"Die Welt ist wie ein Puppenspiel!", Bronzefigur des Künstlers Roland Lindner auf dem Dach der früheren Konditorei Brühl am Nicolaiplatz
Welche Entwicklung wird Zeitz in Zukunft nehmen? Bronzefigur des Künstlers Roland Lindner auf dem Dach der früheren Konditorei Brühl. Bildrechte: MDR/Martin Paul

Fantasien für die Industriestadt Zeitz – Stadt in der Schwebe

Kaum eine Stadt in Sachsen-Anhalt hat nach der Wende so verloren wie Zeitz: 20.000 Arbeitsplätze, junge Menschen, Infrastruktur. Jetzt kommt der Ausstieg aus der Kohle – und die "fantastische" Idee einer digitalen Versuchsstadt, eines Zukunftsinstituts, einer smarten Region. Was halten die Menschen, die dort leben, von den Ideen?

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Martin Paul, MDR SACHSEN-ANALT

"Die Welt ist wie ein Puppenspiel!", Bronzefigur des Künstlers Roland Lindner auf dem Dach der früheren Konditorei Brühl am Nicolaiplatz
Welche Entwicklung wird Zeitz in Zukunft nehmen? Bronzefigur des Künstlers Roland Lindner auf dem Dach der früheren Konditorei Brühl. Bildrechte: MDR/Martin Paul

Ich fahre in die Zukunftsstadt Zeitz. Dorthin, wo die Region smart werden könnte – zumindest wenn es nach den Ideen von Politikern und den Vorschlägen der Kohlekommission geht. Hier soll an einem Zukunftsinstitut "das Leben von morgen auf Basis neuer technologischer Werkzeuge neu gedacht und entwickelt werden", heißt es in dem Papier.

Die Staatssekretärin im Innenministerium, Tamara Zieschang (CDU), hatte den Vorschlag Mitte Januar in der Mitteldeutschen Zeitung ins Gespräch gebracht. Sie will nach dem Kohle-Aus die Region Zeitz, Naumburg und Leipzig "zu einer echten Modellregion für die digitale Welt werden" lassen. Ein "Das heißt, Menschen  sollen die Gelegenheit haben, ihre Ideen auch konkret vor Ort anzuwenden", erläuterte sie ihren Vorschlag.

Ich habe mir vorgestellt, wie das aussehen kann: Eine Region, in der Essenslieferung per Drohnen möglich ist, Roboter in Pflege und Haushalt unterstützen, bargeldloses Bezahlen und gemeinschaftliches autonomes Fahren möglich ist. Alles auf der Basis einer digital vernetzten Umgebung. Womöglich ein Projekt, wie Googles Smart-City-Projekt Quayside im kanadischen Toronto?

Ruinen und schöne Orte

Silicon Valley in Zeitz? Die Stadt im Burgenland hat nach der Wende viel verloren: 20.000 Arbeitsplätze, Infrastruktur. Jetzt kommt der Kohle-Ausstieg und die Idee eines Zukunftsinstituts. Kann das funktionieren?

