Eine Reise durch die Nacht Die mit dem Feinstaub tanzen

Feinstaub ist spätestens seit dem Dieselskandal 2015 ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Wie viel Feinstaub umgibt uns im Alltag, zum Beispiel an einem Samstagabend beim Tanzen im Club? Welche Auswirkungen hat die Feinstaubbelastung auf de Lungenfunktion? Das wollten Studenten der Uni Halle herausfinden. Das Protokoll des Feldversuchs im halleschen Nachtleben.

Tanita Steckel
Bildrechte: Tanita Steckel

von Tanita Steckel, Multimedia und Autorschaft-Studentin

Auf einer Party messen Studenten der Uni Halle Feinstaubwerte.
Bildrechte: MDR/Tanita Steckel

Was haben wir vor?

Unser Ziel ist ein Club in Halle, in dem eine große Party ansteht. Auf drei verschiedenen Floors werden sich bis in die Morgenstunden hunderte junge Menschen aneinanderdrängen, tanzen, schwitzen, lachen, trinken – ein typischer Samstagabend im Sommer. Vier von ihnen werden wir heute begleiten und regelmäßig in ein Spirometer pusten lassen.

Ein Spirometer liegt auf einem Tisch
Bildrechte: MDR/Tanita Steckel

Der Peak Expiratory Flow Ein Spirometer misst den sogenannten Peak Expiratory Flow, kurz PEF, der die maximale Ausatmungsgeschwindigkeit einer Person erfasst. PEF-Werte werden beispielsweise von Asthmatikern genutzt, um ihre Lungenfunktion zu überprüfen.

Wir wollen aber nicht Asthmatiker begleiten, sondern schauen, ob sich die Lungenfunktion unserer Testpersonen im Verlaufe des Abends verschlechtert. Gründe für die Annahme gibt es genug: Ein Beispiel ist, wenn auf Partys viel geraucht wird. Aber nicht nur aktives Rauchen kann die Lungenfunktion beeinträchtigen, sondern auch Feinstaub – beispielsweise durch Passivrauchen – ist eine Risikoquelle.

Was ist Feinstaub? Feinstaub sind kleinste Partikel in der Luft, die beispielsweise durch Verbrennungen und Autoabgase entstehen. Sie werden nach ihrer Größe unterschieden in PM 10 und PM 2,5. Besonders problematisch sind die Partikel der Größe PM 2,5 oder kleiner, denn sie können tief in die Lunge eindringen.

Der Feinstaubsensor SDS011 misst nach Angaben des Herstellers Partikelgrößen von PM2,5 und PM10.
Der Feinstaubsensor SDS011 Bildrechte: MDR/Ann-Sophie Henne

Neben dem Spirometer haben wir darum unseren selbstgebauten Feinstaubsensor im Gepäck. Das vom OK Lab Stuttgart entwickelte Messgerät kann mit wenigen Handgriffen auch von Laien zusammengebaut und aktiviert werden. Es misst zusätzlich zu den Feinstaubpartikeln in der Luft auch Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Faktoren, die beide einen Einfluss auf die Messergebnisse haben können.

Grenzwerte für den Außenbereich

Neben der Lungenfunktion unserer Testpersonen wollen wir also ein Mal pro Stunde die Feinstaubbelastung im Club und Außenbereich prüfen. Denn es existieren zwar Grenzwerte für den Außenbereich (bei PM 10 handelt es sich dabei um 50 Mikrogramm pro Kubikmeter, bei PM 2,5 um 25 Mikrogramm pro Kubikmeter). Für die Feinstaubbelastung in Innenräumen gibt es aber bis auf Arbeitsplatzregelungen keine festgelegten Grenzwerte. Deshalb sind wir auf unsere Messwerte gespannt, die wir bei unserem Feldversuch im Sommer gesammelt haben.

Das Protokoll

Erste Messungen

  • 19 Uhr Unsere Exkursion beginnt am Bahnhof in Leipzig, wir steigen in den Zug Richtung Halle. Wohin es genau geht, dürfen wir nicht verraten, den Clubinhabern ist das nicht recht. Aber uns steht trotzdem eine spannende Nacht bevor. Und den Messungen ist es egal, ob die Location einen Namen hat.
  • 20:30 Uhr Wir sind an unserem Ziel angekommen und warten am Einlass. Trotz der noch recht frühen Stunde stehen bereits einige Menschen vor dem Club.
  • 21:20 Uhr Nachdem wir es endlich nach drinnen geschafft haben, schauen wir uns erstmal um. Die Location ist bunt und mit vielen Lichtern dekoriert.

