Schleuser im Visier Razzia wegen illegaler Leiharbeiter von Schlachthof in Weißenfels

In Weißenfels hat es am Mittwochmorgen eine Razzia wegen illegaler Leiharbeiter in der Fleischbranche gegeben. Nach Angaben der Polizei sind zwei Zeitarbeitsfirmen und Arbeitsunterkünfte kontrolliert worden.

Beamte der Bundespolizei betreten ein Wohnhaus in Weißenfels.
Allein in Weißenfels wurden seit dem frühen Morgen rund 50 Objekte durchsucht. Bildrechte: dpa

In Weißenfels hat es am Mittwoch eine Razzia wegen illegaler Leiharbeiter in der Fleischbranche gegeben. Der Einsatz war Teil einer großangelegten Durchsuchungsaktion in fünf Bundesländern. Der Sprecher der Bundespolizei in Mitteldeutschland, Christian Meinhold, sagte MDR SACHSEN-ANHALT, es seien zwei Zeitarbeitsfirmen und Arbeitsunterkünfte kontrolliert worden. Man vermute, dass sich dort Osteuropäer mit gefälschten Dokumenten aufhielten. Sie würden illegalerweise als EU-Bürger in der Fleischindustrie eingesetzt. Weitere Durchsuchungen fanden demnach auch in Sachsen, Berlin, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen statt.

Sachsen-Anhalt war Schwerpunkt der Razzia

Die Razzia begann in den frühen Morgenstunden und dauerte einige Stunden an, erklärte Meinhold. Es seien rund 800 Beamte im Einsatz gewesen. Der Schwerpunkt der Razzia lag nach Angaben des Sprechers in Sachsen-Anhalt. Gegen die Betriebe, in denen die illegalen Leiharbeiter arbeiten – wie etwa Tönnies in Weißenfels – werde nicht ermittelt. Das bestätigte Deutschlands größter Fleischkonzern: "An unserem Standort in Weißenfels gibt es bisher keine Durchsuchung", sagte ein Unternehmenssprecher am Mittwoch.

Razzien gegen Fleischindustrie in fünf Bundesländern
Insgesamt waren rund 800 Beamte bei der bundesweiten Razzia im Einsatz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Fleischkonzern betreibt in Weißenfels seinen zweitgrößten Schlachtstandort und beschäftigt dort etwa 2.200 Mitarbeiter. "Wir haben keine Kenntnis darüber, welche Firmen in Weißenfels durchsucht wurden", sagte der Tönnies-Sprecher. Demnach hat es auch an weiteren Tönnies-Standorten in Deutschland keine Durchsuchungen gegeben.

Im Visier der Polizei sind nach Angaben des Polizeisprechers zehn Hauptbeschuldigte im Alter zwischen 41 und 56 Jahren. Der Vorwurf: Banden- und gewerbsmäßige Einschleusung und Urkundenfälschung. Sie sollen mindestens 82 Personen aus Osteuropa mit gefälschten und verfälschten Dokumenten nach Deutschland geschleust haben. Sechs der Beschuldigten hat die Bundespolizei angetroffen. Sie sollen noch heute vernommen werden. Den illegalen Leiharbeitern droht die Abschiebung.

Die Leiharbeiter bekommen nur einen Bruchteil ausgezahlt, der Rest ist dann Gewinn. Hier wird durch das Elend der Menschen durch die Schleuser Kasse gemacht.

Christian Meinholdt, Sprecher Bundespolizei in Mitteldeutschland

Beschlagnahmung und Sicherstellung

Mehrere Polizeiwagen stehen an einer Straße während einer Razzia.
Nach Kontrollen an Grenzübergängen und Bahnhöfen organisierte eine Sonderkommission die Großrazzia. Bildrechte: dpa

Bei der Razzia beschlagnahmten die Ermittler Werte in Höhe von 1,5 Millionen Euro. Um welche Dinge es sich dabei handelt, ist bislang nicht bekannt. Bei den laufenden Durchsuchungen will die Polizei zudem Beweismaterial etwa zu Zahlungsvorgängen und zur Kommunikation sichern. Unter anderem seien gefälschte Studentenbescheinigungen gefunden worden. Wichtig sei vor allem, wie viele illegal eingereiste Leiharbeiter man in den Unterkünften antreffe. Diese sollten erkennungsdienstlich behandelt und befragt werden, hieß es. Festnahmen seien aus Sicht der Polizei nicht geplant.

Hintergrund der Razzia sei, so Meinhold, dass die Bundespolizei bei ihren Kontrollen an Grenzübergängen und Bahnhöfen über die Zeit eine große Zahl von Reisenden mit falschen Dokumenten angehalten hatte. Daraufhin wäre eine Sonderkommission zur Einschleusung von Leiharbeitern eingerichtet worden.