Ortsausgangschild Zangenberg und Einfahrt nach Zeitz in der Leipziger Straße
Ortsausgangschild Zangenberg und Einfahrt nach Zeitz in der Leipziger Straße – Die Stadt im Burgenland hat nach der Wende viel verloren: 20.000 Arbeitsplätze, Infrastruktur. Jetzt kommt der Kohle-Ausstieg und die Idee eines Zukunftsinstituts. Kann das funktionieren? Bildrechte: MDR/Martin Paul
Ortsausgangschild Zangenberg und Einfahrt nach Zeitz in der Leipziger Straße
Ortsausgangschild Zangenberg und Einfahrt nach Zeitz in der Leipziger Straße – Die Stadt im Burgenland hat nach der Wende viel verloren: 20.000 Arbeitsplätze, Infrastruktur. Jetzt kommt der Kohle-Ausstieg und die Idee eines Zukunftsinstituts. Kann das funktionieren? Bildrechte: MDR/Martin Paul
Haus in der Leipziger Straße in Zeitz
Ein unbewohntes Haus in der Leipziger Straße Bildrechte: MDR/Martin Paul
Rückseite eines Reihenhauses in der Leipziger Straße in Zeitz
Die Rückseite einer Hausruine in der Leipziger Straße Bildrechte: MDR/Martin Paul
Die alte Zetti Schokoladenfabrik in der Straße Auf den Gebinden in Zeitz
Die alte Zetti Schokoladenfabrik in der Straße Auf den Gebinden Bildrechte: MDR/Martin Paul
Die neue Zetti Goldeck Süßwarenfabrik in der Straße Am Güterbahnhof in Zeitz
Und gleich in der Nähe: Die neue Zetti Goldeck Süßwarenfabrik in der Straße Am Güterbahnhof Bildrechte: MDR/Martin Paul
Die Weiße Elster vor dem Bahnhof Zeitz
Die Weiße Elster vor dem Bahnhof Zeitz Bildrechte: MDR/Martin Paul
Der Bahnhof Zeitz an der Weißen Elster
Der Bahnhof Zeitz an der Weißen Elster Bildrechte: MDR/Martin Paul
Kunstraum und Ateliers in der Alten Nudelfabrik in Zeitz
Kunstraum und Ateliers in der Alten Nudelfabrik in der Paul-Roland-Straße Bildrechte: MDR/Martin Paul
Das Zekiwa-Gebäude in Zeitz
Das berühmte Gebäude der Zekiwa Kinderwagenfabrik in der Geschwister-Scholl-Straße Bildrechte: MDR/Martin Paul
Das Zekiwa-Gebäude in Zeitz
Das berühmte Gebäude der Zekiwa Kinderwagenfabrik in der Geschwister-Scholl-Straße Bildrechte: MDR/Martin Paul
Die verfallene neogotische Kirche St. Nikolai in Zeitz an der Geschwister-Scholl-Straße
Die verfallene neogotische Kirche St. Nikolai an der Geschwister-Scholl-Straße Bildrechte: MDR/Martin Paul
Dom St. Peter und Paul und Schloss Moritzburg in Zeitz
Der Dom St. Peter und Paul und das Schloss Moritzburg mit dem Kinderwagenmuseum Bildrechte: MDR/Martin Paul
"Die Welt ist wie ein Puppenspiel!", Bronzefigur des Künstlers Roland Lindner auf dem Dach der früheren Konditorei Brühl am Nicolaiplatz
"Die Welt ist wie ein Puppenspiel!", Bronzefigur des Künstlers Roland Lindner... Bildrechte: MDR/Martin Paul
"Die Welt ist wie ein Puppenspiel!", Bronzefigur des Künstlers Roland Lindner auf dem Dach der früheren Konditorei Brühl am Nicolaiplatz
...auf dem Dach der früheren Konditorei Brühl am Nicolaiplatz Bildrechte: MDR/Martin Paul
Beginn der Rahnestraße mit Blick in Richtung Michaelisplatz in Zeitz
Beginn der Rahnestraße mit Blick in Richtung Michaelisplatz Bildrechte: MDR/Martin Paul
Kunsthaus in der alten Stadtbibliothek in der Rahnestraße Zeitz
Das "Kunsthaus" in der alten Stadtbibliothek in der Rahnestraße Bildrechte: MDR/Martin Paul
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"Fantasie ist der Zündfunke der Zukunft" heißt es oft im Zusammenhang mit Utopien, zum Beispiel am Anfang einer ZDF-Dokumentationsreihe über Science-Fiction-Vordenker. Ich will mich mit Menschen treffen, die in der Stadt leben, sich in der Gegenwart engagieren, zukünftiges schaffen und für die "Strukturwandel" kein abstraktes Wort, sondern Realität ist.

Zahlen und Fakten zu Zeitz

Die Stadt liegt an der Weißen Elster im sachsen-anhaltischen Burgenlandkreis, eine dreiviertel Stunde mit dem Auto von Leipzig entfernt. Bis ins thüringische Gera braucht man nur 25 Minuten. Aktuell gibt es einen Wohnungsleerstand von 23 Prozent.

