Schlachthof Weißenfels Recherchen zu Missständen bei Tönnies: "Es hat sich nichts geändert"

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Unbezahlte Überstunden und willkürliche Entlassungen – das sind Bedingungen, denen Mitarbeitende in Fleischfabriken ausgesetzt sind. Die MDR-Reporterin Carina Huppertz berichtete 2017 von Missständen im Schlachthof Weißenfels. Drei Jahre später erzählt sie von den Recherchen und schildert, ob sich vor Ort etwas verändert hat.

Schlachthofmitarbeiterinnen nehmen Schweinehälften aus.
Mitarbeitende in Schlachthöfen müssen unter schwierigen Bedingungen arbeiten. (Archivbild) Bildrechte: Colourbox.de

Du hast 2017 für MDR Exakt einen Film gedreht, in dem es um den Schlachthof in Weißenfels sowie die Arbeits- und Lebensbedingungen der Mitarbeitenden ging. Was waren die wichtigsten Erkenntnisse?

Carina Huppertz: Wir haben nur mit einem Bruchteil der Leute gesprochen. Da arbeiten mehrere tausend Menschen, da konnten wir natürlich nicht alle befragen. Aber der Eindruck war bei allen, mit denen wir gesprochen haben – es waren Rumänen, Polen und Bulgaren – ähnlich.

Entweder hatten sie Angst und wollten nicht mit uns sprechen. Oder wenn sie mit uns gesprochen haben, waren sie unzufrieden. Dann hieß es: "Das sind hier Verbrecher. Uns werden nicht alle Stunden bezahlt. Die Wohnungen sind Schrott. Ich habe mich verletzt und durfte nicht zum Arzt." Es gab also bei allen Dingen, die nicht gut gelaufen sind.

Carina Huppertz
Bildrechte: MDR/ Carina Huppertz

Zur Person Carina Huppertz ist seit 2016 für die politischen Magazine des MDR bzw. MDR Exakt als Reporterin tätig. In ihren Recherchen geht es hauptsächlich um Inneres, Extremismus und schlechte Arbeitsbedingungen. Sie hat z.B. zur Baubranche und zur Fleischwirtschaft recherchiert, aber auch schon zur Sparkasse Stendal.

Konntet ihr diese Aussagen auch in irgendeiner Form überprüfen?

Beim Thema Arbeit ist die Beweisführung relativ schwierig. Die meisten sagen, sie arbeiten mehr Stunden, als sie bezahlt bekommen. Die Abrechnungen sind aber sauber. Da stehen die Stunden drauf, die in einem Monat erlaubt sind. Teilweise schreiben sich die Mitarbeitenden aber ihre Stunden auf, die sie tatsächlich gearbeitet haben. Und das entspricht dann nicht dem, was auf der Abrechnung steht. Dann steht aber Aussage gegen Aussage. Deswegen ist es schwer, da etwas zu beweisen. Da es aber sehr viele Leute erzählen und sich die Geschichten gleichen, halte ich es für plausibel.

Mit den Wohnungen war das anders. Da haben uns ein paar Leute herein gelassen – etwa am Kornwestheimer Ring in Weißenfels. Das waren Gebäude, die etwas heruntergerockt waren und von den Werkvertragsfirmen angemietet wurden. Aber sie waren damals auch mit sehr vielen Leuten belegt. Da haben sich zwei Leute ein Zimmer geteilt und acht bis zehn eine Wohnung. Dann gab es ein Bad für alle, was auch nicht im besten Zustand war. In der Küche waren manche Schubladen voll mit Kakerlaken. Da gehört sicher auch dazu, wie ich da sauber mache. Aber wenn ich bis zu 12 Stunden am Tag arbeite und da zu zehnt lebe, ist es eben schwierig, das sauber zu halten. So haben wir versucht, das nachzuprüfen.

In Weißenfels kommt die Mehrzahl der Mitarbeitenden aus dem Ausland. 50 Prozent haben einen Werkvertrag. Welche Rolle spielen denn Sprachbarrieren oder das fehlende Wissen über die eigenen Rechte?

Das ist auf jeden Fall ein Faktor. Viele kennen nicht alle Rechte, die sie haben. Deswegen trauen sie sich auch nicht, gegen ihren Arbeitgeber vorzugehen. Auch sprachliche Barrieren sind ein großes Problem. Viele Leute kommen über einen Vermittler aus ihrem Heimatland hierher. Sie lesen zum Beispiel eine polnische Anzeige und rufen dann eine polnische Nummer an. Auch hier nimmt sie dann der polnische Vorarbeiter in Empfang und erklärt ihnen alles auf Polnisch. Durch den geringen Kontakt zu den Leuten in Weißenfels lernen viele Leute dann auch gar kein Deutsch – und erfahren so auch nicht, dass sie vielleicht nicht richtig behandelt werden.

Nicht nur in eurem Film gab es viel Kritik an den Arbeitsbedingungen und an den Werkverträgen. Wie funktioniert das System mit den Werkverträgen und was ist das Problem daran?

