Tönnies-Schlachthof in Weißenfels Der ewige Kampf gegen die Schweinewolke

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Seit mehr als 15 Jahren kämpfen Anwohner des Tönnies-Schlachthofs in Weißenfels gegen Lärm- und Geruchsbelastungen. Sie beschweren sich regelmäßig bei Stadt, Landesverwaltungsamt und sogar bei Umweltministerin Dalbert. Erfolge gibt es nur selten. Aufgeben wollen sie nicht – auch weil sie sehr persönliche Enttäuschungen antreiben.

LKW stehen auf dem Gelände des Fleischkonzerns Tönnies in Weißenfels.
Die Lärm- und Geruchsbelastung, die vom Schlachthof in Weißenfels ausgeht, nervt die Anwohnenden im Umfeld. (Illustration) Bildrechte: dpa/MDR

Süßlich-stechend, ein bisschen eklig: es riecht nach Schwein. Beim Besuch von MDR SACHSEN-ANHALT am Zeiselberg in Weißenfels dauert es nur wenige Sekunden, bis das erste Mal so eine Geruchswolke vorbeizieht. Hinzu kommen das Brummen des nahen Tönnies-Schlachthofs, Lkw-Lärm und in unregelmäßigen Abständen lautes Quieken von Schweinen. "Und nun stellen Sie sich vor, Sie müssen all das ständig ertragen. Auch am Wochenende beim Kaffeetrinken auf der Terrasse", sagt Nicole Reppin.

Vor dem Treffpunkt auf einem Hügel liegt der Schlachthof. Daneben befinden sich ein Sportplatz und Wohnhäuser. Reppin selbst, die als Geografin in der Wissenschaft tätig ist, wohnt nur wenige hundert Meter vom Fleischwerk entfernt. Gemeinsam mit ihrem Partner Matthias Riedl, einem promovierten Agraringenieur, kämpft sie seit Jahren gegen die Fabrik, die in den Augen des Paares in ihren jetzigen Ausmaßen rechtswidrig betrieben wird. Das Haus haben sie lange bevor der Schlachthof seine heutige Dimension erreichte bezogen.

Jahrelanger Widerstand gegen Schlachthof-Erweiterung

Nach der Wende wurden in dem Betrieb zunächst wenige hundert Schweine am Tag geschlachtet. Schritt für Schritt erhöhte das Unternehmen Tönnies die Kapazität bis auf 8.000 Schlachtungen täglich. Immer mit Genehmigung der Stadtverwaltung, aber ohne öffentliche Beteiligung. Ab 2004 strebte das Unternehmen schließlich eine Erweiterung auf 2.300 Tonnen Fleischverarbeitung pro Tag an – auf 20.000 Schweine täglich also. Dagegen regte sich dann doch größerer Widerstand, insbesondere in den Wohnsiedlungen im Umfeld der Anlage. Der Streit über den Schlachthof beschäftigte Weißenfels über Jahre.

Genehmigt wurde die Erweiterung am Ende dennoch. Weil Tönnies ein Konzept vorlegte, mit dem Lärm- und Geruchsbelastungen der angrenzenden Wohngebiete verhindert werden sollten. Doch die Auflagen zum Immissionsschutz wurden nie eingehalten, sagen Reppin und Riedl. Tönnies bestreitet das und erklärt, sich natürlich an gesetzliche Vorgaben zu halten. Auch der Bebauungsplan für das Gebiet rund um den Schlachthof, der B-Plan 31, ist bis heute nicht beschlossen. "Weil die Stadt erkannt hat, dass ein solcher Riesenbetrieb in einer Wohnumgebung gegen geltende Gesetze verstoßen würde", erklärt Matthias Riedl. "Deswegen versucht sie, das Thema auszusitzen."

Die Geruchsbelastung sei je nach Windrichtung unerträglich. Ein Lärmmessgerät an ihrem Haus, so erzählen die beiden, zeige regelmäßig Überschreitungen für die Grenzwerte, die in einem reinen Wohngebiet – und ein solches ist die Siedlung trotz ihrer Nähe zum Schlachthof – festgelegt sind. Tagsüber, aber vor allem auch in den Abendstunden. Natürlich stören sie sich auch an vielen Aspekten die im Werk passieren – der Massentötung von Schweinen etwa, oder der Ausbeutung der Werkarbeiter. Im Alltag bekommen die Anwohner davon jedoch nicht all zu viel mit.

