Versorgung im ländlichen Raum "Dann muss der Supermarkt zu uns kommen": Wie Schleberoda sein Bestellcafé vorantreibt

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Viele Dörfer in Sachsen-Anhalt veröden. Der Konsum ist schon lange geschlossen, die Dorfgemeinschaft wird immer älter. Ohne ein eigenes Auto ist der Einkauf oft gar nicht möglich. In Schleberoda im Burgenlandkreis haben sich die Anwohner etwas Innovatives einfallen lassen. Sie wollen den Supermarkt einfach zu sich holen. Einziger Haken: Noch ist nicht endgültig geklärt, wer all das bezahlt.

Blick auf ein altes Bauerngehöft.
Im Innern eines alten Pferdestalls in Schleberoda soll künftig ein Bestellcafé mit Dorfladen entstehen. Aktuell sind noch Rasenmäher und Werkzeug in dem Raum untergebracht. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Es ist kurz nach halb drei am Nachmittag und in Schleberoda hält ein Bus. Es ist der Schulbus, der die Kinder nach dem Unterricht nach Hause in das 160-Einwohner-Dorf im Burgenlandkreis bringt. Und: Es ist einer von nicht einmal fünf Bussen am Tag, die Schleberoda überhaupt noch anfahren. Wer durch Schleberoda spaziert und an einer der beiden Haltestellen einen Bus sieht, ist Zeuge eines sehr seltenen Bildes. Rufbusse? Lohnen sich hier nicht, meinen die Anwohner.

Es ist wie in so vielen Dörfern. Öffentlichen Nahverkehr gibt es kaum noch. Es rechnet sich einfach nicht.

Foto eines Busfahrplans, auf dem nur sehr wenige Verbindungen zu sehen sind.
Übersichtlich: der Busfahrplan in Schleberoda Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Also brauchen die Menschen in Schleberoda für den Weg zur Arbeit oder zum Einkauf ein Auto. Schließlich ist der Konsum hier längst Geschichte. Anfang der 1990er wurde er geschlossen. Die Gaststätte weiter hinten im Dorf, am Backhaus, hatte in den 90ern noch einen kleinen Verkauf von Lebensmitteln. Auch der wurde nach einigen Jahren dicht gemacht. Nicht rentabel.

Seitdem kaufen die Menschen aus Schleberoda einige Kilometer entfernt ein – ihnen bleibt gar nichts anderes übrig. Zwar kommen ein paar Mal in der Woche das Bäckerauto und der Fleischerwagen vorbei. Den Wocheneinkauf aber müssen die Schleberodaer notgedrungen anderswo erledigen, in Freyburg oder Mücheln. Vier bzw. neun Kilometer entfernt. Ohne Auto ist das kaum zu machen.

Schleberoda kämpft um einen Dorfladen mit Bestellcafé

Das soll sich ändern. Schleberoda ist ein Dorf, das seine Zukunft nicht einfach so auf sich zukommen lässt. Die Menschen hier gestalten die Zukunft aktiv mit. Sie tun das mit ihren Ideen, ihrer Leidenschaft und ihrer Begeisterung für die gemeinsame Heimat – und sind dabei ziemlich innovativ. Ein Beispiel: der Dorfladen mit Bestellcafé. Er ist das neueste Projekt von Karin Reglich und ihren Mitstreitern aus dem Heimatverein. Reglich sagt: "Wenn wir nicht zum Supermarkt kommen, muss der Supermarkt eben zu uns kommen."

Wie das funktionieren soll? So, wie es in der Stadt auch funktioniert. Die Bürger sollen Butter, Käse, Wurst und Toilettenpapier künftig online bestellen können – und ihren Einkauf bequem ins Heimatdorf geliefert bekommen. Genauer gesagt: ins Bestellcafé. Daher auch der Name. "Ein reiner Dorfladen wäre hier nicht rentabel", ist Karin Reglich überzeugt. Die 54-Jährige und ihre Mitstreiter haben deshalb nach weiteren Lösungen gesucht, ihren Traum vom Bestellcafé wahr werden zu lassen.