Tönnies macht Verträge mit kleineren Firmen. Keine Einzelpersonen, sondern Unternehmen. Der Vertrag regelt dann, dass eine konkrete Aufgabe erfüllt wird – also etwa, dass eine bestimmte Menge von Schweinen zerlegt werden muss. Begründet wird die Vergabe immer damit, dass Tönnies in Deutschland nicht genug Mitarbeitende findet.

Die Firma, die den Auftrag annimmt, organisiert die Arbeitenden aus dem Ausland und ist dann frei, wie sie die Aufgabe erfüllt. Also auch darin, wie viele Leute sie anstellt. Je weniger Leute dafür angestellt werden, desto mehr Geld bleibt natürlich beim Unternehmen. Das ist meiner Meinung nach ein großes Problem, was zu diesen Arbeitsbedingungen führt.

Hinzu kommt, dass es Unternehmen sind, die in der Regel niemand kennt. Die Namen sind nicht bekannt und deswegen ist ihnen auch ihr Image egal. Und Tönnies hat wenig Verantwortung für die Mitarbeiter. Die arbeiten da zwar im Werk, sind aber woanders angestellt. Das heißt, Arbeitszeiten und Bezahlung sind dann nicht Sache von Tönnies, sondern von kleinen, namenlosen Firmen.

Bestehen die Probleme nur in Weißenfels oder auch in anderen Orten in Sachsen-Anhalt?

Natürlich gibt es die Probleme auch an anderen Orten. Anfang des Jahres war ich etwa in Zerbst. Da gibt es einen kleineren Betrieb, der auch zu Tönnies gehört – die Anhalter Fleischwaren. Dort war die Situation die gleiche, wenn auch in einem kleineren Ausmaß. Die haben nur zwei Werkvertragspartner und nicht zehn. Die Wohnbedingungen waren dort auch nicht so krass. Aber die Vorwürfe waren die gleichen. Auch da ging es um unbezahlte Stunden oder völlig überhöhte Mietpreise. Und wenn die Mitarbeiter in Zerbst nicht gebraucht wurden, sollten sie in Rheda-Wiedenbrück in Nordrhein-Westfalen mithelfen, hat einer erzählt. So müssten sie doppelt Miete bezahlen. Die Schilderungen waren schon sehr ähnlich.

In dem Zusammenhang habe ich in den letzten Tagen immer wieder den Begriff Sklaverei gehört. Findest du diese Formulierung angemessen?

Die Gewerkschaften benutzen den Begriff "moderne Sklaverei" sehr gerne, das stimmt. Was da rein spielt, sind die sehr unterschiedlichen Lebensbedingungen in den Ländern. Oft kommt ja die Frage: "Warum machen die das denn, sie können es ja auch lassen." Da muss man einbeziehen, dass Bulgaren oder Rumänen in ihrer Heimat so wenig Geld verdienen, dass sie diese Jobs machen und die Bedingungen in Kauf nehmen. Weil sie hier ein Vielfaches im Vergleich zum Lohn in ihren Heimatländern verdienen. Insofern nutzt ein reicheres Land die ärmeren Lebensverhältnisse eines anderen. Aber ob das Sklaverei ist, kann ich nicht sagen.

Aber es drängt sich schon der Eindruck auf, dass die Werkvertragsunternehmen mit den Mitarbeitenden machen können, was sie wollen …

Rein rechtlich können sie das natürlich nicht. Aber natürlich sind die Menschen extrem abhängig von ihrem Arbeitgeber, weil sie zum Beispiel von ihm oft auch die Wohnung mieten und auch die Sprache nicht sprechen. Oft kennen sie nur ihre Wohnung, den Supermarkt und das Werk. Daher kommt sicher der Begriff "Sklaverei".

Daraus befreien kann man sich womöglich, wenn man die Sprache lernt. Und wenn man versucht, sich gegen die Arbeitsbedingungen aufzulehnen. Aber dann fliegt man in der Regel raus. Deswegen sprechen viele Leute erst mit uns, nachdem sie entlassen wurden. Vorher trauen sie sich nicht.

Viele wollen jedoch nicht für immer in Deutschland bleiben, sondern tatsächlich nur für einige Monate Geld verdienen und dann wieder nach Hause. Hat das System der Fleischfabriken da nicht sogar Vorteile?

Manche wollen sich hier ein Leben aufbauen. Andere wollen tatsächlich nur ein paar Monate durchziehen und verhältnismäßig viel Geld verdienen. Da könnte man durchaus von einer Win-win-Situation sprechen. Die Arbeitenden bekommen mehr Geld als zu Hause und Tönnies bekommt die Arbeit erledigt. Aber wir haben ja trotzdem eine Situation, in der Gesetze nicht eingehalten werden, so die Vorwürfe. Wenn Arbeitszeiten nicht komplett bezahlt werden, man krank oder schwanger gekündigt wird, kann man nicht mehr von einer Win-win-Situation sprechen. Dann wird eine Seite klar benachteiligt.

Wie hat sich das Unternehmen zu euren Vorwürfen im Jahr 2017 geäußert?

