Hohenmölsen Stadtansicht
Hohenmölsen ist eine Bergarbeiter-Stadt. Noch. Für die Zukunft gibt es aber schon Pläne auf dem Papier. Bildrechte: imago stock&people

Bürgermeister im Interview Hohenmölsen nach der Kohle: "Noch fehlt Zuversicht"

Kohleausstieg bis 2038, Milliarden-Fördermittel für den nötigen Strukturwandel und viele Ideen für die betroffenen Regionen in Sachsen-Anhalt – das alles beinhaltet der Abschlussbericht der Kohlekommission. Wie die Maßnahmen künftig Arbeitsplätze in der Region schaffen sollen, fragt sich auch der Bürgermeister von Hohenmölsen, Andy Haugk. Zu seiner Gemeinde gehört der Braunkohletagebau Profen. MDR SACHSEN-ANHALT hat mit ihm über den Strukturwandel und den Abschlussbericht gesprochen.

Hohenmölsen Stadtansicht
Hohenmölsen ist eine Bergarbeiter-Stadt. Noch. Für die Zukunft gibt es aber schon Pläne auf dem Papier. Bildrechte: imago stock&people

Was bedeutet der Kohleausstieg für Sachsen-Anhalt?

Das Mitteldeutsche Kohlerevier umfasst Teile Sachsen-Anhalts, Nordsachsens sowie das Altenburger Land in Thüringen. In dieser Region arbeiten 3.500 Menschen direkt in der Kohle. Schätzungen zufolge ist die Hälfte davon bis 2038 bereits in Rente. Weitere 7.000 sind indirekt in der Kohlebranche beschäftigt – etwa in der Instandhaltung. Weitere 27.000 Beschäftigte, 15.000 davon in Sachsen-Anhalt, arbeiten in Branchen, welche viel Energie brauchen und bislang vom günstigen Kohlestrom profitieren. Die Hälfte der direkt Beschäftigten ist bis 2038 bereits in Rente.

Nach den Worten von Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann kann Sachsen-Anhalt für die Vorbereitung auf den Kohle-Ausstieg bis 2038 jährlich 400 Millionen Euro einplanen. Insgesamt sollen die Länder NRW, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Brandenburg über die 20 Jahre 40 Milliarden Euro Hilfe bekommen, sowie zusätzliche Unterstützung für die Verkehrsanbindung. Privathaushalte und Unternehmen sollen ab 2023 von möglichen steigenden Strompreisen entlastet werden, was weitere zwei Milliarden Euro kosten könnte.

Welche Ideen stecken im Kohleausstiegs-Papier?

113 Zukunfts-Ideen für die Zeit nach der Kohle hat das Land zusammen getragen. Es gibt Vorschläge für neue Gewerbegebiete an der A9 bei Weißenfels und in Zeitz und Infrastrukturmaßnahmen an bestehenden Gewerbegebieten, um diese besser anzubinden und ausbauen zu können. Es soll ein Energiepark in Profen entwickelt werden, ein Zukunftsinstitut in Zeitz entstehen, und das S-Bahn Netz soll im Süden Sachsen Anhalts ausgebaut werden, sodass man schneller in Leipzig, Halle und Gera ist. Doch es gab auch einige Vorschläge, die für Kopfschütteln bei Kommunalpoltikern im Burgenlandkreis gesorgt haben, wie zum Beispiel die Ausstattung einer Vinothek in Naumburg, ein neues Parkhaus für den Saaletourismus in Halle, ein neuer Aussichtsturm am Geiseltalsee oder die Reinigung der Außenhaut des Naumburger Doms.

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Haugk, wie geht es den Menschen in Hohenmölsen gerade?

Andy Haugk: Die Menschen sind momentan ziemlich verunsichert, denn sie wissen jetzt, dass es einen Ausstieg aus der Kohle geben soll, so die Empfehlung der Kommission. Aber die Zuversicht, die wir brauchen, dass es danach auch vernünftig weitergeht mit Arbeitsplätzen, mit dem kulturellen Leben, mit dem Leben überhaupt hier in dieser Region, die konnte noch nicht genügend durch die Politik vermittelt werden.