Eine Frau lächelt in die Kamera.
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

In der Stadt geht alles und im Dorf gibt es nichts. Das geht so nicht.

Karin Reglich Mitglied im Heimatverein Schleberoda

Wenn Reglich und die anderen über das Bestellcafé sprechen, reden sie immer wieder von den vier Säulen dieses Projekts.

  • Der Bestellladen: Später sollen hier regionale Lebensmittel angeboten werden, zum Beispiel Honig aus Schleberoda. Und: Die Menschen können ihren Wocheneinkauf bei den großen Einzelhandelsketten bestellen – und direkt nach Schleberoda geliefert bekommen.
  • Das Ladencafé: Um Dorfladen und Bestellcafé rentabel zu machen, sollen im Dorfgemeinschaftshaus später auch selbstgebackener Kuchen und Kaffee angeboten werden. Die Menschen wünschen sich außerdem eine Annahmestelle für Pakete.
  • Die Eventlocation: Dritte Säule des Projekts ist, den Dorfladen mit Bestellcafé später für Feiern zu vermieten. Außerdem sollen hier Back- und Kochkurse für die Anwohner angeboten werden.
  • Die Kulturschmiede: Lesungen, Ausstellungen oder Kabarett – auch dafür soll der Laden genutzt werden.

Diese vier Säulen sind zugeschnitten auf Schleberoda, erzählt Steffi Einecke. Sie ist Ingenieurin für Regionalentwicklung, Naturschutz und Landschaftsplanung und hat wenige Kilometer entfernt ihr eigenes Ingenieurbüro. Einecke hat die Schleberodaer bis hier auf dem Weg zum Dorfladen begleitet. "Das ist ein innovatives Konzept, das es in Sachsen-Anhalt in dieser Form bislang nicht gibt." Der Dorfladen soll hier nicht nur Dorfladen, sondern zugleich auch ein Treffpunkt für alle Generationen sein.

Anwohner wünschen sich regionale Lebensmittel

Um die Wünsche der Schleberodaer so gut es geht einzubeziehen, haben Steffi Einecke und die Mitglieder des Heimatvereins im vergangenen Jahr Fragebogen ausgeteilt. Was sind die Bedürfnisse des Örtchens? Welche Dienstleistungen sollte ein Bestellcafé anbieten? Die Hälfte der Anwohner hat Fragen wie diese beantwortet. "76 Prozent der Befragten waren für das Bestellcafé", erzählt Steffi Einecke und zeigt auf ein Diagramm. Auf dem demonstrieren verschiedenfarbige Balken, was die Schleberodaer gern hätten. Regionale Produkte, 76 Prozent. Paketannahme, 45 Prozent. Kulturveranstaltungen, 28 Prozent.

Drei Menschen beraten über Plänen an einem Tisch.
Ingenieurin Steffi Einecke (von links), Karin Reglich vom Heimatverein und Rewe-Mitarbeiter Marko Förster diskutieren über das Bestellcafé in Schleberoda. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Das alles soll nun umgesetzt werden. Mit im Boot ist auch Marko Förster. Er ist Geschäftsführer des Rewe-Supermarkts in Mücheln und will die Schleberodaer künftig mit Lebensmitteln beliefern. Man wolle das Einkaufen ins 21. Jahrhundert holen, sagt Karin Reglich. Marko Förster nickt. Er erzählt, dass schon heute viele Supermärkte einen Abholservice anbieten. Die Kunden bestellen über Smartphone oder Tablet, was sie brauchen. Mitarbeiter der Supermarktkette suchen die Bestellungen heraus und packen sie zusammen. Der Kunde muss sie nur noch abholen. Vorbei ist die Zeit des Wartens an der überfüllten Kasse.

