Freiwillige Helfer Drohnen retten Bambis vor dem Mähdrescher

Marie Luise Luther: Blonde Frau im Portrait
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Hohes Gras wäre das perfekte Versteck für junge Rehkitze. Wenn nicht Mähmaschinen ihr Leben bedrohen würden. Knapp 100.000 Rehkitze sterben deshalb jährlich – grausam zerstückelt. Tierfreunde und Jäger machen sich nun mit Drohnen im Burgenlandkreis auf die Suche nach den Jungtieren und retten deren Leben. MDR SACHSEN-ANHALT hat das Drohnenteam und die Jäger bei einem Einsatz begleitet.

Drohnen: Zwei Kameradrohnen und ein eine orangene Scheibe mit H-Symbol liebe am Straßenrand
Drohnen vor dem Rettungseinsatz Bildrechte: MDR/Marie-Luise Luther

Der Treffpunkt ist früh. Um vier Uhr morgens sind wir an einer Wiese nahe der Unstrut in Zeddenbach verabredet. Hier soll heute gemäht werden, das hat die Agrargenossenschaft Gleina der Gruppe von Tierfreunden und Jägern mitgeteilt. Sieben Helfer sind dem Aufruf von Max Enders gefolgt, dem Initiator der Kitzrettung Unstruttal. "Vier Uhr morgens, die perfekte Zeit, um Kitze zu retten", sagt Enders, "sonst wird es zu warm". Nur in den kühlen Morgenstunden kann die Wärmebildkamera an der Drohne den Unterschied zwischen Körpertemperatur und Boden erkennen.

Kitz in einer Kiste 3 min
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MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE Mo 01.06.2020 19:00Uhr 02:58 min

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Rehkitze werden zwischen Ende April und Anfang Juli geboren. Die Jungtiere haben die Angewohnheit, dass sie sich bei Gefahr tief in den Boden drücken. Das Kitz hat noch keinen eigenen Geruch, deshalb ist diese Taktik bei Raubtieren sehr effizient. Gegen eine motorisierte Mähmaschine haben die Kleinen jedoch keine Chance. Landwirt Mario Ernst sagt: "Man sieht das Reh nicht, durch die neue Technologie haben die Rehe aber eine Chance zu überleben."

Für die Landwirte ist die Rettung der Kitze nicht nur des Tierwohls wegen wichtig  

Geraten Leichenteile ins Gras oder Heu, können Kühe oder Pferde sterben. Das sogenannte Botulinum-Toxin, im Volksmund auch als Leichengift bekannt, lähmt die Tiere und lässt sie qualvoll ersticken. Landwirte riskieren hohe Strafen, wenn sie ihre Wiesen vor dem Mähen nicht sorgfältig prüfen. Und auch den Jägern ist es wichtig, dass keine Tiere verletzt werden. Robert Titus, einer der Jagdpächter, sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Wir sind natürlich interessiert daran, dass unser Bestand an Wild gesund ist." Denn Jagd bedeute nicht immer nur Schießen, sondern ein viel größerer Anteil habe dabei die Hege.

Das Zauberwort "Wegpunktflug"

Um die Kitze rechtzeitig zu retten, fliegen Max Enders und Christopher Kaps mit zwei Drohnen ab. Die Kitze können sie im hohen Gras mithilfe einer an dem Flugobjekt installierten Wärmebildkamera ausfindig machen. Anhand einer Satellitenkarte berechnet die Drohne ihre Flugroute eigenständig. Beim sogenannten "Wegpunktflug" fliegt das Gerät die programmierte Fläche innerhalb von wenigen Minuten automatisch ab.

Satellitenaufzeichnung des Einsatzgebietes der Drohnen Bildrechte: MDR/Marie-Luise Luther

So kann ausgeschlossen werden, dass eine Fläche übersehen wird. Das Risiko, dass sich dann noch ein Kitz im hohen Gras befindet, liegt dann etwa nur bei 20 Prozent. Befinden sich in der Wiese Wärmequellen, werden diese auf die Tablets der Drohnenpiloten am Boden in Echtzeit übertragen. Wir haben Glück: Die beiden Drohnen-Piloten haben einen potentiellen Ablageplatz gefunden, jetzt ist Jäger Robert Titus gefragt. Er nähert sich vorsichtig der angegebenen Position.

Zusammengekauert liegt ein etwa zwei Wochen altes Kitz im Gras. Mithilfe von Handschuhen und viel Gras kann das Bambi angefasst werden, behutsam tut der Jäger das Jungtier in eine Kiste. Danach wird das Kitz an einen sicheren Ort abseits der zu mähenden Wiese getragen.

Für Titus ein absolutes Glücksgefühl

"Das ist auch für mich als Jäger ein absoluter emotionaler Moment, so nah kommen auch wir einem Kitz sonst nicht", so der passionierte Jäger. Nachdem alles vorbei ist und die Wiese gemäht, gibt er ein hohes Fiepen von sich, damit die Ricke ihr Baby wieder findet. Nach einem Tag vermelden die Jäger, dass Mutter und Jungtier glücklich gesichtet worden sind. Für die ehrenamtlichen Retter der Kitzrettung Unstruttal ist das der größte Lohn, dafür lohnt sich auch mal das frühe Aufstehen.

Bildrechte: MDR/Marie-Luise Luther

Über die Autorin Marie-Luise Luther arbeitet seit 2013  für Fernsehen und Hörfunk von MDR SACHSEN-ANHALT. Sie ist im Burgenlandkreis aufgewachsen und hat ihre Ausbildung zur Mediengestalterin Bild/Ton in Leipzig abgeschlossen. Zum MDR wollte sie schon als Kind und nutzte die Gelegenheit als Videojournalistin beim Hochwasser 2013 zu arbeiten. Zu ihren Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt gehört natürlich ihre Heimatstadt Freyburg, sowie der Harz. Aber auch für Zeitz schlägt ihr Herz, denn sie findet, dass diese Stadt viel zu Unrecht so einen schlechten Ruf hat.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 01. Juni 2020 | 19:00 Uhr

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