Wartebereich als Hauptärgernis

Als Hauptursache für die Belästigungen im Wohngebiet haben Riedl und Reppin neben dem Dauerbrummen von Kühl- und Filteranlagen den Wartebereich neben dem Werk ausgemacht. Auf einem großen Parkplatz warten die Lkws darauf, ihre lebende Fracht im Schlachthof abzuladen. Von hier komme mutmaßlich der Gestank und ein beträchtlicher Teil des Lärms. Eigentlich dürfte dieser Parkplatz nur in Ausnahmefällen gefüllt sein.

Denn ein Tierschutzgesetz sieht vor, dass die Schweine innerhalb von 30 Minuten nach dem der Lkw das Werksgelände befahren hat, entladen sein müssen. Klappt das nicht und die Lkws warten beladen auf dem Hof, muss das Unternehmen eine Störung an das Landesverwaltungsamt melden und diese begründen. Bleibt die Meldung aus, ist das ein Verstoß gegen die Betriebsbestimmungen.

Juristische Tricks gegen Behörde und Anwohner

2019 habe es mehrere Störungs-Meldungen des Unternehmens gegeben, erklärt das Landesverwaltungsamt. Zudem wurden von der Behörde zwei Verstöße festgestellt. Tatsächlich sei der Parkplatz, der eigentlich immer leer sein müsste, aber regelmäßig mit wartenden Lkws gefüllt, berichten die Anwohnenden. Allerdings seien sie nicht täglich da, um etwaige Verstöße zu dokumentieren, sondern nur sporadisch. Auch beim Besuch von MDR SACHSEN-ANHALT warten bis zu einem Dutzend beladene Lkw deutlich länger als die vorgeschrieben 30 Minuten auf ihre Entladung.

Es ist ein systematischer Verstoß gegen die Betriebsbestimmungen, sind sich die Anwohner sicher. Denn die Infrastruktur des Werks sei gar nicht dafür ausgelegt, um der Menge an ankommenden Lkw innerhalb kurzer Zeit gerecht zu werden. Bereits 2014 erließ das Landesverwaltungsamt  eine Anordnung zur Eindämmung der Geruchsbelastung. Weil Tönnies dagegen klagte, ist sie bis heute nicht umgesetzt.

2019 genehmigte das Landesverwaltungsamt eine Anlagenerweiterung, mit der die Emissionen unterbunden werden sollen. Die Anwohner glauben, dass es sich dabei um eine Wartehalle für die Lkw handeln soll. Diese würde aus ihrer Sicht neue Probleme mit sich bringen, insbesondere beim Tierschutz. Zu sehen ist von der Erweiterung derweil noch nichts. Und auch das Landesverwaltungsamt schreibt, dass eine Inbetriebnahme bislang nicht gemeldet wurde. Es ist ein verzwicktes Spiel mit vielen juristischen Winkelzügen, welches Tönnies sehr geschickt spielt. Was die Betroffenen aber ohne Ende nervt.

Matthias Riedl und Nicole Reppin stehen auf einem Hügel neben dem Schlachthof in Weißenfels
Seit Jahren stören sich Matthias Riedl (l.) und Nicole Repin am Schlachthof in ihrer Nachbarschaft. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Anwohner fordern mehr Konsequenz

Vom Landesverwaltungsamt, das für die Kontrolle der Bestimmungen zuständig ist, wünschen sich Reppin und Riedl ausführlichere Lärm- und Geruchsmessungen. Einige dieser Überprüfungen wurden schon vor Jahren durchgeführt. Dabei sind zum Teil erhebliche Überschreitungen von Grenzwerten aufgefallen, erzählen sie. Geändert hat sich aus Sicht der Anwohnenden aber nichts. Deswegen wünschen sich die beiden vor allem mehr Konsequenz bei der Ahndung von Verstößen.

