Wiebke Rößler
Wiebke Rößler wurde als "Gründerin des Jahres" ausgezeichnet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Gründerin des Jahres" Auszeichnung für Krankenschwester aus Queis

Selbstständig mit 31 Jahren und sechs Kindern: Als Krankenschwester hatte Wiebke Rößler aus Queis kaum Zeit für ihre Familie, als Leiterin eines ambulanten Pflegedienst hat sie nicht nur mehr Zeit, sie ist auch sehr erfolgreich. Sogar so sehr, dass sie zur "Gründerin des Jahres" ernannt wurde. Mit ihrem Team betreut sie Patienten zwischen Halle, Dessau und Leipzig.

von Sven Stephan, MDR SACHSEN-ANHALT

Wiebke Rößler
Wiebke Rößler wurde als "Gründerin des Jahres" ausgezeichnet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Krankenschwester ist mein Traumberuf", sagt Wiebke Rößler. Die junge Frau aus Queis im Saalekreis hat 13 Jahre lang Patienten im Krankenhaus betreut. Seit einem Jahr ist sie nun Unternehmerin in der Pflegebranche.

Wiebke Rößler leitet die Vivo-Intensivpflege. Das ist ein ambulanter Pflegedienst, der schwerstkranke Patienten in ihrem häuslichen Umfeld betreut – Kinder wie Erwachsene gleichermaßen. Es ist eine sehr individuelle Versorgung, die für die Betroffenen oft mehr Lebensqualität und ein selbstbestimmteres Leben bedeutet.

Keine Zeit für die Kinder

Zur Unternehmerin wurde die 31-Jährige, weil ihr nicht mehr gefiel, wie sich das Berufsbild der Krankenschwester veränderte. Immer mehr Bürokratie, weniger Zeit für die Patienten – so war ihr Eindruck. Hinzu kam, dass immer öfter die Zeit für die Familie fehlte. Denn Wiebke Rößler und ihr Ehemann Lars haben sechs Kinder. Luca, der Älteste, ist elf Jahre alt. Baby Theo wurde gerade mal vor zwölf Wochen geboren. Weil aber ihr Mann seit zehn Jahren ebenfalls in der Intensivpflege tätig ist, wurden die Dienste zunehmend zur Belastung für das Familienleben.

Ein Paar mit inem Knderwagen.
Jetzt hat Wiebke Rößler mehr Zeit für Mann und Baby. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wir für uns waren nicht mehr so zufrieden", so Wiebke Rößler heute. "Weil wir beide in Schichten gearbeitet haben und vom Familienleben am Ende nicht mehr viel übrig war. Der eine hat am Wochenende die Kinder betreut, der andere hat gearbeitet und da haben wir uns praktisch abgewechselt. Da haben wir überlegt: was können wir machen, um das zu ändern?"

Zunächst kein Kredit

Es war die Geburtsstunde der Idee, ein Unternehmen zu gründen. Andererseits war die Selbständigkeit für Wiebke Rößler absolutes Neuland. "Da überlegt man: machen wir uns selbständig oder nicht? Es hängt ja auch viel dran", sagt sie heute. "Wir haben ja Kinder zu ernähren und man weiß ja nicht: Was kommt auf mich zu, wenn ich mich selbständig mache? Ich kannte mich ja in der Hinsicht überhaupt nicht aus."

Eineinhalb Jahre dauerte es von den ersten Überlegungen bis zum Start des Unternehmens im Oktober 2016. Hilfe und Rat fand Wiebke Rößler bei einer Unternehmensberaterin. Was noch fehlte war ein Gründerkredit, um die ersten Lohnkosten vorzufinanzieren. Da aber stellte sich die erste Bank überraschenderweise quer. "Da sagte die Dame mir: Ja, Frau Rößler, Ihr Businessplan, der hat uns sehr gut gefallen, aber wir denken, dass Sie sich als Mutter von so vielen Kindern nicht ins Unternehmen einbinden können; von daher lehnen wir das ab."

Und dann steht man erst mal da und denkt: Na toll – es ist vier Wochen vor dem Start und man bekommt diese Unterstützung nicht.

