Unterricht 2.0 Wie eine Lehrerin das digitale Lernen von morgen entwickelt

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Ines Bieler von der Uni Halle hat viele Jahre als Lehrerin gearbeitet. Nun hat sie die Zukunft ihres Berufsstands im Blick – und versucht, Bildung, Schulen, Lehrer und Schüler digital fit zu machen.

Ines Bieler, Martin-Luther-Universität Halle
Ines Bieler – lange selber Lehrerin – gibt an der Martin-Luther-Universität Halle Tipps für digitales Lernen weiter, die sie von Workshops mitbringt. Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Ganz klar: Ines Bieler kann nicht nur Theorie, sondern sie weiß ganz praktisch, wie Schule funktioniert: Wie ein Lehrerkollegium tickt und wie eine Klasse bei Laune zu halten ist. Denn die 54-Jährige hat mehr als 20 Jahre lang als Lehrerin für Geschichte, Deutsch und Englisch unterrichtet.

Aufgewachsen und zur Schule gegangen ist sie in Gröbzig. An ihrer alten Schule, der Polytechnischen Oberschule, hat sie nach dem Studium 1989 selbst als Lehrerin angefangen. "Das war nur ganz am Anfang merkwürdig, denn das Kollegium war nett und ich habe mich dort nicht mehr als Schülerin gefühlt." Nach der Wende hat Ines Bieler sich noch zur Englisch-Lehrerin weiterbilden lassen. Während dieser Zeit musste sie zwar ein paar Unterrichtsstunden weniger geben, war aber einen ganzen Tag an der Uni – und im Privatleben mussten sie und ihr Mann die Uni-Hausaufgaben und den Alltag mit zwei Kinder und Hausbau unter einen Hut bringen.

An vielen Orten fehlt Veränderungswille

Und auch heute will Ines Bieler immer noch mehr lernen. Seit zwei Jahren ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Projekt "Lehramt@digital" am Zentrum für Lehrer*innenbildung der Uni Halle, ihrer alten Alma Mater. "Über die Ausschreibung zu dem Job bin ich bei Twitter gestolpert", erzählt sie. Das Projekt will Lehrer und alle, die es noch werden wollen, beim digitalen Arbeiten und Lehren unterstützen. Das große Ziel dabei: modernes, auf den einzelnen Schüler zugeschnittenes Lernen.

Gebäude des Campus der Martin-Luther-Universität in Halle an der Saale.
Im Zentrum für Lehrerbildung der MLU berät Ines Bieler Lehrer und Studierende. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Und so berät Bieler jetzt Lehrer oder gibt Seminare für Studierende. Sie baut das digitale Lernlabor an der Uni Halle mit auf, damit dort bald Lehrer ausprobieren können, welche Technologien und Methoden sie wie im Unterricht nutzen können. Bei "Lehramt@digital" ist Ines Bieler als echte Lehrerin eine Ausnahme: Die meisten Kollegen und Kolleginnen sind Bildungswissenschaftler oder Fachdidaktiker.

Von außen betrachtet sieht es so aus, als würde Ines Bieler den Schlüssel in der Hand halten, mit der sich das Tor zur Schule der Zukunft öffnen lässt. Aber bis dahin ist es ein weiter Weg. Nicht nur, weil in einigen Schulen die Infrastruktur fehlt, sondern auch, weil der Veränderungswille fehlt. Viele Lehrer sorgen sich nicht um ihren Beruf. Aber das sei keine grundsätzlich Frage des Alters, sondern der Einstellung. Sie selbst sei mit ihren 54 Jahren der beste Beweis.

Digitaler Unterricht muss auf beiden Seiten "Klick" machen

Ines Bieler glaubt, dass die Digitalisierung das ganze System Schule auf den Prüfstand stellt. Dabei würden viele Lehrer ihr eigenes Arbeiten schon mit digitaler Hilfe organisieren. Und auch an der Uni bei der Lehrerausbildung nutzen die Studierenden eine Plattform, um ihren Unterricht vorzubereiten. "Es ist nur etwas unglücklich, dass das eine andere Plattform ist als die, die an den Schulen genutzt wird", sagt Bieler. Die Universität nutzt die Plattform "ILIAS"; an Schulen wird die Plattform "moodle" benutzt.

