Zeitz – eine Stadt sucht ihre Zukunft Der Kohleausstieg: Fluch oder Segen für Zeitz?

Der Ausstieg aus der Braunkohle wird vor allem für den Süden von Sachsen-Anhalt massive Veränderungen mit sich bringen. Wo werden die Kohlekumpel in Zukunft arbeiten? Und wie kann verhindert werden, dass erneut unzählige Menschen abwandern? Das sind große Fragen, die in Zeitz unter anderem mit einem sogenannten Zukunftsinstitut beantwortet werden sollen. MDR SACHSEN-ANHALT hat vor Ort mit Menschen gesprochen, die der Kohleausstieg betrifft.

Bis 2038 wollen sie nicht warten. Das würde den Verantwortlichen des Unternehmens Radici dann doch zu lange dauern. Und auch sonst wird im Chemie- und Industriepark in Zeitz geforscht, was Alternativen zur Kohle sein können. Denn: Viele der 15 Unternehmen im Chemie- und Industriepark sind ganz unmittelbar vom Ausstieg aus der Braunkohleverstromung bis 2038 betroffen – so wie Radici.

In dem Zeitzer Werk werden 320 Tonnen Adipinsäure für Kunstfasern und Kunststoffe produziert. Pro Tag. "Wir haben einen sehr hohen Strombedarf", sagt Werksleiter Jens Metzner. Um den zu decken, ist Kohlestrom bislang unerlässlich. 50 Gigawattstunden Strom werden hier verbraucht, erzählt Metzner – so viel, wie nach seinen Schätzungen pro Jahr in einem ganzen Dorf verbraucht wird. Etwa doppelt so viel benötigt Radici an Wärmeenergie und die wird bislang von außerhalb bezogen.

Für die Wärmeenergie gibt es in dem Werk eine eigene Anlage, betrieben mit Kohlestaub. "Wir können natürlich den Braunkohlenstaub derzeit noch nicht direkt ersetzen", sagt Getec-Ingenieur Jens Stutzner. "Aber wir forschen daran und haben eine Lösung mittlerweile, das mit Biogenen Staub zu ersetzen."

Antworten auf drängende Fragen Im Reportage-Projekt "Zeitz – eine Stadt sucht ihre Zukunft" hat MDR SACHSEN-ANHALT mit vielen Bürgern gesprochen. Jede der fünf Folgen der TV-Serie beschäftigt sich mit einem kommunalpolitischen Schwerpunkt-Thema: Straßenausbaugebühren, Braunkohleausstieg, Leerstand in den Innenstädten, Abwanderung und leere Stadtkassen. Diese Probleme sind überall im Land wichtig. Doch welche Ideen und Lösungsvorschläge haben die Parteien, die jetzt landesweit in den Wahlkampf ziehen? MDR SACHSEN-ANHALT hat alle 15 zugelassenen Parteien dazu befragt. Bis Freitag veröffentlichen wir täglich im Anschluss an unsere Zeitz-Reportage auf der Online-Seite die Antworten der Parteien auf unsere Frage. Wir schaffen Transparenz und die Nutzer bekommen einen Gesamtüberblick über fünf drängende Probleme. So können Sie die Parteien-Positionen in Ruhe miteinander vergleichen und sich vor der Wahl Ihr eigenes Urteil bilden.

Der Chemie- und Industriepark Zeitz liegt keine zehn Kilometer vom Braunkohletagebau Profen entfernt. Vor allem für die Angestellten hier kommt der Kohleausstieg einem massiven Einschnitt gleich. Viele fragen sich: Was wird aus mir, wenn in Profen die letzten Bagger abrücken?

Der Job von Arvid Friebe ist es, Fragen wie diese zu beantworten. Friebe ist Strukturwandel-Beauftragter für das Kernrevier Burgenlandkreis – und sagt, dass Zeitz in 30, 40 Jahren eine Art Vorort von Leipzig sein wird. "Ein Vorgarten 4.0 quasi", meint Friebe.

Wie das aussehen soll? Die Kohlekommission hat konkret für Zeitz unter anderem eine bessere S-Bahn-Anbindung an Leipzig, die Profilierung der bestehenden Industrie oder aber die Gründung eines Zukunftsinstituts vorgeschlagen. Kostenpunkt für Letzteres? Rund 500 Millionen Euro. Die Idee dazu hatte vor einiger Zeit CDU-Staatssekretärin Tamara Zieschang ins Gespräch gebracht.

