Auf Wegen, Straßen und Plätzen Mit Kreide gegen sexuelle Belästigung: Catcalls of Halle

Porträtaufnahme von MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Jana Müller
Bildrechte: Jana Müller

Sexuelle Belästigung findet statt, jeden Tag, überall. Meist bleibt sie unbemerkt. In Halle engagiert sich die Studentin Cara Kather mit dem Projekt "Catcalls of Halle" gegen sexuelle Belästigung, indem sie sie sichtbar macht.

Eine Studentin schreibt "Wer f*ckt denn sowas?!'  mit Kreise auf die Straße.
Cara Kather will Belästigung sichtbar machen. Bildrechte: MDR/Jana Müller

Der Marktplatz in Halle ist gut besucht an diesem sonnigen Nachmittag. Die Straßencafés sind voll besetzt, am Obststand hat sich eine Schlange gebildet. Vor dem Händel-Denkmal aber ist ein Stückchen freie Fläche, auf die steuert Cara Kather zu. "Ich glaube hier ist ein guter Platz, schön zentral. Da sehen es viele Leute." Kather geht in die Hocke und legt los. Mit Kreide schreibt die Studentin auf den Bürgersteig, was hier vor wenigen Tagen passiert ist.

"Wer f*ckt denn sowas?"

"Eine Frau ist über den Marktplatz gelaufen und ein paar Männer haben ihr über den ganzen Platz hinterhergerufen 'Wer f*ckt denn sowas?!' Genau dieses Zitat habe ich auf den Boden geschrieben, dazu die Forderung 'Stoppt Belästigung!'. Ich habe leider selbst schon solche Erfahrungen gemacht, vor allem seit ich nach Halle gezogen bin. Wahrscheinlich, weil das die erste Stadt ist, in der ich wohne. Und ich habe schon länger darüber nachgedacht, was man gegen diese Art der Belästigung tun kann. Als ich von der Catcalls-Bewegung gehört habe, wusste ich: Da mache ich mit."

Eine Studentin schreibt "Wer f*ckt denn sowas?!'  mit Kreise auf die Straße.
Auch Cara wurde schon sexuell belästigt. Bildrechte: MDR/Jana Müller

Von New York in alle Welt

Seinen Anfang nahm das Catcalls-Projekt 2018 in New York. Dort begann die College-Studentin Sophie Sandberg Geschichten von Frauen, die im öffentlichen Raum verbal belästigt wurden, zu sammeln, sie auf der Straße anzukreiden und via Instagram publik zu machen. Heute gibt es die Catcall-Bewegung in vielen Städten auf der ganzen Welt.

Was sind Catcalls

Übersetzt wird der englische Begriff "to catcall" häufig damit: jemanden hinterher zu pfeifen. Catcall bezieht sich aber auch auf anzügliche Sprüche oder Kommentare, die meist fremde Männer einer Frau in der Öffentlichkeit hinterherrufen. Doch nicht alle angesprochenen Opfer sind junge, hübsche, aufreizend gekleidete Frauen. Genauso trifft es auch (junge) Männer, ältere Damen, homosexuelle Menschen jeden Alters, jeder Konfektionsgröße und Hautfarbe.

Cara Kather in Halle hat ihren Instagram-Account "Catcallsofhalle" im Februar eröffnet. Mittlerweile hat sie 700 Follower, jede Woche melden sich bis zu drei Opfer mit ihren Geschichten, 40 Catcalls hat Kather mittlerweile auf die Bürgersteige und Straßen der Stadt geschrieben.

Oder eben auf den Marktplatz. Dort wird die junge Frau beim Ankreiden von den Umstehenden misstrauisch beäugt. Als sie fertig ist, bleibt ein älterer Mann im Polo-Shirt stehen, liest die Geschichte, geht weiter. Die 20-Jährige freut sich, sie kennt auch ganz andere Reaktionen von Passanten.

Manche Leute sagen 'Das ist doch keine Belästigung!'

