Klimaschutz Segeln für die Umwelt: Die abenteuerliche Reise einer Hallenserin über den Atlantik

Olga Patlan im MDR-Landesfunkhaus Magdeburg
Bildrechte: Olga Patlan/Gaby Conrad

Einmal quer über den Atlantik und zurück, klimafreundlich auf einem Segelfrachter: Die Hallenserin Peggy Engelmann hat sich diesen Traum erfüllt. MDR SACHSEN-ANHALT hat ihre sechsmonatige Reise begleitet. Eine Geschichte über Mut, Willenskraft und ein Abenteuer – unter den erschwerten Bedingungen der Corona-Pandemie.

Peggy Engelmann an Board der Avontuur in Hamburg
Peggy Engelmann aus Halle ist ein halbes Jahr lang mit einem Segelschiff über den Atlantik gereist. Bildrechte: MDR/Olga Patlan

"Ich bin jetzt eine richtige Seglerin", sagt Peggy Engelmann und zeigt stolz ihre Hände. "Das sind Seglerhände!", sagt sie und reibt an den leicht verhornten Stellen auf der Handfläche. Diese Hände haben über ein halbes Jahr lang jeden Tag Knoten gefaltet. Knoten an Seilen eines Segelschiffs. Eines Segelfrachters, um genau zu sein. Des ältesten Segelfrachters Deutschlands, um noch genauer zu sein.

"Avontuur" heißt das Schiff, das für 186 Tage das Zuhause von Peggy und 14 weiteren Crewmitglieder war. Dabei hat die Frau aus Halle bis vor einem Jahr das Segeln nur aus Erzählungen und Filmen gekannt, aus Piratenfilmen und Märchen. Dass sie sich auf eine Segelreise eingelassen hat, hatte neben dem Abenteuerdrang einen weiteren Grund: die Umwelt. Denn das Schiff und Peggy haben die gleiche Mission: zu zeigen, dass Seetransport auch CO2-neutral funktionieren kann.

Die Geschichte der "Avontuur"

"Avontuur" ist niederländisch und heißt "Abenteuer". Und in den Niederlanden ist das Segelschiff vor 20 Jahren auch vom Stapel gelaufen. Ursprünglich war es für Nordseefrachten gedacht. 2014 wurde das Schiff von der Reederei "Timbercoast" aufgekauft und wiederaufgebaut, nachdem es jahrzehntelang als Touristenschiff diente, da Frachtsegelboote zu unrentabel geworden waren. Nun soll es als positives Beispiel für sauberen Seetransport gelten und Aufmerksamkeit für die Umweltzerstörung durch die Schifffahrtsindustrie schaffen.

Peggy Engelmann an Board der Avontuur in Hamburg
Segelfrachter "Avontuur" Bildrechte: MDR/Olga Patlan

Alles beginnt mit einer Tasse Kaffee

Peggy Engelmann an Board der Avontuur in Hamburg
Die Idee zur Abenteuerreise kam Peggy bei einer Tasse Kaffee. Bildrechte: MDR/Olga Patlan

Die Geschichte ihrer Reise begann vor genau einem Jahr mit einer Tasse Kaffee in Halle. Als Peggy im Laden einer Freundin einen Kaffee trinkt, fragt sie diese, ob sie mit nach Hamburg kommen und die Ladung eben genau dieses Kaffees löschen möchte. "'Löschen?', fragte ich. 'Ja, das heißt entladen', meinte meine Freundin. Also bin ich mit nach Hamburg. Und dann habe ich einen Fuß auf die Avontuur gesetzt und ich wusste, ich werde mitsegeln", erzählt Peggy rückblickend, mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht.

Sie sei ergriffen gewesen von der Euphorie, die beim Entladen herrschte. Entladen wurde Fairtrade-Kaffee und weitere fair gehandelte, sauber transportierte Produkte. Bis sie es nach Deutschland schafften, dauerte es ein halbes Jahr. So lang dauert es, allein mit der Kraft der Winde von Deutschland nach Mittelamerika zu kommen und zurück.

