Hardtlack Verein "Habt ihr Bock?" – Wie sich Jugendliche für Nebra einsetzen

Was mit illegalen Open-Air-Veranstaltungen begann, ist heute eine feste Größe in Nebra im Burgenlandkreis: der Hardtlack e.V. Die Mitglieder sind ungewöhnlich jung und wollen etwas gegen den Stillstand in ihrem Ort tun.

Luise Kotulla
Bildrechte: Alexander Kühne

von Luise Kotulla, MDR SACHSEN-ANHALT

Philipp vom Hardtlack e.V. (mitte) gibt in den Vereinsräumen in Nebra einen DJ-Workshop
Philipp vom Hardtlack e.V. (Mitte) gibt in den Vereinsräumen in Nebra einen DJ-Workshop. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

"Irgendwann hast du den Takt im Fuß mit drin, den übernimmst du dann auf die Hand, auf den Arm, und dann mixt du die zweite Platte mit rein", erklärt Philipp Eichler – tätowierter Arm, dicke Brille, voller Bart – seinen Workshop-Teilnehmern. Philipp ist seit Jahren als DJ unterwegs, von Anfang an Mitglied im Hardtlack e.V. und nun stolzer Workshop-Leiter. Kostenlos bietet er den Jungs, die es interessiert, einen ganzen Tag geballtes Wissen in Theorie und natürlich auch Praxis am Plattenteller.

Die Bässe dröhnen durch das Vereinsdomizil gleich am Markt von Nebra, doch die Lautstärke stört niemanden – trotz geöffneter Türen. Nebra ist an diesem Tag wie ausgestorben, von Vormittag bis Abend ist in der Innenstadt so gut wie niemand unterwegs. Für Jugendliche gibt es hier nicht viel, das wissen die 40 Vereinsmitglieder vom Hardtlack e.V. nur zu gut.

Nichts los in Nebra?

"Wir haben weder Kino noch haben wir irgendwelche Tanzveranstaltungen. Ist alles Rentner-Treff", erzählt ein Workshop-Teilnehmer. "Es ist schwierig, in Nebra als jemand Junges ein Hobby zu finden", sagt Ina, die sich beim Verein um die Finanzen kümmert. Und Vorstandsmitglied Danny bringt es auf den Punkt: „"Ist man so alt, dass man Auto fahren kann, kann man zumindest irgendwo hinfahren. Ist man so jung, dass man es nicht kann, muss man in Nebra bleiben und hat das Problem, dass nichts los ist."

Was ist der Hardtlack e.V.?

Einen im Lack haben – will heißen, betrunken sein – und hart feiern, daraus setzt sich der etwas ungewöhnliche Name des Vereins zusammen. Vor sieben Jahren hatte sich eine Freundesgruppe in Nebra zusammengefunden, die den Stillstand in der Kleinstadt nicht mehr hinnehmen wollte. Seitdem organisieren sie Konzerte und Events – und kümmern sich um die Jugend. Denn der eigentliche Jugendclub im Ort ist, wie so vieles, mittlerweile geschlossen.

Die 40 Mitglieder sehen die Jugendförderung als Vereinsziel. Das jüngste Mitglied ist 17 Jahre alt, die ältesten gehen auf die 40 zu. Beim Hardtlack e.V. will man aber nicht nur "Party machen". Ganz Nebra soll vom Verein belebt werden, Jung und Alt. Mit Erfolg: Im Jahr 2018 gewann der Hardtlack e.V. beim Demografie-Preis Sachsen-Anhalt in der Kategorie "Anpacken: Lebensfreude in Stadt und Land".

