Bodo Meerheim bei der Preview MDR-Dokumentation ABF Halle.
Bodo Meerheim hat nach dem Abitur an der ABF in Halle in Kasan studiert. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Interview ABF-Alumni Bodo Meerheim Zum Studium von Halle in die Sowjetunion

An der Arbeiter- und Bauernfakultät in Halle sind ab Mitte der 1960er Jahre Schüler auf ein Studium im Ausland vorbereitet worden. ABF-Absolvent Bodo Meerheim berichtet von seinem Studium in der damaligen Sowjetunion.

Bodo Meerheim bei der Preview MDR-Dokumentation ABF Halle.
Bodo Meerheim hat nach dem Abitur an der ABF in Halle in Kasan studiert. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

MDR SACHSEN-ANHALT: Sie haben im Ausland studiert, in der Sowjetunion. Wie wurden Sie in der ABF darauf vorbereitet?

Bodo Meerheim: Sehr, sehr intensiv. Hauptsache Sprache. Wir haben auch Fächer in russischer Sprache unterrichtet bekommen, die wir anschließend im Studium gar nicht hatten. Zum Beispiel hatten wir eine – in Anführungszeichen – verrückte Physiklehrerin, die selber in der damaligen Sowjetunion Physik studiert hatte. Der war es wichtig, uns Physik auch in Russisch beizubringen. Das war also eine doppelte Schwierigkeit für jemanden, der Physik mag wie – andere Fußball nicht mögen.

Sie waren dann zum Studium in Kasan. War das Ihre erste Wahl?

Nein, das war natürlich nicht die erste Wahl. Wie jeder andere Student, der an der ABF sein Abitur gemacht hat, wurden wir delegiert. Wir haben unsere Delegationsurkunde in Empfang genommen und haben dann erfahren, wo wir hinkamen. Das war für uns damals Kasan. Die haben heute glaube ich sogar mehr als zwei Millionen Einwohner, zu unserer Zeit waren es glaube ich knapp anderthalb. Also keine kleine Stadt, aber trotzdem weit, weit in der Pampa. Also im Nichts, irgendwo zwischen Moskau und Ural.

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Wolgametropole Kasan

Kazan
Kazan ist die Hauptstadt der autonomen Republik Tatarstan und liegt am Zusammenfluss der Kama und der Wolga. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Kazan
Kazan ist die Hauptstadt der autonomen Republik Tatarstan und liegt am Zusammenfluss der Kama und der Wolga. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Kazan
Hier leben Menschen unterschiedlichster Religionen friedlich zusammen, das prägt auch das Stadtbild. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Kazan
Der wunderschöne Kreml von Kazan liegt an der Kasanka, einem Nebenfluss der Wolga. Seit 2000 gehört er zum Weltkulturerbe der UNESCO. Auf seinem Gelände stehen die Kul-Sharif Moschee und die Mariä-Verkündigungs-Kathedrale eng beieinander.
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Kasan ist eine Millionenmetropole und hat trotzdem eine gemütliche Ausstrahlung.  Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Im Standesamt in Form einer riesigen Schüssel werden täglich bis zu 80 Paare getraut. Dieser Hochzeitspalast wurde in Form eines gigantischen Kessels über einem lodernden Herd, in dem das Leben der Stadt "kocht", konstruiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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In der prosperierenden sogenannten "dritten Hauptstadt Russlands" wird viel gebaut. Die moderne Metropole gilt laut einer Umfrage als die lebenswerteste Stadt Russlands.  Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Kazan
Das alte tatarische Viertel ist liebevoll restauriert und auch ein Anziehungspunkt für die Touristen. Hier findet man einzigartige Denkmäler der Holzarchitektur: Häuser aus dem 18. Jahrhundert und eine Moschee. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Der Tempel aller Religionen wurde vom bereits verstorbenen Künstler und Architekten Eldar Chanow entworfen. Symbolisch steht er für das friedliche Zusammenleben aller Religionen. In der Architektur dieses Gebäude vereinen sich christliche Kreuze, muslimische Halbmonde, Davidsterne und chinesische Kuppeln. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Kazan
Der wunderschöne Bauman-Prospekt, die Hauptstraße Kazans, lädt auch nachts zum Flanieren ein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Die Kul- Sharif Moschee auf dem Kazaner Kreml.
Die Kul-Sharif Moschee erinnert an Märchen aus 1001 Nacht. 2005 zum 1000-jährigen Jubiläum der Stadt geweiht, ist sie eine der Top-Sehenswürdigkeiten der Stadt. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel
Kazan
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Der Kronleuchter im Innenraum stammt aus Böhmen und wiegt mehr als zwei Tonnen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Die Kul- Sharif Moschee auf dem Kazaner Kreml.
Bildrechte: MDR/Alexander Hertel

Ihren Studiengang dort durften Sie selber wählen?

In der Regel war das schon so, dass die Leute, die an der ABF dann angefangen haben, später das studiert haben, was sie sich ausgesucht haben. Bei mir war es ein bisschen anders. Es war dem Zufall zuzuschreiben, dass ich WiKo [Wissenschaftlicher Kommunismus, Anm. d. Red.] gemacht habe. Ursprünglich wollte ich Medizin machen. Als ich aber hier war, hatten wir vor dem 12. Jahrgang an der ABF ein sogenanntes Vorbereitungstreffen. Da wurden wir eingestimmt auf die Abiturzeit und auf das, was einen so erwartet. Und dann habe ich erfahren: "Jetzt musst du außer Russisch auch noch Latein und Griechisch dazulernen." Das war für mich dann doch eine Herausforderung zu groß.

