Sichere Informationstechnologie Die Cyberagentur Halle/Leipzig nimmt Gestalt an

Marcel Roth
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Überraschend haben Bundesverteidigungsministerin von der Leyen und Bundesinnenminister Seehofer im Januar verkündet, dass die neu zu gründende Cyberagentur im Raum Halle/Leipzig angesiedelt werden soll. Sie soll Technologien zur Cybersicherheit erforschen lassen. Viel mehr war bislang aber nicht bekannt. MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Marcel Roth hat mit der Frau gesprochen, die die Cyberagentur aufbaut.

Ein Mann benutzt die beleuchtete Tastatur eines Notebooks
Deutschlands Cyberagentur soll Technologien zur Cybersicherheit erforschen lassen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Im Raum Halle/Leipzig soll eine sogenannte Agentur für Innovation in der Cybersicherheit aufgebaut werden. Myriam Boeck leitet den Aufbaustab der Cyberagentur im Bundesverteidigungsministerium. Demnächst sollen ihrem Stab elf Mitarbeiter angehören. Vom ebenfalls an der Agentur beteiligten Bundesinnenministerium sind zwei Beamte dabei.

Boeck will vor allem, dass Deutschland mehr technologische Souveränität bei der Cybersicherheit erlangt. Dazu soll die Cyberagentur als eine GmbH gegründet werden. "Dann soll die Agentur eigenständig Experten anstellen und ohne Beamte und Soldaten auskommen, außer, es lassen sich welche beurlauben", sagt Boeck.

Weil die Cyberagentur als Unternehmen agiert, kann sie auch höhere Gehälter zahlen als eine Behörde – für einen Teil der 100 Mitarbeiter hat Boeck jedenfalls eine Ausnahmeregel mit dem Bundesfinanzministerium vereinbart. Das ist auf dem umkämpften Markt für IT-Fachkräfte sicher auch nötig. Ob allerdings die geplanten, auf zwei Jahre befristeten Arbeitsverträge Mitarbeiter anlocken? 

Der "heiße Scheiß von übermorgen"

Mit 200 Millionen Euro soll die Agentur bis 2022 ausgestattet werden, um gezielt Forschungsaufträge zur IT-Sicherheit zu vergeben. "Wir wollen Technologien erforschen, die zukunftsweisend sein könnten. Also eher den heißen Scheiß von übermorgen statt der Dinge, die es jetzt schon gibt", erklärt Boeck. Und wie bei Start-Ups ist das Scheitern durchaus einkalkuliert, wenn sich eine ganz neue Idee als doch nicht erfolgversprechend herausstellt. Ein Forschungsfeld der Cyberagentur könnten zum Beispiel Quantencomputer sein.

Neben der Cyberagentur gibt es bereits andere öffentliche Institutionen, die sich um IT-Sicherheit bemühen. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik in Bonn zum Beispiel oder die Zentrale Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich in München. Beide sind allerdings Behörden und befassen sich vor allem mit bereits ausgereiften Technologien. Boeck sieht die Cyberagentur als Gegenstück zur Agentur für Sprunginnovationen des Wirtschafts- und Bildungsministeriums: "Die hat einen deutlich zivileren Ansatz und kümmert sich eben nicht um Cybersicherheit. Und dort gibt es auch Forscher, die zum Beispiel wollen, dass ihre Ergebnisse auf keinen Fall militärisch nutzbar sein sollen."

Keine Agentur für Cyberwaffen

Eine Cyberwaffen-Agentur soll Boecks Unternehmen trotzdem nicht werden, auch wenn das nach einer aktuellen Umfrage wohl viele Deutsche begrüßen würden. Ist eine Technologie allerdings ausgereift, soll die Cyberagentur aber bestimmen können, wer sie nutzt. "Die GmbH soll Patentrechte anmelden und innehaben dürfen und sie auch vermarkten. So kann sie selbst entscheiden, wer die Rechte bekommt und verhindern, dass die Technologie in die falschen Hände gelangt", sagt Boeck.

