Blick auf eine Straße. Im Fokus: ein Aufkleber an der Säule einer Straßenlaterne.
Der Verein Hardtlack hinterlässt seine Spuren in der Stadt und im Leben der Jugendlichen. Bildrechte: Steffen Wrede

Demographischer Wandel Jugend gegen Landflucht

Abwanderung hat sich in vielen Regionen Sachsen-Anhalts zum Problem entwickelt. Urbanisierung und demografischer Wandel sind Ursachen für die schrumpfende Landbevölkerung. Oft klagt besonders die ältere Generation, denn es fehlen Angebote, Supermärkte, Ärzte. Doch auch die jüngere Generation muss sich dem Thema stellen. Steffen Wrede für das Projekt "Studenten schreiben" darüber, wie ist es, an einem Ort aufzuwachsen, der auszusterben droht und wie sich die Entwicklung verlangsamen ließe.

von Steffen Wrede, Gastbeitrag

Blick auf eine Straße. Im Fokus: ein Aufkleber an der Säule einer Straßenlaterne.
Der Verein Hardtlack hinterlässt seine Spuren in der Stadt und im Leben der Jugendlichen. Bildrechte: Steffen Wrede

Nebra im Burgenlandkreis. Der Fund der knapp 4.000 Jahre alten Himmelsscheibe ist das Alleinstellungsmerkmal der Stadt. In anderen Aspekten hingegen ist sie ein ganz normaler Ort in Sachsen-Anhalt – mit den üblichen Problemen. Jeder vierte Mensch in Sachsen-Anhalt ist heute 65 Jahre oder älter. Im Jahr 2030 wird es bereits jeder Dritte sein. Laut Statistischem Landesamt Sachsen-Anhalt soll der Burgenlandkreis im selben Zeitraum um rund 15 Prozent seiner Einwohner schrumpfen. Auf einer Fläche von 1.414 Quadratmeter leben dann noch 157.000 Menschen, jeder dritte von ihnen 65 Jahre oder älter.

Der Nebraer Robert Bickel ist zwar erst 29 Jahre alt, aber er weiß wie sich das Altern der Bevölkerung in seiner Heimatstadt auswirkt. Einige Jahre lang gab es in Nebra praktisch kein Nachtleben, bis der gelernte Medienkaufmann 2013 mit Freunden den Verein Hardtlack ins Leben rief, so Bickel. Die Gründungsmitglieder veranstalteten schon vorher Events, doch die offizielle Vereinsgründung sei ein neuer Impuls für die kleine Stadt gewesen. Meist stehe elektronische Musik im Mittelpunkt der Veranstaltungen. In einem ihrer Festivaltrailer erklärt Bickel:

Wenn die Jugend mal in unserem Alter ist, dann sollen die mal zurückdenken und sagen: 'Woah, das war geil!'

Robert Bickel

Deswegen engagiere Hardtlack sich nicht nur in nachhaltiger Jugendarbeit und Benefizveranstaltungen für gemeinnützige Zwecke, sondern auch in interkultureller Verständigung. Hardtlack verstehe sich als einen Gegenentwurf gegen Fremdenfeindlichkeit, Perspektivlosigkeit und das Aussterben der eigenen Heimat.

In der Gemeinschaft aktiv

Drei Junge Menschen lächeln in die Kamera
Engagement ist den jungen Nebraern wichtig, denn sie sehen Potenzial in ihrer Heimat. Bildrechte: Steffen Wrede

Ehrenamtlich im Verein aktiv sind die Schüler Leon (16) und Sophie (15). Leon wird bald aus Nebra wegziehen, um seine Ausbildung bei einem westdeutschen Betrieb zu beginnen. Die beiden engagieren sich in ihrer Freizeit für Hardtlack. Für sie ist er Begegnungsort, sinnvolle Aufgabe und Sprachrohr, denn der Verein gibt ihnen ein Mitspracherecht bei Entscheidungen, die sie betreffen.

Das Verhältnis zur Stadtverwaltung ist gut. Die Bürgermeisterin von Nebra, Antje Scheschinski, schätzt die Arbeit der jungen Nebraer und ist voller Lob. "Die machen wirksame Jugendarbeit mit Sinn und Verstand." Finanzielle Unterstützung könne sie zwar nicht zur Verfügung stellen, dafür aber Räumlichkeiten. Dort sägen, bauen und zimmern die jungen Nebraer das, woran es ihnen fehlt, kurzerhand selbst. Durch ihre Veranstaltungen finanzieren sie dafür die Materialien und darüber hinaus spenden sie Einnahmen an gemeinnützige Zwecke im Ort.

Zwei Menschen stehen vor einer Tür
Die Stadtverwaltung hat Hardtlack Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt und kommt ihnen bei den Betriebskosten entgegen. Bildrechte: Steffen Wrede

Die Schüler sind stolz dazu zu gehören, denn "endlich passiert mal wieder was". Leon trägt einen Hardtlackpullover, Sophie den dazu passenden Benefiz-Jutebeute, dessen Erlös ebenfalls in Spenden fließt. "Man arbeitet auch für sein Städtchen und versucht das Beste daraus zu machen", erklärt der 16-Jährige. Auch außerhalb des Burgenlandkreises hat der Hardtlack durch seine Veranstaltungen Spuren hinterlassen. So haben die Nebraer beispielsweise schon zahlreiche Clubs außerhalb Sachsen-Anhalts als Veranstalter bespielt und auch ihre regelmäßig erscheinenden Podcasts erreichen viele Menschen.

