Eine Frau mit langen roten Haaren beobachtet einen Schüler bei seinen Hausaufgaben
Schulsozialarbeiterin Katja Hantschik gibt für Grundschüler auch Einzelstunden. Sie setzt auf die junge Generation. Bildrechte: MDR/André Strobel

Zwischen Armut und Vielfalt Die Neustadt von Weißenfels: Sozialer Brennpunkt mit Lichtblicken

Verfall, Arbeitslosigkeit, Armut: Wohngebiete mit diesen Merkmalen werden oft als "Problemviertel" abgetan. MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE hat genauer hingesehen. In dem vermeintlichen Problemviertel trafen die Reporter vor allem auf Menschen, die im sozialen Brennpunkt etwas bewegen wollen. So hat Redakteur André Strobel die Recherchen erlebt.

André Strobel
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von André Strobel, MDR SACHSEN-ANHALT

Eine Frau mit langen roten Haaren beobachtet einen Schüler bei seinen Hausaufgaben
Schulsozialarbeiterin Katja Hantschik gibt für Grundschüler auch Einzelstunden. Sie setzt auf die junge Generation. Bildrechte: MDR/André Strobel

Die Vorbereitungen waren abgeschlossen, die Geschichten für die fünf Folgen der Wochenserie über die Weißenfelser Neustadt fertig recherchiert. Nun ging es also los, die Dreharbeiten konnten endlich starten. Ich war sehr gespannt, denn als TV-Redakteur hat man nicht oft die Chance, so tief in ein Thema einzutauchen und Menschen so nahe zu kommen.

Erster Blick: Armut, Vielfalt, Gewalt

Blick auf eine Häuserzeile - zwei von drei Gebäuden stehen leer, eins zerfällt
Bewohnt, leerstehend, verfallen – in der Weißenfelser Neustadt prallt alles aufeinander. Bildrechte: MDR/André Strobel

Die Neustadt von Weißenfels ist besonders, vor allem, weil hier Menschen aus dutzenden Nationen auf engstem Raum zusammen leben. 9.000 Einwohner hat das Viertel, 1.500 kommen aus Polen, 900 aus Rumänien, andere aus Bulgarien, Syrien, Afghanistan, Ungarn und vielen weiteren Ländern. Insgesamt hat jeder dritte Neustädter ausländische Wurzeln. Dazu kommt die Armut, die hier allgegenwärtig ist. Jeder Fünfte bekommt Arbeitslosengeld II vom Staat. Das alles macht die Neustadt zu einem sozialen Brennpunkt – ein Schmelztiegel, den es in dieser Form in Sachsen-Anhalt nicht noch einmal gibt.

Gleich zu Beginn treffen wir auf Menschen, die nicht vor die Kamera wollen, aber die uns von ihren Erlebnissen in der Neustadt erzählen. Wir hören von Gewalt, von illegalen Müllablagerungen. Andere haben Angst nachts auf die Straße zu gehen. Geschäfte und Wohnungen stehen leer, ganze Häuserzeilen verfallen: Die Neustadt ist nicht schön anzusehen.

Galerie Streifzug durch die Weißenfelser Neustadt

Blick auf eine Straßenkreuzung mit Ampeln, im Vordergrund ein Beet
Die Merseburger Straße führt einmal quer durch die Weißenfelser Neustadt. Bildrechte: MDR/André Strobel
Blick auf eine Straßenkreuzung mit Ampeln, im Vordergrund ein Beet
Die Merseburger Straße führt einmal quer durch die Weißenfelser Neustadt. Bildrechte: MDR/André Strobel
Ein verlassenes Kino mit hohen Fenstern an der Fassade, einem Baugerüst und der Aufschrift "Gloria"
Der Stadtteil zeigt ein überwiegend trostloses Bild. Das alte Kino ist seit langem nur noch eine Ruine. Bildrechte: MDR/André Strobel
Blick auf eine Häuserzeile - zwei von drei Gebäuden stehen leer, eins zerfällt
Viele Häuser stehen leer, einige verfallen sogar. Bildrechte: MDR/André Strobel
Über dem Torbogen eines mehrgeschossigen leerstehenden Hauses lässt sich der Schriftzug "Schuhfabrik" erahnen
Weißenfels war einst das Zentrum der Schuhindustrie in der DDR. Auch in der Neustadt gibt es noch verblassende Zeugen jener Zeit. Bildrechte: MDR/André Strobel
Ein verlassenes viergeschossiges Eckhaus mit abgerundeten Balkonen
Dafür, dass die Neustadt der jüngste Weißenfelser Stadtteil ist, vermitteln die Sichtachsen ein anderes Bild. Bildrechte: MDR/André Strobel
Blick von unten auf ein viergeschossiges Gebäude, das unbewohnt ist
Gebäude, die lange leer stehen, werden selten renoviert und neu belebt. Bildrechte: MDR/André Strobel
Eine Frau mit langen roten Haaren beobachtet einen Schüler bei seinen Hausaufgaben
Doch bei unseren Recherchen sehen wir neben aller Trostlosigkeit auch Menschen, die für die Neustadt eine Zukunft sehen. Zu ihnen gehört Schulsozialarbeiterin Katja Hentschik. Bildrechte: MDR/André Strobel
Ein Kamerateam filmt eine Gruppe Jugendlicher dabei, wie sie ein Trafohaus gestaltet
Zusammen mit Kindern und Jugendlichen veranstaltet sie unter anderem Kreativkurse. Hier wird gerade ein Trafohäuschen mit Spray-Farben neu gestaltet. Bildrechte: MDR/André Strobel
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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 14. Oktober 2019 | 19:00 Uhr

