Wieder geöffnet Hektische Betriebsamkeit bei Friseuren in Halle

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

In Sachsen-Anhalt gibt es seit Montag weitere Corona-Lockerungen – so dürfen beispielsweise Friseure wieder arbeiten. MDR SACHSEN-ANHALT hat sich am ersten Tag der Öffnung in Halle umgesehen: Sind die Friseursalons darauf vorbereitet? Wie reagieren die Kunden und welche Schwierigkeiten gibt es, die strengen Hygienevorschriften einzuhalten?

Am ersten Tag der Öffnung von Geschäften und Friseuren in Halle: Ein lange Schlange an Wartenden vor einem Friseursalon
Am ersten Tag der Öffnung der Friseure warten viele auf ihren ersten Haarschnitt nach dem Lockdown. Bildrechte: MDR/Martin Paul

"Keine Zeit" – "Sie sehen doch was hier los ist" – "Es ist der Horror": Es ist der Montag, an dem weitere Läden in Sachsen-Anhalt wieder öffnen dürfen – und auch einige Dienstleister können wieder arbeiten – zum Beispiel Friseure, worauf viele bereits gewartet hatten.

Ich gehe durch die Innenstadt von Halle, zugegeben etwas blauäugig, auf der Suche nach einem, der mir vom ersten Arbeitstag erzählen kann. Von den Regeln, die jetzt einzuhalten sind, von den Hoffnungen und Schwierigkeiten, die Friseurinnen und Friseure in der jetzigen Situation haben. Und ich habe die leichtsinnige Hoffnung, wenn es die Zeit erlaubt, mir gleich selbst den ersten Haarschnitt seit Wochen zu gönnen – oder zumindest eine angemessene Bartpflege.

So viel kann ich schon mal verraten: Das hat nicht geklappt.

Ich laufe los, durch eine verregnete hallesche Innenstadt. Vorbei an "Kristins Haarwirtschaft" am Hallmarkt unterhalb des Marktes in Halle. Nach einem Blick durch das Fenster verlässt mich etwas der Mut, tatsächlich einzutreten und meine Fragen zu stellen. Die Angestellten wirken äußerst beschäftigt. Alle verfügbaren Plätze sind besetzt. Und wer von den Angestellten nicht gerade Haare richtet, telefoniert. Ich habe so eine Ahnung – es werden wohl Terminabsprachen sein.

"Man muss sich einen Termin holen und warten"

Am ersten Tag der Öffnung von Geschäften und Friseuren in Halle: Viele Jugendliche stehen vor den Friseuren an.
Viele Jugendliche sind an dem Vormittag unterwegs und stellen sich an. Bildrechte: MDR/Martin Paul

Auffallend viele Menschen sind trotz des Regens unterwegs. Vor allem Jugendliche und Ältere. Ein paar Gehminuten weiter in der zentralen Einkaufsstraße, der Großen Ulrichstraße, reden zwei Damen, vielleicht in ihren Fünziger oder Sechzigern, über Haarschnitte und Friseurtermine. Sie stehen sich mit Abstand auf dem Bürgersteig gegenüber, gut versteckt unter den Regenschirmen, der Mundschutz für den sofortigen Einsatz schon einmal um den Hals gebunden.

"Entschuldigen Sie, darf ich kurz stören?" Ich darf. Ob sie schon Friseurtermine haben oder vielleicht gerade auf dem Weg dahin sind, möchte ich gern wissen. "Ich hab mir einen Termin für Freitag gemacht", erzählt mir eine von beiden. Die andere Dame ergänzt, auch sie habe noch keinen neuen Schnitt bekommen. "Man muss sich halt einen Termin holen und warten." Und so schlimm, wie es erzählt werde, sehe es in den Läden ja gar nicht aus. Die Angestellten müssten keine Ganzkörperkondome tragen. "Sie haben ja alle auch nur einen Mundschutz auf."

Fünfte Landesverordnung regelt die Öffnung von Friseuren

Ich merke schon, dass es wahrscheinlich schwierig wird mit meinem Vorhaben. Mit einem koketten: "Sie sehen ja noch gut aus. Mein Mann sieht schlimmer aus", werde ich aus dem Gespräch entlassen.

Wie es in den Läden innen aussieht, interessiert mich sehr, zumal die Bestimmungen für die Öffnung von Friseuren und Barbieren, sowie von Nagel- und Kosmetikstudios und nichtmedizinischen Fußpflege- und Massagepraxen ziemlich komplex klingen.

