Datenschutz in Corona-Zeiten Wie Restaurants in Halle mit Kontaktdaten ihrer Gäste umgehen

Mit Mundschutz, Mindestabstand und Hygieneregeln: Seit gut einem Monat haben die Gaststätten in Sachsen-Anhalt wieder geöffnet. Wer derzeit ein Restaurant besucht, muss seine Kontaktdaten hinterlegen: Name, Telefonnummer und vollständige Adresse, um bei einer möglichen Corona-Infektion schnell ermittelbar zu sein. Doch diese Daten sind äußerst sensibel. Wie gehen Gastwirte mit ihnen um?

Halle (Saale): Gäste im Café Noir von Mohammed Lemlah (M) füllen den erforderlichen Erfassungsbogen zur möglichen Rückverfolgung im Falle von Corona-Infektionsfällen aus.
Gäste von Restaurants und Cafés müssen ihre Kontaktdaten hinterlassen, wie hier beim Café Noir in Halle. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Das italienische Restaurant Osteria da Salvatore in Halle ist gut besucht. Die Kellner tragen einen Mund-Nasen-Schutz, die Gäste sitzen mit dem obligatorischen Mindestabstand an ihren Tischen. Zeitgleich mit der Bestellung werden sie aufgefordert, ihre Kontaktdaten auf dem vorgedruckten Formular zu hinterlassen.

Anja Cirillo, die das Restaurant zusammen mit ihrem Mann seit 12 Jahren betreibt, hat schon mehrere dicke Ordner voll mit Kontaktformularen im Büro stehen. Knapp 60 Seiten pro Tag kämen zusammen. Es sind sehr sensible Daten: Name, Telefonnummer und die vollständige Adresse der Restaurantgäste.

Datenvernichtung unklar geregelt

Das Sammeln, Ordnen und Aufheben der Daten kostet viel Zeit. Und ob andere Restaurants damit so sorgsam umgehen wie die Osteria, bezweifelt sie: "Wir haben eine Buchhaltung, die einen Aktenvernichter hat, wo das dann reinkommt. Aber ich denke, es wird einige kleine Restaurants und Cafés geben, die das nicht haben und die Kontaktformulare dann in den normalen Müll schmeißen. Und das ist nicht toll, denn das sind ja private Daten."

Sechs Wochen müssen die Gastwirte die ausgefüllten Kontaktformulare ihrer Gäste aufheben. Wie sie dann entsorgt werden, ist jedem Gastwirt selbst überlassen. Landen sie ungeschreddert im Müll, wären sie theoretisch für jedermann einsehbar.

Daten könnten missbraucht werden

Das Einsehen ist auch bei einem asiatischen Restaurant in der Saalestadt möglich, denn dort liegen die Listen mit den Kontaktangaben einfach im Eingangsbereich aus. Jeder Gast könnte also ungeniert einen Blick auf sie werfen – und sie im schlimmsten Fall missbrauchen, wie Anne Neumann von der Verbraucherzentrale sagt.

Neumann warnt davor, dass jeder die Möglichkeit habe, die ausliegenden Angaben zu erfassen. Und diese Daten reichten für Betrüger aus, um beispielsweise gegen den Willen eines Verbrauchers einen Vertrag auf dessen Namen abzuschließen.

Datenerhebung ist zusätzlicher Aufwand für Gastronomen

Jörg Büttner, der seit mehr als 15 Jahren ein Restaurant im Herzen Halles betreibt, hat sich gegen die Kontaktformulare entschieden. Bei ihm schreiben die Gäste ihren Daten einfach auf einem kleinen Zettel und werfen den in einen großen Senfeimer, der einen Schlitz oben hat. Die "Senf-Kontakt-Urne", so nennt der Gastwirt den Eimer liebevoll. Niemand kann die Daten so einsehen. Nach der Ablauffrist kommen sie in den Reißwolf.

In einem Senfeimer sammelt ein Gastronom in Halle die Kontaktdaten der Restaurantgäste.
Im Restaurant von Jörg Büttner werden die Zettel mit den Kontaktdaten der Gäste in einem Senfeimer gesammelt. Bildrechte: MDR/Stefan Bringezu

Auch bei Hauke Schad, der das gleichnamige Restaurant in Halle betreibt, stapeln sich die Ordner voll mit ausgefüllten Kontaktformularen. Da den Überblick zu bewahren, ist nicht immer einfach. Denn wenn der Laden zur Mittagszeit und am Abend trotz Corona richtig brummt und viele Gäste da sind, kann es auch vorkommen, dass der Kellner die Kontaktlisten vergisst. "Man muss schon aufpassen", sagt Schad. "Die Formulare müssen trotz Stress ausgefüllt werden. Wir hoffen, dass es vielleicht irgendwann aufhört." Der Gastwirt hat deshalb im Servicebereich extra einen zusätzlichen Mitarbeiter eingestellt, der sich nur um die Kontaktangaben kümmert.  

Richtigkeit der Kontaktdaten nicht garantiert

Ob die Gäste korrekte Angaben machen, wird von den Gastronomen nicht überprüft. Die Wirte sind dazu auch nicht verpflichtet. Für das Gesundheitsamt könnte es daher vielleicht irgendwann ein böses Erwachen geben. Denn Formulare, in denen Max Mustermann, Schneewittchen und die böse Corona-Fee zusammen einen schönen Restaurant-Abend verbracht haben, sind auch schon aufgetaucht.

Ein Zettel zur Kontaktnachverfolgung des Restaurants Schad in Halle wurde mit Max Mustermann ausgefüllt.
Im Restaurant Schad in Halle will ein Max Mustermann aus der Corona-Allee gespeist haben. Bildrechte: MDR/Stefan Bringezu

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 26. Juni 2020 | 08:40 Uhr

5 Kommentare

Critica vor 21 Wochen

Ich glaube nicht daran, dass mit diesen Daten a l l e Gastronomen sensibel umgehen. Genausowenig glaube ich daran, dass diese Daten überhaupt dazu beitragen, Corona-Infektionen schnell nachvollziehen zu können. Was mit diesen Daten wirklich geschieht, nunja, ein jeder hat einen - hoffentlich gesunden - Menschenverstand.
Schon allein die Entsorgung. Haben alle Gastronomen einen Schredder? Wohl nicht, denn der kostet Geld... Wer will nach sechs Wochen vielleicht 15.000 Blätter auf diese Weise vernichten? Wohl niemand, denn das kostet Zeit.
Und welches Gesundheitsamt macht sich die Mühe, diese Daten zu vergleichen? Wohl keines, denn dazu braucht man Personal..
Also, weg damit. Es müsste nur jemand den "Stoppknopf" drücken. Doch davor scheuen sich alle. Ich fürchte, das wird nie aufhören, weil dieser "Knopf" nicht zu finden ist.
Wir Bürger sollten dann sagen: Unter diesen Bedingungen nicht mehr, denn das grenzt schon an Verfolgung. Die Stasi konnte das besser...

Erichs Rache vor 21 Wochen

Ich will doch hoffen, dass die Gastwirte die ausgefüllten Kontaktformulare ihrer Gäste gewinnbringend auf dem Daten- und Asresshandelmarkt verkaufen. Private und sensible Daten wie Namen, Telefonnummern und die vollständige Adressen sind eine wahre Goldgrube.

Critica vor 21 Wochen

Lieber Harzer,
geboren werden wir "milchglas". Ob wir "glasklar", d.h. tatsächlich gläsern werden, hängt sehr von unserem Verhalten ab.

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