Schriftzug auf dem Rahmen eines Fahrrads der MIFA (Mitteldeutsche Fahrradwerke AG)
Bildrechte: IMAGO

Chronik 1907 bis 2017 –110 Jahre wechselhafte Fahrrad-Geschichte

Fahrräder aus dem Südharz der Marke Mifa haben eine lange Tradition. Klein angefangen, als Riese zu DDR-Zeiten, erlebten die Mitarbeiter der Firma nach 1990 in der Ex-Bergbauregion Höhen und Tiefen im Geschäft mit Rädern. Eine Chronik.

Schriftzug auf dem Rahmen eines Fahrrads der MIFA (Mitteldeutsche Fahrradwerke AG)
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1907: Gründung als Familiengesellschaft in Sangerhausen.

1927: Im erweiterten Werk werden 79.000 Fahrräder pro Jahr gefertigt.

1950: Mifa wird in der DDR zum Volkseigenen Betrieb. Im ersten Jahr wurden rund 117.000 Fahrräder gebaut.

1984: Das Zehnmillionste Fahrrad verlässt das Werk. Pro Jahr werden Ende der 1980er Jahre etwa 450.000 Räder hergestellt.

1990: Nach der Wende übernimmt die Treuhandanstalt den Betrieb. Das Unternehmen produziert 115.000 statt 400.000 Räder jährlich. Von ehemals 1.360 Beschäftigten werden nur 240 übernommen.

1993: Die Treuhand verkauft das Unternehmen an zwei Schweizer. Es firmiert zunächst unter dem Namen Fahrradtechnik Sangerhausen.

1995: Die Produktion steht vor dem Aus. Der letzte Manager meldet Insolvenz an. Zwei Unternehmer aus Thüringen kaufen die Firma – und bringen den Namen Mifa zurück.

1997: Mifa feiert sein 90-jähriges Bestehen und schreibt wieder schwarze Zahlen. 85 Mitarbeiter fertigen 400 bis 500 Räder am Tag.

25.11.2003: Der Betrieb weiht eine neue Montagehalle ein. Inzwischen arbeiten hier wieder 400 Beschäftigte. Mifa verkauft in diesem Jahr eine halbe Million Fahrräder und macht 64 Millionen Euro Umsatz.

17.05.2004: Die Mitteldeutschen Fahrradwerke gehen an die Frankfurter Börse.

14.05.2009: Fünf Jahre nach dem Börsengang verkauft das Unternehmen 614.000 Fahrräder und macht 80 Millionen Euro Umsatz.

Carsten Maschmeyer
Der AWD-Gründer Carsten Maschmeyer war zeitweise der Hauptinvestor der Mifa. Bildrechte: imago/Manngold

2011: AWD-Gründer Carsten Maschmeyer steigt bei Mifa ein und hält lange mehr als ein Viertel der Anteile. Damit ist er größter Aktionär der Fahrradwerke.

23.07.2013: Mifa kündigt an, eine strategische Partnerschaft mit dem größten indischen Fahrradhersteller Hero Cycles eingehen zu wollen.

20.03.2014: Das börsennotierte Unternehmen ist in die roten Zahlen gerutscht. Für 2013 meldet Mifa ein Minus von 15 Millionen Euro.

16.04.2014: Vorstandschef Peter Wicht, der Mifa 1996 mit einem Teilhaber übernommen hatte, legt sein Amt nieder. Zudem verkauft das Unternehmen für 5,7 Millionen Euro ein Betriebsgrundstück an den Landkreis, um an frisches Geld zu kommen.

15.05.2014: Die Krise spitzt sich zu. Mifa muss einräumen, dass auch in den Vorjahren mehr Verlust eingefahren wurde als veröffentlicht. Insgesamt beziffert Mifa den Bilanzverlust auf 28 Millionen Euro. Wenige Tage später kündigt Hero Cycles an, bei Mifa einzusteigen.

27.08.2014: Die Staatsanwaltschaft Halle ermittelt nach einer Strafanzeige gegen Ex-Mifa-Vorstand Wicht wegen des Verstoßes gegen das Aktiengesetz. Die Vorwürfe drehen sich um die erst nachträglich mitgeteilten Verluste beim börsennotierten Unternehmen.

29.09.2014: Mifa meldet Insolvenz in Eigenverwaltung beim Amtsgericht Halle an. Der Grund: Die Pläne für einen Einstieg des indischen Herstellers Hero Cycle sind gescheitert.