Vereinsarbeit gegen den Stillstand: Hardtlack in Nebra

Im Gebäude des ehemaligen städtischen Jugendclubs an der Promenade 13a, zwischen Kirche und Rathaus, ist der Verein Hardlack untergebracht.
Ihre Vereinsräume haben die Mitglieder vom Hardtlack e.V. seit fast zwei Jahren genau am Markt von Nebra, zwischen Kirche und Rathaus. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
Im Gebäude des ehemaligen städtischen Jugendclubs an der Promenade 13a, zwischen Kirche und Rathaus, ist der Verein Hardlack untergebracht.
Ihre Vereinsräume haben die Mitglieder vom Hardtlack e.V. seit fast zwei Jahren genau am Markt von Nebra, zwischen Kirche und Rathaus. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
Promenade 13a: Schild mit der Adresse des ehemaligen städtischen Jugendclubs Nebra
Vorher war im Gebäude der städtische Jugendclub untergebracht. Der musste allerdings schließen. Nur das alte Schild erinnert an die Zeit davor. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
Mitglieder des Vereins Hardlack inNebra
Jetzt füllen die "Neuen" die Räume mit Leben. Die Mitglieder vom Verein haben eine neue Bar eingebaut. Sie mussten die Räume selbst renovieren und verschönern, doch das war dank handwerklich begabter Freunde kein Problem. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
DJ-Workshop des Vereins Hardlack
Der Verein finanziert sich nur aus den Einnahmen von Partys und Konzerten – deshalb ist die Bar essentiell. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
Philipp vom Hardtlack e.V. (mitte) gibt in den Vereinsräumen in Nebra einen DJ-Workshop
Die Mitglieder haben durch ihre jahrelange Vereinsarbeit viel gelernt: Wie organisiert man Veranstaltungen, wie funktioniert Öffentlichkeitsarbeit, wie meldet man sich bei der GEMA? Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
Philipp (li.) und Frenzen sind DJs und Mitglieder im Hardtlack e.V.
Im Zentrum steht aber immer: die Musik. Hier die Mitglieder Philipp (li.) und Frenzen mit einer Hard & Smart-Platte. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
Mitglieder des Vereins Hardlack Nebra
Viele von ihnen wohnen aber gar nicht mehr im Ort und kommen nur am Wochenende in die alte Heimat. Sie studieren in Halle, arbeiten in Leipzig oder noch weiter entfernt im Westen von Deutschland. Ihre Einstellung ist jedoch: Bevor man nur meckert, selber machen – denn an Nebra hängen sie alle. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
Leon Christiani (re.), Mitglied im Hardlack e.V.
Einer der geblieben ist, ist der 17-jährige Leon Christiani (r.). Er wohnt noch in Nebra und will neuer Vereinsvorsitzender werden. Dafür muss er allerdings erst noch volljährig werden: "Ich möchte gern Vorsitzender sein, um der nachkommenden Generation auch was zu bieten und Nebra zu beleben – das ist in dem Verein ziemlich schön." Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
Flyer und Aufkleber des Hardlack e.V.
Der Hardlack e.V. wurde 2013 mit dem Ziel, die "Heimat nicht dem totalen Stillstand, welcher für ländliche Regionen so typisch ist, anheimfallen zu lassen" gegründet.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 16.05.2019 | 19 Uhr
Quelle: MDR/mp
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Nichts los in Nebra – das versuchen die Mitglieder des Hardtlack e.V. zu ändern. Sie sind zwischen 17 und Mitte 30, alle miteinander befreundet und haben in den letzten Jahren schon riesige Konzerte auf die Beine gestellt. Zu ihren Open-Air-Veranstaltungen an der Arche Nebra kamen hunderte Partygäste, es gab Diskonächte, ein kleines Festival – und und und.

Wiese gemäht, Bierzeltgarnitur hingestellt, einen Kühlschrank dahinter, dazu drei DJs geholt. Und dann ging das los.

Philipp Eichler über die Anfänge des Vereins

Los ging es für den Verein aber mit inoffiziellen Partys auf einer Streuobstwiese, die etwa eineinhalb Kilometer von Nebra entfernt im Grünen liegt. "Wiese gemäht, Bierzeltgarnitur hingestellt, einen Kühlschrank dahinter, einen Pavillon aufgestellt", erinnert sich Philipp Eichler, der heute den Workshop gibt. "Dazu drei DJs geholt, ‚Habt ihr Bock?‘, und dann ging das los", erzählt er.

Philipp war vor acht Jahren natürlich einer der DJs. Die Veranstaltungen wurden größer und größer, bei bestem Sommerwetter und freundschaftlichem Flair. So entstand dann die Idee: Wir brauchen Strukturen, wir gründen einen Verein.

Nicht nur für Jugendliche da

Den Ort hatten und haben die jungen Leute dabei fast immer hinter sich, denn sie wollen ganz Nebra bereichern, wie ihr Vorsitzender Marco Bickel erzählt. Es gehe um die "Signalwirkung, dass das Leben zurückkehrt", erzählt er. Dazu spenden die Vereinsmitglieder immer wieder von ihren Party-Einnahmen: für das Schwimmbad, den Fußballverein, für Flutopfer.

Ihr Vereinsdomizil haben sie gleich gegenüber vom Rathaus, allein das verpflichte. Für die Zukunft planen sie zum Beispiel auch Lesungen, denn sie wollen eben nicht nur für die Jugendlichen aus und um Nebra da sein.

Luise Kotulla
Bildrechte: Alexander Kühne

Über die Autorin Luise Kotulla arbeitet seit 2016 als freie Mitarbeiterin bei MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online-Redaktion und als Fernsehredakteurin für SACHSEN-ANHALT HEUTE. Schwerpunkte der gebürtigen Hallenserin sind Themen aus dem Süden Sachsen-Anhalts, rund um engagierte Menschen und Probleme vor Ort. Außerdem ist sie für MDR um 4 als Fernsehredakteur unterwegs. Bevor sie zum MDR kam, hat sie beim Stadtfernsehen TV Halle gearbeitet. Sie studierte Geschichte, Medienwissenschaft und Online-Journalismus in Halle und Großbritannien. Ihre Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt liegen in und um Halle, im Burgenlandkreis und im Harz.

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 16. Mai 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2019, 20:18 Uhr

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