Segeln für die Umwelt

Die 34-Jährige ist Feuer und Flamme für ihren Plan. "Ich habe von dem Augenblick der Entscheidung an mein gesamtes Leben darauf ausgerichtet", erzählt sie. Denn Peggy ist Naturpädagogin und egagiert sich schon seit Jahren für Umweltthemen:

Es wird unheimlich viel konsumiert und produziert. Alles ist schnelllebig. Die Reise ist ein Signal, zu sagen: Hey, wir müssen jetzt umdenken. Wir segeln sogar über den Atlantik dafür.

Peggyy Engelmann

Also habe sie nach der Arbeit die Bootsschule besucht, um das Segeln zu lernen. Sie habe ihren Job aufgegeben und ihr gesamtes Erspartes dafür verwendet, um an Bord gehen zu können, so Peggy.

Über Peggy Engelmann

Peggy ist Naturpädagogin. Sie hat unter anderem im Umweltzentrum Franzigmark gearbeitet. Als Umweltaktivistin hat sie auch einen eigenen Podcast und läuft regelmäßig auf Demos mit.

Die Kosten für die Reise hat Peggy, wie jedes andere freiwillige Crewmitglied, selbst aufgebracht. 8.800 Euro kostet der Segeltörn zuzüglich der Ausrüstung.

Segeltour einer Hallenserin
Bildrechte: Peggy Engelmann

Am Ende hat sich der Aufwand gelohnt: Peggy segelt im Januar von Elsfleth nahe Bremerhaven los – bis nach Mittelamerika und zurück. Immer wieder hält sie in ihrem Reiseblog die Erlebnisse fest. Auch MDR SACHSEN-ANHALT erzählt sie von ihren Erlebnissen.

"Ich wusste gar nicht, was auf mich zukommt. Aber ich habe gehofft, dass ich lerne, die Sterne zu lesen, die Wolken zu erkennen und die Wellen einzuschätzen und das Wasser, die Natur wahrzunehmen und natürlich auch mal ans Steuer zu gehen." Alle Wünsche wurden erfüllt. Peggy durfte sogar jeden Tag ans Steuer.

Segeltour einer Hallenserin
Am Steuer der "Avontuur" Bildrechte: Peggy Engelmann

Und dann kam Corona

Doch neben diesen positiven Erlebnissen ereilte die Crew Anfang März eine schlechte Nachricht. Per E-Mail wurden sie über ein neues Virus namens Corona informiert, als sie gerade auf offener See waren. "Da schießen einem Gedanken durch den Kopf: 'Okay, ein Glück bin ich auf dem Schiff. Aber wie geht es meiner Familie?' Man hat keine Möglichkeit gehabt für Kontakt, auf dem Atlantik gibt es kein Internet. Da hat man keine Chance. Kein Anruf, nichts", erzählt Peggy.

Erst nach einem Monat hört Peggy von ihrer Familie, als die "Avontuur" Mittelamerika erreicht. Allen sei es gut ergangen. Doch die Crew trifft auf unvorhergesehene Schwierigkeiten. Wegen des Virus bekommen sie keine Einfahrtgenehmigung. Teilweise müssen sie tagelang auf eine Genehmigung warten, um gerade mal an die Hafenmauern zu kommen und dort schnell die Fracht und Proviant einzuladen – ohne dabei einen Fuß an Land zu setzen.

Segeltour einer Hallenserin
Peggy Engelmann während ihrer Segelreise Bildrechte: Peggy Engelmann

Dass es den globalen Shutdown gab, war die größte Herausforderung der Reise. Und dass wir wenig Möglichkeit zur Ruhe hatten, dass wir keine Pause hatten nach der Atlantiküberquerung. Das war hart. Dass uns die Länder förmlich rausgeworfen haben, teilweise durften wir nicht mal vor Anker. Das hat sich später gewandelt. Aber das war ein harter Moment.

Peggy Engelmann

Die Crew macht das Beste daraus und versucht sich bei Laune zu halten. Aus der Situation nimmt Peggy für sich eines mit:

Dass wir nur als Gemeinschaft bestehen können. Ich kann auf diesem Schiff nur existieren, wenn ich mich auf den anderen verlassen kann. Ich kann nicht als Einzelgänger bestehen. Das würde bedeuten, nicht zu überleben. Und das habe ich auch für den Landgang reflektiert.