Was Friseure und Barbiere zu beachten haben

Auf den Seiten der Handwerkskammer in Magdeburg und der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege wird detailliert aufgelistet, was alles zu beachten ist, wenn man sein Geschäft wieder öffnen möchte. Die Genossenschaft hat in Abstimmung mit dem Zentralverband des Friseurhandwerks einen Arbeitsschutzstandard für die Branche entwickelt. Grundlage ist die 5. Landesverordnung in Sachsen-Anhalt.

So heißt es zum Beispiel: Die genannten Geschäfte dürfen öffnen, wenn

  • "die Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln sowie Zugangsbegrenzungen nach § 2 Abs. 1 sichergestellt ist (hier ist durch telefonische oder elektronische Terminvergabe insbesondere dafür zu sorgen, dass der Abstand von 1,5 m zwischen den Kunden eingehalten wird und nicht mehr als 1 Kunde je 10 Quadratmeter Ladenfläche Zutritt erhält),
  • Kundenlisten entsprechend § 1 Abs. 6 Nr. 2 geführt werden (aufgrund der Herausgabepflicht an das Gesundheitsamt und der aus Datenschutzgründen bestehenden Verpflichtung zur Löschung nach 2 Monaten, bietet sich eine Führung von Listen für einzelne Tage an) und
  • die Kunden eine geeignete Mund-Nasen-Bedeckung im Sinne des § 2 Abs. 2 tragen oder andere geeignete Schutzmaßnahmen getroffen werden (für den Normalfall haben die Kunden eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. Bei einigen Dienstleistungen, wie etwa kosmetischen Anwendungen im Gesicht, ist dies nicht möglich, so dass entweder derartige Dienstleistungen nicht erbracht werden können oder ein anderer, gleichwertiger Schutz sichergestellt wird. Dies könnte etwa durch Einhaltung größerer Abstände zu anderen Kunden, separate Behandlungsräume und für die Beschäftigten durch persönliche Schutzausrüstung (medizinische Mund-Nasen-Maske, Schutzbrille etc.) erfolgen)."


Außerdem werden Hygienestationen im Eingangsbereich empfohlen, die Teams sollten in Schicht arbeiten, die Öffnungszeiten angepasst und der Zutritt so gesteuert werden, dass keine Warteschlangen entstehen.

Am ersten Tag der Öffnung von Geschäften und Friseuren in Halle
Piktogramme erklären, was in den Salons erlaubt ist und was nicht. Bildrechte: MDR/Martin Paul

Eine Ecke weiter sehe ich durch die großen Schaufenster einen großzügigen Salon, mit viel Abstand zwischen den Stühlen. Die Friseurinnen tragen Mundschutz und der Empfang ist mit einem Plastikschutz getrennt. An der Eingangstür werden mit großen Piktogrammen die einzelnen Verhaltensregeln erklärt. Als ich eintreten darf und zu erkennen gebe, dass ich keinen Termin machen möchte, sondern "nur" das Gespräch suche, winken die Damen freundlich aber bestimmt ab. "Keine Zeit", heißt es.

Ich muss mein Glück weiter versuchen.

Schutz- und Trennwände für die Friseursalons

In der Nachbarstraße der Kleinen Ulrichstraße habe ich mich mit Konstanze Heinicke verabredet, Inhaberin des Salons Konstanze H.

Am ersten Tag der Öffnung von Geschäften und Friseuren in Halle: Hinweisschilder an den Fensterscheiben der Salons
Hinweisschilder am Schaufenster des Salons Konstanze H Bildrechte: MDR/Martin Paul

Eine Frau kommt mir entgegen, offensichtlich eine Kundin. "Ich wollte einen Termin machen. Aber sie lassen mich nicht herein. Ich soll anrufen, aber Sie wissen ja wie es ist. Es ist ständig besetzt. Aber sie rufen mich zurück", erzählt die Dame. Für den Friseursalon werden gerade von einem Handwerker Plexiglas-Schutzwände geliefert.

Ich sehe Frau Heinicke mit ihren Kolleginnen durch das Fenster im Salon. Den Gesprächs- und Fototermin könne sie doch nicht einhalten, erzählt sie mir an der Eingangstür. "Es ist einfach zu viel los. Es ist die reine Katastrophe. Wir wissen nicht, wie wir Termine für den Juni machen sollen. Sonst waren wir Wochen vorher ausgebucht." Die jetzt aktuelle Landesverordnung ist nur bis zum 27. Mai gültig. Wie es danach weitergeht – keiner weiß es.

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"Es ist der Horror", sagt sie. "Drinnen sieht es noch aus wie sonst was. Termine müssen gemacht werden." Aber ab morgen, Dienstag, öffnet sie in zwei Schichten – von 7 Uhr morgens bis 22 Uhr abends.

Ich merke, es ist schwer, sich mal "auf die Schnelle" die Haare schneiden zu lassen. Wer schon einen Termin hat, kann sich glücklich schätzen. Einen letzten Versuch möchte ich noch starten: Der Friseur und Barbier Soran an der Ecke Große Ulrichstraße/Moritzburgring.

