Fairer Handel in Sachsen-Anhalt Warum Halle "Fairtrade Town" ist – und die wenigsten es wissen

Alisa Sonntag
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Einige Städte in Sachsen-Anhalt tragen den Titel "Fairtrade Town" – zum Beispiel Halle. Dort engagieren sich Menschen für mehr faire Beschaffung seitens der Stadt. Das ist nicht immer leicht.

"Niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden; Sklaverei und Sklavenhandel sind in allen ihren Formen verboten." – So steht es in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen. Das Sklavereiverbot ist mittlerweile internationales Völkerrecht – nirgendwo auf der Welt ist Sklaverei erlaubt. Dennoch ist sie Alltag. Die Internationale Arbeitsorganisation schätzt, dass weltweit mehr als 40 Millionen Menschen Opfer von moderner Sklaverei sind. Das sind mehr als in den Zeiten des kolonialen Sklavenhandels. Weltweit müssen demnach außerdem 152 Millionen Kinder zwischen fünf und siebzehn Jahren Kinderarbeit leisten.

Die Corona-Fälle beim Fleischkonzern Tönnies haben gezeigt, dass es sklavenähnliche Arbeitsbedingungen auch in Europa und Deutschland gibt. All diese Menschen produzieren Waren, die hier täglich in großen Mengen verkauft werden. Auch in Sachsen-Anhalt.

Sachsen-Anhalt hat drei "Fairtrade Towns"

Eine Frau mit Brille steht vor einer Ziegelwand und schaut in die Kamera
Anke Scholz vom EINE WELT Netzwerk Sachsen-Anhalt betreut die Kampagne "Fairtrade Towns" in Sachsen-Anhalt. Bildrechte: MDR/Alisa Sonntag

Anke Scholz möchte, dass sich das ändert. Die 33-Jährige arbeitet für den Verein EINE WELT Netzwerk Sachsen-Anhalt e.V. (ENSA), in dem sich entwicklungspolitische Organisationen im Land vereinen und gemeinsam für mehr soziale Gerechtigkeit weltweit einsetzen. Sie koordiniert das Projekt "Faires Sachsen-Anhalt". Ihre Aufgabe ist es, dabei zu helfen, dass Kommunen in Sachsen-Anhalt ihre eigenen Bemühungen in Sachen Fairtrade starten und so dazu beitragen, dass sich weltweit die Arbeitsbedingungen verbessern. Sie will den Gedanken des fairen Handels in die Stadtöffentlichkeit bringen.

Dazu gibt es verschiedene Kampagnen. Schulen in Sachsen-Anhalt können "Fairtrade Schools" werden, wenn sie unter anderem das Thema Fairer Handel im Unterricht behandeln und an der Schule faire Produkte verkaufen und verzehren. Es gibt auch die Kampagne "Fairtrade Universities". Und die Kampagne, die in Sachsen-Anhalt bisher am erfolgreichsten ist: "Fairtrade Towns". Magdeburg ist eine, Halle ist eine, Wenigerode auch. Lutherstadt Wittenberg, Dessau-Roßlau und Sangerhausen sind auf dem Weg zur "Fairtrade Town". Neben Städten können sich auch Landkreise und Verbandsgemeinden auf den Titel bewerben.

Aktuell gibt es in Sachsen-Anhalt also nur drei "Fairtrade Towns". In Hessen sind es 63. In Rheinland-Pfalz 36. Auf der Karte der "Fairtrade Towns" ist der Osten deutlich leerer als der Westen Deutschlands. Das liegt daran, dass die Friedensbewegung in den 80er Jahren in Westdeutschland viel früher und intensiver aktiv gewesen sei, erklärt Anke Scholz vom ENSA. Das Thema fairer Handel habe dort deswegen viel früher eine Rolle gespielt. Und tatsächlich: Auch in Brandenburg gibt es nur drei "Fairtrade Towns", in Sachsen fünf, in Thüringen zehn.

Was die Stadtverwaltung in Halle mit Entwicklungspolitik zu tun hat

Damit sich eine Stadt mit dem Titel "Fairtrade Town" schmücken kann, muss sie fünf Kriterien erfüllen. Die, erklärt Scholz, sind ganz bewusst niedrigschwellig gehalten, um viele Gemeinden und Städte zum Mitmachen zu motivieren: "Der Gedanke ist, dass die Projekte dann aus sich selbst wachsen." Ist eine Stadt einmal Fairtrade Town, so die Hoffnung, steigt auch das Bewusstsein für das Thema und es gibt immer mehr Projekte. Um sicherzugehen, dass die Städte sich nicht auf dem Titel ausruhen, wird allerdings aller zwei Jahre neu kontrolliert, ob sie alle Kriterien noch erfüllen.