Zweiter Blick: Die, die etwas ändern möchten

Mir geht es bei der Umsetzung und Gestaltung der Beiträge vor allem um die Menschen, die anderen helfen möchten. Am meisten beeindruckt hat mich dabei der Drehtag mit der Schulsozialarbeiterin Katja Hantschik: knallrote Haare, Piercing und immer ein Lächeln im Gesicht. Sie arbeitet an der Herderschule, einer Grundschule in der Neustadt. Hier drücken 210 Kinder die Schulbank, davon 77 mit Migrationshintergrund. Zu den Aufgaben von Katja Hantschik gehört es, diese zu integrieren und allen zu helfen, im Unterricht besser klar zu kommen.

Eine Frau sitzt mit Schürze an einem Tisch mit Glasplatte und bastelt
Die Gründerin des Kunst- und Kulturvereins "Brand-Sanierung" Christina Simon in ihrem Atelier. Bildrechte: MDR/André Strobel

An jedem Nachmittag nach der Schule ist die 35-Jährige im Kinder-, Jugend- und Familientreff "Die Brücke". Vor allem Kinder und Jugendliche kommen hierher, meist wachsen sie in sozial schwachen Familienverhältnissen auf. Hier im Kinder- und Jugendclub spielen sie am Tischkicker, machen Hausaufgaben oder nehmen an einem Kreativkurs teil. Genau so einer steht auf dem Plan, als wir vorbeischauen. Katja Hantschik steht inmitten von zehn aufgeregten Kindern. Es ist beeindruckend, mit welcher Ruhe die gebürtige Zeitzerin das alles meistert. Seit 2012 arbeitet sie nun in der Neustadt, immer ganz nah dran an den Kindern und deren Problemen. Sie hat vor allem eine Hoffnung:

Eine junge Frau mit langen roten Haaren, markanten Augenbauen und rahmenloser Brille
Schulsozialarbeiterin Katja Hantschik Bildrechte: MDR/André Strobel

Die Eltern der Kinder haben oft keine Verbindungen hier in der Neustadt, die Kinder aber schon. Sie wachsen mit deutschen Regeln auf, sind an einer deutschen Schule mit deutschen Lehrern. Sie spielen alle miteinander und sehen das anders. Das wird eine Veränderung hier in Weißenfels geben.

Dritter Blick: Die Kinder sind die Zukunft

An einem Band hängt eine gebastelte Blüte, auf deren Blätter "Guten Tag" in verschiedenen Sprachen steht
Die Grundschule Herderschule spricht viele Sprachen – insgesamt lernen dort 210 Schüler aus 15 Ländern. Bildrechte: MDR/André Strobel

Diese Hoffnung ist nicht unbegründet, ist die Neustadt doch der jüngste Stadtteil von Weißenfels. Hier leben viele Kinder. Mir imponiert die Zuversicht von Katja Hantschik: Sie glaubt daran, dass es hier in der Neustadt bald wieder aufwärts geht, dass die Menschen aus den vielen Ecken der Welt harmonisch und friedlich zusammen leben werden. Einen besseren Ort als die Weißenfelser Neustadt könnte sie sich für ihre soziale und so wichtige Arbeit nicht vorstellen.

Die Videos der Wochenserie

André Strobel
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor André Strobel wurde 1984 in Schönebeck geboren, aufgewachsen ist er in Barby an der Elbe. Seit 2010 arbeitet er für MDR SACHSEN-ANHALT, wo er vor allem über Kultur, Gesellschaft und Sport berichtet. Neben seinen Berichten für Fernsehen und Online arbeitet er hin und wieder auch für MDR-Redaktionen in Leipzig. Bevor Strobel zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat er in Hamburg Angewandte Medienwirtschaft studiert und anschließend bei einer Münchner TV-Produktionsfirma volontiert. André mag das Wandern im Harz, die Abgeschiedenheit der Altmark und ist besonders großer Fan der Elbauen – vor allem in seiner Heimatstadt Barby.

Quelle: MDR/ap

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 18. Oktober 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Oktober 2019, 11:25 Uhr

3 Kommentare

faultier vor 4 Wochen

Schon schwierig diese Brennpunkte und der Staat tut sich keinen gefallen so etwas enstehen zu lassen ,dies ist ein Nährboden für Rassismus aber auch Kriminalität das eine bedingt das andere solche Viertel darf es nicht geben nur meine Meinung.

Fuerst Myschkin vor 4 Wochen

Mittlerweile gibt es in fast jeder größeren Stadt in Ostdeutschland die gleichen Probleme. Deswegen, Danke Groko & Merkel für nichts!

jackblack vor 4 Wochen

Ein Land, in dem wir GUT und GERNE leben !!??!!??

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