Sie hofft, dass sich in einem solchen Institut Existenzgründer, Unternehmer und Wissenschaftler gemeinsam Gedanken über die Zukunft machen – für "wirtschaftliche und zukunftsfähige Lösungen", wie Zieschang sagt. In trockenen Tüchern ist das noch nicht, der Bundestag soll planmäßig aber noch vor der Sommerpause darüber abstimmen.

Noch also ist das Zukunftsinstitut buchstäblich Zukunftsmusik – und für viele Menschen in Zeitz demnach wenig konkret. "Ich kann mir das noch nicht vorstellen", sagt eine Frau, als MDR SACHSEN-ANHALT nach ihrer Meinung zum Strukturwandel – und wie man ihn bewältigen kann – fragt. Da hänge so vieles rundherum an der Kohle, sagt sie. Ein Mann gibt sich ebenfalls wenig optimistisch. "Egal, was entschieden wird: Es wird Zeitz nicht retten", sagt er. Dafür habe die Stadt in der Vergangenheit einfach zu viel verloren. Zu viele Arbeitsplätze. Zu viele junge Menschen.

Und offenbar, so denkt man nach manchem Gespräch, auch die eine oder andere Vision für die Zukunft.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 02. April 2019 | 19:00 Uhr

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4 Kommentare

03.04.2019 11:31 Bernd 4

@3 mir es es mittlerweile egal wo die Dame herkommt. Wichtig waere dass da Ideen kommen. Und ob ein Zukunftsinstitut nun die Arbeitsplaetze fuer Fahrer von Abraumbaggern bringt glaube ich nicht. Eine bessere Anbindung mittels Bahn und Strasse mag da mehr bringen aber da die Strecke nicht elektrifiziert ist und das aktuell auch nicht geplant muss es nicht zwingend S-Bahn sein. Ein guter Taktverkehr koennte da reichen. Ja Rekultivierung wird wohl einige Arbeitsplaetze bringen.

02.04.2019 20:33 Elbeschwimmer 3

Entschuldigung vorab. Eigentlich wollte ich nach fast 30 Jahren nichts mehr von Ossi und Wessi wissen. Aber bei dieser Frau muß ich äußern. Für mich ist sie ein "wandernder Parteisklave". Geboren im Saarland, Studium in Bayern, für die CDU in Berlin und Brandenburg tätig, dann nach gescheiterter Wahl nach Schleswig-Holstein geflüchtet. Nach dortigem Regierungswechsel in Sachsen-Anhalt gelandet. Und nun will diese Frau uns was über Zeitz erzählen. Warum müssen immer "Wessis" unsere Politik machen? Entschuldigung, ich bin kein Sachsen-Anhalter, sonder ein vor 35 Jahren eingewanderter Thüringer.
Wird das gelöscht MDR?

02.04.2019 19:32 Blau 2

Ich kann Ihnen sagen, wo Sie die Antwort finden. Fragen Sie mal alle ehemalige Schwermaschienbauer Arbeiter aus Magdeburg, so wie z.B. SKET, SKL, MAW, RAW, Konsum und so weiter, die nach der Wende Ihren Arbeitsplatz verloren haben, das waren mehr als nur ein paar 1000 Leute und dies nur in einer Stadt aus Sachen-Anhalt. Die Stadt Magdeburg ist deshalb nicht unter gegangen , sondern gestärkt hervor gekommen. Man soll nicht nach den Schwachpunkte suchen, sondern wo liegen unsere Stärken. Man muss nach vorne schauen und die Zukunft sehen und nicht nach hinten schauen was war. Es gibt immer ein heute und morgen, sonst würden wir immer noch in der Steinzeit leben. Schauen wir nur mal in die Mikroelektronik, Mikromechanik, der Medizin, der Raumfahrt da steckt eine Menge Zukunft drin. Genauso kann ich mir eine alte asiatische Wasser - und Kulturlandschaft vorstellen oder eine hoch moderne Stadt nach den neusten Stand der Technik für ältere Menschen und Behinderte.

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