Wir haben eine sehr lange Email mit allen Vorwürfen geschickt. Tönnies hat dann geantwortet, dass sie jedem Hinweis nachgehen würden. Aber ihnen seien keine konkreten Vorwürfe bekannt. Auch Untersuchungen des Zolls hätten keine Hinweise auf Verstöße gebracht.

Wie hat die Stadt Weißenfels auf den Film darauf reagiert?

Ein paar Tage nach der Sendung hat uns die Weißenfelser Wohnungsgesellschaft kontaktiert. Sie waren erschrocken über die Zustände. Dann haben sie Kontrollen durchgeführt, bei denen wir sie auch begleiten durften.

Wohnungsmonitoring in Weißenfels

Als Folge der schlechten Wohnsituation reagierte die Stadt Weißenfels. Werkvertragmitarbeitende müssen von ihren Unternehmen nicht nur mit ihrem Wohnsitz angemeldet werden, wenn sie nach Weißenfels kommen. Sie müssen auch wieder abgemeldet werden, wenn sie die Stadt verlassen. Das ist normalerweise nicht üblich.

Zudem weicht die Stadt von der üblichen Quadratmeteranzahl pro Person in Wohnungen ab. Danach müsste eine Person in einer Wohnung neun Quadratmeter für sich haben. Stattdessen richtet es sich nach Anzahl der Zimmer, wie viele Personen eine Wohnung in Weißenfels beziehen dürfen. Pro Zimmer sind in der Regel nur zwei Bewohnende erlaubt.

Im kommenden Jahr werden diese Werkverträge in der Fleischindustrie verboten, so sieht es ein aktueller Plan der Bundesregierung vor. Ist das aus deiner Sicht ein Fortschritt?

Schauen wir mal, ob es so kommt, bis jetzt ist es ja nur eine Ankündigung. Ich könnte mir vorstellen, dass die Fleischwirtschaft noch versuchen wird, das zu verhindern. Dieses Verbot fordern Gewerkschaften schon sehr lange, weil sie sagen, es sei der Ursprung allen Übels. Ich denke, es kann die Situation schon verbessern, weil die Leute dann bei großen Firmen angestellt sind, die man kennt. Mit einem Betriebsrat ist es vielleicht leichter, seine Rechte durchzusetzen. Aber aktuell wird eben auch zu wenig kontrolliert. Das Problem wird natürlich weiterhin bestehen, wenn die Leute bei Tönnies angestellt sind. Auch da müsste dann regelmäßig kontrolliert werden. Nur die Werkverträge abzuschaffen, löst das Problem nicht. 

Du begleitest die Entwicklungen in der Fleischindustrie seitdem kontinuierlich und tauschst dich dazu mit verschiedenen Leuten aus. Was hat sich seit 2017 verändert? Vielleicht sogar verbessert?

Mein Eindruck ist, dass sich nicht so viel geändert hat. Auch in anderen Medien sind die Schilderungen immer die gleichen. Durch die Corona-Pandemie hat sich aber zumindest die Aufmerksamkeit für das Thema erhöht.

2017 wurde auch ein neues Gesetz erlassen, das GSA Fleisch. Darin steht, dass der Arbeitgeber, Werkzeug, Messer und Schutzkleidung bezahlen muss. Der Hauptunternehmer haftet für die Sozialversicherungsbeiträge des Subunternehmers. Aber Gewerkschaftsvertreter erzählen, dass sich durch dieses Gesetz nichts geändert hat. Denn die Arbeitnehmer müssen ihre Rechte vor Gericht durchsetzen, und das ist natürlich eine große Hürde.

Die Fragen stellte Oliver Leiste.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 30. Mai 2020 | 12:00 Uhr

7 Kommentare

lobo56 vor 10 Wochen

Esse gern mal Fleisch und Wurst, aber möglichst nur Bio.
Wir verfügen über keine großen Einkommen ,trotzdem macht uns das nicht arm. Von einer solchen fa würde ich nichts kaufen. Wir haben auch einen ähnlichen Betrieb am Stadtrand, einfach nur überflüssig.
Deutschland will möglichst die ganze welt versorgen, das ist das Problem. Immer mehr Umsatz, das ist einfach krank.
Wir zerstören die Äcker, quälen Tiere und das für eine gigantische Überproduktion ........

Micha R vor 10 Wochen

Hier geht es aber nicht um eine angeblich oder tatsächlich verfehlte Politik im Umgang mit Tieren, sondern um die Fleischindustrie und damit verbundenen Arbeitsbedingungen!

Jan vor 10 Wochen

Auch wenn ich kein Fleisch esse, so akzeptiere ich, dass tierische Produkte von meinen Mitmenschen gegessen werden. Aber was hier abgeht, da fehlt mir jegliches Verständnis. Und wenn keiner mehr Produkte von Tönnies und Co kauft, weil diese Firmen Mist machen, dann wird auch dort ein Umdenken stattfinden.

Mehr aus Burgenlandkreis und Saalekreis

Mehr aus Sachsen-Anhalt