Mehr als 20.000 Supermarkt-Artikel können geliefert werden

Ein Mann lächelt in die Kamera.
Marko Förster ist Geschäftsführer des Rewe-Supermarkts in Mücheln. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Das Prinzip in Schleberoda ist ähnlich – mit der Ausnahme, dass Lebensmittel hier direkt ins Dorf geliefert werden sollen. Marko Förster verweist darauf, dass Service für Kunden immer wichtiger wird. "Wir bieten den Laden in digitaler Form an", sagt er. In Zahlen bedeutet das: Die Schleberodaer können aus mehr als 20.000 verschiedenen Produkten wählen. Von A wie Apfel bis Z wie Zahnpasta. Es gibt alles, was es auch im Supermarkt in Mücheln gibt. Förster räumt ein, dass das natürlich auch für ihn ein Zusatzgeschäft ist. Dazu kommt, dass die Digitalisierung auch für ihn und seine Mitarbeiter vieles leichter macht. "Wir liefern seit 2004 aus, bislang bestellen die Menschen noch per Telefon oder Fax", erzählt der Geschäftsführer. Das sorge für viele Fehler, wenn am Telefon beispielsweise etwas falsch verstanden wird. Wer seine Lebensmittel direkt online bestellt, wird künftig auch das bekommen, was er haben wollte. "Es ist nicht alles schlecht, was da kommt", sagt Förster.

Extra hohe Lieferkosten sollen die Schleberodaer übrigens nicht zahlen müssen. Weil alle Lebensmittel auf einen Schlag geliefert werden, wird die Lieferpauschale unter allen Einkäufern aufgeteilt.

Blick auf ein Ortsschild am Ortsausgang Schleberoda, das den nächstgelegenen Ort Freyburg anzeigt.
Das Dorf Schleberoda gehört zu Freyburg. In dem Dorf leben gerade einmal 160 Menschen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Was in der Theorie alles schon so gut wie fertig klingt, bedeutet in der Praxis noch einen weiten Weg. Der alte Pferdestall im Dorfgemeinschaftshaus muss saniert werden. Und das kostet. Helfen lassen wollen sich die Schleberodaer vom Land. Das hat voriges Jahr das Förderprogramm "DorfGemeinschaftsläden" aufgesetzt und will damit Aufbau und Entwicklung kleiner Läden unterstützen. Auch die Schleberodaer wollen ihr konkretes Konzept für das Bestellcafé demnächst beim zuständigen Ministerium in Magdeburg einreichen. Vorher muss noch der Stadtrat in Freyburg zustimmen.

Wie Sachsen-Anhalt Dorfläden fördern will

Außenasicht eines Gebäudes über dem ein hölzernes Schild mit der Aufschrift "Dorfladen" hängt.
Der Dorfladen in Deersheim Bildrechte: MDR/Maria Selchow

Das Land Sachsen-Anhalt will Dorfläden fördern und hat deshalb voriges Jahr das Programm "DorfGemeinschaftsläden" aufgesetzt. Grund: Die Läden seien ein wichtiger Beitrag für die "integrierte ländliche Entwicklung", lobte das Umwelt- und Landwirtschaftsministerium – und hatte deshalb 300.000 Fördergeld ausgelobt. Es soll unter anderem an den Ausbau des Dorfladens in Deersheim, das "Taubenhaus" in Lindenberg oder den Dorfgemeinschaftsladen in Pretzier gehen. Auch das Konzept des Bestellcafés in Schleberoda soll gefördert werden.

Weil Sachsen-Anhalt noch keinen Doppelhaushalt für 2020/2021 hat, ist noch unklar, wann das Geld fließt.

