MDR SACHSEN-ANHALT heute
Die Weißenfelser Neustadt, ein besonderer Stadtteil zwischen Armut und Vielfalt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zwischen Armut und Vielfalt Darum ist die Neustadt von Weißenfels so besonders

Wie sehr sich die von vielen als "Problemviertel" abgestempelte Neustadt von anderen Weißenfelser Stadtteilen und auch dem Burgenlandkreis unterscheidet, wird beim Blick in die Sozialdaten deutlich.

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Die Weißenfelser Neustadt, ein besonderer Stadtteil zwischen Armut und Vielfalt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Räumlich abgegrenzte Wohngebiete, in denen Bewohner mit überdurchschnittlich vielen Defiziten wie Armut und Arbeitslosigkeit konfroniert sind: In der Sozialwissenschaft wird so ein Stadtteil mit besonderem Entwicklungsbedarf – umgangssprachlich auch "sozialer Brennpunkt" – beschrieben.

Auf die Weißenfelser Neustadt trifft diese Beschreibung zu. Einerseits, weil es sich um ein abgegrenztes städtisches Wohngebiet nördlich der Saale handelt. Andererseits, weil die Neustädter in besonderem Maße mit sozialen Defiziten zu kämpfen haben.

Karte mit den Umrissen der Weißenfelser Neustadt
Nördlich der Saale erstreckt sich in Weißenfels die Neustadt. Bildrechte: MDR/Manuel Mohr

Staatliche Unterstützung sehr hoch

Ein Beispiel: Die Bedarfsgemeinschaften, die Anspruch auf das Arbeitslosengeld II haben. In der Neustadt leben anteilig zur Einwohnerzahl fast doppelt so viele ALGII-Empfänger wie in ganz Weißenfels und mehr als doppelt so hoch wie im Burgenlandkreis:

Ein weiterer Anhaltspunkt für soziale Defizite in der Neustadt: Bei über der Hälfte der Neustädter Kita-Kinder (53 Prozent) werden die Kostenbeiträge ganz oder teilweise vom Jugendamt übernommen. Das ist immer dann der Fall, wenn die Eltern die finanziellen Kosten nicht selbst stemmen können. Im Vergleich dazu liegt der Anteil der Kostenübernahme in ganz Weißenfels bei 32 und im Burgenlandkreis bei 26 Prozent.

Schmelztiegel der Nationen

Neben diesem sozialen Sonderstatus hat die Neustadt noch ein weiteres Alleinstellungsmerkmal. Von den 9.000 Einwohnern besitzen über 3.300 eine ausländische Staatsbürgerschaft – der Anteil ist damit deutlich höher als in Stadt und Kreis:

Die meisten Zuwanderer stammen aus Polen, Rumänien und Ungarn. Der Weißenfelser Oberbürgermeister Robby Risch kennt die besondere Situation der Neustadt sehr gut. Dennoch blickt er beim Rundgang durch das Viertel mit MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter André Strobl zuversichtlich in die Zukunft:

Ich glaube, im Ergebnis in wenigen Jahren werden wir eine sehr aktive Stadtgesellschaft haben, die aber auch bunt ist wahrsten Sinne des Wortes. Eben vertreten durch die vielen Nationen und für die es selbstverständlich ist, dass ihr Mitbewohner aus einem anderen Teil der Erde kommt, aber hier etabliert ist. Ich denke gemeinsam werden wir das schon schaffen – mit den Menschen im Quartier, das ist ganz wichtig.

Robby Risch, Oberbürgermeister von Weißenfels

Galerie Streifzug durch die Weißenfelser Neustadt

Blick auf eine Straßenkreuzung mit Ampeln, im Vordergrund ein Beet
Die Merseburger Straße führt einmal quer durch die Weißenfelser Neustadt. Bildrechte: MDR/André Strobel
Blick auf eine Straßenkreuzung mit Ampeln, im Vordergrund ein Beet
Die Merseburger Straße führt einmal quer durch die Weißenfelser Neustadt. Bildrechte: MDR/André Strobel
Ein verlassenes Kino mit hohen Fenstern an der Fassade, einem Baugerüst und der Aufschrift "Gloria"
Der Stadtteil zeigt ein überwiegend trostloses Bild. Das alte Kino ist seit langem nur noch eine Ruine. Bildrechte: MDR/André Strobel
Blick auf eine Häuserzeile - zwei von drei Gebäuden stehen leer, eins zerfällt
Viele Häuser stehen leer, einige verfallen sogar. Bildrechte: MDR/André Strobel
Über dem Torbogen eines mehrgeschossigen leerstehenden Hauses lässt sich der Schriftzug "Schuhfabrik" erahnen
Weißenfels war einst das Zentrum der Schuhindustrie in der DDR. Auch in der Neustadt gibt es noch verblassende Zeugen jener Zeit. Bildrechte: MDR/André Strobel
Ein verlassenes viergeschossiges Eckhaus mit abgerundeten Balkonen
Dafür, dass die Neustadt der jüngste Weißenfelser Stadtteil ist, vermitteln die Sichtachsen ein anderes Bild. Bildrechte: MDR/André Strobel
Blick von unten auf ein viergeschossiges Gebäude, das unbewohnt ist
Gebäude, die lange leer stehen, werden selten renoviert und neu belebt. Bildrechte: MDR/André Strobel
Eine Frau mit langen roten Haaren beobachtet einen Schüler bei seinen Hausaufgaben
Doch bei unseren Recherchen sehen wir neben aller Trostlosigkeit auch Menschen, die für die Neustadt eine Zukunft sehen. Zu ihnen gehört Schulsozialarbeiterin Katja Hentschik. Bildrechte: MDR/André Strobel
Ein Kamerateam filmt eine Gruppe Jugendlicher dabei, wie sie ein Trafohaus gestaltet
Zusammen mit Kindern und Jugendlichen veranstaltet sie unter anderem Kreativkurse. Hier wird gerade ein Trafohäuschen mit Spray-Farben neu gestaltet. Bildrechte: MDR/André Strobel
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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 14. Oktober 2019 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/mm

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 16. Oktober 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Oktober 2019, 19:15 Uhr

3 Kommentare

MDR-Team vor 3 Wochen

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT:
"Jüngster" meint hier das Durchschnittsalter der Einwohner der Neustadt. Der Autor schreibt im Satz danach auch von Kindern. Die Weißenfelser Neustadt ist – rein von der Errichtung her – natürlich nicht der Stadtteil mit den neuesten Gebäuden.

Besucher1 vor 3 Wochen

Seit wann ist die Weißenfelser Neustadt der jüngste Stadtteil? (Bild 5) Die Häuser sind alle von 1907-1930. In West,sind die ersten aus nach 1950 und Ost und Süd sind noch viel jünger.

dmehl vor 3 Wochen

Arbeitslosigkeit, Armut, Verfall und Gewalt im "Schmelztiegel der Nationen": daraus wird beim mdr "bunte" "Vielfalt", die uns herausfordert. Durch welche Brille muß man eigentlich schauen, um die Wirklichkeit in dieser Weise zu sehen ?

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