Hotel-Chef aus Halle Dienstältester Hotel-Direktor setzt sich zur Ruhe

Bertram Thieme ist Deutschlands dienstältester Hotel-Direktor. Nach 42 Jahren checkt er nun aus. Der 69-Jährige leitete Spitzenhotels – sowohl im Sozialismus als auch im Kapitalismus und schüttelte unzähligen Prominenten die Hand. Sein Lieblingsgast war Hans-Dietrich Genscher, dessen Schlaf auf Kommando ihn bis heute beeindruckt.

von Stephan Weidling, MDR SACHSEN-ANHALT

Hoteldirektor Bertram Thieme
Bertram Thieme vor seinem Dorint Hotel Charlottenhof in der Nähe des halleschen Hauptbahnhofs. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Mit hoch gezogenen Augenbrauen und stolzem Blick blättert Bertram Thieme durch die Gästeliste. 13 engbedruckte Seiten voller prominenter Namen liegen vor ihm: "Es waren alle hier. Fünf Bundespräsidenten, vier Bundeskanzler, Otto Waalkes, Thomas Gottschalk, die Kelly Family, einfach alle." Besonders bei einem Namen wird er wehmütig: Hans-Dietrich Genscher. Der ehemalige Außenminister war an einem seiner ersten Arbeitstage gleich sein Gast. Als damals 27-Jähriger wartete Thieme mehrere Stunden auf den Spitzenpolitiker, traute sich nicht einmal auf die Toilette zu gehen und dann war Genscher da und der gebürtige Hallenser absolut entspannt.  

Hans-Dietrich Genscher
Hans-Dietrich Genscher und Hoteldirektor Thieme schätzten sich sehr. Bildrechte: MDR/Alexandru Solomon

"Daran hat sich über all die Jahre nichts geändert", erzählt Thieme, der von Genscher liebevoll "mein Herbergsleiter" genannt wurde. Unzählige Stunden haben die beiden im Restaurant verbracht. Genscher wollte immer das Neueste aus seiner Heimatstadt wissen. Thieme plauderte drauf los. "Manchmal habe ich ihn bis auf sein Zimmer begleitet, dann fing er schon auf dem Flur an, sein Hemd rauszuziehen und sich fertig zum Schlafen zu machen", blickt Thieme zurück. "Er konnte dann auf Knopfdruck schlafen, bewundernswert."

Er konnte dann auf Knopfdruck schlafen, bewundernswert.

Bertram Thieme über Hans-Dietrich Genscher

Gelernter Krankenpfleger führt Interhotel

Hoteldirektor Bertram Thieme und Mitarbeiterinnen.
Bertram Thieme an der Rezeption des Dorint Hotels in Halle. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Bewundernswert ist auch Thiemes Erfolg als Hotel-Direktor. Von der Ausbildung zum Krankenpfleger – unter anderem auf der Entbindungsstation – zum Büroleiter des Hoteldirektors, zum jüngsten Chef der Interhotel-Gruppe: Zu DDR-Zeiten hatte Thieme ein fast immer ausgebuchtes Interhotel geführt.

Nach der Wende leitete er 22 Jahre lang das Dorint-Hotel in Halle. Seine Philosophie: Respekt, Freundlichkeit und Engagement gegenüber seinen Gästen und seinen Mitarbeitern. Nicht ein einziges Mal musste Thieme einem Azubi eine Abmahnung aussprechen, nicht einen einzigen Mitarbeiter entließ der gebürtige Weißenfelser in seiner Zeit als Dorint-Chef. Schließlich war Thieme tief geprägt von der Wendezeit.

Was ist ein Interhotel? "Interhotel" war eine gehobene Hotelkette in der DDR. Die 3 bis 5-Sterne-Hotels waren fast immer das erste Haus am Platz und beherbergten meist Gäste aus dem Ausland. In Halle befand sich das Interhotel in dem Gebäude am Riebeckplatz, das später das Maritim-Hotel übernahm.