Nach der Wende sind 20.000 Industriearbeitsplätze weggefallen. Jetzt gibt es zwar eine niedrige Arbeitslosenquote, aber immer noch einen Bevölkerungsrückgang. Bis 2030 je nach Berechnung um die 15 bis 25 Prozent.

Der größte Arbeitgeber ist die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft (Mibrag), die unter anderem den Tagebau in Profen betreibt. Laut Oberbürgermeister Christian Thieme arbeiten hier rund 2.500 Menschen. Danach kommt als zweitgrößter Arbeitgeber die Stiftung Seniorenhilfe mit 630 Arbeitsplätzen. 430 Arbeitsplätze gibt es bei Südzucker und im Chemie und Industriepark sind rund 1.000 Arbeitnehmer direkt und indirekt beschäftigt.

Petra Hofmann: Karten und Kaffee

Petra Hofmann sitzt im provisorischen Fahrkarten-Verkaufsraum im Bahnhof in Zeitz
Petra Hofmann: "Hut ab, wer überhaupt Ideen hat." Bildrechte: MDR/Martin Paul

Petra Hofmann sitzt mit ihrer Kollegin in einem unscheinbaren Büro im Zeitzer Bahnhof. Sie verkauft Fahrkarten, berät die Fahrgäste. Und es wird ein Becher Kaffee verkauft – gegen die Kälte. Die Tür ist mit einem Eisenbeschlag gegen Vandalismus gesichert. Zugang hat man nur über den Nebeneingang, der auch zu den Gleisen führt. Der ganze Bahnhof ist Baustelle. Wenn nicht ein Zettel am Eingang der Bürotür mit "Kaffee 1 Euro" beschrieben wäre – man würde nicht wahrnehmen, dass hier Menschen arbeiten und Fahrkarten verkauft werden.

Der Bahnhof liegt direkt an der Elster und wird im Moment schrittweise saniert und vermietet. Eine Disco soll eingerichtet werde, ein Hostel und eine Autovermietung sind im Gespräch – laut Bahnhofsprogramm Sachsen-Anhalt nutzen täglich 1.000 Menschen das Gebäude. Schwer vorstellbar, denn zurzeit ist kaum jemand zu sehen. Neben der Verkaufsstelle gibt es nur einen roten Fahrkartenautomaten am Anfang der Unterführung zu den Bahnsteigen. Drei Zugverbindungen in der Stunde stehen auf dem Fahrplan, sechs von acht Bahnsteigen sind fast ungenutzt.

Der Bahnhof in Zeitz an der Weißen Elster

Der Bahnhof Zeitz an der Weißen Elster
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Der Bahnhof Zeitz an der Weißen Elster
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Der Busbahnhof Zeitz direkt neben dem Bahnhof
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Die Weiße Elster vor dem Bahnhof Zeitz mit Blick auf Industrieanlagen
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Baustelle am Bahnhof Zeitz
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Zugang zu den Gleisen im Bahnhof Zeitz
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Petra Hofmann beim Fahrkartenverkauf am Bahnhof Zeitz
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Fahrkartenautomat im Bahnhof Zeitz
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Die Unterführung zu den Gleisen im Bahnhof Zeitz
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Bahnsteige des Bahnhof Zeitz
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Gleise am Bahnhof Zeitz mit Blick auf die Donaliesstraße
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Die Weiße Elster vor dem Bahnhof Zeitz
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"Aber wenn der Bahnhof fertig ist, bis Ende des Jahres wurde wohl gesagt, dann werden wir in das Hauptgebäude umziehen." Petra Hofmann freut sich darüber, am Bahnhof vertreten zu sein. Doch bei der Idee vom autonomen Fahren und bargeldlosen Bezahlen winkt sie ab. "Viele alte Leute scheuen sich vor der Technik. Deswegen ist es gut, dass wir vor Ort sind." Sie könne sich eine digitale Zukunft für Zeitz auch nur schwer vorstellen. In einem Punkt ist sich die 55-Jährige aber sicher: "Wenn keiner was macht, dann passiert doch gar nichts. Hut ab, wer überhaupt Ideen hat."

