Crummes Eck Lebensmittelretter in Halle: "Es kann nicht jeder Greta sein"

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Jährlich landen in Deutschland mehrere Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Vieles davon wäre eigentlich noch essbar. Ein Laden in Halle gibt den Sachen nun eine zweite Chance. Ein Besuch

Crummes Eck in Halle
Im Crummen Eck in Halle werden Lebensmittel gerettet. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Fast 13 Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jährlich im Müll. Heruntergebrochen auf einen einzelnen Menschen sind das 85,2 Kilo Essen pro Jahr, die in Abfalltonnen wandern. Viel zu viel – meinen Felix Groß und Annalena Mildner aus Halle. Denn vieles davon wäre eigentlich noch genießbar. Deshalb haben beide im Paulusviertel einen Laden eröffnet, der Lebensmitteln eine zweite Chance geben soll – Crummes Eck heißt der.

Kooperation mit zehn Supermärkten

Der Name ist eine Anspielung auf krumme Gurken, die besonders beispielhaft für Dinge stehen, die weggeworfen werden, obwohl sie eigentlich völlig in Ordnung sind. Die aber irgendwelchen, oft fragwürdigen Verkaufsnormen widersprechen. Inspiriert wurden Anna und Felix bei einem Nachhaltigkeitsfestival in Ludwigsburg. Es folgte ein Crowdfunding und im September 2018 schließlich die Eröffnung. Der Laden kooperiert mit etwa zehn Supermärkten, mehreren Backshops und einer Tankstelle. 

Zum Ende der Woche machen sich die Helfer – neben den beiden Gründern engagieren sich etwa 20 Menschen in dem Laden – auf den Weg, um übriggebliebene Lebensmittel bei den Spendern abzuholen. Der Hauptgrund, warum die Sachen aussortiert wurden, mag verblüffen: "Es kommt neue Ware, deswegen brauchen die Märkte Platz", sagt Felix. Hinzu kommen Artikel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum bald abläuft oder bei denen die Verpackung etwas beschädigt ist. Und natürlich sammelt sich eine Menge Obst und Gemüse an. Ungenießbar oder gar schlecht sind die Waren aber nicht.

Gewinn wird gespendet

An drei Tagen pro Woche werden die Sachen dann verkauft – Freitag, Sonnabend und Montag. Wobei der Begriff "verkaufen" es nicht richtig trifft. Denn genau genommen werden die Lebensmittel gegen eine beliebige Spende abgegeben. Einziges Ziel der Betreiber ist es, die Kosten, die mit dem Laden anfallen, zu decken. "Wenn etwas übrig bleibt, spenden wir das Geld an andere Nachhaltigkeitsprojekte", erzählt Felix.

Neben Lebensmitteln bekommt man in dem Kellerladen auch Kleidung und Bücher. Beides kann im Tauschraum aber auch abgegeben werden. Zudem gibt es einen Reiki-Raum und den sogenannten Mach-Raum – einen Ort, in dem diskutiert oder kleinere Projekte umgesetzt werden können. "Der Laden läuft gut", erzählt Rite, die beim Besuch von MDR SACHSEN-ANHALT neben Felix Dienst hat. "Pro Tag kommen etwa 50 Leute. Manchmal auch deutlich mehr." Doch warum öffnet das Crumme Eck dann nicht jeden Tag? "Wir wollen mit der Tafel und anderen Foodsharing-Initiativen nicht ins Gehege kommen. Deswegen haben wir uns da abgestimmt", erklärt Felix.

Crummes Eck in Halle
Im Tauschraum finden auch alte Schuhe neue Besitzer. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Crummes Eck trifft den Zeitgeist

Foodsharing ist im Paulusviertel in Halle, wo viele Studierende und Familien leben, sehr beliebt. Genau wie ein Unverpackt-Geschäft, das im Januar eröffnet hat. Deshalb passt auch der Laden von Felix und Anna zum Zeitgeist im Viertel, glaubt Maja, die an jenem Abend ebenfalls Dienst hat. Die 47-Jährige arbeitet als Referentin beim Landessportbund und engagiert sich nach Feierabend im Eck. Auf den Laden ist sie durch ihre Töchter gekommen, 10 und 19 – die Generation "Fridays for future"

"Gerade meine Große legt sehr viel Wert auf Nachhaltigkeit", erzählt Maja. Und mit ihrer Einstellung hat die Tochter bei ihrer Mutter etwas ausgelöst. "Früher war mir das auch sehr wichtig", sagt Maja. Aber seitdem sie Kinder hat, sind die Ideale etwas in den Hintergrund gerückt. "Ich lebe wie so ein Mittelständler", sagt sie, fast schon entschuldigend. Trotzdem blieb da der Wunsch, sich in irgendeiner Form zu engagieren. Und im Crummen Eck ist das relativ unkompliziert möglich, hat Maja erkannt.

Crummes Eck in Halle
Maja engagiert sich im Laden – und ist damit wieder näher an ihre Ideale gerückt. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Netzwerk und Nachhaltigkeit

Neben der Idee gefällt Maja das Netzwerk, das mit dem Laden verbunden ist. Sowohl über die Helfer als auch über die Kunden. "Man lernt seine Nachbarschaft kennen und kann sich gegenseitig helfen. Das ist sehr wichtig." Wichtig ist ihr aber auch, dass weniger Lebensmittel unnütz weggeschmissen werden. "Natürlich kann nicht jeder Greta sein und die ganze Welt retten", sagt die 47-Jährige. "Aber hier können wir zumindest einen kleinen Teil dazu beitragen, dass nachhaltiger gelebt und weniger weggeschmissen wird."

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT - mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Zudem ist er immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

Mehr zum Thema

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 02. Dezember 2019 | 11:40 Uhr

4 Kommentare

DER Beobachter vor 25 Wochen

Ganz schön viel durcheinander gemischt. Selbstverständlich gibt es einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Ach ja, und die gute Greta und die umweltschädlichen E-Autos und der teure umweltschädliche Designersessel. Schon schlimm damit. Sicherlich haben Sie Belege, dass es sich um den umweltschädlichen 6000,-Sessel und nicht doch um die 600,-Exemplare handelt? Die Jugendlichen kritisieren nebenbei gerade den Hedonismus der Elterngeneration...

Wenzel vor 25 Wochen

Hab schon viel Schönes vom Crummen Eck in Halle gehört. Das hat mich neugierig gemacht. Ich komm demnächst mal vorbei, wenn ich in der Nähe bin. Vielleicht rettet man dort nicht die ganze Welt aber ganz bestimmt ein kleines Stück davon. 🙃

C.T. vor 25 Wochen

"Fast 13 Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jährlich im Müll."

Es ist aber nicht im Interesse der Lebensmittelindustrie 13 Millionen Tonnen weniger Produkte jährlich umzusetzen. Darum bleiben solche Projekte bestenfalls Nieschen für Idealisten.

Mehr aus dem Raum Halle und Leipzig

Mehr aus Sachsen-Anhalt