"Aber ich glaube, selbst digital Natives benutzen moderne Technologien noch viel zu wenig als echtes didaktisches Hilfsmittel während des Unterrichts", sagt Bieler im Podcast "Digital Leben" bei MDR SACHSEN-ANHALT. Bei den Schülern, quasi den "Kunden" der Lehrer, sei Unterricht mit digitaler Hilfe noch viel zu wenig angekommen. Ines Bieler vermutet, dass viele Lehrer sich das nicht trauen. Aus Angst, die Kontrolle zu verlieren oder ihr Selbstbild als Lehrer infrage zu stellen.

Der Lehrer wird zum Moderator, der Unterricht zum Spiel

Schüler während einer Unterrichtsstunde.
Gewiss kein Zukunftsmodell: Frontalunterricht mit Tafel und Kreide. Bildrechte: imago/photothek

Denn Lernen und Lehren mit digitaler Hilfe würde die Struktur des Unterrichts ändern. Ein Whiteboard, eine interaktive Tafel, würde dabei kaum helfen. "Denn nach wie vor sitzen alle in Reih und Glied und schauen nach vorn zum Lehrer. Das hat mit Digitalität nichts zu tun!" Der Unterricht müsse sich öffnen, sich individueller auf den einzelnen Schüler zentrieren. Schüler müssten im Unterricht aktiviert werden, sich Dinge selbst erarbeiten und nicht einfach nur vorgesetzt bekommen. "Methoden der Gamification zum Beispiel funktionieren bei allen: Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen."

Und Lehrer sollten sich eingestehen, dass sie nicht alles wüssten und zusammen mit ihren Schülern zu Erkenntnissen gelangen. "Die klassische Lehrerrolle wird sich weiter auflösen. Lehrer werden eher Lern-Begleiter." Praktisch gedacht, könnten sich Schüler das reine Faktenwissen mithilfe von Videos als Hausaufgabe erarbeiten – im Unterricht würde dann vor allem geübt, diskutiert, eingeordnet, erklärt und differenziert. Bildungsforscher nennen die Methode "Flipped Classroom", umgedrehter Unterricht.

Der umgedrehte Unterricht Bislang vermittelt ein Lehrer das Wissen im Unterricht. Außerhalb der Schule, Zuhause bei den Hausaufgaben, wird dieses Wissen dann mit Übungen unterlegt. Für den "umgedrehten Unterricht" erstellen die Lehrer zum Beispiel kurze Lehr-Videos, die sich die Schüler Zuhause beliebig oft anschauen können. Schüler lernen so selbstbestimmt und im eigenen Tempo. Im Unterricht in der Schule kommt dann kein neuer Stoff hinzu, sondern es werden Fragen geklärt, geübt und diskutiert. Der Lehrer wird so zum Moderator, der nie genau weiß, was ihn im Unterricht erwartet und flexibel reagieren muss. Zum Beispiel auch, indem er zusammen mit den Schülern eine Internetrecherche macht.

Über all das kann sich Ines Bieler Gedanken machen. Und wenn sie darüber spricht, wirkt sie ehrlich begeistert, glücklich und engagiert. Vorbehalten gegen zu viele Bildschirme im Unterricht begegnet sie mit einem schlagenden Argument: "Es ist eine Frage der Abwechslung: Es hat ja auch kein Lehrer seine Schüler 45 Minuten lang in ein Schulbuch gucken lassen." Was allerdings noch ungeklärt ist: Wie lässt sich nach einer solchen Art des Unterrichts eine Prüfung gestalten? Schließlich hält das Smartphone alles Wissen der Welt fest. "Was bedeuten Schulnoten, Abschlüsse und Zeugnisse dann noch? Es wird ja gerade auch diskutiert, dass die Digitalisierung formale Bildung infrage stellt."

Ines Bieler bewegt die Zukunft der Schule und der Bildung schon lange. Noch während ihrer Zeit als Lehrerin am Gymnasium in Köthen, das mit etwa 1.000 Schülern auch das größte Gymnasium des Landes war, engagiert sie sich. Will Neues erfahren, besucht Fortbildungen, fährt zur "Edunautika" nach Hamburg, eines der größten deutschen Barcamps zur Bildung. "Dort war ich mit zwei Lehrer-Freundinnen aus Sachsen-Anhalt und uns hat das Konzept dieser Barcamps so gut gefallen, dass wir uns gefragt haben, warum es das eigentlich nicht in Sachsen-Anhalt gibt."

