"Jugend musiziert" in Halle "Wenn ich nicht den ganzen Tag Musik mache, dann möchte ich Musik hören"

Es ist das erste Mal, dass der Bundeswettbewerb "Jugend musiziert" in Sachsen-Anhalt stattfindet. Zwei Schüler aus Halle, Magdalena Bier (Klavier) und Gustav Borggrefe (Waldhorn), gewinnen einen ersten Preis. Wie kommt man zu so einer herausragenden musikalischen Leistung? MDR SACHSEN-ANHALT hat sich mit den jungen Musikern getroffen.

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Martin Paul, MDR SACHSEN-ANHALT

Die Schüler Gustav Borggrefe und Magdalena Bier haben am Bundeswettbewerb Jugend musiziert in Halle teilgenommen und im Duo Klavier und Horn einen ersten Preis gewonnen.
Gustav Borggrefe und Magdalena Bier haben mit einer Beethoven-Sonate gewonnen. Bildrechte: MDR/Martin Paul

In Halle ist der 56. Bundeswettbewerb "Jugend musiziert" zu Ende gegangen. Zum ersten Mal war er zu Gast in Sachsen-Anhalt. Rund 2.900 Schüler und Nachwuchsmusiker haben vom 6. bis 12. Juni daran teilgenommen – 96 von ihnen kamen aus Sachsen-Anhalt – und haben sich mit Gesang oder ihrem Instrument der Bewertung der Jury gestellt.

Die beiden Schüler Magdalena Bier und Gustav Borggrefe sind 15 und 16 Jahre alt und haben einen der ersten Preise mit voller Punktzahl bei dem Wettbewerb gewonnen. Ihre herausragende Leistung durften die Schüler während eines Konzert der Preisträger der Öffentlichkeit präsentieren. MDR Kultur hat das Konzert live übertragen.

1. Preis in der Kategorie Duo Horn und Klavier

Magdalena Bier ist 15 Jahre alt und besucht wie ihr 16-jähriger Duo-Partner Gustav Borggrefe das Elisabeth-Gymnasium in Halle. Bei dem Wettbewerb präsentierten sie die Sonate F-Dur op. 17 von Ludwig van Beethoven (1770-1827). Für ihren Vortrag haben sie die höchste zu vergebene Punktzahl und einen 1. Preis erhalten. Magdalena spielt Klavier, Gustav Horn und Klavier.

MDR SACHSEN-ANHALT: Ihr habt bei anderen "Jugend musiziert"-Wettbewerben schon Preise bekommen. Ist ein erster Preis für euch etwas Besonderes?

Gustav: Auf jeden Fall – auch dass wir im Preisträgerkonzert gespielt haben. Einen ersten Preis bekommt man nicht alle Tage. Das ist schon eine großartige Sache.

Magdalena: Ich kann es immer noch nicht ganz realisieren. Wir haben uns sehr sehr gefreut.

Wie seid ihr zur klassischen Musik gekommen?

Magdalena: Meine Großmutter hatte meiner Mutter mal ein Klavier gekauft, da sollte meine Mutter dann Klavierspielen lernen. Und Mama hat das dann an uns weitergegeben. Meine Geschwister haben auch Klavier gespielt und dann war das für mich eigentlich eindeutig, dass ich das auch möchte.

Wenn man sich immer wieder neue Ziele stecken kann, dann macht das vor allem Spaß.

Magdalena Bier

Gustav: Bei mir ist das anders. Meine Eltern sind Berufsmusiker hier in Halle. Meine Mutter spielt auch Horn wie ich. Eine Theorie meiner Mutter ist, dass sie, bis sie nicht mehr wegen Mutterschutz spielen durfte, mit Inbrunst Dienst gemacht hat und dabei Glücksgefühle hatte. Das ist ihre Theorie, warum wir alle so gern Musik machen. Ich war aber auch als kleiner Junge immer mal wieder bei Proben mit dabei. Und das Instrument, was mir am meisten gefallen hat, war das Horn. Orchester fand ich sowieso am aller besten.

Man muss viel Freizeit aufwenden, um solche hervorragenden Leistungen zu erbringen. Wieviel muss man dafür üben?

Die Schülerin Magdalena Bier hat am Bundeswettbewerb Jugend musiziert in Halle teilgenommen und im Duo Klavier und Horn einen ersten Preis gewonnen.
Magdalena Bier Bildrechte: MDR/Martin Paul

Magdalena: Der Übeprozess ist sehr langwierig. Es gibt natürlich immer mal Tage, an denen man Lust aufs Üben hat und manchmal eher weniger. Aber wenn man sich immer wieder neue Ziele stecken kann, was der Wettbewerb begünstigt, dann macht das vor allem mehr Spaß.

Gustav: Man muss eigentlich jeden Tag üben, damit die Finger in Übung bleiben und beim Horn, damit die Muskeln im Gesicht in der Übung bleiben. Das ist ganz wichtig. Gerade beim Horn kann man das mit dem Leistungssport vergleichen, weil ich jeden Tag trainiere, ich mache jeden Tag meine Übungen zum Kraftaufbau im Mundbereich. Ich habe beim Horn das Gefühl, dass das richtig körperliche Arbeit ist, weil man ja auch volle Kanne einatmen muss, teilweise Druck erzeugen.

Mit dem Horn übe ich täglich mindestens zwei Stunden und beim Klavier sollten es eigentlich auch mindestens so viele sein.

Gustav Borggrefe

Müsst ihr auf etwas verzichten, um ein solches musikalisches Niveau zu erreichen?