Wiebke Rößler

Ehemann ist Teil des Teams

Eine andere Bank war weniger skeptisch – und dürfte den Kredit für Wiebke Rößler bis heute nicht bereut haben. Denn nach nur einem Jahr beschäftigt die Vivo-Intensivpflege 40 Mitarbeiter. Die betreuen derzeit neun Klienten in der Region zwischen Halle, Dessau und Leipzig.

Mitarbeiter eines Pflegeteams
Nur ein kleiner Teil des Pflegeteams, insgesamt hat Rößler 40 Mitarbeiter. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch ihren Ehemann Lars hat Wiebke Rößler im Unternehmern angestellt – als Pflegedienstleiter. Personalsorgen hat die junge Firma nicht. Im Gegenteil: Der Intensivpflegedienst hat sich einen Namen gemacht, auch branchenintern. Immer wieder bewerben sich Pflegekräfte. Denn Wiebke Rößler setzt auf eine gute Zusammenarbeit und vor allem auf ein familienfreundliches Klima. "Das bedeutet, die Mitarbeiter haben Mitspracherecht bei den Dienstplänen, die können ihre Wünsche abgeben und es wird drum herum geplant", erläutert sie. "Es ist nicht so, dass man vorschreibt: Du musst jetzt da den Dienst machen oder du dort. Sondern wir sprechen das mit allen ab."

Sonderpreis des Wirtschaftsministeriums

Die erfolgreiche Unternehmensgründung wird nun auch von anderer Stelle honoriert. Wiebke Rößler wurde bei der Vergabe des Unternehmerinnenpreises mit dem Sonderpreis des Wirtschaftsministeriums von Sachsen-Anhalt ausgezeichnet – als "Gründerin des Jahres".

Dass die junge Unternehmerin und ihr Mann als Pflegedienstleiter selbst eine Familie haben und auch selbst die Betreuung von Klienten übernehmen, ist ein Umstand, den die Mitarbeiter sehr zu schätzen wissen.

In relativ kurzer Zeit so ein Unternehmen aufgebaut zu haben, mit so vielen Klienten – das ist schon top!

Erdmute Ballin, Pflegerin

Mehr Zeit gemeinsam

Das erste Jahr haben sowohl die Firma als auch ihre Gründerin gut überstanden. "Es war ein tolles Jahr, ein aufregendes Jahr", sagt Wiebke Rößler. "Es gab Höhen und Tiefen und man saß manchmal da und dachte: O Gott, was machst du jetzt? Ich hab‘ das immer gut gemeistert, denke ich, natürlich mit Unterstützung von meinem Mann und den Mitarbeitern – ohne die wäre das ja gar nicht möglich."

Sie könne sich die Arbeit jetzt viel flexibler einteilen, sagt die Gründerin des Jahres. Gerade baut die Familie eine ehemalige Garage an ihrem Haus in Queis zum Büro um, um das heimatnahe Arbeiten noch mehr zu erleichtern. Für die achtköpfige Familie hat die Selbständigkeit vieles zum Positiven verändert. Sowohl Eltern und Kinder als auch die Eheleute selbst haben mehr voneinander, können viel häufiger Zeit gemeinsam verbringen.

Dass sie das alles unter einen Hut bringt: Kinder, Firma, das alles aufzubauen – wahnsinn. Und ich finde, deshalb hat sie den Preis auf jeden Fall verdient.

Tom Baake, Pfleger

Rat an Gründer

Anderen potenziellen Unternehmensgründern rät Wiebke Rößler, sich vorher genau zu informieren, sich beraten zu lassen und gut zu überlegen: Will ich das? Dann aber gelte: "Wenn man wirklich den Entschluss gefasst hat, dann sollte man seine Ziele auch verfolgen und sich nicht entmutigen lassen, auch wenn einem da Steine in den Weg gelegt werden. Man muss immer weiter daran arbeiten, dass man auch das erreicht, was man möchte. Ich sehe jetzt manche Sachen ganz anders als zu Beginn. Man lernt dazu und ich muss auch noch ganz viel lernen. Aber: Es macht einfach Spaß!"

Mehr zum Thema

Dieses Thema im Programm : MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 20.10.2017 | 19:00 Uhr

Quelle:MDR/ms

Zuletzt aktualisiert: 21. Oktober 2017, 12:22 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

Meistgelesen heute