"Das war die härteste Phase meines Lebens"

Damals musste er das unter Verantwortung der Treuhand stehende Interhotel fit machen für die Marktwirtschaft. Innerhalb von 14 Monaten musste er die Belegschaft von 413 auf 78 Mitarbeiter reduzieren: "Das war die härteste Phase meines Lebens, in der ich so viele Tränen wie noch nie bei einer Trauerfeier vergossen haben." Drei McKinsey-Unternehmensberater schauten ihm täglich auf die Finger. "Meine Mitarbeiter waren darauf nicht vorbereitet", erzählt Thieme. "Das war Hardcore."

Die Leute, die damals gehen mussten, hegen heute laut Thieme keinen Groll gegen ihn. "Die wussten, dass ich nichts dagegen machen kann", sagt Thieme, der in seiner zweiten Karriere von Erfolg zu Erfolg eilt. Zweimal wird er zum Hotel-Manager des Jahres gekürt. 2015 wird er zum Hotel-Manager des Jahres für außergewöhnliche Menschenführung gewählt. "Das ist die Auszeichnung meines Lebens", erzählt Thieme.

Geborgenheit für Gäste und Mitarbeiter

Zimmermädchen macht Hotelbett
Das Dorint-Hotel in Halle war Thiemes zweites Zuhause. Die Mitarbeiter lassen ihn nur ungern gehen. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Er, der in einer unglücklichen Kindheit, vor allem durch seine Großmutter Geborgenheit erfährt, versucht, genau diese Geborgenheit später an seine Gäste und Mitarbeiter weiterzugeben. Seine Nachfolgerin, Christine Gering, die jahrzehntelang seine Stellvertreterin war, soll sein Erbe nun fortführen.

Bertram Thieme wird der Hotel-Gruppe "Dorint" aber erhalten bleiben. Als Markenbotschafter soll er mit seinen Werten die Hotel-Marke nach außen repräsentieren. Das Kapitel "Dorint-Hotel Halle" ist aber beendet. "Reinreden werde ich der neuen Chefin nicht", so Thieme.

Dorint Hotel Halle Bertram Thiemes berühmte Gäste

Otto Waalkes
Komiker Otto Waalkes machte im Oktober 1997 im Dorint Hotel in Halle Station und verewigte sich im Gästebuch. Bildrechte: IMAGO
Otto Waalkes
Komiker Otto Waalkes machte im Oktober 1997 im Dorint Hotel in Halle Station und verewigte sich im Gästebuch. Bildrechte: IMAGO
Nina Hagen, 2012
Sängerin Nina Hagen besuchte Halle im März 1998. Am 2. März trug sie sich ins Gästebuch ein. Bildrechte: IMAGO
Xavier Naidoo
Musiker Xavier Naidoo übernachtete im Januar 2002 in Bertram Thiemes Hotel. Bildrechte: Xavier Naidoo Records
Comedian Cindy aus Marzahn ( bürgl. Ilka Bessin ) anläßlich der MDR - Talkshow Riverboat am 25.09.2015 im Studio 3 der Mediacity Leipzig.
Komikerin Cindy aus Marzahn trug sich am 4. März 2009 ins Gästebuch ein. Bildrechte: imago/STAR-MEDIA
Günter Grass
Schriftsteller und Nobelpreisträger Günter Grass beehrte das Dorint im September 2009. Bildrechte: imago/Gerhard Leber
Horst Lichter
Koch Horst Lichter schlief im April 2010 in dem halleschen Hotel. Bildrechte: IMAGO
Montserrat Caballé, 2013 in Madrid
Die weltberühmte Opernsängerin Montserrat Caballé war im Oktober 2013 Gast bei Bertram Thieme. Bildrechte: Getty Images
Christina Stürmer
Die österreichische Sängerin Christina Stürmer besuchte Halle und das Dorint im August 2015. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Sicht auf das Hotel Neptun und dessen Logo auf der Seitenfassade. 9 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Umschau Di 19.06.2018 20:15Uhr 09:26 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Quelle: MDR/lk

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 01. November 2018 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. November 2018, 12:31 Uhr

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1 Kommentar

01.11.2018 23:10 Dietrich Gneist 1

Fehlt in der Berichterstattung für die Zeit vor 1989 möglicherweise nicht ein zweiter Arbeitgeber? Vielleicht das MfS? Vielleicht als OibE?
Es wäre schön, wenn der MDR dieser Frage einmal nachgehen könnte.

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT:

Danke für den Hinweis.