Interview mit Luftverkehrslogistiker "Nachtflüge können Standortvorteil sein"

Er ist Mitteldeutschlands Tor zur Welt: der Flughafen Leipzig/Halle. Und dieses Tor soll sich bald noch viel weiter öffnen – zumindest wenn es nach der Politik geht. Denn die Koalitionspartner von CDU/CSU und SPD haben im Koalitionsvertrag festgeschrieben, den Flughafen Leipzig/Halle zum internationalen Frachtdrehkreuz auszubauen. Prof. Dr. Frank Himpel, Forscher für Luftverkehrs-Logistik an der Hochschule Anhalt, sieht vor allem die Chancen.

MDR SACHSEN-ANHALT: Wenn man den Flughafen mal in den internationalem Vergleich stellt. Wie steht er da?

Prof. Dr. Frank Himpel: Leipzig/Halle ist aktuell der zweitgrößte Frachtflughafen in Deutschland. Das wird vom Volumen her in geflogenen Tonne gemessen. Im europäischen Vergleich gehört er zu den Top-5, er ist also auch in dem Maßstab herausgehoben. Jetzt steht auch zu erwarten, dass Leipzig/Halle im Zuge der internationalen Entwicklung gerade für Luftfracht bedeutender werden wird.

Himpel
Setzt auf neue Arbeitsplätze: Prof. Dr. Frank Himpel. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Flughafen wird als Jobmotor bezeichnet. Hat sich diese Erwartung rückblickend bisher tatsächlich erfüllt?

Ja, das denke ich schon. Es zeigt sich, dass die Prognosen, die in der Vergangenheit über das Wachstum abgeben worden sind, insbesondere auch in der Luftfracht, erreicht wurden. Die Prognosen zu den Perspektiven des Flughafens als Jobmotor finde ich in dem Sinne erfüllt.

Welche Vorteile bietet der Standort im globalen Kontext?

Dass der Flughafen bei der Fläche solche Entwicklungsmöglichkeiten hat. Grundsätzlich ist es so, dass die Luftfrachtverkehrsströme im Zuge der Globalisierung weiter wachsen werden, insbesondere von Asien nach Europa und von Europa nach Nordamerika. Standorte in Europa, die über solche Wachstumspotenziale und Flächen verfügen, haben darin zukünftig ihre Stärken.

Oft wird gesagt, gerade eine uneingeschränkte Erlaubnis, nachts fliegen zu dürfen, macht einen Flughafen besonders wertvoll. Wenn es eine solche Regelung denn gibt: Ist das so?

Das kann ein Standortvorteil sein, gerade wenn man die interkontinentalen Verkehre betrachtet, von Asien nach Europa und von Europa nach Nordamerika und zurück. Man kann nicht unisono sagen, dass das gut oder schlecht ist. Es kommt immer darauf an, welcher Akteur, welcher Anbieter oder Logistikdienstleister aufgrund seines konkreten Geschäftsmodells von einer solchen Regelung profitieren würde.

Die Bundesregierung hat angekündigt, diesen Flughafen zu DEM deutschen Frachtkreuz ausbauen zu wollen. Wie bewerten sie das?

Ich begrüße das, auch weil die Luftverkehrsbranche eine der Wachstumsbranchen weltweit ist. Begrüßenswert ist es außerdem, wenn man den Standort Deutschland als Ganzes sieht, aber auch – aus Sicht von Sachsen und Sachsen-Anhalt betrachtet – weil es den mitteldeutschen Raum entsprechend stärkt.

Daher ist es zu einem so frühen Zeitpunkt, Mai 2018, sehr spekulativ, eine Aussage darüber zu formulieren, wie sich Lärm konkret entwickeln wird. Das halte ich für verfrüht.

Welche Chancen könnte das aus Ihrer Sicht bieten?

Es steht zu erwarten, dass auch Anbieter nach Leipzig/Halle ziehen, die Arbeitsplätze schaffen und dass es auch für den gesamten Logistikstandort Mitteldeutschland, Sachsen und Sachsen-Anhalt, vorteilhafte Beschäftigungseffekte hat. Natürlich gibt es im Leben nichts, was nicht auch Nachteile hat. Aber ich als Luftverkehrslogistiker sehe das als absolut positiv und begrüße den Ausbau.