Das Bestellcafé soll es den Menschen in Schleberoda leichter machen – vor allem, wenn sie kein eigenes Auto haben und im Moment noch auf andere angewiesen sind. Anita Bollmann findet das gut. "Wunderbar sogar", erzählt sie. Bislang kauft Bollmann in Freyburg ein. Das hätte ein Ende, wenn das Bestellcafé kommt. Ähnlich sieht das Cornelia Hofmann, die sich ebenfalls im Heimatverein engagiert. "Der Plan ist klasse", meint sie. Wenn das Bestellcafé kommt, wäre es für Hofmann eine Anlaufstelle für alle im Dorf – zum Einkaufen, Kaffee-Trinken oder für Familienfeiern. "Das ist eine Sache, die bei uns wirklich fehlt."

Eine Frau und ein Mann sitzen gemeinsam an einer Kaffeetafel.
Cornelia Hofmann und Andreas Borchers sind angetan von der Idee des Bestellcafés. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Angetan ist auch Andreas Borchers. Er kommt gebürtig aus Magdeburg, lebt erst seit zwei Jahren in Schleberoda. Die Menschen hier haben ihn gut aufgenommen, sagt er. "Das Bestellcafé hätte den Vorteil, dass man nicht mehr hin- und herfahren muss." Es gebe ja doch nicht in jedem Laden alles, was man so benötige. Also müsse man umherfahren und sich alles zusammensuchen. Das hätte ein Ende, wenn die Schleberodaer künftig online oder eben im Bestellcafé aus mehr als 20.000 Supermarkt-Artikeln auswählen können.

Hinter der Geschichte

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Luca Deutschländer war im Sommer 2019 zum ersten Mal in Schleberoda – und damals schon nach wenigen Stunden vor Ort beeindruckt vom Engagement und der Leidenschaft, die viele Einwohner aus dem 160-Seelen-Dorf an den Tag legen. Statt sich mit dem demographischen Wandel abzufinden und zu resignieren, haben die Menschen in Schleberoda ganz eigene Ideen, die Zukunft zu gestalten. Über die Kontakte aus dem Sommer entstand nun diese Geschichte über das geplante Bestellcafé in dem Dorf.

Die Reportage aus Schleberoda im Sommer 2019:

Bestellcafé soll bis Sommer 2021 umgesetzt werden

Wann könnte es denn losgehen mit alldem? Karin Reglich denkt kurz nach. Dann sagt sie: "Vor der nächsten Wahl wäre schon schön". Bedeutet: Vor Juni 2021. Demnächst will die 54-Jährige die Pläne im Freyburger Stadtrat vorstellen. Reglich sitzt für die Freien Wähler im Kommunalparlament. Sie kennt sich inzwischen gut aus, wenn es um Förderprogramme für den ländlichen Raum geht. Deswegen ist sie optimistisch – auch, wenn die endgültige Finanzierung für das Projekt noch nicht auf sicheren Beinen steht. Mindestens 200.000 Euro werden sie wohl brauchen, rechnet Reglich vor.

Auch Ingenieurin Steffi Einecke ist guter Dinge. Sollte das Bestellcafé kommen, werde es der demographischen Entwicklung Rechnung tragen, sagt sie. Bei einer Studie hat Einecke herausgefunden, dass in 15 Jahren gut 25 Prozent der Arbeitnehmer in Schleberoda in Rente gehen – und somit nicht mehr zur Arbeit fahren werden. Spätestens dann braucht es das Bestellcafé, ist sie überzeugt.

Eine Frau lächelt in die Kamera.
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Wir sind Feuer und Flamme. Es kann losgehen, Schleberoda ist bereit.

Steffi Einecke Ingenieurin

Eines ist schon jetzt klar: Am fehlenden Engagement der Bürger vor Ort wird das Projekt jedenfalls nicht scheitern.

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online-Redaktion und im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

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Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 20. Januar 2020 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Auf der Sonnenseite des Lebens vor 24 Wochen

ich drücke euch die Daumen, aber die Hoffnung das ihr Fördergelder vom Land oder vom Bund bekommt ist wohl verschwindend gering.

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