Rassismus in Sachsen-Anhalt "Es passiert immer, jeden Tag, jede Stunde"

Alisa Sonntag
Bildrechte: MDR/Martin Paul

Noël Kaboré aus Halle ist schwarz. Im Supermarkt, in der Bahn, auf Veranstaltungen: Immer wieder erlebt er in seinem Alltag Rassismus. Er ist es leid, ständig erklären zu müssen, dass er ein Teil der deutschen Gesellschaft ist. Auch deswegen hat er selbst eine Kampagne gegen Rassismus gestartet.

Noel Kabore
Noël Kaboré hat kein Problem damit, sein Foto veröffentlicht zu sehen. Er sei ohnehin eine Zielscheibe für Rassismus, sagt er. Bildrechte: MDR/Alisa Sonntag

Noël Kaboré ist wütend. Er ist auch verletzt und verzweifelt, aber jetzt gerade ist er vor allem wütend. Das ist er, weil ich ihn gefragt habe, welche Erfahrungen er mit Rassismus macht. Er hat angefangen, zu reden, und nicht wieder aufgehört. Einfach, weil es so viel zu erzählen gibt.

Vieles davon, sagt der Hallenser, ist für ihn so alltäglich, dass er es beinahe als Normalität wahrnimmt. Er kann unzählige Situationen nennen. Kleinigkeiten, würden manche sagen. Fühlt sich für ihn aber nicht so an. Erst recht nicht, weil die einzelnen Begebenheiten in der Summe zu einem unerträglich hohen Berg Rassismus anwachsen. Vor dem Kaboré, 40 Jahre alt und Referent für interkulturelle Bildung, ganz allein steht.

Den Ausweis vorzeigen

Wenn er mit Fremden spricht, sagen sie ihm oft, dass er gut Deutsch spricht. Oder, wenn zwei Fremde miteinander sprechen und er dabeisteht, dann sprechen sie besonders laut und fragen ihn, ob er sie verstehe. Kaboré wird selbst lauter, als er mir das erzählt. Bei dem Thema kann und will er nicht ruhig bleiben. Bei Behördengängen passiere dasselbe: Das Personal spreche besonders laut mit ihm. So, als könnte jemand mit dunkler Hautfarbe nicht Deutscher sein. Dabei lebt der Burkiner Kaboré seit 12 Jahren in Deutschland. 

Die Verkäufer im Supermarkt, sagt Kaboré, erklären ihm immer wieder, wie man mit der Kreditkarte bezahlt. Dabei weiß er das ganz genau. Oder sie glauben nicht, dass ihm die Kreditkarte gehört und fragen nach dem Ausweis. Auch zusätzlich zu seiner BahnCard habe Kaboré sich oft ausweisen müssen. Mir ist das noch nie passiert.

Die Sitzplätze neben ihm bleiben leer

Noel Kabore
Kaboré sagt, auf der Straße werde er oft mit Karamba Diaby verwechselt. Bildrechte: MDR/Alisa Sonntag

Bahn fährt der Hallenser mittlerweile nicht mehr. Er steigt weder in Züge noch in Straßenbahnen oder Busse. Er fühlt sich darin nicht mehr sicher. Oft sei es ihm in öffentlichen Verkehrsmitteln so gegangen, dass die Plätze neben ihm als einzige leer blieben. Oder, dass er stehen bleiben musste, weil für ihn niemand seine Tasche vom Sitz nahm. Dass die Leute um ihn herum anfingen, so laut negativ über Schwarze zu reden, dass er es hören musste.

Häufig sei es auch passiert, dass er als Einziger im Bus kontrolliert worden sei. So, als stehe er unter Generalverdacht, kein Ticket zu kaufen. Wegen des einzigen Merkmals, das ihn von den anderen Fahrgästen unterschied: Seiner Hautfarbe. Kaboré erzählt von einer Situation, die für ihn besonders schlimm war: "Das war in Gräfenheinichen, 2016. Ich saß ganz hinten im Bus. Als der Busfahrer in den Bus kam, ist er, anstatt loszufahren, nach hinten gegangen, direkt zu mir. Hat niemand anderen kontrolliert. Nur von mir wollte er das Ticket sehen."

Er habe den Busfahrer gefragt, ob er denn niemanden außer ihm im Bus kontrollieren wolle. Es habe Streit gegeben. Niemand sei ihm zu Hilfe gekommen. Stattdessen seien von außen Menschen in den Bus zugestiegen, um ihn zu beleidigen. "‘Geh heim‘ und sowas haben die gerufen."

