#miteinanderstark Apothekerin zu Corona-Zeiten: Von Plexiglas und Medikamente-Hamsterkäufen

Manche Berufe sind in Zeiten von Corona wichtiger denn je. Margit Hensel ist Apothekerin in Halle – ihre Apotheke liegt direkt am Fieberzentrum der Poli Reil. Ein Gespräch über Plexiglasscheiben am Verkaufstisch, Mundschutz-Masken und die Gefahr von Hamsterkäufen bei Medikamenten.

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Maria Hendrischke, MDR SACHSEN-ANHALT

Apothekerin Margit Hensel neben den Plexiglasfenstern am Verkaufstisch.
Apothekerin Margit Hensel am Verkaufstisch. Die Plexiglasscheibe schützt bei Kundengesprächen vor Ansteckung mit dem Coronavirus. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Seit 1995 führt Margit Hensel die Reil-Apotheke in Halle. In diesem Vierteljahrhundert erinnert sie sich an keine Situation in ihrem Berufsleben, die außergewöhnlicher gewesen wäre als die aktuelle: Das Coronavirus hat für Hensel und ihre neun Mitarbeiter einige Veränderungen bedeutet.

Das Virus betreffe die Reil-Apotheke gleich in doppelter Hinsicht, erklärt Hensel. Denn zur allgemein gerade herrschenden Ausnahmesituation komme hinzu, dass ihre Apotheke genau an der Poli Reil des Diakoniewerks liege. Dort hat die Stadt Halle ein sogenanntes Fieberzentrum einrichten lassen - für Verdachtsfälle, die auf das Coronavirus getestet werden müssen. Der Ausgang des Zentrums liegt direkt gegenüber des Eingangs zur Apotheke – die Türen sind nur durch einen etwa sieben Meter breiten Flur getrennt. Es ist klar, dass hier auch Personen entlangkommen, deren Corona-Test positiv ausfällt.

Einige Kunden schreckt diese Nähe zu potenziell am Coronavirus Erkrankten ab, hat Hensel beobachtet. "Gerade kommen deutlich weniger Menschen zu uns." Die Zahl der täglichen Anrufe in der Apotheke habe allerdings nicht abgenommen.

Die Reil-Apotheke Halle liegt direkt neben dem Fieberzentrum in der Poli Reil.
Die Reil-Apotheke liegt direkt neben dem Fieberzentrum in der Poli Reil. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Lieferungen zum Kunden, Verkauf hinter Plexiglas

Die Reil-Apotheke hat sich auf das Virus eingestellt: Medikamente würden vermehrt ausgeliefert – und das nach Möglichkeit ohne persönlichen Kontakt zwischen Ausfahrer und Patient, sagt Hensel. "Wir vereinbaren kurz vor Lieferung telefonisch, wo das Rezept abgelegt werden soll, wo wir das Medikament abstellen und versuchen, Bezahlungen auf Rechnung zu ermöglichen." Die zwei Mitarbeiterinnen, die normalerweise die Lieferungen übernehmen, hat Hensel davon aber freigestellt. Sie gehörten zu einer Gruppe mit erhöhtem Risiko. Hensels Sohn, eigentlich Student – und darum von den Uni-Schließungen betroffen – übernimmt die Ausfahrten zu den Kunden.

Auch in der Apotheke selbst sind Schutzmaßnahmen eingeführt worden. Die wohl auffälligste: Auf den Verkaufstischen sind drei Plexiglasscheiben angebracht, die zwischen Kunde und Apothekenmitarbeiter stehen. Durch eine Lücke am unteren Teil der Scheibe können die Artikel sowie Geld gereicht werden. "Die hat mein Mann selbst gebaut", erzählt Hensel. Mittlerweile gebe es die Aufsätze aber auch schon zu kaufen.

Apotheke stellt Desinfektionsmittel her

Abstand zueinander müssen Apothekenkunden wegen der bei Beratungsgesprächen geltenden Diskretion sowieso immer halten. "Außerdem lassen wir das Fenster angekippt, um für bessere Durchlüftung zu sorgen, waschen uns noch häufiger die Hände und verwenden Desinfektionsmittel", zählt Hensel weitere Maßnahmen auf.

Desinfektionsmittel ist vielerorts vergriffen, die Nachfrage ist groß. Die Industrie komme mit der Produktion nicht nach, sagt Hensel. In der Reil-Apotheke wird Desinfektionsmittel selbst hergestellt – in größeren Mengen für Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen, in kleinen Mengen auch für Privatkunden. Ein zusätzlicher Aufwand.

Nicht nur Desinfektionsmittel sei bei Apothekenkunden derzeit sehr gefragt, sondern auch Mundschutz-Masken, erzählt Hensel. Dabei sei Mundschutz nur für Gesundheitspersonal und Personen sinnvoll, die selbst an Corona erkrankt seien und andere nicht anstecken wollten. "Wir versuchen daher, bei einem Kaufwunsch dagegen zu argumentieren und aufzuklären", sagt Hensel. "Das Problem ist der Kopf", fügt sie hinzu. Psychologie komme derzeit voll zum Tragen. Manche Menschen fühlten sich mit Mundschutz einfach sicherer. Kopfsache eben.

Hamsterkäufe auch bei Medikamenten

Die menschliche Psyche spielt auch noch bei einem anderen Punkt eine Rolle: Hamsterkäufe. Ausverkauftes Toilettenpapier und leere Nudel-Regale sind wohl schon jedem aufgefallen. Doch auch Medikamente würden gehamstert, erzählt Hensel. So ließen sich manche ihre Rezepte gleich für mehrere Monate ausstellen und holten so mehrere Medikamentenpackungen auf einmal ab. Bei rezeptfreien Medikamenten wie Schmerz- oder Fiebermitteln sei die Nachfrage gestiegen.

