Fragen und Antworten Corona-Krise: Deshalb gibt es Kritik an den Vorschlägen der Leopoldina

Nachdem die Leopoldina in Halle ihre aktuellen Empfehlungen zur Corona-Krise veröffentlicht hat, gibt es viele Nachfragen und Kritik in den sozialen Netzwerken. Ein Überblick mit Fragen und Antworten.

Die Leopoldina in Halle hat am Ostermontag ihre "Dritte Ad-hoc-Stellungnahme: Coronavirus-Pandemie – Die Krise nachhaltig überwinden" veröffentlicht. Darin gibt sie Empfehlungen, wie sich die Politik, Unternehmen und Institutionen in Zeiten der Corona-Krise aktuell verhalten sollten. Daran können sich die Politiker bei ihren Entscheidungen orientieren. In den sozialen Medien reagieren viele Nutzer zustimmend, aber auch fragend und kritisch darauf. Ein Überblick über die Fragen mit Antworten.

Was ist die Leopoldina?

Die Leopoldina ist die älteste naturwissenschaftlich-medizinische Gelehrtengesellschaft im deutschsprachigen Raum. Sie wurde 2008 zur Nationalen Akademie der Wissenschaften Deutschlands ernannt. Seitdem steht sie auch unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten. Laut eigener Aussagen hat sie deshalb diese beiden Aufgaben: "die Vertretung der deutschen Wissenschaft im Ausland sowie die Beratung von Politik und Öffentlichkeit." In dieser Funktion hat sie auch das thematisierte Papier verfasst, das zur Beratung der Politik in Sachen Corona-Krise dienen soll.

Wer ist Teil der Arbeitsgruppe?

Die Arbeitsgruppe der Leopoldina, die die viel diskutierten Handlungsempfehlungen veröffentlicht hat, besteht aus 26 Personen. Davon sind 24 Männer und zwei Frauen. Sie kommen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Bereichen.

Das sind die Mitglieder der Arbeitsgruppe

  • Prof. Dr. Dirk Brockmann, Institut für Theoretische Biologie, Humboldt-Universität Berlin
  • Prof. Dr. Horst Dreier, Lehrstuhl für Rechtsphilosophie, Staats- und Verwaltungsrecht, Universität Würzburg
  • Prof. Dr. Lars Feld, Walter Eucken Institut und Universität Freiburg im Breisgau
  • Prof. Dr. Klaus Fiedler, Psychologisches Institut, Universität Heidelberg
  • Prof. Dr. Bärbel Friedrich, ehem. Vizepräsidentin der Leopoldina, Mikrobiologie, Humboldt-Universität Berlin
  • Prof. Dr. Clemens Fuest, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München
  • Prof. Dr. Peter Gumbsch, Karlsruher Institut für Technologie und Fraunhofer-Institut für Werkstoffmechanik IWM, Freiburg
  • Prof. Dr. Marcus Hasselhorn, DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation, Frankfurt a.M.
  • Prof. Dr. Gerald Haug, Präsident der Leopoldina, Max-Planck-Institut für Chemie, Mainz
  • Prof. Dr. Jürgen Kocka, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
  • Prof. Dr. Olaf Köller, Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik, Kiel
  • Prof. Dr. Thomas Krieg, Vizepräsident der Leopoldina, Medizinische Fakultät, Universität Köln
  • Prof. Dr. Heyo Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité Universitätsmedizin Berlin
  • Prof. Dr. Thomas Lengauer, Mitglied des Präsidiums der Leopoldina, Max-Planck-Institut für Informatik, Saarbrücken
  • Prof. Dr. Jürgen Margraf, Fakultät für Psychologie, Ruhr-Universität Bochum
  • Prof. Dr. Christoph Markschies, Theologische Fakultät, Humboldt-Universität Berlin
  • Prof. Dr. Wolfgang Marquardt, Vorstandsvorsitzender Forschungszentrum Jülich in der Helmholtz-Gemeinschaft
  • Prof. Dr. Karl Ulrich Mayer, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin
  • Prof. Dr. Reinhard Merkel, Seminar für Rechtsphilosophie, Universität Hamburg
  • Prof. Dr. Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts, Greifswald-Insel Riems
  • Prof. Dr. Armin Nassehi, Institut für Soziologie, Ludwig-Maximilians-Universität München
  • Prof. Dr. Manfred Prenzel, Zentrum für Lehrer*innenbildung, Universität Wien
  • Prof. Dr. Jürgen Renn, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin
  • Prof. Dr. Frank Rösler, Mitglied des Präsidiums der Leopoldina, Institut für Psychologie, Universität Hamburg
  • Prof. Dr. Robert Schlögl, Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin
  • Prof. Dr. Claudia Wiesemann, Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Universitätsmedizin Göttingen

