefonnummer blockiert. Haben Sie da dann ein Stück weit Ihre Tochter aufgegeben?

Die hätten mich fast gebrochen. Sie kriegen dann so ein kleines Video von Ihrer Enkeltochter zusammen mit der Nachricht: Ich schicke Ihnen dann Bilder von ihrem Grab (, wenn sie nicht Geld überweisen, Anm. d. Redaktion). Das macht Sie fix und fertig.

Gut, ich entscheide mich für das Leben hier, für meine Familie und muss Leonora aufgeben.

Und irgendwann merken Sie, dass Sie nicht mehr Sie selber sind. Deine Frau und andere Tochter siehst du gar nicht mehr. Und dann sagst du dir: Die will ich nicht auch noch verlieren. Und wenn die Schleuser dann mit dem Tode von Leonora und ihrer Tochter drohen, dann kannst du das eh nicht verhindern. Was soll ich da machen?

Und dann triffst du eine Entscheidung und sagst: Gut, ich entscheide mich für das Leben hier, für meine Familie und muss Leonora aufgeben. Man fühlt sich dabei richtig mies. Man hat das Gefühl, jetzt habe ich sie verraten. Aber ich konnte nicht mehr.

Und doch kam irgendwann die erlösende Nachricht. Leonora ist die Flucht vorm IS gelungen. Wie war der Morgen, als Sie davon erfuhren?

Ich habe es verschlafen. Am Abend davor bekam ich einige Nachrichten von meinem Telefonanbieter, ich wollte aber schlafen. Da habe ich mein Handy ausnahmsweise mal auf lautlos gestellt. Deswegen habe ich das nicht mitbekommen.

Ich habe dann mit einer Mitarbeiterin von Hayat telefoniert. Das ist eine Hilfsorganisation für Menschen, deren Angehörige sich dem IS angeschlossen haben. Die hat gesagt: Setze dich erstmal hin.

Man begreift das im ersten Moment gar nicht. Du gehst ins Bett, wachst auf und das Problem ist erledigt. Ich war einfach nur glücklich. Die ganze Last, der ganze Müll, den man mit sich rumgetragen hat, ist alles weg. Es war sehr emotional.

Was war Leonora für ein Mädchen, bevor sie zum IS ging?

Sie war fest integriert ins dörfliche Leben. Sie war eine gute Schülerin. Sie war engagiert, ist ins Pflegeheim gegangen und hat alten Menschen vorgelesen. Sie war im Karneval als Funkenmariechen. Für die allermeisten in unserer Umgebung war ein Auftritt beim Karneval das Letzte, was sie von Leonora gesehen haben. Das war zwei, drei Wochen vor der Ausreise.

Das hat die Fassungslosigkeit noch verstärkt, weil sie war da freizügig gekleidet, fröhlich und hat Salami-Pizza gegessen. Sie hat sich an alle Absprachen gehalten, war immer pünktlich zurück. Es war zu schön.

Wo nehmen Sie die Kraft her, so lange – trotz aller Enttäuschungen – um Ihre Tochter zu kämpfen?

Einmal ist es dein Kind. Es wird immer dein Kind bleiben. Das zweite ist, ich habe eine sehr starke Frau an meiner Seite. Deswegen spiele ich kein Lotto, denn ich habe meinen Lottogewinn geheiratet. Meine Frau gibt mir immer wieder Kraft. Sie hat mich auch mal runtergeholt, wenn ich zu euphorisch war.

Die tägliche Arbeit (in der Bäckerei, Anm. d. Redaktion) lenkt ab. Die Zusammenarbeit mit Hayat hilft auch. Wichtig sind außerdem unsere Nachbarn, unsere Freunde, unsere Familie. Sie haben uns die Chance gegeben, normale Menschen bleiben zu dürfen.

Leonora kommt unter Umständen bald zurück nach Deutschland. Wie bereiten Sie sich auf die mögliche Rückkehr vor?

Es kommt natürlich darauf an, was der Generalbundesanwalt daraus macht. Im Moment wird ermittelt. Sollte sie in Haft kommen, ist klar, dass ihre beiden Töchter zu uns kommen.

Ich kann ihr nur meine Liebe geben.

Kann sie als freier Mensch das Flugzeug verlassen, dann werden wir uns für mindestens eine Woche zurückziehen, um wieder zueinander zu finden. Und dann wieder einen Draht zueinander bekommen und vielleicht schon wieder anfangen, ein Stück weit Vertrauen zueinander aufzubauen.

Wir haben gute Verbündete, also Psychologen und Leute mit Erfahrung ihrer Radikalisierung. So können wir ihr eine Plattform bieten, wo sie sich immer wieder zurückziehen kann, aber die Hauptarbeit müssen andere machen. Da fehlt mir die Erfahrung. Ich kann ihr nur meine Liebe geben.