Da dort auch Dozenten waren, die Philosophie in der Vorbereitung hatten, habe ich gesagt: "Okay, dann mache ich das." Dann bin ich nach Halle gekommen und die sagten: "Nö, die Plätze sind alle belegt. Das geht nicht mehr." Da war ich baff und sagte: "Na, was kann ich denn dann noch machen?" Naja, und dann haben die mir gesagt: "Gut, dann machst du Wissenschaftlichen Kommunismus." Und da ich in derselben Gruppe der ABF blieb und wir uns schon kannten, habe ich das gemacht.

Wie waren die ersten Tage in Kasan? Sie waren offenbar nicht der Einzige aus Halle.

Nein, knapp 20 Leute waren wir, die dort eingetrudelt sind. Wir [vom Wissenschaftlichen Kommunismus] hatten vorher noch einen Extra-Sprachunterricht in Donezk – heute heiß umkämpfte Stadt. Von dort aus sind wir dann nach Kasan geflogen. Dort hatten wir auch noch einmal anderthalb Monate bis zum Beginn des eigentlichen Studiums. Da sind wir dann in so einem Internat gelandet, ich glaube, da würde von uns keiner mehr heute drin wohnen wollen. Nicht zu vergleichen mit denen, die es in der DDR gab. Aber trotzdem war es eine wunderschöne Zeit.

Mussten Sie vor dem Studium etwas selbst organisieren?

Das war alles perfekt. Wir sind in Berlin am Ostbahnhof in den Zug eingestiegen. Der fuhr nach Donezk und von da sind wir dann mit dem Flugzeug nach Kasan. Aber das haben wir nicht organisiert. Alle anderen Rückflüge – wenn wir während der Studienzeit nach Hause wollten, wir durften ja jedes halbe Jahr nach Hause – mussten wir selber organisieren.

Hatten Sie mehr Kontakt zu anderen internationalen Studenten oder zu Einheimischen?

Das spielte überhaupt keine Rolle, wer woher kam. Wir waren sowieso die meiste Zeit zusammen an der Uni. Wir haben ja auch mit den einheimischen und anderen ausländischen Studenten zusammen auf einem Zimmer gewohnt. Es gab Vier-Bett-Zimmer – in einem solchen habe ich gelebt – da war ein Tatar, also ein Heimischer, ein Aserbaidschaner, ein Kubaner und ich. Also vier verschiedene Nationalitäten. Und wir haben alle eine Sprache benutzt.

Wie war es mit der Finanzierung des Studiums?

Am Anfang war es so, dass meine Eltern zum Teil mitbezahlen mussten. Irgendeinen Parteitag später, das war 1980 oder sowas, haben die dann beschlossen, dass das der Staat übernimmt. So, wie das für die Studenten, die in der DDR studiert haben, auch war. Und das Stipendium haben wir immer bekommen, 80 Rubel im Monat. Aber einen Großteil hat man doch selber finanziert. Die Eltern haben einem immer etwas mitgegeben und man musste auch den Flug hin und zurück einmal im Jahr bezahlen. Den zweiten Flug hat man bezahlt bekommen. Das waren ja auch immer 120 Rubel, umgerechnet fast 500 DDR-Mark. Das war viel Geld.

Wie war es, aus Kasan zurückzukommen?

So schwer wie es war, sich dort einzugewöhnen, war es dann umgekehrt genauso. Es war auch schon immer schwierig, wenn man nach einem halben Jahr hierher kam. Allein die Umstellung in der Nahrung. Es war jedes Mal dasselbe: Ich konnte die ersten zwei Tage nichts essen. Ich habe nichts runtergekriegt, weil die Umstellung so abrupt war.

Ging es denn, den Kontakt zu Freunden in Deutschland zu halten?

ABF-Gebäude in Halle 2
An der ABF in Halle wurde Bodo Meerheim auf ein Auslandsstudium vorbereitet. Bildrechte: MDR/Michael Both

Also wissen Sie, wenn man sich für die ABF entschieden hat, hat man ja schon mit einem gewissen Teil gebrochen. Es finden sich auch neue Freundschaften unter den Menschen, mit denen man dann zusammen ist. Es wird dann nur schwerer, die Freundschaften zu pflegen, wenn man bloß alle halbe Jahr nach Hause kommt. Die haben einen ganz anderen Erlebnishintergrund als wir. Das war dann schon schwierig, sich erstmal zu finden.

Ich habe während der Zeit, wo ich im Ausland war, meine Frau kennengelernt. Ich habe sie auch bloß einmal im halben Jahr gesehen. Wir sind heute noch zusammen.

Bodo Meerheim Bodo Meerheim war 1977 und 1978 Schüler an der ABF in Halle. Er studierte fünf Jahre in Kasan und arbeitete anschließend als wissenschaftlicher Assistent an der Uni Halle. Währenddessen promovierte er. Ab 1988 arbeitete er bis zur Wende an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften in Berlin. Heute ist Meerheim Fraktionsvorsitzender der Linken in Halle und Mitglied im Stadtrat.

Das Gespräch führte Maria Hendrischke.

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Dieses Thema im Programm: MDR – "Der Osten – entdecke wo du lebst" | 26. Februar 2019 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Februar 2019, 12:36 Uhr

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