Gustav: Das klingt jetzt blöd, aber ich habe mich nie ganze Nachmittage mit Freunden getroffen. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich Klavier spiele, seitdem ich fast fünf bin. Und theoretisch – natürlich verzichte ich auf das. Ich verzichte auch darauf, viel für die Schule zu machen. Aber wenn ich wegen der Schule kürzer treten müsste, dann würde ich das auch tun. Es geht schon viel Zeit drauf. Mit dem Horn übe ich täglich mindestens zwei Stunden und beim Klavier sollten es eigentlich auch mindestens so viele sein.

Magdalena: Dadurch, dass ich nur ein Instrument spiele, muss ich auch weniger üben. Ich persönlich muss nicht auf so viele Sachen verzichten. Aber selbst wenn man auf etwas verzichten muss, bekommt man echt viel zurück, wenn man sieht, was am Ende dabei herauskommt. Das Üben ist ja nicht immer eine Qual, sondern es macht ja auch Spaß.

Hört ihr auch andere Musik?

Gustav: Das ist vielleicht ein bisschen uncool, aber ich bin vor allem in der klassischen Musik unterwegs. Ich höre in meiner Freizeit klassische Musik, ich spiele gern im Orchester. So ein wenig Jazz macht mir auch mal Spaß. Aber das würde mich wahrscheinlich nicht ganz so erfüllen, weil es einfach nicht mein Musikstil ist.

Wollt ihr euer Instrument in Zukunft studieren?

Magdalena: Ich habe mir da noch nicht so viele Gedanken gemacht. Mit Klavier ist es aber schwierig, sich durchzusetzen. Die Konkurrenz ist sehr groß. Aber ich möchte es auf keinen Fall aufgeben, sondern später weiter spielen. Beruflich kommt es für mich leider eher nicht in Frage.

Gustav: Ich bin ja jetzt schon Student in Stuttgart an der Hochschule. Man weiß nicht, was in den nächsten zwei Jahren noch passiert, aber der Plan ist schon ziemlich fest, dass ich Horn studiere möchte. Weil, wenn ich nicht den ganzen Tag Musik mache, dann möchte ich Musik hören.

Ihr durftet in der Georg-Friedrich-Händel-Halle spielen. 1.500 Zuschauer passen in den Saal. Wie ist das, auf großer Bühne zu spielen?

Der Schüler Gustav Borggrefe hat am Bundeswettbewerb Jugend musiziert in Halle teilgenommen und im Duo Horn und Klavier einen ersten Preis gewonnen.
Gustav Borggrefe Bildrechte: MDR/Martin Paul

Gustav: Ich habe als Hornist gegenüber Magdalena den Vorteil, dass ich in Jugendorchestern spielen kann. Das ist beim Klavier schwieriger. Mit dem Bundesjugendorchester waren wir schon in der Berliner Philharmonie, im Leipziger Gewandhaus und in der Kölner Philharmonie. Aber mit dem LJO (Landesjugendorchester) spielen wir öfter in der Händel-Halle. Das heißt, ich kenne schon größere Konzertsäle. Aber das ist natürlich etwas ganz anderes, wenn man allein dort spielt. Im Duo liegt der Fokus viel mehr auf die eigene Person. Das war schon eine krasse Erfahrung, auch weil man den Live-Mitschnitt hatte.

Magdalena: Ich habe davor noch nie auf so einer großen Bühne gespielt. Für mich war es das erste Mal. Es war auf jeden Fall sehr aufregend, aber es war auch sehr schön – vor allem, dass man nicht allein gespielt hat, sondern mit einem Duo-Partner. Ich hab' mich wirklich darauf gefreut.

Die Jugend macht im Moment lautstark auf sich aufmerksam. Wie findet ihr, dass junge Menschen gerade in der Gesellschaft gehört werden?

Gustav: Ich finde es sehr gut, dass man sich gerade auch bei den umweltpolitischen Sachen dafür einsetzt, dass sich etwas ändert. Und auch, dass die jungen Leute wollen, dass man ein Ohr für sie hat. Ich habe, glaube ich, aber eine andere Meinung als viele, weil ich finde, dass der deutsche Staat sehr gut funktioniert, so dass man nicht so sehr auf die Blockade gehen muss. Aber gerade beim Umweltpolitischen stehe ich sehr dahinter, dass man protestiert. Bei Fridays for Future würde ich bestimmt mal mitdemonstrieren, wenn ich Zeit hätte.

Wenn man eine komplizierte Stelle hat, dann gibt es eigentlich fast nie eine einfache Lösung und wenn es eine einfache Lösung ist, dann ist sie in der Umsetzung auch wieder kompliziert.

Gustav Borggrefe

Magdalena: Ich finde es auch wichtig, dass sich junge Leute für ihre Zukunft einsetzen und nicht denken: Das ist mit egal, das werden die anderen schon machen. Ich finde schon, dass man selbst in Aktion treten sollte. Aber ich finde, man muss immer alle Seiten beleuchten.

Gustav: Gerade gegen aufkeimenden Populismus würde ich mich stellen, weil ich meine, dass man für komplizierte Probleme keine einfachen Lösungen finden kann. Da hat man die Parallele zur Musik: Wenn man eine komplizierte Stelle hat, dann gibt es eigentlich fast nie eine einfache Lösung und wenn es eine einfache Lösung ist, dann ist sie in der Umsetzung auch wieder kompliziert.

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Martin Paul ist seit 2014 Onlineredakteur bei MDR SACHSEN-ANHALT. Zuvor arbeitete er als Redakteur und in der digitalen Produktentwicklung bei der Mitteldeutschen Zeitung und absolvierte dort ein online-journalistisches Volontariat. Er studierte Kulturwissenschaften in Leipzig und Multimedia & Autorschaft an der Uni in Halle. Seine Liebe für klassische Musik wurde er in seiner Kindheit und Jugend im Knabenchor Dresdner Kreuzchor geprägt.

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 13. Juni 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Juni 2019, 19:07 Uhr

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