Aktivistin nimmt Tönnies mit in die Verantwortung

Diana Harnisch kämpft am Standort Weißenfels seit Jahren gegen die Erweiterung der Kapazitäten des Tönnies-Schlachthofs. Für die stellvertretende Vorsitzende der BUND Kreisgruppe Burgenlandkreis kam die Untersuchung am Mittwochmorgen überraschend. Sie sei aber längst überfällig gewesen. "Die Mitarbeiter wohnen auf sehr engem Raum und müssen für ihren Schlafsack zum Teil 250 Euro bezahlen", erklärt Harnisch. Sie erklärt, dass manche Mitarbeiter ihren Lohn aufs Konto bekommen und gar nicht wissen, wie dieser zustande kommt. Die teure Wohnung würde dabei direkt vom Lohn abgezogen werden, erklärt die Harnisch.

Als großer Arbeitgeber und Produzent ist Tönnies für mich nicht aus der Verantwortung raus.

Diana Harnisch, BUND Kreisgruppe Burgenlandkreis

Aufgedeckte Missstände in Zeiten von Corona

Mitarbeiterinnen des Burgenlandkreises bereiten sich in einem Zelt auf den Start des Corona-Screenings vor.
Schon während der Corona-Krise wurden bei Tönnies einige Missstände aufgedeckt, die zu den Corona-Ausbrüchen geführt haben könnten. Bildrechte: dpa

Die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie sind im Zuge der Corona-Krise stark in die Kritik geraten. In der Branche gab es eine Serie von Ausbrüchen des neuartigen Erregers, was Kritiker auf die Arbeitsbedingungen sowie die Unterbringung vieler Beschäftigter in beengten Gemeinschaftsunterkünften zurückführen. In den Schlachtbetrieben sind viele Osteuropäer tätig, die von Subunternehmen beschäftigt werden.

Die Bundesregierung brachte als Reaktion auf die Coronavirus-Ausbrüche einen Gesetzentwurf für Reformen in der Fleischindustrie auf den Weg. Der Entwurf sieht vor, dass Großschlachthöfe bei der Schlachtung, Zerlegung und Fleischverarbeitung keine von Partnerfirmen beschäftigten Arbeiter mehr einsetzen dürfen, sondern nur eigenes Personal. Auch die Unterbringung von Schlachthofmitarbeitern soll verbessert und die behördlichen Kontrollen in den Betrieben erhöht werden. Die Regelungen sollen zum 1. Januar 2021 in Kraft treten.

Tönnies will 6.000 Mitarbeiter direkt einstellen

Tönnies hat angekündigt bis zum Jahresende rund 6.000 Mitarbeiter einzustellen. Wie die Unternehmensleitung mitteilte, werden damit alle Beschäftigten aus den Bereichen Schlachtung und Zerlegung von den bisherigen Dienstleistern übernommen. Das gilt nach Angaben von Firmenchef Tönnies auch für den Standort Weißenfels. Schon ab Oktober sollen demnach rund 1.800 Angestellte direkt in die Unternehmensgruppe wechseln. Da es sich in den meisten Fällen um einen Betriebsübergang handele, gebe es keine neue Probezeit oder Befristung der Verträge. Außerdem wolle Tönnies mit der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten über einen flächendeckenden Tarifvertrag verhandeln.

Quelle: MDR/pow

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 23. September 2020 | 08:00 Uhr

3 Kommentare

HUK vor 4 Wochen

Schlimmer geht immer, eigentlich ist die Branche Systemrelevant, das Bindeglied zwischen Produktion der Rohstoffe und Vermarktung. Humane Arbeitsbedingungen, u.a. Grundlage von Hygiene und Qualität. Er hat es doch nicht verstanden, zumindest der Personaler sollte ein deutscher Muttersprachler, die Landessprache, die Interaktionen usw. der AK aus Polen, Rumänien oder derer, die unter diesen Flaggen segeln, perfekt verstehen. In Mitteldeutschland gibt es einige 1000 Absolventen der Hochschulen der Bruderläner... Meine Bewerbungen wurden nicht nur bei ihm, nicht oder allgemein konfus abgewaschen. So Staub und Dumm hat offensichtlich doch Merhode.

Matthi vor 4 Wochen

Meine Persönliche Meinung ob Leiharbeit oder Werkverträge diese Form von Arbeit ist nichts weiter wie moderne Tagelöhner und das im 21 Jahrhundert es gehört verboten. Normalerweise brauchen das Firmen nicht wenn sie ihre Arbeiter gut bezahlen und für Produktionsspitzen gibt es Zeitverträge. Was in der Fleischindustrie passiert ist auch in anderen Branchen schon gang und gebe.

Anhaltiner vor 4 Wochen

Razzia wegen illegaler Leiharbeiter von Schlachthof in Weißenfels. Endlich was gefunden Die Sache mit Corona war ein Schuss in den den Ofen. Jetzt aber wieder
Feuer frei gegen Tönnies.

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