Betrunkener Rassismus

Auch ins Fußballstadion geht Kaboré nicht mehr. Er traue sich nicht, obwohl er ab und an gern Fußball sehe. Das letzte Mal ist er mit Freunden bei einem Spiel vom HFC gegen den Chemnitzer FC gewesen, sagt er. Er stoppt, beginnt wieder zu reden, erzählt nicht weiter. Dort hätten andere Zuschauer Dinge gesagt.. Was denn, frage ich. Doch die Worte seien so schlimm gewesen, dass er sie nicht wiedergeben möchte. Auch in eine Disko würde der Hallenser nicht mehr gehen – dort sind, wie im Fußballstadion, manche Menschen betrunken.

Wenn Leute betrunken sind, gibt das ihren Rassismus Preis.

Noël Kaboré erfährt immer wieder Rassismus

Oft werde er in der Öffentlichkeit angestarrt. Beispielsweise, wenn er mit seiner Familie in ein Restaurant gehe. Bei einer Feier zum Reformationsjubiläum sei er angestarrt worden "wie im Zoo", erzählt er – ganz direkt und ohne, dass die Menschen sich dafür geschämt hätten. Als er sie darauf angesprochen habe, seien sie einfach weg gegangen. "Das alles sind Dinge, die wirklich wehtun", sagt Kaboré. "Man fühlt sich so klein dabei. Machtlos."

Die Wirkung zählt

Ob hinter den rassistischen Situationen böse Absicht stecke oder nicht, mache für ihn dabei keinen Unterschied: "Die Menschen vermitteln mir, dass ich nicht hier sein sollte. Dass ich nicht hierher gehöre." Der alltägliche Rassismus verletze ihn, egal, welche Absicht dahinter stecke. Denn immer stehe dahinter der Gedanke, dass er kein Teil der Gesellschaft in Deutschland sei. 

Wenn Fremde auf der Straße ihn fragten, ob er aus Afrika ist oder warum er nach Deutschland gekommen sei, sei egal, wie die Frage gemeint sei – entscheidend sei ihr Effekt. "Und wenn bei meinem Gegenüber etwas ganz anderes ankommt als das, was ich gemeint habe, dann habe ich wohl etwas falsch gemacht", sagt Kaboré und schüttelt den Kopf.

Wenn Täter sich zum Opfer machen

Alltagsrassismus, kritisiert er, werde in Deutschland nicht ernst genug genommen. Wenn man Menschen auf ihren Rassismus anspreche, müsse man sich immer dafür rechtfertigen: "Die Leute sagen dann: ‚Das war doch nicht so gemeint‘ oder ‚Warum bist du so empfindlich‘." Das, was der Hallenser beschreibt, nennt man auch Täter-Opfer-Umkehr. Dabei werden die Opfer zu den Schuldigen gemacht – beispielsweise, indem ihnen vorgeworfen wird, sie übertreiben. So, als wäre der Schmerz der Rassismusopfer das Problem und nicht der Rassismus selbst.

"Wenn ich mich verteidigen muss, dafür, dass ich Rassismus klar benenne, dann tut das noch einmal extra weh", sagt Kaboré. Deswegen habe er entschieden, sich in solchen Situationen anderen Menschen gegenüber nicht mehr zu rechtfertigen. Er versuche es mittlerweile mit Rhetorik und frage andere beispielsweise, warum es für sie relevant sei, ob er aus Afrika komme.

Oder, wenn die Leute nachfragen, wo ich denn ‚wirklich‘ herkomme – dann sage ich: 'Meinst du, wo ich geboren bin? In Burkino Faso, aber dafür habe ich nichts getan. Dass ich in Halle lebe, das war aber meine Entscheidung und dass ich mich hier zu Hause fühle, dass entscheide ich ganz alleine und nicht du.'

Noël Kaboré erfährt immer wieder Rassismus

Den Menschen zu erklären, was Rassismus ist, und wie er sich damit fühlt, sei nicht seine Aufgabe, sagt Kaboré: "Die Zeit für Angebote ist vorbei." In den letzten Jahren habe er sich in Deutschland weniger wohlgefühlt als vorher. Seit 2015, als viele Menschen nach Deutschland geflüchtet seien, habe sich das gesellschaftliche Klima verändert. Was früher nicht gesagt werden durfte, sei heute ganz normal. "Ich habe gedacht, dass sich nach dem Anschlag in Halle etwas verändern würde hier, dass die Leute endlich etwas merken würden." Aber alles sei gleich geblieben. Ständig gebe es Rassismus auf offener Straße, aber keiner würde etwas machen.