Das Landesverwaltungsamt erklärt auf Anfrage, dass jährlich Kontrollen am Schlachthof durchgeführt werden. Zudem gebe es zusätzliche Überprüfungen bei Beschwerden. Auch seien Gutachten angefertigt und Geräuschpegelmessungen veranlasst worden. Amtssprecherin Denise Vopel bekräftigt, "dass wir im Rahmen unserer gesetzlichen Möglichkeiten alles tun, die Belastungen für alle Beteiligten minimal zu halten und auf die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben zu achten." Immer wieder seien Verstöße auch geahndet worden, heißt es. Es gab mehrfach Verwarnungen. Bei einem wiederholten Verstoß wird die Einleitung eines Ordnungswidrigkeitsverfahrens geprüft, erklärt Vopel. Zudem musste Tönnies in den vergangenen Jahren mehrere tausend Euro Strafe zahlen.

Straße in Burgwerben
Die Siedlung gab es schon lange vor dem Ausbau des Schlachthofes. Bildrechte: MDR/ Lisa Reber

Landesverwaltungsamt: "Stilllegung wäre unverhältnismäßig"

Damit geben sich Nicole Reppin und Matthias Riedl nicht zufrieden. Sie glauben nicht, dass Verwarnungen oder Ordnungsgelder gegen einen  Konzern, der Milliarden umsetzt, dazu führen, dass sich ihre Situation irgendwann verbessert. "Wenn es ein Unternehmen in zwölf Jahren nicht schafft, seine Genehmigungsauflagen vollumfänglich zu erfüllen, dann hätte die Behörde eine Teilstilllegung sprich Reduzierung der Kapazitäten durchsetzen müssen. Solange, bis die Auflagen erfüllt werden", fordert Riedl.

Vom Landesverwaltungsamt heißt es dazu: "Maßnahmen, die eine Behörde einleitet und von Betreibern verlangt müssen verhältnismäßig sein. Das heißt, die Maßnahme muss dem Verstoß entsprechen. Der Betrieb muss zudem immer die Möglichkeit eingeräumt bekommen, die gerügten Mängel zu beseitigen." Bisher sah die Behörde – im Gegensatz zur Einschätzung der Anwohnenden – keinen Anlass, das Werk ganz oder teilweise stillzulegen.

Langer Kampf ermüdet Anwohner

Es ist ein mühsamer Kampf, den die Anwohnenden des Schlachthofs seit etwa 15 Jahren führen. Anfangs gab es hunderte Unterstützer und Unterstützerinnen in den Einfamilienhaus-Siedlungen im Umfeld der Fabrik und auch in der nahen Neustadt. Die Häuser standen schon als noch längst nicht abzusehen war, welche Entwicklung der Schlachthof nimmt. Doch ermüdet von den zähen Streitigkeiten haben viele mittlerweile aufgegeben. Nur noch wenige engagieren sich gegen die Einflüsse des Fleischwerks.

"Die belastenden Gerüche stellen viele fest", sagt Nicole Reppin. "Aber wenn man dann eine Beschwerde schreibt und eine nichtssagende Antwort bekommt, ernüchtert das viele. Die meisten schreiben dann in der Regel nicht noch mal. Und von der Stadt heißt es dann, es gibt kaum Beschwerden." Auch Robby Risch, Oberbürgermeister von Weißenfels, erklärte im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT, dass bei der Stadt kaum noch Beschwerden eingingen. Er führt das unter anderem auf stark verbesserte Filteranlagen zurück.

Riedl: "Stadt verwechselt ihre Rolle"

Nicole Reppin ist auf die Stadt und vor allem auf Risch nicht gut zu sprechen. "Risch war im Wahlkampf 2008 ein großer Gegner der Schlachthoferweiterung. Auch wegen seiner kritischen Haltung wurde er gewählt. Heute ist er ein großer Verfechter der Anlage", so Reppin. Sie selbst habe Risch im Wahlkampf unterstützt. Dass er seine Haltung kurz nach der Wahl änderte, empfindet sie als Ohrfeige. Bei diesen Voraussetzungen sei es nicht verwunderlich, dass die Menschen genug von der Politik haben.

