Stadtgeschichte Halle an der Saale Licht als Zeichen für Aufbruch und Leben – Ein Interview mit Dietmar Kreutzer

Ein gängiges Werbemittel in der DDR waren sogenannte Leuchtreklamen. In dem Betrieb "VEB Neontechnik" in Halle wurden verschiedene Neonleuchten produziert. Die Stadt war damit in den 1960er-Jahren das Zentrum für die Produktion von diversen Lampen. Der Autor und Stadtplaner Dietmar Kreutzer erzählt MDR SACHSEN-ANHALT, wie alles los ging und wie es mit der Zeit immer heller in und um Halle wurde.

DDR-Werbung im Buchstabenmuseum Berlin.
Diese Neon-Leuchtreklame wird inzwischen im Buchstabenmuseum in Berlin ausgestellt. Bildrechte: Tom Kühne

MDR SACHSEN-ANHALT: Die DDR schien anfangs weitgehend grau und dunkel zu sein. Leuchtreklame war etwas, was für kapitalistische Werbung stand. Wie kam es dann doch zu mehr Licht im Osten?

Dietmar Kreutzer
Dietmar Kreutzer Bildrechte: MDR/Daniel Laudowicz

Dietmar Kreutzer: Also da gibt es viele Legenden. Eine wesentliche war die, dass 1955 ein Messebesuch mit Walter Ulbricht anstand und der sich erregte, dass Leipzig im Dunkeln liegt. Das lag an Staatsgästen, die zur Messe kamen und sich beschwerten, was denn der Sozialismus hier zu bieten habe. Daraufhin wurden innerhalb von zwölf Monaten 80 Licht-Werbeanlagen installiert, damit es bei der nächsten Messe ganz anders aussieht. Das hat auch geklappt. Aber danach war eben wieder jahrelang Ruhe, bis zum nächsten großen Staatsbesuch. Genau weiß es immer keiner. Eine andere Legende ist die vom "Pionierpalast Walter Ulbricht". Ende der 60er soll Walter Ulbricht auf einem Besuch in Dresden an einem Palast bei regnerischem Wetter vorbei gefahren sein. Das "W" bei Walter Ulbricht war ausgefallen. "Pionierpalast Alter Ulbricht" war zu lesen. Sofort musste der Buchstabe wieder in Betrieb genommen werden. Bei der nächsten Vorbeifahrt waren angeblich zwei weiter Buchstaben ausgefallen, das "UL" von Ulbricht, also "Pionierpalast Walter Bricht". Es heißt von dem Hersteller der Licht-Werbeanlage, dass über Nacht die Werbung abgebaut werden musste und es sei eine Anordnung gekommen, dass sinnentstellende Werbeanlagen ab sofort auszuschließen seien.

Warum wird die DDR ausgerechnet in den 1960er Jahren mit Beleuchtung und bunter Neonwerbung aufgerüstet?

Design-Leuchten des VEB Metalldrücker
Auch diese Leuchten wurden damals produziert. Bildrechte: MDR/Günter Höhne

Die 60er waren deshalb ein goldenes Zeitalter, weil da noch Visionen für den Aufbruch des Sozialismus existierten. Da wurde viel experimentiert, auch mit Licht und nur an wenigen Stellen konnte diese künftige Stadt auch ablesbar werden.

Warum wurde ausgerechnet Halle zu einer Stadt des Lichts?
Also es gab mehrere Ansatzpunkte. Zunächst mal war da die Burg Giebichenstein, die Hochschule, die sich seit den 1920er Jahren sehr stark mit Design und Licht befasste. Dann gab es die Innenstadt und Halle Neustadt, die ganz wichtige architektonische Projekte für die frühe DDR waren. Und es gab auch in der Licht-Werbung einen Leitbetrieb, den VEB Neontechnik, der Ableger bis nach Thüringen hatte, sodass sowohl die Licht-Werbung, die Licht-Forschung, als auch das Licht-Design in Halle ein Kulminations- oder Konzentrationspunkt hatten.
Als Produzent gab es auch noch Lichthersteller beziehungsweise Elektrofirmen, die von großer Bedeutung waren. Vorher hatte sich viel auf Berlin konzentriert, aber durch diesen Impuls, den es in den 60er Jahren für die Chemiearbeiter-Stadt gegeben hat, haben sich in deren Schatten auch ganz andere Gewerke angesiedelt und eine ganze lange Zeit eine Leitfunktion für die DDR übernommen.

 Was genau passierte damals in Halle?

Man hat eben versucht, damals die Fassaden aufzuhellen und gleichzeitig auch Werbung hinein zu bringen und das alles abgestimmt, dass die gesamte Straße eine gewisse Attraktivität bekam. Das wurde bis zum Marktplatz fortgesetzt. Der Marktplatz hat dann sogenannte Kugelleuchten bekommen, weiße Kugeln, die sozusagen den Stadtraum erhellt haben. Zu hohen Festtagen wurden noch eine besondere Lichtkonzeption erarbeitet: besondere Elemente, Weihnachten, Festtage, Republik-Geburtstage, Durchzüge. Also es waren im Prinzip drei Sachen: Die regelmäßige Beleuchtung mit den Kugelleuchten, die Werbegestaltung aus einem Guss und auch von einer Firma und die regelmäßigen Festivitäten, die noch einmal mehr Licht dazu gebracht haben.

Was hatte es mit der Wechsellichtschaltung auf sich, die dann noch dazu kam?

Sie war damals auch im Osten ein Zeichen von Aufbruch. Las Vegas ist ja dafür bekannt, dass es ein Lichtgewitter gibt. Wenn wir uns heute umschauen, ist Wechsellicht-Werbung in historischen Städten nicht mehr angesagt. Aber damals war das ein Zeichen für Aufbruch, für Leben in der Innenstadt, für Dynamik und das durfte durchaus auch in der Fußgängerzone passieren. Das Schreckliche war aber: wenn man wenige Meter in die Seitenstraßen kam, in die umliegenden Viertel, hat man die Ruinenlandschaft gesehen und diesen Kontrast konnte man vielleicht vor einem Tages-Touristen verbergen, aber nicht vor den Einwohnern. Alle haben wahrgenommen, dass die Innenstadt verfällt, aber der Boulevard und der Markt alle drei bis vier Jahre neu überarbeitet wird, um die Schaufensterscheibe der Stadt intakt zu halten. Das hat viel Geld gefressen.

Die Fragen stellte Tom Kühne.

Quelle: MDR/vö,ahr

Dieses Thema im Programm: Der Osten – Entdecke wo du lebst | 10. November 2020 | 21:00 Uhr

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