Cara Kather

Beschimpft und verfolgt

"Manche Leute lachen und sagen 'Das ist doch keine Belästigung!' Dann gehen sie weiter, noch bevor man mit ihnen ins Gespräch kommen kann. Manche haben mich als Schmutzfink beschimpft. Ich wurde nach dem Ankreiden auch schon von zwei Männern verfolgt, dann haben die beiden mir hinterher gerufen, was ich gerade aufgeschrieben hatte. Alles in allem bin ich ganz schön überrascht, wie viel Widerstand es von den Leuten gibt. Die wollen einfach nicht, dass diese Geschichten sichtbar gemacht werden."

Den Opfern eine Bühne geben

Doch genau darum geht es. Den Opfern eine Bühne geben, die Täter vorführen. Vielmehr kann denen bisher auch nicht passieren. Denn in Deutschland sind Catcalls strafrechtlich nicht verfolgbar, derzeit läuft eine Online-Petition, die das ändern will.

Und Kather? Die würde ihr Engagement gegen sexuelle Belästigung gern ausweiten und sucht dafür Mitstreiter. Eine Unterstützerin hat sie schon gefunden, doch es dürfen gern mehr werden.

"Mädels, die nicht in Halle wohnen, sollten schauen, wo es in ihrer Nähe ein Catcall-Projekt gibt. Und wenn es keines gibt, dann gründet eins. Das ist als Aufforderung zu verstehen", sagt sie und packt ihre Kreide ein.

Porträtaufnahme von MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Jana Müller
Bildrechte: Jana Müller

Über die Autorin Jana Müller, groß geworden in Gräfenhainichen, arbeitet seit 2018 bei MDR SACHSEN-ANHALT im Regionalstudio Dessau. Sie berichtet aus der Region Anhalt und Wittenberg hauptsächlich für den Hörfunk, aber auch für Fernsehen und Online. Schon während ihres Studiums an der Martin-Luther-Universität in Halle machte Jana Müller erste Radio-Erfahrungen bei Radio Brocken und 89.0 RTL, danach zog es sie aber erst einmal zum Fernsehen. Bei den Regionalfernsehsendern in Dessau und Bitterfeld-Wolfen war sie als Redakteurin aber auch als Kamerafrau unterwegs. Zu ihren absoluten Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt zählt der Zschornewitzer See, den sie als Ruderin schon unzählige Male auf und ab gefahren ist.

Quelle: MDR/mx

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 16. September 2020 | 12:40 Uhr

21 Kommentare

Armin C. vor 1 Wochen

"Männer sind primitiv aber glücklich"
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steht bei Mario Barth auf dem T-Shirt, und der Mann füllt Stadien,
(und unter den Zuschauern sind erstaunlicher Weise auch viele Frauen...?
die das dazu auch noch amüsant finden - Stichwort Wiedererkennung Partnerschaft, und die das keineswegs alle so verbissen sehen…)
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Stichwort Oktoberfest:
Da war ich auch 3mal in verschiedenen Jahren, auch wenn das schon bisschen her ist. Da sind gewisse Dinge eben Teil des Gaudis (und des Geschäfts) und sind den Veranstaltern/ Betreibern sicher nicht unbekannt.
Den Bedienungen auch nicht, so naiv sind die nicht...
Sie wissen, worauf sie sich einlassen. Zweifellos müssen sie hart arbeiten, und längst nicht jede hält das durch. Aber wer es schafft, (TV-Reportage),
kann in 14 Tagen so viel Geld verdienen wie in einem 1/2 Jahr...

W.Merseburger vor 1 Wochen

Denkschnecke,
nee, nee,
die Mädels gehen nicht nachts kurzberockt im Dunkeln auf die Straße. In der Werbung zeigt junge Frau bis zur Grenze des Möglichen alles was da an ihr dran ist, um noch vielmehr Autos zu verkaufen. Damit verdient sie gut Geld und nur das zählt. Wie sagte doch Brecht: Erst kommt das Fressen (der Geldbeutel) und dann die Moral. Übrigens haben sie es richtig verstanden. Es muss natürlich oben "blutjung" heißen.

Denkschnecke vor 1 Wochen

Soso. "blut[j]unge äußerst attraktive Frauen" sind Schuld daran. Und warum funktioniert solche Werbung? Was Sie äußern, ist wirklich der klassische Fall der Täter-Opfer-Umkehr bei Sexualdelikten. "Das Mädel ist doch selbst schuld. Was geht die auch so kurzberockt im Dunkeln allein auf die Straße?"

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