Ein bisschen wie Alice im Wunderland

Auf einer Party messen Studenten der Uni Halle Feinstaubwerte.
Bildrechte: MDR/Tanita Steckel
Auf einer Party messen Studenten der Uni Halle Feinstaubwerte.
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Auf einer Party messen Studenten der Uni Halle Feinstaubwerte.
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Auf einer Party messen Studenten der Uni Halle Feinstaubwerte.
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Auf einer Party messen Studenten der Uni Halle Feinstaubwerte.
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Auf einer Party messen Studenten der Uni Halle Feinstaubwerte.
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Auf einer Party messen Studenten der Uni Halle Feinstaubwerte.
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  • Wir fühlen uns ein bisschen wie Alice im Wunderland. Noch ist im Innenbereich nicht viel los, die drei Tanzfloors werden erst ab 22 Uhr freigegeben. Gut hundert Menschen sind schon da, aber auf dem riesigen Gelände verläuft sich alles etwas. Die perfekte Gelegenheit also für uns, eine erste Messung zu machen – als Referenz.

Wie hoch ist die Feinstaubbelastung, bevor es richtig losgeht?

  • Die ersten Ergebnisse sehen gut aus. Die Luft im Innenbereich des Clubs weist eine Belastung durch PM 2,5 von 12 μg/m³ auf – weit unter dem festgelegten Grenzwert.
  • Auch die PM 10 Belastung hält sich in Grenzen. Hier liegt sie bei 29 μg/m³. Zeit, noch mal tief Luft zu holen, bevor wir uns richtig ins Nachtleben stürzen.

  • 22:30 Uhr Am Lagerfeuer casten wir unsere ersten Testpersonen: Sophie, Mira und Oliver. Die drei erklären sich bereit, in regelmäßigen Abständen in unser Spirometer zu pusten. Wir legen direkt los, denn natürlich möchten wir wissen, wie fit die drei sind, bevor sie den ganzen Abend im Feinstaub getanzt haben.

Testpersonen der Partynacht

Eine junge Frau sitzt vor einem Haus
Sophie ist 22 Jahre alt und Nichtraucherin. Si egeht ab und zu joggen – wirklich Sport treibt sie aber niht, sagt sie. Bildrechte: MDR/Tanita Steckel
Eine junge Frau sitzt vor einem Haus
Sophie ist 22 Jahre alt und Nichtraucherin. Si egeht ab und zu joggen – wirklich Sport treibt sie aber niht, sagt sie. Bildrechte: MDR/Tanita Steckel
Auf einer Party wird die Lungenfunktion mit einem Spirometer getestet.
Bei der ersten Messung mit dem Spirometer erzielt sie einen Wert von 410 Litern pro Minute, was ein normaler Wert für ihr Alter ist. Bildrechte: MDR/Tanita Steckel
Eine junge Frau steht vor einem Haus
Mira ist ebenfalls 22 Jahre alt und Gelegenheitsraucherin. Sie geht oft klettern oder fährt mit ihren Inline-Skates. Bildrechte: MDR/Tanita Steckel
Auf einer Party wird die Lungenfunktion mit einem Spirometer getestet.
Ihre erste Spirometermessung ergibt einen Wert von 430 Litern in der Minute. Bildrechte: MDR/Tanita Steckel
Eine junge Frau sitzt vor einem Haus
Auch Miras Lungenfunktion liegt damit im Normalbereich. Bildrechte: MDR/Tanita Steckel
Eine junger Mann steht vor einem Haus
Auch Oli ist 22 Jahre alt. Er raucht nie, treibt viel Sport und bemüht sich auch sonst sehr um einen gesunden Lebensstil. Olis erste Messung liegt leicht unter dem für sein Alter und seine Größe definierten Normalbereich: Er schafft nur 550 Liter in der Minute Bildrechte: MDR/Tanita Steckel
Ein Student der Uni Halle
Lukas ist 23 Jahre alt und relativ starker Raucher – circa acht Zigaretten raucht er am Tag, erzählt er uns. Sport spielt in seinem Leben gar keine Rolle. Deshalb überrascht es nicht, dass seine Lungenfunktion schlechter ist als die der anderen Probanden. Seine erste Messung ergibt einen PEF Wert von 450 Litern in der Minute. Damit liegt er weit unter dem definierten Normalbereich. Bildrechte: MDR/Tanita Steckel
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  • Wir starten erneut mit unserem Feinstaubsensor im Innenbereich des Clubs. Leider hat der aber beschlossen, den Dienst zu verweigern, und spuckt nur noch wirre Zahlen aus.
  • Manche Messergebnisse sind so hoch, dass sie nicht korrekt sein können. Egal, wie oft wir es probieren – der Sensor streikt. Deshalb liegen bis 00:30 Uhr keine verlässlichen Zahlen für die Innenräume vor. Stattdessen machen wir mit dem Spirometer und unserer nächsten Testperson weiter: Lukas.