Wie abhängig ist die Stadt von der Braunkohle?

Wir sind ja hier in der Bergarbeiter-Stadt Hohenmölsen und alles was Sie an Errungenschaften sehen – die Schulen, die Kindergärten, die sanierte Innenstadt – all das wäre ohne die Braunkohle nicht möglich gewesen. Und noch heute ist es so, dass die meisten Menschen in der Kohle arbeiten, gut bezahlte Arbeitsplätze dort haben und wir auch als Stadt alle mit der Zusammenarbeit im Bergbau-Unternehmen profitieren. Wenn das wegfällt, reißt es ein großes Loch und das gilt es nicht zuzulassen.

Wie ist denn Ihre Vision von Hohenmölsen in 2038?

Dass wir mit viel Vernunft noch immer eine Energiewende betreiben, dass wir den Bodenschatz Braunkohle weiterhin im Blick halten – der hat hier über Jahrhunderte die Menschen mit Wohlstand versorgt – und dass wir natürlich Klimaschutz, Arbeitsplätze, Kultur, Leben im ländlichen Raum gut vorangebracht haben.

Was braucht die Region jetzt für den Strukturwandel?

Andy Haugk
Andy Haugk ist seit 2011 Hohenmölsens Bürgermeister. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In erster Linie müssen wir natürlich Infrastrukturen wiederherstellen, die wir durch den Bergbau viele Jahre lang nicht hatten: Da gilt es Straßen leistungsfähig zu gestalten, etwa die Ost-West-Verbindung nach Sachsen. Aber natürlich brauchen wir auch die Plätze, wo wir Industrien ansiedeln können. Da hat die Bergbaufolgelandschaft, da hat das Bergbauunternehmen schon jetzt zahlreiche Möglichkeiten. Wir müssen die Chance in dem Moment nutzen, wo die Fachkräfte noch da sind, diese auch auf neue Technologien und neue Aufgaben vorzubereiten.

Was sind Ihrer Meinung nach sinnvolle Vorschläge in dem Abschlussbericht der Kohlekommission?

Wir sehen ja dort zum Beispiel Hinweise auf die Industrieflächen, die es hier im Burgenlandkreis gibt. Diese müssen revitalisiert werden und der Vermarktung der Industrieansiedlung zugeführt werden. Verkehrsprojekte, Infrastrukturprojekte, die Stärken des öffentlichen Nahverkehrs – all das sind nützliche Maßnahmen, die wir jetzt wirksam entwickeln können.

Braunkohletagebau Profen
Der Braunkohletagebau Profen wird in wenigen Jahrzehnten Geschichte sein. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

In dem Bericht steht, dass das alles Vorschläge sind. Was muss passieren, damit sie auch umgesetzt werden?

Ich glaube, was jetzt ganz besonders wichtig ist, ist, dass wir aus dem vorhandenen rechtlich-formellen Rahmen herauskommen, den wir in Deutschland und in Europa haben. Wenn wir wirklich so viele Millionen Euro auf's Gleis bringen wollen, brauchen wir Erleichterungsgesetze – Investitions-Erleichterungsgesetze, Sonder-Förder-Regionen, damit es viel schneller zu Baurecht kommen kann und wir so viel schneller die formellen Hürden umschiffen können.

Gibt es Vorschläge im Bericht, bei denen Sie den Kopf schütteln?

Also ich halte sehr viel vom Rosarium Sangerhausen und vom Dom in Naumburg, dessen Aufwertung sowieso schon fest steht. Aber wenn man das daran misst, wie viele Arbeitsplätze es für die Kumpel in der Braunkohle bringt, dann sehe ich noch nicht eine unmittelbare Beziehung.

Ist die Liste Ihrer Meinung nach gut durchdacht?