Deutsche Internetnutzer fürchten Cyberkriege Nach einer Umfrage des Branchenverbandes Bitkom, die im Februar veröffentlicht wurde, haben sechs von zehn deutschen Internetnutzern Angst vor einem Cyberkrieg. Die Mehrheit der Befragten glaubt, dass staatliche Konflikte künftig zunehmend in Form von Cyberattacken ausgetragen werden. Die Mehrheit der Befragten sagt auch, im Falle eines Cyberangriffs sollte Deutschland selbst aktiv zurückschlagen. Zwei Drittel fordern, mehr Geld in die Sicherheit kritischer Infrastrukturen wie zum Beispiel in Krankenhäuser, Energieversorgung oder öffentlicher Verkehr zu stecken und eine Art digitalen Katastrophenschutzes zu gründen.

Ob die Agentur in Halle oder Leipzig ihren Sitz haben wird, ist noch nicht entschieden. Derzeit werden die bundeseigenen Immobilien in der Region auf ihre Tauglichkeit geprüft. Gespräche mit einem möglichen Gründungsgeschäftsführer habe es bereits gegeben, ein Forschungsdirektor solle mithilfe von Headhuntern gesucht werden, so Boeck. "Außerdem ist angedacht, dass die Cyberagentur Programmbüros haben soll, verteilt über ganz Deutschland – je nach Themenschwerpunkt und je nachdem, wo die jeweiligen IT-Forscher sitzen."

Kritik: zu wenig Budget, zu wenig Personal

Kritiker bemängeln, dass Geld und Personal nicht ausreichen würden. Vor allem nicht, wenn sich die Agentur mit der Forschungseinrichtung des US-Verteidigungsministeriums, DARPA, vergleicht, wie es Verteidigungsministerin von der Leyen getan hat. Die DARPA hat ein Milliarden-Budget und das Internet und das GPS mit entwickelt.

Für Halles Linke-Bundestagsabgeordnete Petra Sitte sind die Aufgaben der Cyberagentur nicht klar genug umrissen. Außerdem sagt sie: "Es ist unklar, inwieweit diese Agentur überhaupt in die Region ausstrahlt. Da könnten Erwartungen enttäuscht werden. Und es ist auch nicht gut, wenn es nur ein Etikett ist, dass eine neue Bundesagentur im Osten angesiedelt wird."

Friedensklausel der Unis könnte Zusammenarbeit mit Cyberagentur erschweren

Und für einige deutsche Universitäten könnte die Zusammenarbeit mit der Cyberagentur – eine Einrichtung des Verteidigungsministeriums – kompliziert werden. Jedenfalls dann, wenn sich eine Uni zu einer sogenannten Zivil- oder Friedensklausel verpflichtet hat und all ihre Forschungsergebnisse ausschließlich zivil genutzt werden dürfen.

Im Paragraphen 2 der Grundordnung der Universität Halle-Wittenberg steht zum Beispiel: "Die Universität achtet und schützt die ethische Verantwortung ihrer Mitglieder und Angehörigen für die Inhalte, Ergebnisse und Folgen ihrer Forschung, insbesondere für deren friedliche Nutzung."

Marcel Roth
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 25. Februar 2019 | 12:00 Uhr

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4 Kommentare

25.02.2019 17:34 Staatsfunk 4

Wenn, es eng wird für die Elite, dann schalten Sie das Netz ab oder Tor wird blockiert oder das Netzdurchsuchungsgesetz wird verstärkt, damit nur noch Merkels-Mainstream gesendet wird.
Cyberangriffe gibt es dann nur noch für Flintenuschi.
Die Angst die Macht zu verlieren treibt die Elite immer mehr zum Überwachungstaat, das andere ist nur vorgeschoben.
Stasi 2.0 in Vollendung wird zügig aufgebaut, aber wir haben schon ein Staat kaputt gemacht, den schaffen wir auch.
Wir schaffen das

25.02.2019 15:38 Fragender Rentner 3

Na hoffentlich wollen die nicht auch das Darknet abschaffen wollen, wie es bei dem Zusammentreffen der Polizei gefordert wurde oder meine wohl eher so getan als wenn man es fordert !!!

Wenn es weg wäre, wie soll da wohl sich sonst die Opposition in so manchen Länder äußern ?

25.02.2019 14:06 Harry 2

Was machen jetzt eigentlich die "Experten" beim BSI? Aber hej, warum nur eine nutzlose Behörde aus Steuern mästen, wenn man auch zwei mästen kann?

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