Diese Kriterien müssen Städte erfüllen, um "Fairtrade Stadt" zu werden

  1. Der Stadtrat muss den Beschluss fassen, an der Kampagne teilnehmen zu wollen. Der Stadtrat selbst muss mindestens zwei Artikel, die er verwendet (also beispielsweise den Kaffee bei Sitzungen oder Blumen für Geschenke) fair beziehen.
  2. Es muss eine Steuerungsgruppe entstehen, die von da an das Projekt in der jeweiligen Stadt steuert. In der Gruppe sollen mindestens jeweils eine Person aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik zusammenkommen, also mindestens drei Menschen.
  3. Damit die Bewohner der Stadt nicht nur informiert werden, sondern auch die Möglichkeit haben, faire Produkte zu konsumieren, muss eine bestimmte Anzahl von Läden oder Restaurants mindestens zwei faire Produkte anbieten oder ausschenken. Wie viele Läden genau, richtet sich nach der Einwohnerzahl.
  4. Kirchgemeinden, Schulen und Vereine müssen Aktionen zum Thema fairer Handel machen. Wie viele genau, richtet sich wiederum nach der Einwohnerzahl. Schulen können das Thema beispielsweise in den Unterricht mit aufnehmen, Vereine können Veranstaltungen organisieren.
  5. Alle Beteiligten müssen Öffentlichkeitsarbeit leisten und sich bemühen, dass ihre Aktionen auch von der Berichterstattung begleitet wird, damit auch die Bevölkerung über da Projekt informiert ist. Mindestens vier Artikel müssen so erscheinen.

Seit 2017 setzt sich eine Person in der Halleschen Stadtverwaltung speziell für entwicklungspolitische Belange im kommunalen Bereich ein. Das Ziel unter anderem: dafür sorgen, dass in der Beschaffung soziale und und ökologische Produktionsbedingungen eine größere Rolle spielen. Gefördert wird der Posten von der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt, die im Auftrag des Bundes Kommunen berät. Auch Wernigerode hat eine solche Stelle beantragt, allerdings von der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt nicht bewilligt bekommen.

Was faire Beschaffung in den Kommunen bewirken kann

In Halle ist seit Mai 2019 Nora Böhme Koordinatorin für kommunale Entwicklungspolitik. Sie kennt sich mit dem Thema aus: Zuvor hatte sie eine ähnliche Stelle bei der Stadt Leipzig, außerdem ist sie ehrenamtlich beim Verein Femnet aktiv, der sich für Frauen in der globalen Bekleidungsindustrie einsetzt und Kommunen zum Thema nachhaltige Beschaffung berät. Leider hat die Pressestelle der Stadt Halle ein Gespräch mit Nora Böhme nicht zugelassen.

Eine Frau mit Brille sitzt vor Plakaten und Pinnwänden und schaut in die Kamera
Ulrike Eichstädt engagiert sich schon seit 2014 für mehr fairen Handel in Halle. Bildrechte: MDR Sachsen-Anhalt/Björn Greve

Aber wir konnten mit Ulrike Eichstädt vom Friedenskreis Halle gesprochen. Sie war von Anfang an Teil der Steuerungsgruppe zur "Fairtrade Town" Halle. Sie hatte ursprünglich gemeinsam mit dem ENSA die Idee, dass die Stadt sich bei der Kampagne bewerben könnte. Und sie hat die Fördergelder ins Spiel gebracht, die es der Stadt Halle erleichterten, eine Koordinatorin für kommunale Entwicklungspolitik einzustellen.

"Uns ging es dabei von Anfang an vor allem um die faire Beschaffung", erzählt Eichstädt. Denn die Kommunen würden vieles in großen Mengen kaufen. Ihre Ausschreibungen hätten damit auch eine große Marktmacht und könnten entsprechend viel zum Guten hin verändern. Doch wirklich Veränderungen in der Stadtverwaltung zu erreichen, das sei schwer, wenn man immer nur von außen einwirken könne. Deswegen sei es enorm hilfreich, wenn eine Person innerhalb der Stadtverwaltung sich diesem Thema widmet.

Nicht alle sind stolz auf den Titel "Fairtrade Town"

Und tatsächlich hat sich einiges verändert in Sachen Beschaffung, seit es in Halle eine Koordinatorin für kommunale Entwicklungspolitik gibt. Zum Beispiel die Ausschreibungen für die Arbeitskleidung von Feuerwehren und Stadtordnungsdiensten. Dort spielen nun nicht mehr nur der Preis und die Funktionalität, sondern auch die Produktionsbedingungen eine Rolle.

So hat Halle nun unter anderem Arbeitshosen, Handschuhe und Sicherheitsschuhe angeschafft, die entweder nicht in Entwicklungsländern produziert wurden oder bei deren Produktion nachweisbar die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation eingehalten wurden, also unter anderem keine ausbeuterische Kinderarbeit und keine Zwangsarbeit. Eine tausendprozentige Absicherung, dass die Kleidung wirklich fair produziert ist, ist das nicht. Schließlich sind sklavenähnliche Arbeitsbedingungen auch innerhalb von Europa möglich. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei der Produktion der Textilien niemand leiden musste, ist aber deutlich höher. Immerhin – ein Anfang. Etwas, auf das die Stadt stolz sein kann.