Wolfgang Obenauf und Marco Penndorf: Skeptisch in die Zukunft

Marco Penndorf (li.) und Küchenchef Wolfgang Obenauf im Restaurant Schloss Moritzburg Zeitz
Marco Penndorf (li.) und Küchenchef Wolfgang Obenauf: Versuchslabor für die Zukunft? "Das wäre nichts für die Menschen hier." Bildrechte: MDR/Martin Paul

Ein großes Schild im Hof des Schlosses Moritzburg weist darauf hin, dass das Kinderwagenmuseum im Januar und Februar geschlossen ist. Der Grund: fehlendes Personal und kein Geld für die Heizung. "Wenn man es sich leisten kann, das Museum zuzumachen." Wolfgang Obenauf, Chef des Schloss-Restaurants ist verwundert und ein wenig verärgert über die kürzlich in Kraft getretene Einsparmaßnahme. Fehlende Museumsbesucher sind auch für ihn fehlende Gäste im Restaurant. Und wie stellt er sich die Zukunft der Stadt vor?

Marco Penndorf ist 24 Jahre alt und angestellt im Service des Restaurants. Er ist skeptisch, ob sich der Abwärtstrend der Stadt mit Zukunftsideen stoppen lässt. Viele seiner Freunde aus der Schule arbeiten bei der Mibrag. Er weiß, wen ein Kohleausstieg 2038 treffen würde. Etwa ein Drittel seiner Klassenkameraden ist aus der Stadt weggezogen, um woanders zu arbeiten – obwohl hier Arbeitskräfte gesucht werden, erzählt sein Chef, Wolfgang Obenauf.

Aber auch er glaubt nicht, dass die Stadt und die Region als Versuchslabor eine Zukunft hat. "Das wäre nichts für die Menschen hier", ist er sich sicher. "Es gibt so viele Leute, die über 60 sind." Was dagegen dringend getan werden müsste: "Häuser sanieren, Besitzverhältnisse klären. Schauen Sie sich mal die Rahnestraße an", gibt mir Obenauf auf den Weg mit.

Das Schloss Moritzburg in Zeitz

Torhaus des Schlosses Moritzburg in Zeitz
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Torhaus des Schlosses Moritzburg in Zeitz
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Dom St. Peter und Paul und Schloss Moritzburg in Zeitz
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Eingang zum Schloss-Restaurant und Schloss Moritzburg in Zeitz
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Marco Penndorf (li.) und Küchenchef Wolfgang Obenauf im Restaurant Schloss Moritzburg Zeitz
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Kinderwagenmuseum im Schloss Moritzburg Zeitz
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Durchgang zum Schloss Moritzburg in Zeitz
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Leerstehende Häuser, verfallene Pracht

Und das mache ich. Ich laufe eine steile Straße entlang, die aus Richtung Schloss zur Michaeliskirche am Rand der Innenstadt führt. Und rechts und links der Straße wunderschöne, leerstehende Häuser. Hier verfallen die ausgeschmückten Fassaden und Jugendstilverzierungen – gebaut Ende des 19. Jahrhunderts in der Gründerzeit, in einer Zeit als Zeitz Industriestadt von Weltrang wurde, wie Oberbürgermeister Christian Thieme es beschreibt. Überall in der Stadt fallen einem die vielen baufälligen, früher einmal herrschaftlichen Häuser und Industriebauten auf. Dazwischen ein paar renovierte und instandgesetzte Immobilien.