Ich denke, das ist eine Empfehlung der Kohlekommission und die eigentliche Arbeit muss jetzt die Politik machen. Man muss jetzt Kriterien formulieren, an denen man all diese Projekte, diese Ideen, misst. Und maßgeblich muss sein: Wir sind hier mitten im Herz des Braunkohlereviers. Hier sind viele Menschen, die ihr Lohn und Brot im Tagebau verdienen, die gut ausgebildet sind und die heute Zuversicht und Perspektiven brauchen. Das wäre der Maßstab. Wo können diese vor allem jungen Menschen – gut ausgebildete Fachkräfte – mit diesen Projekten in diesem Papier in Zukunft ihre Arbeitsplätze finden?

Was sind die Fragen, die Sie hatten, als sie das durchgelesen haben?

Zuerst habe ich mich gefragt, wie diese Ideensammlung überhaupt entstanden ist, denn ganz viele Akteure haben sich beteiligt, wir auch als Stadt Hohenmölsen. Und die Frage ist jetzt: Wie kommt dann die Priorisierung zustande? Denn die Mittel, die zur Verfügung stehen, sind doch sehr begrenzt, wenn man sie auf ein Jahr herunterrechnet. Und da muss man jetzt jeden Euro dreimal umdrehen.

Das Interview führte Charlotte Tennler.

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Bildrechte: MDR/Oliver Hauswald

Quelle: MDR/ap

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 21. Februar 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Februar 2019, 21:15 Uhr

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5 Kommentare

23.02.2019 15:09 Eulenspiegel 2 5

Weiter wenn hie jemand die Autoindustrie platt macht so ist das doch die Autoindustrie selber. Denn sie hat doch mit kriminellen Methoden vorgetäuscht Grenzwerte einzuhalten um sich Investitionen zu Weiterentwicklung von Antriebstechniken und Investition zur Endwicklung von neuen Antriebstechniken zu sparen. Frei nach dem Motto jeder investiert EURO reduziert die Profitmaximierung.

23.02.2019 14:49 Eulenspiegel 1 4

Hallo Sven Reinhardt 3
Ich denke eins muss man mal klar schreiben:
Die Landesregierung kann keine Arbeitsplätze schaffen. Sie kann aber Rahmenbedingungen schaffen um die Neuansiedlung von Industrie und Gewerbe zu optimieren. Dazu gehört dann Autobahnanschlüsse, Bahnanschlüsse, Gewerbeflächen u.s.w. Und was da alle möglich ist das zeigt doch ein Blick in dir Vergangenheit. Christbaumkugen, Weihnachtsschmuck und Holzschnitzerei aus dem Erzgebirge ist weltberühmt. Und wie kam das dazu? Also ganz bestimmt nicht in dem die damalige Regierung gesagt hat also mit dem Erzabbau könnt ihr euren Lebensunterhalt nicht mehr verdienen darum baut die Regierung jetzt hier eine Reihe Glashütten zur Produktion von Weihnachtskugeln auf. Und ein paar Holzschnitzereien kommen auch noch dazu.

23.02.2019 12:57 Sven Reinhardt 3

Neue Industrie hier anzusiedeln ist mehr als schwer.
Der Anschluss an die A38 ist ein wichtiger erster Schritt dem dann hoffentlich weitere folgen mit dem Ziel einer Neuansiedlung von Industrie mit langjährigen gut bezahlten Arbeitsplätzen.
Wenn die Politik in Deutschland allerdings so weitergeht wie derzeit,seh ich weitere Schlüsselindustrien vor dem aus....Autoindustrie...Solarzellenherstellung...Forschung.
Es müssen endlich wieder Innovationen möglich sein, ohne das man sie im Keim erstickt und alles aber auch alles dem KLIMAWANDELWAHNSIN unterordnen tut.
Zukunft beginnt mit Ideen und derer Förderung und nicht mit Paragraphen und Hindernissen!!!!
Man sollte sich bewusst sein das ohne Industrie dieses Land keine Zukunft hat....Menschen brauchen gut bezahlte Arbeit sonst blutet dieses Land aus!!!!

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