Oder zumindest stolz sein könnte. Denn den Eindruck, dass die Stadt Halle den Titel "Fairtrade Town" mit stolzgeschwellter Brust trägt, hatte ich bei meiner Recherche nicht. Dörte Jacobi, Stadträtin aus der Fraktion "MitBürger/DiePartei", geht das genauso. Sie sitzt mit Ulrike Eichstädt und Nora Böhme in der Steuerungsgruppe der "Fairtrade Town" Halle. "Dass Halle "Fairtrade Town" ist, heißt noch lange nicht, dass alle in der Stadtverwaltung von der Idee begeistert sind", sagt sie. Teilweise fehle es an politischem Willen.

Für das Marketing spielt der Titel keine Rolle

Einmal hätte Böhme eine Anfrage gestellt, ob die Stadtverwaltung sich an eine Regel bezüglich Fairtrade-Blumen halte. Denn eigentlich müssten laut eines Beschlusses die Blumen, die die Stadtverwaltung Halle verschenke, aus fairer Produktion stammen.

Eine Frau mit eine Weste mit bunten Ansteckern schaut in die Kamera
Dörte Jacobi wünscht sich, dass der Titel "Fairtrade Town" für Halle im Marketing eine wichtigere Rolle spielen würde. Bildrechte: MDR Sachsen-Anhalt/Dörte Jacobi

Die Antwort auf die Anfrage sei ernüchternd gewesen. "Die Stadtverwaltung wusste es einfach nicht. Es wurde nicht kontrolliert."

Auch, dass der Titel "Fairtrade Town" für das Stadtmarketing keine größere Rolle spiele, ärgert Jacobi: "Ich verstehe wirklich nicht, warum man das Image als Fairtrade-Stadt nicht besser zur Vermarktung nutzt." Gerade in der schwierigen finanziellen Lage der Stadt ist es ihrer Ansicht nach gut, sich für neue Ideen zu öffnen. Sie habe das auch schon einmal vorgeschlagen – sei aber nur auf Ablehnung gestoßen. "Eigentlich", erzählt sie, "ist es von uns als Steuerungsgruppe auch schon lange ein Herzenswunsch, das Thema durch Schilder in der Innenstadt präsenter zu machen. Aber leider ist auch dafür kein Geld da."

Das Stadtmarketing Halle bestätigt, dass das Thema "Fairtrade Town" kein Schwerpunkt im Marketingkonzept der Stadt ist. Dass Halle das Label "Fairtrade Town" trage, sei ein politisches Bekenntnis, den regionalen und fairen Handel zu unterstützen. Auch im Shop der Tourist-Information würden fair gehandelte Produkte angeboten, unter anderem Stoffbeutel oder ein Kaffeebecher. Mit dem Label touristisch zu werben, sei allerdings "nicht zielführend, da dies kein Alleinstellungsmerkmal darstellt bei aktuell mehr als 2.000 Fairtrade-Towns weltweit." Das sei jedoch keine Wertung des Labels. Schließlich gehe es bei der Kampagne darum, dass möglichst noch viel mehr Städte sich dem Label verschreiben.

Keine Steuergelder für Kinderarbeit

Anke Scholz vom ENSA weiß, dass das Thema fairer Handel bei den meisten Kommunen nicht oberste Priorität genießt. Sie ist nach wie vor optimistisch: "Vielleicht macht man nicht immer große Sprünge, aber alleine, dass sich da verschiedene Menschen aus einer Stadt regelmäßig treffen und überlegen, wie man fairen Konsum mehr zum Thema machen könnte, macht einen enormen Unterschied!"

Faire und nachhaltige Beschaffung liegt ihr nach wie vor besonders am Herzen. Nicht nur, weil die Kommunen so große Marktmacht haben. "Letztendlich sind das ja Steuergelder, die da ausgegeben werden", erklärt sie. "Und ich könnte ruhiger schlafen, wenn ich wüsste, dass meine Steuern nicht für Kinderarbeit, Sklavenhandel und Umweltverschmutzung ausgegeben würden." Die Kommunen hätten schließlich auch eine Vorbildwirkung – und könnten die Bürger so motivieren, den eigenen Konsum zu hinterfragen.

Alisa Sonntag
Bildrechte: MDR/Martin Paul

Über die Autorin Neugierig ist Alisa Sonntag schon immer gewesen – mit Leidenschaft auch beruflich. Aktuell beendet sie ihre Master in Multimedia und Autorschaft in Halle. Dabei schreibt sie außer für den MDR SACHSEN-ANHALT unter anderem auch für die Journalismus-Startups Buzzard, Veto-Mag und Krautreporter.

Quelle: MDR/aso

1 Kommentar

Jan vor 24 Wochen

Fairer Handel ist in meinen Augen ganz wichtig. Schön, dass Halle diesen Weg geht. Ich würde mich freuen, wenn andere Städte davon angesteckt werden.

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