Anschlag in Halle Zehnter Prozesstag: Jüdische Gemeinde schützte sich selbst, weil keine Polizei vor Synagoge war

Am zehnten Prozesstag um den Anschlag von Halle ging es vor allem darum, wie Mitglieder der Jüdischen Gemeinde den Anschlag erlebt haben und wie die Polizeipräsenz vor der Synagoge geregelt wurde. Der Vorsitzende der Gemeinde sagte aus, dass es ein eigenes Sicherheitskonzept gab. Außerdem berichtete eine Zeugin wie sie stundenlang von ihrer Tochter getrennt war. Während der Aussagen störte der Angeklagte mehrfach mit provozierenden Kommentaren.

Ein Justizbeamter bewacht die Zufahrt im Hof des Landgerichts vor Beginn des zehnten Prozesstags gegen den angeklagten Stephan B.
Am zehnten Prozesstag am Landgericht in Magdeburg werden weitere Zeugen gehört. Bildrechte: dpa

Am zehnten Prozesstag um den rechtsterroristischen Anschlag von Halle sind am Dienstag weitere Zeugen gehört worden.

Zu Beginn des Prozesstages hat eine Rabbinerin ausgesagt, die während des Anschlags in der Synagoge war. Sie habe damals ihre 15 Monate alte Tochter am Morgen an ihre Babysitterin übergeben und sei mit ihrem Mann in den Gottesdienst gegangen. In der Mittagspause des Gottesdienstes wollte man sich wieder treffen.

Als es zum Anschlag kam, konnte die Zeugin ihre Babysitterin nicht mehr telefonisch erreichen. "Ich bin fast wahnsinnig geworden vor Angst", sagt die Rabbinerin aus. Erst nach mehreren Stunden konnte sie die Synagoge verlassen und ihre Tochter wiedersehen.

Familientrauma wiederbelebt

Ihre Angst als Mutter habe sich auch mit dem Trauma ihrer Familie an dem Tag vereint. Ihre Großmutter sei 1944 vor den Toren von Auschwitz von ihrer Familie getrennt worden. Der Angeklagte Stephan B. habe durch seine Taten für eine extrem traumatische Situation gesorgt. Sie sei wegen der Ereignisse in Therapie, der Tochter gehe es besser. Der Zeugin gelinge es zunehmend mit den Erlebnissen zu leben. Sie sagte: "Der Täter hat keinen Erfolg gehabt. Ich bin der lebende Beweis. Leute wie er werden nicht erfolgreich sein."

Zeugin: Tür war nicht der Lebensretter

Eine weitere Zeugin, die ebenfalls während des Anschlages in der Synagoge war, sagte aus, dass nicht die Tür den Menschen innerhalb des Gebäudes das Leben gerettet habe. Dieses Narrativ spiegele nicht die Ereignisse wieder, denn der Angeklagte habe Splitterbomben über die Mauer geworfen, die Menschen hätten töten können. Sie beschwert sich, dass sich in der Berichterstattung zu sehr auf die Tür konzentriert würde.

08.09.2020, Sachsen-Anhalt, Magdeburg: Der angeklagte Stephan Balliet sitzt zu Beginn des zehnten Prozesstages neben seinen Verteidigern Hans-Dieter Weber (l) und Thomas Rutkowski im Landgericht.
Während der Aussagen machte der Angeklagte provozierende Anmerkungen. Bildrechte: dpa

Während der Aussagen der Zeuginnen versucht sich der Angeklagte direkt in an die Zeuginnen zu wenden. Auch in den vergangenen Verhandlungstagen hatte er das bereits gemacht. Dabei macht er kommentierende, provozierende Aussagen, die antisemitisch sind oder gar den Holocaust leugnen. Die Anwälte und Anwältinnen der Nebenkläger haben die Anmerkungen sofort beanstandet.

Normal, dass keine Polizei vor Ort war

Ein Mann, der den Gottesdienst technisch unterstützte, sagt aus, dass er auf einem Monitor beobachtet habe, wie auf die Synagogen-Tür geschossen wurde. Dann habe man versucht die Tür mit Stühlen und Gegenständen zu verbarrikadieren und die Polizei gerufen. Laut seiner Aussage war es normal, dass keine Polizei vor der Synagoge war. Seine Meinung ist jedoch, dass an diesem Tag die Polizei hätte vor Ort sein müssen. Der jüdische Kalender sei bekannt gewesen.

Jüdische Gemeinde mit eigenem Sicherheitskonzept

Max Privorozki, der Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, äußerte sich ebenfalls zur nicht vorhandenen Polizeipräsenz am Tattag. Es habe regelmäßigen Kontakt zur Polizei gegeben, aber keine Termine bezüglich bestimmter Ereignisse. Die Sicherheitslage sei regelmäßig vom Landeskriminalamt gecheckt worden. Nach Ereignissen wie dem Anschlag am Breitscheidplatz in Berlin 2016 sei ein Polizeiauto unregelmäßig an der Synagoge vorbeigefahren. Manchmal habe auch ein Wagen ein, zwei Wochen vor der Tür gestanden. An Jom Kippur im vergangenen Jahr sei die Polizei aber wahrscheinlich nicht zu einer solchen Entscheidung gelangt. Diese Entscheidungen habe die Polizei ohne Rücksprache mit der Gemeinde getroffen.