Auf Nachfrage von MDR SACHSEN-ANHALT, wie die Gruppe zusammengesetzt worden sei, antwortete Jürgen Kocka, Mitglied der Leopoldina und der Arbeitsgruppe, dass das Präsidium für die Zusammenstellung verantwortlich sei. "Die weiblichen Mitglieder sind in der Leopoldina gesamt in der Minderheit. Nur allmählich verändert sich das", so Kocka. Er ergänzte: "Die Auswahl im Einzelnen ist sicherlich nicht unter Gesichtspunkten der Geschlechtszugehörigkeit getroffen worden, sondern im Hinblick auf das, was man von den Kompetenzen und Interessen der ausgewählten Mitgliedern erwartet."

Was empfiehlt die Leopoldina in Sachen Corona-Virus?

In der dritten Ad hoc-Stellungnahme werden unter anderem diese Empfehlungen gegeben:

  • das öffentliche Leben sollte schrittweise wieder geöffnet werden, zum Beispiel im Einzelhandel oder im Gastgewerbe – unter Berücksichtigung der Schutzmaßnahmen wie dem Mindestabstand oder einem Mund-Nase-Schutz
  • der Mund-Nase-Schutz sollte in öffentlichen Verkehrsmitteln Pflicht werden
  • Grundschulen und Schüler bis zur Oberstufe sollten möglichst bald wieder in kleinen Gruppen in den Schulen zu unterrichtet werden
  • Kitas sollten weiter geschlossen bleiben

Welche Kritik gibt es an der Leopoldina und ihren Empfehlungen?

Kritik kommt beispielsweise von Marlis Tepe, Bundesvorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW. Sie sagte gegenüber der Deutschen Presseagentur, dass sie die Empfehlungen für nur bedingt hilfreich und wenig praktikabel halte, da sie an der Realität der Bildungseinrichtungen vorbeigehen würden. Der Gesundheits- und Infektionsschutz der Lehrenden und Lernenden müsse im Mittelpunkt stehen. Bislang seien Fragen des Infektionsschutzes und der Hygiene an den Bildungseinrichtungen aber nicht gelöst.

Diese Problematik wird auch in den sozialen Medien vielfach thematisiert. Viele User sehen an den Schulen die erforderlichen Hygienemaßnahmen nicht gegeben. Dementsprechend halten sie den Vorschlag nicht förderlich für die aktuelle Situation.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) fügt deshalb hinzu, dass die Vorschläge der Leopoldina auf Alltagstauglichkeit geprüft werden müssten. Sie sagt: "Es nützt niemandem, wenn wir die Regeln an einigen Stellen lockern, aber damit an anderer Stelle die Probleme verschärfen."

CDU-Politiker Alexander Gerd Krauß, Mitglied des Deutschen Bundestages, kritisiert darüber hinaus, dass die Leopoldina nicht die Religionsausübung thematisiert habe. Wenn es darum gehe, Gaststätten wieder zu öffnen, müsse auch über Gottesdienste gesprochen werden. Die Kirchen seien groß genug, um den Sicherheitsabstand zu gewährleisten. Oder es könnten auch zwei Gottesdienste nacheinander stattfinden, so Krauß.

Neben der Kritik zu einzelnen Punkten wird im Internet sowohl das gesamte Papier, als auch die Kompetenz der Leopoldina in Frage gestellt. Sebastian Dullien, Professor für internationale Ökonomie an der HTW Berlin, zweifelt beispielsweise an der Verlässlichkeit, gerade was die wirtschaftlichen Aussagen angeht. Er benennt beispielsweise den Bereich der Konjunkturstabilisierung. Dort fordert die Leopoldina, dass der Solidaritätszuschlag abgeschafft werden sollte. Dullien findet diesen Vorschlag mit Blick auf die Stabilisierung "ein im Kosten-Nutzen-Verhältnis recht ungeeignetes Instrument zur Nachfrageankurbelung."

Stefan Gebhardt, Landesvorsitzender der Linken in Sachsen-Anhalt ergänzt die Frage, wer die Kosten der Krise übernehmen solle. Davon sei in dem Papier nicht die Rede. Außerdem sagt er: "Besonders auffällig ist, dass in dem Gesamtpapier auch nichts über die systematische Stärkung des Gesundheitsbereiches und des dort arbeitenden Personals zu lesen ist."