Philipp Baumgarten: Kunst in der Kultur

Philipp Baumgarten im "Kunsthaus", der alten Stadtbibliothek von Zeitz
Philipp Baumgarten im "Kunsthaus": "Hier wird Zukunft am dringendsten gebraucht." Bildrechte: MDR/Martin Paul

Philipp Baumgarten ist 33 Jahre alt, bildender Künstler und Verleger. 2018 hat er für das Projekt Open Space Zeitz in dem Gebäude der alten Stadtbibliothek in der Rahnestraße ein Kunsthaus eingerichtet. Die neue Bibliothek hat Quartier am Michaeliskirchhof bezogen. Zehn Künstler nutzen nun die alten Räume als Ateliers. Und heute stellt er einer 12. Klasse das Projekt vor und zeigt die Räume. Die Jugendlichen sitzen in einem Raum mit großem Schaufenster zur Rahnestraße hin.

"Ich versuche den Leerstand in der Stadt mit künstlerischen Interventionsprojekten zugänglich zu machen", erklärt mir Baumgarten seine Ideen. Seit fünf Jahren lebt Baumgarten, der in Zeitz geboren wurde, selbst wieder in der Heimat. "Ich hatte noch lange eine Alibi-Wohnung in Leipzig." Dann habe er sich getraut.

Und was ist wichtig für die Zukunft der Stadt? "Den Abriss stoppen." Gerade habe er selbst ein Haus gekauft, um es vor dem Abriss zu retten. "Es steckt so viel Kunsthandwerk in den Häusern und es geht so viel Wissen verloren, wen man die Häuser abreißt." Er beschreibt den Zustand der Stadt als in einer Art Schwebezustand. Man wisse nicht, ob es weiter bergab oder doch wieder besser wird. Ein Zukunftsinstitut wäre natürlich gut für die Stadt: "Hier wird Zukunft am dringendsten gebraucht."

Kunst in der alte Stadtbibliothek

Schaufenster im Kunsthaus in der alten Stadtbibliothek in der Rahnestraße Zeitz
Bildrechte: MDR/Martin Paul
Schaufenster im Kunsthaus in der alten Stadtbibliothek in der Rahnestraße Zeitz
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Die Rahnestraße mit dem Kunsthaus in der alten Stadtbibliothek in Zeitz
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Kunsthaus in der alten Stadtbibliothek in der Rahnestraße Zeitz
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Kunsthaus in der alten Stadtbibliothek in der Rahnestraße Zeitz
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Philipp Baumgarten im Kunsthaus, in der alten Stadtbibliothek, in der Rahnestraße Zeitz
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Die neue Stadtbibliothek "Martin Luther" am Michaelisplatz in Zeitz
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Paul Maisel: Kunst in der Industrie

Paul Maisel arbeitet in der alten Zeitzer "Nudelfabrik".
Paul Maisel schafft Raum für Künstler: "Ich kann mir die Stadt als Experimentierfläche vorstellen." Bildrechte: MDR/Martin Paul

Für die Zukunft soll auch an einem anderen Ort gesorgt werden. Paul Maisel hat die Pflege, Herrichtung und Verwaltung eines ganz speziellen Objektes übernommen. Das Industriegebäude der ehemaligen Nudelfabrik in der Paul-Roland-Straße. Hier sollen Künstler den Freiraum finden, den sie anderswo nicht mehr finden. Der S-Bahnhof Leipzig-Plagwitz liegt nur 25 Minuten Fahrzeit entfernt. Für Maisel ist die Nudelfabrik die ideale Ergänzung zu der Leipziger Spinnerei – dem ehemaligen Industrie- und jetzt international bekannten Kunstort.

Das Gebäude hat viel hinter sich: Teigwarenfabrik, Möbelhaus, wilde Skaterbahn, Jugendclub. Mathias Mahnke, ein Unternehmer der auch in Leipzig Industriegebäude gekauft und Künstlern zur Verfügung gestellt hat, hatte das Gebäude gekauft. Jetzt lässt er es Stück für Stück herrichten und bietet es Künstlern für ihre Projekte an.