  • Lukas ist 23 Jahre alt und ein langjähriger, relativ starker Raucher – circa acht Zigaretten raucht er am Tag, erzählt er uns. Sport spielt in seinem Leben gar keine Rolle. Deshalb überrascht es nicht, dass seine Lungenfunktion schlechter ist als die der anderen Probanden. Seine erste Messung ergibt einen PEF Wert von 450 Litern in der Minute. Damit liegt er weit unter dem definierten Normalbereich.
  • Stephan Eisenmann, Leiter der pneumologischen Abteilung am Universitätsklinikum Halle, erklärt das so: "Längeres Zigarettenrauchen führt zur Zerstörung von Lungengewebe, insbesondere der elastischen Lungenstruktur. Dadurch sinkt die Rückstellkraft, die für das Offenhalten der Atemwege erforderlich ist. Die maximale Ausatmungsgeschwindigkeit sinkt."
  • Langjährige Belastung der Lunge durch Zigarettenrauchen – sowohl aktiv als auch passiv – oder Feinstaubpartikel hinterlassen irreversible Schäden, welche die Betroffenen stark einschränken können.

Feinstaubbelastung sinkt drinnen und nimmt draußen zu

  • 23:30 Uhr Während wir noch mit unserem Feinstaubsensor kämpfen, füllt sich die Tanzfläche immer weiter. Und je mehr Personen da sind, desto wärmer wird es. Sind es draußen jetzt noch 18 Grad, misst es im Innenbereich bereits 22 Grad – Tendenz steigend. Auch die Luftfeuchtigkeit nimmt beständig zu und sorgt für schwüles Klima im Club. Wir flüchten nach draußen, um frische Luft zu schnappen und weitere Messungen durchzuführen.
  • 00:30 - 3:30 Uhr Nachdem wir unseren Feinstaubsensor also erfolgreich reanimiert haben, messen wir in den folgenden Stunden je ein Mal die Stunde die Feinstaubbelastung – sowohl auf dem Tanzfloor als auch im Außenbereich. Dabei stellen wir erstaunt fest, dass die Feinstaubbelastung auf dem Tanzfloor mit fortschreitender Stunde immer weiter absinkt, während sie draußen kontinuierlich zunimmt.

Die Feinstaub-Messergebnisse

Grafik Feinstaubmessung in Halle
Bildrechte: MDR/Multimedia und Autorschaft
Grafik Feinstaubmessung in Halle
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Grafik Feinstaubmessung in Halle
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Grafik Feinstaubmessung in Halle
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Fazit

  • Außerhalb des Clubs fühlen wir uns wohler. Und das nicht ohne Grund:
  • Zum Schluss herrscht auf dem Tanzfloor tropisches Klima, mit 29 Grad Lufttemperatur und mehr als 98 Prozent Luftfeuchtigkeit. Dazu kommt, dass die Feinstaubbelastung drinnen zwar abnimmt, aber den ganzen Abend über weit über den zulässigen Höchstwerten liegt, während sie draußen meist darunter liegt.
  • Wir stellen aber außerdem fest, dass die Lungenfunktion unser vier Probanden von den sich ständig ändernden Bedingungen unbeeindruckt scheint. Im Laufe des Abends treten zwar Schwankungen auf, diese lassen sich aber wahrscheinlich auf exzessives Tanzen und auf das Rauchen von Zigaretten zurückführen. Wie der Mediziner Eisenmann bestätigt, sind Auswirkungen von Feinstaub nur langfristig beobachtbar.

Tanita Steckel
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Über die Autorin Tanita Steckel studiert an der Universität Halle den Masterstudiengang „MultiMedia & Autorschaft“. Davor hat sie ein Soziologiestudium absolviert und war einige Jahre als freie Mitarbeiterin bei Radio Mittweida tätig. Am liebsten recherchiert sie zu Themen im Kultur- und Politikbereich.

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Quelle: MDR/mp

Zuletzt aktualisiert: 06. Dezember 2018, 18:42 Uhr

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