Zelten an der Bar? So funktioniert ein Barcamp Ein Barcamp ist eine Un-Konferenz, also das Gegenteil einer durchgeplanten Konferenz. Es soll ein offenes Lernformat sein, zu dem jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin beitragen und den Inhalt und Ablauf mitbestimmen kann: Anfangs wird im Plenum das Programm gemeinsam geplant. Jeder kann dabei Themen und Fragen anbieten, die danach in verschiedenen Sessions vertieft diskutiert werden. Weil jeder ein Experte ist, werden die Teilnehmenden zu Teilgebenden.

Drei Wochen später stand das Konzept des "Barcamp Education Ost". Diese Un-Konferenz findet einmal pro Halbjahr statt. "Wir waren schon in Oranienbaum, in Halle und in Magdeburg. Teilweise mit bis zu siebzig Lehrerinnen und Lehrern." Das nächste Barcamp findet am 4. April in Magdeburg statt.

Lehrer unterrichten Lehrer

Außerdem hat Ines Bieler auch noch die "Bildungspunks" mit ins Leben gerufen. Dies ist eine Initiative und ein Netzwerk, das sie zusammen mit Lehrerinnen aus Deutschland, Österreich und Frankreich gestartet hat und das Lehrenden als Austauschplattform dienen soll. "Wir haben uns auf Twitter kennengelernt und haben uns gegründet, weil es uns mit der Digitalisierung im Bildungsbereich zu langsam ging."

Erwachsenenbildung an der Volkshochschule, 2012
Kurz und kompakt: Wissenstransfer unter Lehrern statt langer Fortbildungsreisen. Bildrechte: IMAGO

Einen Tag nach der Podcast-Aufzeichnung war sie an einer Schule in Halberstadt bei einer Mikrofortbildung – auch ein Lernformat, von der Ines Bieler ein Fan ist. "Das ist perfekt, weil Lehrer im Alltag nur wenig Zeit haben, sich schlau zu machen. Bei einer Mikrofortbildung stellt ein Kollege zum Beispiel eine halbe Stunde lang ein Tool oder ein Konzept vor, das er gut findet." In dieser Art Graswurzelbewegung für Fortbildungen lassen sich zum Beispiel Tools für den Unterricht wie "Mentimeter" oder eines für die Projektorganisiation wie "Trello" zeigen. Schulleiter seien Fans solcher Mikrofortbildungen, "vor allem, weil dann jeder weiß, wen er auf kurzem Weg im Alltag fragen kann, wenn etwas nicht funktioniert." All diese Lern- und Bildungsmethoden seien grundsätzlich nichts Neues, aber sie würden den Fokus in die richtige Richtung lenken.

4K – Schärfer Lernen

Solche Formen der Weiterbildung, überhaupt solche Erfahrungen wie sie sie gerade selbst macht, die wünscht sich Bieler für alle Lehrer. Raus aus dem Schulkosmos, rein in die Weiterbildung oder auch in Unternehmen: "Das hilft allen und dafür sollten Freiräume geschaffen werden." Denn nur so ließen sich die so genannten 4K-Skills auch Schülern mitgeben. 4K steht für Kollaboration, Kommunikation, Kreativität und Kritisches Denken. Diese Fähigkeiten seien heute wichtig, in einer sich ständig verändernden Gesellschaft. "Für die Schule könnte man es auf den Punkt bringen: Die perfekte Bildung des 21. Jahrhundert ist vielleicht die Reformpädagogik, aufgepeppt mit der Digitalisierung."

Und dabei spielen Frauen eine entscheidende Rolle: "Ich glaube mittlerweile doch an so etwas wie die weibliche Note. An das Ausgleichende, das Teamfähige, das Frauen vielleicht besser können." Denn Frauen müssten schon immer alles mitdenken – Beruf und Familie. Dieses Ganzheitliche wirke sich heute positiv aus. "Frauen fragen sich vielleicht häufiger, wie geht es den anderen mit meiner Entscheidung?" Das sei besonders wichtig in Zeiten, in den sich viel ändert. "Wir müssen die Lehrer mehr an die Hand nehmen. Dafür müssen Zeit und Ressourcen da sein. Und damit meine ich nicht nur Hardware oder Infrastruktur, sondern eine echte Begleitung."