Riedl ergänzt: "Die Stadt verwechselt ihre Rolle. Als gewählte Vertreter sind sie den Interessen der Menschen in Weißenfels verpflichtet. Und nicht den privaten Interessen eines Unternehmens. Und das öffentliche Interesse ist in vielen Fällen ein anderes als das von Tönnies. Doch bei Kritik am Unternehmen wird sich reflexartig davor gestellt. Die Stadt sollte an der Seite ihrer Bürger stehen." Er kritisiert, dass viele städtische Ausgaben eigentlich nur Tönnies zugute kämen. Der Ausbau der Kläranlage etwa – der Streit darüber ist genauso alt wie der über den Schlachthofausbau. Oder der Bau einer zusätzlichen Abfahrt an der B91, die die Tiertransporte ohne Umweg durch die Stadt zum Werkstor bringen soll.

Beschwerde an Umweltministerin bleibt ohne Reaktion

Doch es sind eben auch diese persönlichen Noten, die privaten Enttäuschungen etwa im Fall Risch, die Reppin und Riedl immer wieder antreiben. Dann dokumentieren sie von außen Verstöße auf dem Werksgelände, protokollieren Gerüche oder schreiben Beschwerden. Im Februar brachte ein Schreiben des Landesverwaltungsamtes, das MDR SACHSEN-ANHALT vorliegt, dass Fass für die beiden schließlich zum Überlaufen. Darin steht unter anderem, dass aufgrund der Vorbelastung mehr Immissionen hinzunehmen seien. Heißt übersetzt: der Schlachthof war eben schon da und die Anwohner müssen deshalb mit bestimmten Belastungen leben.

Diese Formulierung macht Reppin und Riedl wütend. Schließlich seien die Immissionen eine Folge des Ausbaus und der Nichteinhaltung von Betriebsbestimmungen. Bei einem deutlich kleineren Schlachtbetrieb würden die Probleme überhaupt nicht bestehen, sind sie überzeugt. Und weil sie bereits vor der Erweiterung vor den Immissionen, die dann tatsächlich  aufgetreten sind, gewarnt haben, sind sie nicht bereit, eine derartige "Vorbelastung" anzuerkennen. Deshalb haben sie im April bei Umweltministerin Claudia Dalbert eine Beschwerde gegen das Landesverwaltungsamt eingereicht. Riedl und Reppin hofften, die Ministerin würde Druck ausüben, weil sie sich mit ihren jahrelangen Beschwerden nicht ernst genommen fühlen. Ein Vorwurf, den die Behörde entschieden zurückweist.

Schon Dalberts Amtsvorgänger Onko Aeikens bekam 2016 ein ähnliches Schreiben. Geändert hat sich seitdem aus Sicht der Betroffenen nichts. Und auch die Beschwerde bei Dalbert bringt kein Ergebnis. Der fachliche Teil des Schreibens wird gar nicht beantwortet. Zum dienstlichen Anliegen heißt es aus dem Ministerium, man könne keine Anhaltsunkte erkennen, die mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde geprüft werden könnten. Der nächste Rückschlag in einem schier unendlichen Streit. Nicole Reppin und Matthias Riedl wollen sich davon nicht beirren lassen. Sie kämpfen weiter und prüfen, wieder einmal, rechtliche Schritte. Und hoffen, dass Lärm und Gestank an ihrem Haus irgendwann Geschichte sind.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT - dabei ist er immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts. Zudem begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR FAKT IST! | 15. Juni 2020 | 22:10 Uhr

2 Kommentare

Rasselbock vor 7 Wochen

Die aufgezeigte Problematik zeigt die verquerte Denkweise der sogenannten Ökonomen und BWLer auf, Profitmaximierung und Verlust des Denkens für globale Zusammenhänge. Diese sogenannte Disziplin soll ein Hochschulniveau besitzen? Ich kenne die Anforderungen die an Naturwissenschaftler und Ingenieure gestellt werden, wenn sie promovieren wollen. Dr. rec oec, was ist da schon!

Anhaltiner vor 7 Wochen

Untersuchung abgeschlossen,bisher keine Corona-Fälle im Schlachthof Weißenfels. Das war wohl nix.2.Versuch:Recherchen zu Missständen bei Tönnies: "Es hat sich nichts geändert".Wohl auch kein Erfolg. 3 .Versuch:Der ewige Kampf gegen die Schweinewolke .Wohl auch in die Hose gegangen .Immer weiter versuchen .Irgend wann geht Tönnies vielleicht nach Polen oder Rumänien. Dann aber Sieg auf der ganzen Linie.

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