Restaurants und Bars Was die Corona-Pläne für Gastronomen in Halle bedeuten

Maria Hendrischke
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Wegen des Coronavirus sollen Bars und Kneipen ganz schließen, Restaurants nur noch zu bestimmten Zeiten öffnen dürfen. Für Gastronomen ist das existenzgefährdend. Ein Stimmungsbild aus Halle.

Freie Sitzplätze vor Cafés in der Kleinen Ulrichstaße in Halle
Freie Platzwahl, wo sich sonst Gäste drängen: Cafés in der Kleinen Ulrichstraße in Halle. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Montag, kurz vor 18 Uhr. Bundeskanzlerin Angela Merkel will in wenigen Minuten bekanntgeben, wie Deutschland die Ausbreitung des Coronavirus bekämpfen will. Im Irish Pub "The Irish Fiddler" in Halle läuft der Fernseher. Die Inhaberin und zwei Mitarbeiter warten auf die Übertragung von Merkels Rede. Die Szene erinnert an Public Viewing, allerdings ist die Stimmung nicht erwartungsvoll, sondern angespannt. Und: Abgesehen von den Mitarbeitern ist der Pub menschenleer. Kein Gast ist da.

Noch bevor Merkel verkündet, dass Bars und Kneipen gar nicht mehr öffnen dürfen und Restaurants nur noch zwischen 6 und 18 Uhr, diskutiert die Pub-Inhaberin mögliche Maßnahmen. Sie betont, dass sie die Schließung gastronomischer Einrichtungen gerechtfertigt finde. Immerhin sollen durch die Einschränkung sozialer Kontakte Todesfälle durch das Coronavirus verhindert werden.

Trotzdem: Für sie seien diese Pläne existenzbedrohend. Schon bevor die offizielle Schließung für Bars bekanntgegeben wurde, sind Veranstaltungen im Irish Fiddler, etwa zum St. Patrick's Day am 17. März, abgesagt worden.

Leerer Biergarten im The Irish Fiddler in Halle
Keine Gäste im Biergarten vom Irish Fiddler. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Gäste schon vor Schließungen weggeblieben

Die Filialleiterin der halleschen Pizzeria Rote Soße, Marija Klaric, berichtet, dass bereits seit vergangenen Freitag deutlich weniger Gäste ins Restaurant kämen. Allein am Sonntag hätten 30 Personen ihre Reservierungen abgesagt.

Filialleiterin des Restaurants Rote Soße in Halle, Marija Klaric
Restaurant-Filialleiterin Marija Klaric hofft auf finanzielle Soforthilfen. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Während Bars und Kneipen bis auf Weiteres ganz geschlossen werden, dürfen Restaurants wie die Rote Soße noch zwischen 6 und 18 Uhr öffnen. Eine Komplettschließung klingt zwar drastischer. Doch Filialleiterin Klaric wäre ein vollständiger "Shutdown", also die totale Schließung aller Läden, für einen festen Zeitraum eigentlich lieber. Am besten verbunden mit Soforthilfen, wie sie in Bayern angekündigt worden seien. Bayerische Unternehmer können bis zu 30.000 Euro erhalten.

Verringerte Öffnungszeiten keine Lösung

Klaric erklärt, warum die verringerten Öffnungszeiten für Restaurants für die Rote Soße im Vergleich zur kompletten Schließung kein Vorteil sind: "Erst abends ist bei uns richtig was los", sagt sie. Umsatzeinbußen seien also unvermeidlich.

Tagsüber komme die Pizzeria mit nur einem Servicemitarbeiter aus, erzählt Klaric. Insgesamt aber beschäftige das Unternehmen sechs Festangestellte mit je 30 bis 40 Wochenstunden. "Wenn wir nur bis 18 Uhr öffnen dürfen, kriege ich sie gar nicht alle im Dienstplan unter", sagt Klaric.

Bei längeren Maßnahmen drohen Pleiten

Erschwerend komme hinzu, dass nicht klar sei, bis wann die eingeschränkten Öffnungszeiten gelten sollen. "Wenn das mehrere Monate so geht, sind wir finanziell am Ende", macht Klaric deutlich. Ein kompletter Shutdown für ein paar Wochen wäre für die Wirtschaft besser zu verkraften, meint sie.

Wenn das mehrere Monate so geht, sind wir finanziell am Ende.

Marija Klaric, Filialleiterin Pizzeria Rote Soße
Pizzeria Rote Soße in Halle
Auch in die Pizzeria Rote Soße kommen weniger Gäste. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Mit den Mitarbeitern gebe es mittlerweile jeden Tag Gespräche, denn jeden Tag ändere sich die Situation. Erst nach der Pleite des Restaurants würde die Agentur für Arbeit die Löhne der Angestellten weiterzahlen. Das sogenannnte Insolvenzgeld wird einmalig an Arbeitnehmer gezahlt, es entspricht drei Nettogehältern.

Zwar könnte die Rote Soße auch einen Kredit aufnehmen. "Aber den müssen wir dann ja auch wieder zurückzahlen", gibt Klaric zu bedenken. Auch deshalb wären Klaric Hilfsgelder lieber, um drohende finanzielle Probleme abzufedern. "Aber so haben wir in der Gastronomie das Gefühl, uns selbst überlassen zu sein."

Versicherung greift erst bei vollständiger Schließung

Den Laden nicht komplett schließen zu müssen, hat für die Gastronomen noch einen Nachteil. Ein weiterer hallescher Barinhaber verweist auf die Betriebsschließungsversicherung. Diese schützt Betriebe, die Lebensmittel verarbeiten oder verkaufen. Wenn ein Unternehmen von einer Gesundheitsbehörde vorübergehend geschlossen wird, kommt die Versicherung für die Ertragsausfälle auf.

Ob das auch für eine Schließung wegen des Coronavirus gilt, lässt sich nicht allgemein beantworten. "Eine Entschädigung ist in vielen Fällen jedoch vom Versicherungsvertrag und dem konkreten behördlichen Vorgehen im Schadensfall abhängig", schreibt beispielsweise die Versicherung Axa auf ihrer Informationsseite zum Coronavirus. In jedem Fall aber gilt der Versicherungsschutz nur bei einer Schließung – nicht bei eingeschränkten Öffnungszeiten. Für Restaurants würde die Versicherung also nicht einspringen.

Ergänzung MDR SACHSEN-ANHALT (Stand 17.03.2020): Anders als vom Bund vorgeschlagen, sollen in Sachsen-Anhalt Gaststätten nicht schon um 18 Uhr schließen. Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne (SPD) und Regierungschef Reiner Haseloff (CDU) haben das damit begründet, dass die Lage im ländlich geprägten Sachsen-Anhalt anders sei als in Ballungsgebieten. Gaststätten auf dem Dorf seien oftmals wichtig für die Daseinsvorsorge älterer Menschen. Deshalb habe man sich entschieden, die Öffnungszeiten vorerst nicht zu begrenzen.

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT – in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen - nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 17. März 2020 | 19:00 Uhr

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