Beruflich digital voraus – privat digital abgehängt

W-Lan-Router und Kabel
Ditigale Zukunft – leider hängt die Infrastruktur manchmal hinterher. Bildrechte: IMAGO-STOCK/Ludwig Heimrath

Und das können Menschen wie Ines Bieler sein, die sich im Internet an allen Ecken umschaut: Sie hat eine eigene Webseite ist bei Twitter, LinkedIn und Instagram. "Facebook nutze ich nur noch, um mit Freunden im Ausland Kontakt zu halten." Auch neuere Plattformen wie Snapchat und TikTok probiert Ines Bieler aus. Ihr Favorit scheint aber Twitter zu sein "Das ist super. Ich habe mich dort mal mit einer amerikanischen Schule über DDR-Geschichte ausgetauscht. So etwas würde auch gut im Unterricht funktionieren."

Das einzige dramatische Digital-Problem, das Ines Bieler hat, ist ihr Zuhause in Gerlebogk, einem Ortsteil von Könnern. "Wir haben dort keinen Festnetz-Internetanschluss." In ihrem Router stecke eine Mobilfunkkarte, mit der sie monatlich 60 GB Datenvolumen hat. Auf Videos-Streaming würde sie deshalb verzichten. "Per Mobilfunk ist das unverschämt teuer. Und wenn das Volumen aufgebraucht ist, muss ich oft alle Geräte vom WLAN trennen, damit ich mit der dünnen Verbindung überhaupt ein Daten-Kontingent nachbuchen kann." Ines Bieler hofft, dass die Internetleitung in diesem Jahr kommt.

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Über Marcel Roth Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei "MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir". Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR-SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

Quelle: MDR/mr,ap

8 Kommentare

MDR-Team vor 19 Wochen

Hier die Antwort des Autors:

Dann sind ihre Erfahrungen dann doch der beste Beweis, dass die Art des Unterrichts in diesen Fällen nicht funktioniert hat. Da sollte man dann doch etwas ändern.
Und klar: Das Hinterfragen von Dingen funktioniert doch besser im Gespräch. Also Zuhause: Die Fakten verstehen, mit Video, Buch, App, Spiel oder was auch immer. Im Unterricht: Fragen, warum ist das so und muss das so sein. So habe ich die Idee des flipped classrooms jedenfalls verstanden...

MDR-Team vor 19 Wochen

Der Autor des Textes:

Genau darum geht es ja, Dinge zu verstehen. Wenn sich Schüler den Dreisatz in der Schule erklären lassen, hängt es vom Lehrer ab, wie schnell und ob sie den verstehen. Wenn sie Zuhause ein Video dazu sehen, können sie das mehrmals sehen oder ein zweites angucken. Bis sie es verstanden haben. Das geht im Unterricht nicht. Auch hier: Warum muss Lernen wehtun? Menschen, die zweisprachig aufwachsen, nehmen das doch „nebenbei“ mit. Niemand sagt, Digitalisierung macht alles besser. (Was ist überhaupt Digitalisierung?) Aber das Gute ist doch: Weil Digitalisierung so viel Möglichkeiten bietet, hinterfragen wir, ob bestimmte Dinge nicht besser gehen. Und grundsätzlich schließt das eine (Videos) das andere (Bücher) ja nicht aus. Kein Lehrer hat seine Schüler eine ganze Schulstunde lang ins Schulbuch schauen lassen. Also kein Entweder-Oder sondern ein Sowohl-Als auch.

MDR-Team vor 19 Wochen

Das sagt der Autor des Textes dazu:

Ich bin immer dafür, große Internetkonzerne zu kritisieren. Nur wie die Methode technisch umgesetzt wird, ob mit großen Konzernen oder ohne – dafür sind doch wir bzw. jeder Lehrer verantwortlich. Das Land Sachsen-Anhalt bietet z.B. auch technische Möglichkeiten, die auf Servern hierzulande laufen. Richtig: Genügend gut ausgebildete Lehrer brauchen wir so oder so. Aber dass Schüler mit Handys und Tablets derzeit vor allem daddeln, kann auch daran liegen, dass es mit den Geräten bislang keine sinnvolle Verknüpfung mit ihrem Schulalltag gibt.

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