Wo man Wurzeln schlägt, da lässt man auch Früchte fallen.

Danny Teichmann, Mitbegründer des Vereins

Für Bickel und die anderen Gründer ist die Arbeit mit Jugendlichen ein wichtiger Beitrag für ihre Heimat, denn: "Wo man Wurzeln schlägt, lässt man auch Früchte fallen". In der Politik wird das Thema Landflucht zwar diskutiert, doch ohne Investitionen und konkrete Pläne auf lokaler Ebene wird sich nichts ändern. Das bedeutet für Hardtlack, dass sie selbst anpacken, sich engagieren und der Jugend im Ort etwas bieten wollen. Doch laut Bickel sollten junge Nebraer trotzdem über den Tellerrand schauen. Allerdings in dem Wissen, dass es Zuhause auch etwas gibt, wofür es sich lohne zurück zu kommen.

Nun, da die erste Generation Hardtlack auf die Dreißig zugeht, suchen sie junge Mitstreiter. Die Jugendlichen im Alter von Leon und Sophie sollen lernen Verantwortung zu übernehmen und er müsse lernen sie langsam wieder abzugeben, erzählt Bickel halb ernst, halb scherzend. Schließlich sei Hardtlack ein Herzensprojekt, das noch lange so weiterlaufen soll.

Mann sieht in die Kamera
Autor Steffen Wrede Bildrechte: Tobias Howe

Über den Autor: Hallo, ich heiße Steffen Wrede, ich bin 28 Jahre alt und studiere in Halle Onlinejournalismus. Aufgewachsen in NRW lebe ich nun schon seit acht Jahren in verschiedenen Städten in Ostdeutschland. Allgemein begeistere ich mich für Sport, Musik, Menschen und spannende Geschichten. Daher freue ich mich sehr über die Chance, im Rahmen eines Reportertags mit dem MDR zusammen zu arbeiten.

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Quelle: MDR/cw

Zuletzt aktualisiert: 26. März 2018, 06:12 Uhr

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5 Kommentare

27.03.2018 11:43 Grosser Klaus 5

@Manistbestandteildesmediensystems (Haseloff)
@Max W. - Quatsch!
@Max W. - jau, echt krass geil...
@pkeszler
Im Unterschied zu Ihnen nölen und jammern die Jugendlichen nicht, sondern werden selbst aktiv, um ihr Lebensumfeld positiv zu gestalten.
Den Jugendlichen kann man nur viel Spaß und Durchhaltevermögen wünschen.
Eine Weiteres, hervor zu hebendes Netzwerk ist:
die "Internationale Vereinigung der lebenswerten Städte - Citta Slow".

26.03.2018 14:13 Manistbestandteildesmediensystems (Haseloff) 4

(Wo man Wurzeln schlägt, da lässt man auch Früchte fallen. Danny Teichmann, Mitbegründer des Vereins)

Und wenn die dann keiner aufhebt oder brauchen kann, dann verfaulen die noch auf der grünen Wiese. So what?

Merkt eigentlich der Durchschnittsleser, was ihm hier EIGENTLICH verkauft werden soll? Sorgsam und wohldosiert zwischen den Zeilen über "engagierte Jugendliche" - die wir natürlich gut finden - eingestreut? Auf dass es sich im Langzeitgedächtnis festsetze und immer mitassoziiert werde?

Und merkt der DL eigentlich, dass die Landesregierung bzw. Politische Klasse in den Schilderungen der Zustände auf "dem Land" niemals als Agens vorkommt? Niemand hat in den letzten 28 Jahren irgendetwas nicht getan, falsch gemacht, unterlassen oder gar vergessen - es waren das Wetter und die "Umstände". Man kann nichts machen. Wer braucht sie dann wozu?

26.03.2018 14:03 Max W. - Quatsch! 3

@26.03.2018 08:02 pkeszler (Auf dem Land bleiben also immer die zurück, die wenig Interesse an Bildung und einen Beruf haben.)

Zumindest in Teilen plakativer Humbug. Die Zustände im Ex-Osten sind der DDR-(Land-)Wirtschaft und ihrer personalintensiven Ausrichtung geschuldet. In einer vollmechanisierten und ständig rationaliserenden Ökonomie sind diese Strukturen obsolet - das hat mit "Bildung" oder ihrem denunzierenden "Interesse" an Bildung rein garnichts zu tun. Es kommt hinzu, dass eine vollkommen und ausdrücklich idiotisch zu nennende "Wirtschaftspolitik" nach der Wende diese Verhältnisse einfach ignoriert oder überfahren hat. Jetzt sind die Binnenstrukturen auf dem Land oft irreparabel zerstört, dafür vielfach Kleinbürgerschlafghettos in den Dörfern "entstanden" und in MD ist man nicht einen Schritt weiter. "Zuwanderung", womöglich noch Armutszuwanderung aus Richtung Südsüdost wird diese Zustände noch massiv und nachhaltig verschlechtern, das ist so klar wie Quellwasser.