Kampagne gestartet

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Auf dem Schild steht "Rassismus - Stopp" und nicht "Stopp - Rassismus", um dem Rassismus keinen Raum zu geben. Bildrechte: MDR/Noel Kabore

Deswegen hat hat Noël Kaboré sich auf das Interview mit mir eingelassen. Er hat jetzt eine eigene Kampagne gegen Rassismus gestartet. Schon zweimal hat er sich in Dessau-Roßlau, wo er arbeitet, in die Innenstadt begeben, ein Schild in der Hand, und einfach dagestanden. "Rassismus – Stopp" stand auf dem Schild. Während der Aktion habe sich niemand zu ihm gestellt oder mit ihm gesprochen. "Es gab Leute, die haben die ganze Zeit beobachtet, wo ich hingehe. Eine Person ist näher gekommen und dann gleich wieder weg", erzählt er. Sonst sei nichts passiert. Er wünsche sich sehr, dass andere es ihm gleichtun und seine Aktion in die Welt tragen.

Aber hat denn wirklich noch nie jemand ihm geholfen, frage ich? Ihm geholfen, wenn er im öffentlichen Raum angegriffen wurde? Kurz überlegt Noël Kaboré. Nein, sagt er dann. Das sei noch nie passiert. Er wünscht sich mehr Zivilcourage. Dass Antirassismus seit der Parlamentsreform in Sachsen-Anhalt Staatsziel ist, begrüßt er zwar sehr. Damit Menschen, die Rassismus erleben, sich sicher fühlen können, müsse aber auch auf struktureller und institutioneller Ebene etwas passieren, sagt er. Es brauche neue Gesetze, damit nicht erst körperliche rassistische Gewalt, sondern auch schon rassistische Beleidigungen strafbar seien.

Wenn man rassistisch angegriffen wird, kann man zwar die Polizei rufen, sagt er. Aber dann stünde oft Aussage gegen Aussage. Und selbst, wenn jemand die rassistische Beleidigung bezeugen könne – für die Polizei sei das meist kein Grund, einzugreifen, sagt Kaboré: "Ich habe das Gefühl, für mich gibt es keinen Schutz, bevor ich nicht verletzt oder tot bin."

Alisa Sonntag
Bildrechte: MDR/Martin Paul

Über die Autorin Neugierig ist Alisa Sonntag schon immer gewesen – mit Leidenschaft auch beruflich. Aktuell beendet sie ihre Master in Multimedia und Autorschaft und International Area Studies in Halle. Dabei schreibt sie außer für den MDR SACHSEN-ANHALT unter anderem auch für Veto-Mag.

Quelle: MDR/Alisa Sonntag

73 Kommentare

Anita L. vor 32 Wochen

Wenn die Denk- und Handelnsmuster eines Menschen oder einer Gesellschaft (alltags-)rassistische oder strukturelle rassistische Verhaltensweisen beinhalten, dann ist seine/ihre Mentalität eine rassistische. Genau darum geht es in dem Artikel: um rassistische Verhaltensweisen, die manchen Menschen schon derart in Fleisch und Blut übergegangen sind, dass sie sie gar nicht mehr merken. "Ich bin kein Rassist, aber ... [er sollte sich eher mal für die Gastfreundschaft bedanken statt sich über Rassismus zu beschweren]".
Zu glauben, man könne einer fremden Frau ungeniert in den Ausschnitt starren, ihr mal eben "kollegial" auf den Hintern klatschen oder lovial ihr technisches Können, "so für eine Frau gar nicht schlecht" loben , macht die Tatsache, dass dies sexistisch diskriminierendes Verhalten ist, ja auch nicht akzeptabel. Dasselbe gilt bei rassistischen Verhaltensweisen.

Anita L. vor 32 Wochen

Wenn es so viele normale Dinge im Artikel gibt, frage ich mich freilich, warum Sie "normal" durch Anführungszeichen in Frage stellen?
Ich habe schon von einigen echten und unechten Ausländern (sprich Deutschen mit wie auch immer gearteteten fremden Aussehen) gehört, dass sie die Frage nach der Herkunft, von Fremden als "Gesprächsbeginn" genutzt, einfach nur nervt. Ein junger Mann hat genau diesen Aspekt auf der Dresdner Bürgerbühne ("Die Verwandlung") geradezu verzweifelt ins Publikum geschrien.
Plätze in Bussen mögen frei bleiben, aber es ist schon peinlich zu beobachten, wie manche mehr durch die halbe Bahn fallen als laufen, um zum nächsten freien Platz zu finden, dabei aber den Platz neben dem Mann mit der dunklen Haut und der Frau mit Hinab auslassen.
Stattdessen erwarten Sie Dankbarkeit von Herrn Kabore? In einem Artikel, in dem es um rassistisches Verhalten ihm gegenüber geht? Obwohl Sie den Grund für seine Anwesenheit in Deutschland gar nicht kennen? Das ist Rassismus!

Anita L. vor 32 Wochen

Was ist Mendalität? Meinen Sie Mentalität? Dazu ließe sich eigentlich nur mit einem Spruch der Dynamo-Fanarbeit antworten: Rassismus ist kein Fangesang - und ganz bestimmt keine Mentalität.

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