Wie meinen Sie das, dass sie kein Vertrauen mehr zu Ihrer Tochter haben?

Wir waren völlig ahnungslos. Wir haben das Interesse für den Islam als jugendliche Schwärmerei angesehen. Man fühlt sich dann doch schon sehr verraten.

Wir wissen nicht, was in ihrem Kopf ist. Wir müssen erstmal schauen, inwieweit kann man ihr wieder vertrauen. Wie weit ist das, was sie in den vier Jahren gesehen hat, gefestigt? Ist sie geläutert? Wie weit ist die Selbstreflektion vorangegangen?

Viele schreiben auch bei uns auf der Facebookseite zu Ihrer Tochter: Einmal IS, immer IS. Wie stehen Sie zu dem Misstrauen gegenüber Ihrer Tochter?

Ich verstehe das. Wäre ich nicht so involviert in die Sache, würde ich vielleicht ähnlich denken.

Im Moment, macht sie auf uns den Eindruck, dass es tatsächlich so ist, dass diese IS-Geschichte für sie erledigt ist. Man muss langfristig schauen, inwieweit sie als Muslima leben möchte? Oder sagt sie irgendwann, ich will gar nichts mehr mit der Sache zu tun haben? Aber das ist alles offen.

Wäre ich nicht betroffen, hätte ich vielleicht auch Angst, wenn in der Nachbarschaft eine ehemalige Terroristin einzieht.

Dass Leute das kritisch sehen, ist völlig normal. Ich bin selber Familienvater. Wäre ich nicht betroffen, hätte ich vielleicht auch Angst, wenn in der Nachbarschaft eine ehemalige Terroristin einzieht. Sagen wir es mal so.

Was wünschen Sie sich für sich und Ihre Tochter für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass sie es schafft, selbstständig ihr Leben zu meistern. Dass sie die Schul- und Berufsausbildung gut hinbekommt. Und dass es möglich ist, dass die Menschen sie irgendwann als Mensch sehen und nicht mehr als ehemalige IS-Braut. Ihre Kinder sollen so normal wie möglich aufwachsen. Dass die Geschichte nie vorbei ist, ist uns völlig klar. Das wird bis ans Lebensende bleiben.

Ich selber möchte erleben, wie die Enkelkinder heranwachsen. Ich hoffe, wir finden einen Weg, die Sache mit den Kindern zu verarbeiten. Ich hoffe, wir finden alle zusammen eine Möglichkeit, miteinander zu leben.

Die Fragen stellte Fabian Frenzel.

Quelle: MDR/ff

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 20. September 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. September 2019, 13:57 Uhr

9 Kommentare

Fuerst Myschkin vor 12 Wochen

Auch ich akzeptiere Ihre Meinung voll auf und kann diese gut verstehen. Schließlich wollen wir Menschen alle in Ruhe und Sicherheit leben. Dass man Mördern, Totschlägern, Vergewaltigern hier im Lande oft mehr als eine 2. Chance gibt, ist doch Usus. Es gibt sogar Fälle, wo man Mörder und Totschläger auf freien Fuss setzte, weil man sich angeblich nicht im Stande sah, diese zeitnah anzuklagen. Auch hat man Mörder und Brandstifter, wegen angeblicher Traumata, erst mal in der Psychiatrie geparkt, um diese bei der nächsten Gelegenheit wieder auf die Menschheit loszulassen, wenn genug Gras über die Sache gewachsen ist. Oder man schiebt Totschlägern, die zu Freiheitsstrafen verurteilt wurden, kurz nach der Urteilsverkündung ab. Man könnte etliche solcher Beispiele bringen, aber wozu? Deswegen sollte man auch der Leonora eine 2. Chance geben. Ich bin völlig überzeugt, dass dieses Mädchen kapiert hat, wohin Fantaismus, ventrückte Ideen und falsche Propheten Menschen führen können.

winfried vor 12 Wochen

Ich verstehe, und akzeptiere Ihre Gedanken.
Die sind zwar nicht göttlich sondern menschlich, und können deshalb unterschiedlich, je nach Einzelfall, ausfallen.
Ich bin der Auffassung, dass ein Mörder keine Chance einen zweiten Mord zu begehen verdient, auch nicht für dessen dabei "Helfer".

Fuerst Myschkin vor 12 Wochen

Selbst ich als AFD Anhänger bin der Meinung, dass jeder Mensch im Leben eine zweite Chance verdient hat. Auch sollte man nicht vergessen, wer den Dämon IS erst geschaffen hatte. Man denke nur an die Verbrechen der Amerikaner im Irak. Auch Stichwort Chemiewaffen als Kriegsgrund. Also ein klassischer Fall von Kausalität. Und überhaupt, ist Vergebung göttlich.

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