"Egal wie, wir kriegen das schon hin"

Vor dem Geschäft hat sich eine lange Schlange gebildet. Die Schrift auf dem Schaufensterfenster: "Mit und ohne Anmeldung" lockt. Ich reihe mich ein. Ich möchte mich nicht vordrängeln, bloß weil ich mit dem Inhaber ein Wort wechseln möchte. Außerdem ist mein sonst gepflegter Kurzbart zu einem mächtig struppigen Vollbart angewachsen. Ich habe noch Hoffnung.

Nach fünf Minuten in der Schlange, kommen drei Damen des Ordnungsamtes vorbei und fragen, ob wir alle einen Termin haben. "Die müssen sie vorher telefonisch machen", so eine der Damen. Freundlich werden wir darauf hingewiesen, nicht im Haltestellenbereich zu stehen. Der Geschäftsinhaber muss jedem Wartenden einen Termin zuweisen.

Am ersten Tag der Öffnung von Geschäften und Friseuren in Halle: Furidon Akram, Inhaber des Friseur- und Barbiergeschäfts Soran
Furidon Akram, Inhaber des Friseur- und Barbiergeschäfts Soran in Halle Bildrechte: MDR/Martin Paul

Furidon Akram ist Inhaber des Friseursalons mit etwa zwölf Angestellten. Er erzählt mir, dass er selbst überrascht war, wie schnell jetzt doch die Öffnung gekommen ist. Der Laden ist voll, auf dem Fußboden kleben Abstandsstreifen, Trennwände sind zwischen Waschbecken aufgestellt und Kunden, Friseurinnen und Friseure tragen Mundschutz – auch beim Haarewaschen. Es herrscht hektische Betriebsamkeit. Sie arbeiten in zwei Schichten.

Die Regelungen seien schon sehr komplex, erzählt mir Akram, aber es sei machbar. Bartschneiden könne er nicht anbieten ("Da müssten wir am bloßen Gesicht arbeiten") und jeder Kunde müsse sich in eine Liste eintragen, wann sie da waren und wie sie zu erreichen sind. "Das ist ja auch gut so. Falls etwas, wir wollen das nicht hoffen, in unserem Geschäft passiert, können alle gleich informiert werden", sagt Akram.

Am ersten Tag der Öffnung von Geschäften und Friseuren in Halle: Haarewaschen mit Mundschutz und Trennwand
Haarewaschen mit Mundschutz und Trennwand Bildrechte: MDR/Martin Paul

Die Kunden sehen zufrieden aus, als sie das Geschäft verlassen. Gepflegt und mit dem vielleicht ersten Schnitt seit Wochen.

Und auch Furidon Akram ist zufrieden und hofft, dass es so bleibt, dass die Friseure ihre Dienste anbieten können. "Wir sind froh, dass wir den Laden überhaupt aufmachen dürfen. Egal wie, wir kriegen das schon hin", fügt er optimistisch hinzu.

MDR-Schwerpunkt: Das Coronavirus
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Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Martin Paul ist Teil des Online-Teams von MDR SACHSEN-ANHALT und begeistert von den Möglichkeiten und Ausdrucksformen des digitalen Journalismus - Daten und Code, Visualisierung und Video, Longread und Ticker, Social-Media und Dialog. Was ihn umtreibt? Besonders die Frage, wie man das Netz frei und offen gestalten und Teilhabe garantieren kann.

Online-Journalismus hat er im Studiengang Multimedia & Autorschaft an der Universität in Halle und bei der Mitteldeutschen Zeitung gelernt. An der Universität in Leipzig hat er Kultur- und Vergleichende Literaturwissenschaft studiert.

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 04. Mai 2020 | 19:00 Uhr

3 Kommentare

ossi1231 vor 24 Wochen

"Klasse Rechtsstaat in dem wir jetzt angekommen sind" ... gemäß Arbeitszeugnis ein "hat sich bemüht" Rechtsstaat.
Unser Geistesadel im Schloss ist das Problem, nicht die Menschen im Dorf ... und leider sind alle Kanzeln von Lakeien aus dem Schloss besetzt.

Steffen 1978 vor 24 Wochen

Hat auch Herr Haseloff seine Kontaktdaten hinterlegt ich stelle in letzter Zeit immer wieder fest das die DSGV wie heute beim Friseurbesuch einfach außerer Kraft gesetzt wird genau wie unser Grundgesetz ein Klasse Rechtsstaat in dem wir jetzt angekommen sind

ossi1231 vor 24 Wochen

Wie wäre es mit einem ABC Schutzanzug ??

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