30.09.2014: Der Jurist Lucas Flöther übernimmt das Ruder bei Mifa als Insolvenzverwalter.

11.12.2014: Die schwarz-rote Landesregierung gewährt der insolventen Mifa eine Landesbürgschaft. So soll eine Zerschlagung verhindert und Arbeitsplätze gesichert werden.

Heinrich von Nathusius (Geschäftsführer IFA Maschinenbau GmbH) während eines Pressetermins in Haldensleben
Zwischenzeitlich war Ifa-Chef Heinrich von Nathusius auch Chef der Mifa. Bildrechte: IMAGO

12.12.2014: Die Fahrradwerke sind gerettet. Der Chef des Automobilzulieferers Ifa Rotorion, Heinrich von Nathusius, übernimmt.

15.01.2015: Kurz vor der Übergabe an von Nathusius kündigt Insolvenzverwalter Flöther an, die Mifa-Aktien von der Börse zu nehmen. Der Börsenrückzug ist im Sommer abgeschlossen.

12.12.2015: Von Nathusius kündigt an, am Stadtrand von Sangerhausen ein neues 17 Millionen Euro teures Werk zu bauen. Der Betrieb sammelt Großaufträge namhafter Marken wie Peugeot ein und soll nach den Plänen des Eigentümers Europas kostengünstigstes Fahrradwerk werden. Das Land sagt eine Förderung von 2,85 Millionen Euro zu.

19.12.2016: Sechs Monate nach der Grundsteinlegung beginnt die Produktion im neuen Werk, obwohl der Umzug noch nicht abgeschlossen ist. Es häufen sich Gerüchte um Zahlungsschwierigkeiten.

04.01.2017: Mifa taumelt wieder. Zwei Jahre nach der Rettung meldet das Unternehmen mit gut 500 Beschäftigten erneut Insolvenz an.

18.01.2017: Der Versuch, Mifa in Eigenverwaltung zu sanieren scheitert. Die Eigentümerfamilie von Nathusius zieht eine Kreditzusage für ein Finanzierungspaket überraschend zurück. Einen Tag später wird erneut Flöther als Insolvenzverwalter berufen.

15.02.2017: Eine neue Kreditzusage der Eigentümerfamilie eröffnet die Möglichkeit, die Produktion nach einer saisonbedingten Pause wieder hochzufahren. Gleichzeitig wird die Belegschaft halbiert. Die Betroffenen kommen in einer Transfergesellschaft unter.

01.04.2017: Mifa halbiert noch einmal die Zahl der Beschäftigten auf 130 Mitarbeiter.

25.04.2017: Die Staatsanwaltschaft ermittelt nach einer Anzeige wegen Insolvenzverschleppung gegen Alt-Eigentümer Heinrich von Nathusius.

19.05.2017: Die Zerschlagung des Unternehmens steht im Raum. Die Verhandlungen kommen wegen eines Streits zwischen von Nathusius und der am Einstieg interessierten Unternehmerfamilie Puello nicht voran.

31.05.2017: Die Gläubiger setzen eine Frist: Wenn Mifa bis Ende Juni keinen Retter hat, wird der Betrieb abgewickelt. Zeitgleich zieht sich Familie Puello offiziell aus dem Bieterrennen zurück. 

28.06.2017: Wenige Tage vor dem Ablauf der Gläubiger-Frist präsentiert Insolvenzverwalter Flöther einen neuen Interessenten: Der Eigentümer des früheren "Trabi"-Herstellers Sachsenring, Stefan Zubcic, will bei Mifa einsteigen und alle verbliebenen Jobs sichern.

20.07.2017: Der Coburger Manager Zubcic unterschreibt den Kaufvertrag für Mifa. Die verblieben 130 Mitarbeiter sollen ihren Job behalten, kündigt er an. Die Firma bekommt einen neuen Namen und wirbt als Manufaktur für ihre Arbeit.

18.10.2017: Zubcic plant, zwei bekannte DDR-Marken zusammenzubringen. So könnte Sachsenring als Fahrradmarke etabliert werden. In der umbenannten Sachsenring Bike Manufaktur sollen 2018 zwischen 120.000 und 140.000 Fahrräder gebaut werden – vielleicht auch mit dem bekannten S-Logo aus Zwickau.

Das weiß-blaue Logo der Sachsenring Bike Manufaktur
Bildrechte: Sachsenring Bike Manufaktur

Quelle: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 20.07.2017 | 14:00 Uhr
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 20.07.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Januar 2019, 10:52 Uhr