Daran knüpfen Twitter-User, wie Julia Probst, an und erinnern an eine vergangene Einschätzung der Leopoldina von 2016, bei der es um die Anzahl der benötigten Kliniken in Deutschland ging. Die Leopoldina hatte damals vorgeschlagen, viele Krankenhäuser zu schließen. Probst: "Stellt euch mal vor, Deutschland wäre diesen Empfehlungen gefolgt damals. Dann könnten wir in Deutschland wirklich nicht gelassen sein und sogar Patienten aus anderen Ländern aufnehmen und so humanitär Hilfe leisten."

Woran hat die Leopoldina bisher sonst geforscht?

Neben der Reports zur aktuellen Corona-Situation (2020) und den Krankenhäusern (2016), wurden beispielsweise diese Papiere von der Leopoldina veröffentlicht:

Wieso ist Bundeskanzlerin Angela Merkel die Auskunft der Leopoldina so wichtig?

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) findet, dass die Leopoldina generell sehr viele wegweisende Ratschläge geben könne. Das sagte sie in einem Video des Kanzleramtes im Februar. Eigentlich wollte sie im Februar nach Halle kommen, um eine Festansprache an der Leopoldina zu halten. Dort war ein Festakt für den neuen Präsidenten der Akademie geplant. Den Termin hat Merkel wegen der Anschläge in Hanau nicht wahrgenommen. In diesem Video sagte Merkel auch: "Wir sind eine wissensbasierte Gesellschaft und die Wissenschaft ist sozusagen der Motor des Fortschritts."

Stimmzettel zur Bundestagswahl, auf dem 2 Würfel liegen, CDU und AfD, die Leopoldina 52 min
Bildrechte: imago/Torsten Becker, Markus Scholz für die Leopoldina

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Fr 21.02.2020 14:30Uhr 52:04 min

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Das Land Sachsen-Anhalt kommentierte auf Twitter, dass die Stellungnahme der Leopoldina für Ministerpräsident Reiner Haseloff bisher die fundierteste sei. Er warne jedoch vor einem vorschnellen Exit: "Wir sind noch mitten in der Bekämpfung."

Hat nur die Leopoldina Empfehlungen abgegeben?

Nein. Auch die Helmholtz-Gemeinschaft hat ein Papier veröffentlicht, das neben dem der Leopoldina bei den nächsten Schritten berücksichtigt werden soll. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist laut eigener Angaben die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands, die als Aufgabe hat, "langfristige Forschungsziele des Staates und der Gesellschaft zu verfolgen". In ihrem Papier skizziert die Gemeinschaft unterschiedliche Szenarien in der Corona-Krise. Als Fazit kommt sie unter anderem zu dem Punkt, dass eine Verlängerung der Kontaktbeschränkungen sinnvoll wäre.

Quelle: MDR/jd, dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 14. April 2020 | 16:00 Uhr

12 Kommentare

W.Merseburger vor 31 Wochen

Ernst678,
da die Kommentarfunktion noch offen ist, erlaube ich mir ihnen folgendes zu antworten. Sie schreiben hier aber auch weiter oben, dass sie noch nie etwas von der Leopoldina gehört haben, obwohl sie wissenschaftlich tätig gewesen waren. Wenn sie also auf diesem Gebiet so ahnungslos sind, dann sollten sie es vermeiden, über Dinge zu urteilen, von denen sie keine Ahnung und noch nie etwas gehört haben. Wenn sie z. B. die Leopoldina als eine "angeblich internationale Gesellschaft" herab würdigen, stellen sie sich doch selbst in ein ideologisches Abseits nur eben auf einem anderen Gebiet anders als die Diesel- oder Klimahysteriker.

Ernst678 vor 32 Wochen

Danke, googeln kann ich aber selber, trotzdem ist mir "Leopoldina" erst ein Begriff seit plötzlich als Merkels Chefberater aufgetaucht. Und die Empfehlungen sind nun mal alter Wein in neuen Schläuchen unter Weglassung wichtiger Aspekte.

Ernst678 vor 32 Wochen

Hallo W.Merseburger, unterlassen sie bitte ihre niveaulosen und unrichtigen Mutmaßungen und bezeichnen sie nicht andere Leute als Besserwisser wenn sie sich selber als solcher outen. Und warum sollte ich Mikrobiologen und Biochemiker kennen wenn meine berufliche Tätigkeit damit nicht das geringste zu tun hatte? Und sehen sie sich die Coronakommision mal genauer an! Alter Wein in neuen Schläuchen unter Weglassung wichtiger existenzieller Aspekte. Ich hoffe das ihnen Ganzheitlich und Nachhaltig ein Begriff sind. Und auch in heutigen "wissenschaftlichen" Kremien wird ziemlich offen Parteipolitik gemacht, denken wir dabei nur an die Klima- und Dieselhysterie die wissensbefreit besonders von den GRÜNEN forciert wird!

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