Rundgang durch die Nudelfabrik

Kunstraum und Ateliers in der Alten Nudelfabrik in Zeitz
Bildrechte: MDR/Martin Paul
Kunstraum und Ateliers in der Alten Nudelfabrik in Zeitz
Bildrechte: MDR/Martin Paul
Kunstraum und Ateliers in der Alten Nudelfabrik in Zeitz
Bildrechte: MDR/Martin Paul
Kunstraum und Ateliers in der Alten Nudelfabrik in Zeitz
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Paul Maisel arbeitet in der alten Zeitzer "Nudelfabrik".
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Kunstraum und Ateliers in der Alten Nudelfabrik in Zeitz
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Kunstraum und Ateliers in der Alten Nudelfabrik in Zeitz
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Kunstraum und Ateliers in der Alten Nudelfabrik in Zeitz
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Kunstraum und Ateliers in der Alten Nudelfabrik in Zeitz
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Paul Maisel in der Alten Nudelfabrik in Zeitz
Bildrechte: MDR/Martin Paul
Kunstraum und Ateliers in der Alten Nudelfabrik in Zeitz
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Kunstraum und Ateliers in der Alten Nudelfabrik in Zeitz
Bildrechte: MDR/Martin Paul
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Und was macht das Gebäude attraktiv? Vor allem bietet es ausreichend Platz. "Wir hatten hier ein Tanztheater aus Karlsruhe. Die haben hier geprobt, gewohnt, gekocht und Yoga gemacht hat", erzählt Maisel bei der Führung durchs Haus. Und im größten Raum des Komplexes hat ein Maler ein drei mal sieben Meter großes Bild gemalt – in Leipzig hatte er diesen Platz nicht gefunden.

Dieser Freiraum, ist das was Maisel an Zeitz fasziniert. "Ich kann mir die Stadt als Experimentierfläche vorstellen", erzählt er. "In ganz Leipzig gibt es nicht mehr solche Häuser."

Sabine Schätzke: Für die Bedürftigen

Sabine Schätzke arbeitet für den CJD Sachsen-Anhalt am Standort Zeitz-Weißenfels
Sabine Schätzke: "Was haben wir für Chancen vertan." Bildrechte: MDR/Martin Paul

Welche Wünsche hat jemand an die Zukunft einer Stadt, der täglich mit Langzeitarbeitslosen, Obdachlosen, armen Kindern und sozial Ausgegrenzten arbeitet. Im Osten der Stadt hat das Christliche Jugenddorfwerk Zeitz (CJD) seinen Hauptsitz. Hier kann ich mich mit Sabine Schätzke treffen. Sie leitet dort soziale Projekte, koordiniert die Tafel, Tafelküche und die Möbelbörse.

Die Möbelbörse des CJD in Zeitz
Die Möbelbörse des CJD in Zeitz Bildrechte: MDR/Martin Paul

"Man kann nur hoffen und wünschen, dass man einen Ausgleich schaffen kann. Denn die Region ist arg gebeutelt", erzählt die 62-Jährige. Sie erzählt von Langzeitarbeitslosigkeit, Alkoholismus und Perspektivlosigkeit. "Was haben wir für Chancen vertan. Viele junge Leute, die nie Fuß fassen konnten, haben resigniert."

Aber Schätzke sieht auch die andere Seite. Sie erlebt gut ausgebildete junge Leute, die in der Stadt bleiben wollen, eine Perspektive suchen. Der Abwärtstrend scheint gebannt, die Arbeitslosigkeit ist gesunken, berichtet sie. Dem erneuten Strukturwandel könne man nur begegnen, wenn man offen bleibt und ein Teil der Zeitzer wird aufgeschlossen sein. Aber: "Ein Zukunftsinstitut allein wird unsere Region nicht retten. Handwerk und Industrie müssen auch im Blick behalten werden."

Christian Thieme: Die Fantasie spielen lassen

Der Rathausturm überdem Einganng zum Standesamt in Zeitz
Das Rathaus von Zeitz: Oberbürgermeister Christian Thieme will den Strukturwandel schaffen, bevor niemand mehr in der Kohle arbeite. Bildrechte: MDR/Martin Paul

Mit Oberbürgermeister Christian Thieme habe ich mich zum Telefonieren verabredet. Er erzählt, dass er die Idee eines Zukunftsinstituts gut findet. "Ich bin begeistert von der Idee. Ich verspreche mir viele Impulse davon."