Lieferengpässe in der Apotheke

Ein Dankesplakat für Helfer im Fieberzentrum an der Poli Reil
Dieses Banner hängt genau gegenüber vom Fieberzentrum und der Reil-Apotheke an einer Straßenbahn-Haltestelle. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Dieses Hamstern verschlimmert ein Problem, dass Apotheken schon vor der Corona-Krise kannten und welches die Krise noch verstärkt hat: Arzneimittel-Lieferengpässe. "Ich habe gerade eine Liste mit 145 Artikeln, die ich gerne im Lager hätte, die mir der Großhandel aber im Moment nicht liefern kann", sagt Hensel. Es komme daher vor, dass sie Kunden sagen müsse, dass sie ein bestimmtes Medikament derzeit nicht bekommen könne.

Zwar gebe es für viele Medikamente Ersatzprodukte, zum Beispiel Präparate von einer anderen Marke mit gleichen Inhaltsstoffen, sagt sie. Aber bei manchen Menschen wirke nur ein ganz bestimmtes Arzneimittel, so Hensel. Auch das sei zu einem Teil Kopfsache.

Und eigentlich müssen Apotheken genau das Medikament ausgeben, das auf einem Rezept steht, damit die Krankenkassen tatsächlich für das Rezept zahlen. Sonst kann es passieren, dass Apotheker auf den Kosten sitzenbleiben. Einige Krankenkassen hätten bereits signalisiert, während der Corona-Krise kulanter zu sein. Ob sie sich wirklich daran hielten, werde sich aber erst in zwei Jahren zeigen, erklärt Hensel: Das sei die Frist, die Krankenkassen für die Rezeptprüfung hätten.

Sicherheit durch Wissenschaft

Wie schafft es Hensel bei allen momentanen Unsicherheiten, Ruhe zu bewahren? "Wissenschaftliche Statements zum Coronavirus geben mir Sicherheit", sagt sie. "Denn ich habe durch Studium und Beruf gelernt, diese Statements zu interpretieren." Außerdem sei glücklicherweise keine ihr nahestehende Person bei einer Infektion mit dem Coronavirus besonders stark gefährdet.

Als Apothekeninhaberin hat Hensel eigentlich vor allem Büroaufgaben zu erledigen. Nun arbeitet sie allerdings auch öfter im Handverkauf mit, steht also selbst am Verkaufstresen. "Ich möchte meinen Mitarbeitern zeigen: 'Ihr braucht keine Angst zu haben. Wenn ihr euch an die Richtlinien haltet, ist die Gefahr nicht groß, sich selbst anzustecken'", erklärt sie. Wenn sich Mitarbeiter zusätzlich durch Handschuhe oder Mundschutz schützen wollten, könnten sie dies auch tun.

Medikamente hamstern gefährdet andere

Hensel weist darauf hin, dass Hamsterkäufe von Medikamenten eine Gefahr für die Gesundheit anderer darstellen. Zwar sei es sinnvoll, beispielsweise eine Medikamentenpackung mehr auf Vorrat zu haben. Aber es gebe eine Grenze zwischen vernünftigem Vorrat und Hamstern.

Apothekerin Margit Hensel in der Reil-Apotheke Halle.
Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Jeder, der gerade mehr Medikamente kauft als nötig, sollte sich fragen, ob es wirklich sinnvoll ist, diese dann bei sich in der Schublade liegen zu haben – während sie zum Beispiel in einer Pflegeeinrichtung ganz dringend gebraucht werden.

Apothekerin Margit Hensel
Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT – in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

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Quelle: MDR/mh

Zuletzt aktualisiert: 25. März 2020, 17:56 Uhr

6 Kommentare

konstanze vor 2 Wochen

Frau Hensel, derjenige der bei diesem hochansteckenden Virus, der auch durch Atmen und Sprechen übertragen werden kann, den danach Fragenden, diesen Mundschutz auszureden, nur weil man diesen nicht mehr anbieten kann, handelt zumindest fahrlässig.

konstanze vor 2 Wochen

Es kann nicht sein, dass Apothekerinnen wie Frau Hensel immer noch das erzählen, was längst überholt ist.
Sicherlich hat sie damit recht, dass Atemschutzmasken in erster Linie Infizierte tragen sollen, damit sie andere nicht infizieren. Doch da, auch mangels Tests, keiner genau sagen kann, ob er infiziert ist oder eben nicht, macht es Sinn, dass alle Mund-und Nasen-Schutzmasken tragen oder, in Ermangelung dieser, einen Schal, ein Tuch oder selbstgefertigte Masken anlegen und eine Brille aufsetzen.
Politiker und Mediziner werden sich fragen lassen müssen, warum nicht rechtzeitig professionelle Masken für alle angeschafft wurden. Doch die Angst vor dieser Frage sollte nicht Menschenleben kosten.
(s. auch Kekule, Drosten.... Taiwan, Korera, Hongkong....Russland..BM von Moskau... )

Denkschnecke vor 2 Wochen

Merken Sie, dass sich Ihre Punkte 4. und 6 widersprechen? Das beides zusammen geht nur im Sozialismus. Wie der sich wirtschaftlich innerhalb von 40 Jahren entwickelt, hat die Welt hinreichend ausprobiert.
Auch 2. ist nicht so einfach. Wenn sich der Staat das Gesundheitssystem wesentlich mehr kosten lassen soll als zur Zeit, muss das Geld irgendwoher genommen werden. Da hilft nur Erhöhung der Krankenkassenbeiträge oder Steuern.

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