Peggy Engelmann

Was von der Reise bleibt

Nun ist Peggy zurück in Deutschland, angekommen im Hamburger Hafen nach 16.783 gereisten Seemeilen. Ein paar Tage nach der Ankunft steht sie noch einmal an Deck, berührt das 100 Jahre alt Schiff, atmet tief ein und sagt: "Es ist ein vertrautes Gefühl. Es ist wunderschön, an Deck zu sein. Das war für mich eine Lebensreise, die die Beziehung zum Meer geöffnet hat – und zur Natur. Auf der einen Seite freue ich mich ganz doll, meine Familie zu sehen. Auf der anderen Seite wird mir die Avontuur sehr fehlen."

Karte mit einer Route von Europa nach Mittelamerika
Das war die ursprüngliche Route der "Avontuur", als die Crew losgesegelt ist. Am Ende sind es folgende Stationen, die das Schiff erreicht: Elsfleth (Deutschland), Gran Canaria, Teneriffa (Spanien), Guadeloupe, Puerto Cortés (Honduras), Belize Stadt (Belize), Veracruz (Mexico), Horta (Azoren, Portugal), Hamburg (Deutschland). Bildrechte: Peggy Engelmann

Von ihrer Reise bringt sie mehr mit zurück nach Halle als nur Erinnerungen. Sie hat auch Kaffee dabei – den Auslöser ihrer Reise. Einen 69 Kilogramm schweren Sack, den sie dem Waldorf Jugendtreff versprochen hat.

Den Kaffee will Peggy gemeinsam mit den Jugendlichen rösten – für einen guten Zweck: "Die haben sich dafür entschieden, den Kaffee unseren Stadträten bei der nächsten Sitzung zu präsentieren und dann zu sagen: 'Liebe Stadträte, wir wollen eine Fairtrade-Stadt sein, wir wollen für unsere Zukunft einstehen'", so Peggy. Und so endet ihre Reise, wie sie begonnen hat – mit einer Tasse Kaffee und dem Gedanken an die Umwelt.

Segeltour einer Hallenserin
Peggy Engelmann und ihr Kaffee Bildrechte: Peggy Engelmann
Olga Patlan im MDR Landesfunkhaus Magdeburg
Bildrechte: Gaby Conrad

Über die Autorin Olga Patlan ist seit 2015 freie Redakteurin und Reporterin bei MDR SACHSEN-ANHALT. Hier arbeitet sie trimedial, jedoch hauptsächlich im Online-Bereich. Neben Online-Artikeln und Beiträgen fürs Radio und Fernsehen, betreut die Social Media-Kanäle und moderiert Interviews und Videos auf dem Facebook- und Instagram-Kanal von MDR SACHSEN-ANHALT.

Seit zehn Jahren lebt sie in Magdeburg. Hier studierte sie an der Otto-von-Guericke Universität Germanistik und Psychologie, spezialisierte sich aber bereits früh im Studium auf Medien.

Erste journalistische Erfahrungen sammelte sie bei Radio SAW. In ihrer Freizeit bereist sie gern die Welt und entdeckt Neues. Daher rührt auch ihre Leidenschaft für den Beruf als Journalistin, sich immer wieder in neue Inhalte zu denken, Menschen und Inhalte darzustellen. Peggys Reise begleitet sie seit ihrer Abfahrt Anfang Januar und steht mit ihr in regelmäßigem Kontakt, so weit die Lage es erlaubt.

Alle Beiträge zur Reise auf der "Avontuur"

Quelle: MDR/pat

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 08. August 2020 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

Anhaltiner vor 7 Wochen

Segeln für die Umwelt: Die abenteuerliche Reise einer Hallenserin über den Atlantik. Wie war das gleich mit Greta Thunberg ? War sie nicht auch wegen der Umwelt nach Amerika gesegelt ? Gut nachgemacht!

Bummi vor 7 Wochen

Greta ist auch mit der Bahn gefahren und zu Fuß unterwegs gewesen. Hoffentlich gibt es noch mehr Nachahmer, der Umwelt zur Liebe.

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