Noch sei kein Vorschlag konkret und es haben noch keine Unternehmen einen Bedarf gezeigt. "Davon ist mir persönlich noch nichts bekannt", erzählt Thieme und schränkt weiter ein: "Nicht jeder in der Stadt wird das Projekt gut finden. Da haben die Menschen hier zu viel durchgemacht."

Christian Thieme - Oberbürgermeister in Zeitz 3 min
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MDR um 4 Do 10.01.2019 16:00Uhr 02:41 min

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Das Problem der Stadt sei, dass nach 1989 ein Großteil der hochqualifizierten Menschen abgewandert ist. Thieme spricht von 20.000 Industriearbeitsplätzen die weggebrochen sind. Deswegen habe man jetzt einen relativ hohen Anteil an älteren Menschen hier. "Es sterben mehr Menschen als geboren werden – und diese Differenz bewirkt den Bevölkerungsrückgang."

Die Arbeitslosenquote sei eigentlich sehr gut, man habe sogar mehr Einpendler als Auspendler in die Stadt. "Wir haben 2.500 Menschen in der Braunkohle bei Mibrag beschäftigt, die Stiftung Seniorenhilfe mit 630 Arbeitsplätzen, 430 Arbeitsplätze bei Südzucker und im Chemie und Industriepark mit 1.000 Arbeitnehmer direkt und indirekt beschäftigt."

Thieme setzt vor allem auf neue Industriearbeitsplätze, auf Erneuerung der Infrastruktur. "Es macht das Paket aus mehreren Maßnahmen", erklärt er. Was bei einem Zukunftsinstitut am Ende heraus komme, das wisse man noch nicht. "Da kann man seine Fantasie spielen lassen. Zunächst müssen aber noch konkrete Ideen entwickelt werden."

Zündfunke der Zukunft

Die Silhouette von Zeitz in der Abenddämmerung
Zeitz in der Abenddämmerung: "Die Menschen hier haben viel durchgemacht." Bildrechte: MDR/Martin Paul

Verfallene Häuser, Wegzug der Menschen, der Kohleausstieg bis 2038, wieder einmal Strukturwandel, Arbeitslosigkeit und Zukunftsfantasien einer digitalen Versuchsstadt – als ich die Stadt am Abend wieder verlasse, stelle ich fest: Zeitz ist schön. Wunderschön. Die vielen alten und verlassenen Häuser strahlen trotz ihres Zustandes eine ganz eigene Schönheit aus.

Ein ganz sicher vermessenes Empfinden, da man als Außenstehender die verfallene Eleganz der Stadt genießen kann, ohne auf die Infrastruktur angewiesen zu sein, ohne hier zu leben und zu arbeiten.

Und: Zeitz ist im Gespräch – bei Politikern, Künstlern, in den Medien. Das ist gut.

Wird man die Menschen aber von einem eventuellen Zukunftsprojekt überzeugen, sie mitnehmen können? Das wird schwer. Denn, wie Oberbürgermeister Thieme es ausgedrückt hat: "Da haben die Menschen hier zu viel durchgemacht." Aber vielleicht ist gerade hier in Zeitz die Fantasie wirklich der Zündfunke der Zukunft.

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Martin Paul ist seit 2014 Onlineredakteur bei MDR SACHSEN-ANHALT. Zuvor arbeitete er als Redakteur und in der digitalen Produktentwicklung bei der Mitteldeutschen Zeitung und absolvierte dort ein online-journalistisches Volontariat. Er studierte Kulturwissenschaften in Leipzig und Multimedia & Autorschaft an der Uni in Halle.

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. Januar 2019 | 05:19 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Februar 2019, 20:03 Uhr

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1 Kommentar

14.02.2019 14:01 Anhaltiner 1

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