Man habe deswegen ein Sicherheitskonzept unabhängig von der Polizei erstellt, so Privorozki. So habe man das Grundstück und die Tür abgeschlossen. Gemeindemitglieder wüssten generell Bescheid, dass sie warten müssen, bis die Tür geöffnet wird. Besucher müssten sich vorab über eine E-Mail anmelden. Dann werde geprüft, ob sie in die Synagoge kommen dürften.

Danach berichtet Privorozki wie er den Anschlag erlebt hat. "Ich werde das nie vergessen. Ich habe gesehen wie jemand angeschossen beziehungsweise erschossen wurde. Das habe ich mit meinen Augen gesehen auf dem Monitor." Als er den Täter auf dem Bildschirm sieht, denkt er zunächst "das ist ein Guter, weil er aussah wie aus einer Spezialeinheit." Erst als Privorozki bemerkte, dass der Täter auf die Tür schoss, wurde klar, dass dem nicht so war. Dann habe er mit zitternden Händen aus Panik nicht direkt die Polizei, sondern den Notruf unter der 112 angerufen.

Er habe dann alle Menschen, die sich in der Synagoge befanden, im Gebetsraum versammelt. "Ich stand mit einem Bein drinnen und mit dem anderen draußen zum Telefonieren." Privorozki habe Kontakt zum Zentralrat der Juden gehabt, damit der Vorfall bundesweit bekannt werde. Außerdem habe er mit seiner Familie telefoniert und mehrfach mit der Polizei. Den Hinweis nichts anzufassen, hätten sie bei einer Flasche, die wohl ein Molotow-Cocktail war, ignoriert. "Wir haben eine Flasche bewegt. Sie lag in der Sonne, die Temperatur war hoch." Man hatte Sorge, dass sie explodieren könnte.

Urteil im November erwartet

Der Angeklagte hatte am 9. Oktober 2019 aus antisemitischer Motivation heraus einen Anschlag auf die Synagoge verübt, zwei Menschen erschossen und weitere verletzt. Die Bundesanwaltschaft hat ihn wegen Mordes in zwei Fällen, versuchten Mordes in 68 Fällen sowie weiteren Straftaten angeklagt. Mit Sprengsätzen und Schusswaffen wollte er in die Synagoge eindringen, um möglichst viele Juden zu töten.

Die Taten hat der Angeklagte zu Beginn des Prozesses gestanden. Das Urteil soll voraussichtlich am 18. November verkündet werden.

Quelle: MDR/ff

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 08. September 2020 | 19:00 Uhr

4 Kommentare

ossi1231 vor 6 Wochen

"Den Hinweis nichts anzufassen, hätten sie bei einer Flasche, die wohl ein Molotow-Cocktail war, ignoriert. "Wir haben eine Flasche bewegt. Sie lag in der Sonne, die Temperatur war hoch." Man hatte Sorge, dass sie explodieren könnte."

Müsste man soetwas normalerweise nicht durch Bericht des LKA bekannt werden.
Aber die Spurensicherung ist in diesem mehr als merkwürdigen Fall irgendwie nicht präsent.

Harka2 vor 7 Wochen

Das traurige daran ist, dass der Loser vermutlich sein ganzes Leben lang nie bewusst einen Juden kennengelernt hat und von deren oder jeder anderen Religion nie etwas verstanden hat. Ohne jeden Sinn und Verstand wird eine Minderheit für alles, was in seinem Leben von ihm selbst verbockt wurde verantwortlich gemacht. Der Typ steigert sich in Gewaltphantasien und meint Gegner zu erkennen, wo es gar keine gibt. Mal ehrlich, welchen Ausgang hätte die Tat nehmen können? Für ihn gab es nur zwei Optionen:

1. Die Polizei erschießt ihn

2. lebenslang ins Gefängnis

Ein drittens gibt es nicht. Was also wollte der Loser erreichen? Er hatte nie eine Chance auf einen Erfolg für sich. Ist er wirklich so unfassbar dumm, dass ihm das nicht vorher klar war?

Denkschnecke vor 7 Wochen

Es zeigt sich immer mehr, wie sich in wenigen Jahren Menschen so radikalisieren können, dass auf der Anklagebank nun ein ganz offensichtlich in der Wolle gefärbter, unverbesserlicher Antisemit sitzt, der Menschen, die irgendwie anders sind als er, für nicht lebenswert hält und zu keinerlei Empathie fähig ist.

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