Doch welche Risiken sehen Sie mit einem Ausbau einhergehen, zum Beispiel beim Stichwort Lärm.

Wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht, welche Anbieter es sein werden, die an einen ausgebauten Standort Leipzig/Halle kommen werden und was sie konkret in ihren Geschäftsmodellen umsetzen. Wir wissen noch nicht, mit welchen Frequenzen, mit welchen Kapazitäten, mit welchen Fluggeräten diese Akteure agieren. Auch nicht, welche Triebwerke es sein werden, die an diesen Flugzeugen zu finden sind – und gerade für die Entfaltung von Lärmteppichen ist die Art der verwendeten Triebwerke an den Flugzeugen ein erheblicher Punkt. Daher ist es zu einem so frühen Zeitpunkt, Mai 2018, sehr spekulativ, eine Aussage darüber zu formulieren, wie sich Lärm konkret entwickeln wird. Das halte ich für verfrüht.

Aus der Perspektive eines Lärmgeplagten noch einmal konkret nachgefragt: Ist es nicht so, dass es automatisch lauter wird, wenn der Standort ausgebaut wird – egal, welche Triebwerke die Logistiker verwenden. Also bedeutet nicht ein Ausbau automatisch mehr Lärm?

Diese einfache Gleichung „Ausbau bedeutet automatisch mehr Lärm“ würde ich so nicht unterschreiben. Wir wissen zum Beispiel auch nicht, zu welchen Zeiten neue mögliche Akteure den Flughafen anfliegen werden. Es kann zum Beispiel sein, dass sie tagsüber kommen und Fluggerät einsetzen, bei dem nicht nur leise Triebwerke eingesetzt sind. Entscheidend ist dann ebenso, wie man An- und Abflugverfahren regelt, also vor dem Hintergrund, dass das Verkehrsvolumen insgesamt zunimmt.

Es gibt mit SF Express einen großen chinesischen Kurierdienst, der hier möglicherweise groß am Flughafen mit einsteigen will. Dahinter steht nach unseren Recherchen ein chinesischer Milliardär. Was ist das für ein Unternehmen?

SF-Express ist – soweit man das von Europa aus beurteilen kann – in China innerhalb von 20 Jahren gewachsen, hat sich etabliert und ist ein großer Player dort. Das Unternehmen versucht natürlich, im Zuge der Internationalisierung seines Geschäftsmodells den internationalen Verkehr weiter auszubauen. Dabei steht auch im Raum, dass dieser Akteur gedenkt, nach Leipzig/Halle zu kommen.

Ketzerisch könnte man sagen: Leipzig wird Opfer des globalisierten Handels: Profite in China, Lärm in Leipzig. Könnte das passieren?

Wir leben in einer von Globalisierung geprägten Welt. Das ist eine Tatsache, der wir uns nicht entziehen und die wir, wenn wir mutig sind und die Chancen sehen, mitgestalten. Die Akteure von deutscher Seite müssen schauen, wie man diese Zusammenarbeit konkret präzisiert und ausgestaltet. Ich neige in dem konkreten Fall dazu zu sagen: Das Glas ist halb voll und nicht halb leer.

Das Interview führte Stefan Bernschein.

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Quelle: MDR/mg

Dieses Thema im Programm: MDR "Fakt ist" | 14. Mai 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Mai 2018, 18:52 Uhr

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9 Kommentare

15.05.2018 09:52 GShumway 9

Den Flughafen gibt es bekanntlich schon seit den Zwanzigern, da hat glaube noch keiner von uns gelebt. Jeder der sich über den Fluglärm beschwert, ist doch wissentlich in die Nähe des Flughafens gezogen und wundert sich nun, dass da plötzlich Flugzeuge am Himmel auftauchen. Aber aufregen und alles ablehnen ist wohl eine der deutschen Tugenden. Als nächstes wird auf die Barrikaden gegangen, wenn man auf das Amazonpaket zwei Tage warten muss.

15.05.2018 07:17 der "Professor" ist ein angehender Komiker 8

ein Standortvorteil auf dem Rücken der hier wohnenden Bevölkerung. Mehr nicht! Ekelhaft!!

14.05.2018 21:13 Lieber den Mond anbellen 7

Geschwätz aus dem akademischen Elfenbeinturm ohne jegliche praktische Relevanz.
Wieso man dafür auch noch einen Lehrstuhl bekommt, ist mir schleierhaft.