Interview zur Glückspielsucht Verzockt: "Ich habe mich finanziell absolut ruiniert"

Dass Glücksspielsucht im Gefängnis enden kann, hat Stefan Börner erlebt. Er verspielte rund eine Million Euro, bis zu 4.000 Euro pro Tag. 2006 wurde er vom Landgericht Halle zu vier Jahren Haft verurteilt. Denn Börner hatte auf Arbeit bei der Stadtwirtschaft Halle jahrelang Geld beiseite geschafft. Er war für die Müllgebühren zuständig. Heute bekennt sich der 55-Jährige zu seiner unheilbaren Krankheit. Er leitet seit 2011 eine Selbsthilfegruppe für Glückspielsüchtige in Halle.

Stefan Börner im Interview.
Stefan Börner im Interview. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Börner, inwieweit macht Glücksspielsucht einsam?

Stefan Börner: Viele wenden sich ab von Betroffenen. Angehörige, Freunde, Bekannte, Nachbarn. Insbesondere dann, wenn eine kriminelle Handlung dahintersteht, so wie das bei mir der Fall war. Es haben sich zum Glück nicht alle abgewendet von mir.

Was haben Sie alles verloren durch Ihre Glücksspiel sucht?

Im Prinzip meine Existenz. Meine Alterssicherheit ist verloren gegangen. Also meine Altersarmut ist schon vorprogrammiert, dadurch, dass ich seit 2005 nicht mehr in Arbeit bin. Ich lebe seit zig Jahren von Hartz IV. Da geht ja nichts in die Rentenkasse. Natürlich habe ich mich finanziell absolut ruiniert.

Müssen Sie denn etwas zurückzahlen?

Müssen schon, aber mit Hartz IV ist das nicht machbar. Alle zwei Jahre kommt der Gerichtsvollzieher und holt seine eidesstattliche Versicherung ab. Und dann ist wieder zwei Jahre Ruhe. Also zurückzahlen kann ich den Betrag nicht.

Welches Leben war denn besser? Ihr früheres oder Ihr jetziges?

Ich bin heute, trotzdem ich nicht so viele finanzielle Mittel zur Verfügung habe, zufriedener. Ich bin viel ausgeglichener. Ich habe keinen Suchtdruck mehr. Meine Kinder haben sich nicht von mir abgekehrt. Die halten nach wie vor zu mir.

Wie schafft man das denn, dass man keinen Suchtdruck mehr hat?

Ich habe mir Alternativen gesucht. Meine Alternative besteht zum Beispiel aus der Selbsthilfe. Die ist ganz, ganz wichtig. Therapie, professionelle Suchtberatung, Nachsorge und Selbsthilfe greifen wie Zahnräder ineinander. Die Selbsthilfe-Gruppe gibt mir auch viel zurück. Und meine Kinder geben mir viel Kraft.

Was kann man machen, wenn die Glücksspielsucht hochkommt?

Entweder Sie rufen jemanden an, zu dem Sie Vertrauen haben. Oder Sie rufen gleich in der Suchtberatung an. Gespräche mit jemandem, der das auch versteht, die helfen unglaublich. So kann man den Suchtdruck wieder nach unten drücken.

Hier bekommen Spielsüchtige Hilfe

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung - BZgA
Maarweg 149-161
50825 Köln
Telefon 0800 1 37 27 00 (kostenfrei und anonym)
www.bzga.de

Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Kompetenzzentrum Spielerschutz & Prävention
Universitätsklinikum der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Untere Zahlbacher Straße 8
55131 Mainz
Tel: 0800 1 529 529
www.verhaltenssucht.de

Landesstelle für Suchtfragen im Land Sachsen-Anhalt
Halberstädter Str. 98
39112 Magdeburg
Telefon: 0391 543 3818
Landesstelle für Suchtfragen in Sachsen-Anhalt

Tagesklinik an der Sternbrücke
Planckstraße 4-5
39104 Magdeburg
Telefon: 0391 56 56 60 Terminvergabe: 0391 56 56 615
www.suchttagesklinik.de

AWO Kreisverband Dessau-Roßlau e.V.
Suchtberatungs- und Behandlungsstelle
Parkstr. 5
06846 Dessau-Roßlau
Tel.: 0340 61 95 04 Fax: 0340 61 95 03
www.suchtberatung-awo-dessau.de

Evangelische Stadtmission Halle e.V.
Suchtberatungsstelle
Weidenplan 4
06108 Halle Telefon:
0345 2 17 80 www.stadtmission-halle.de

AWO Halle-Merseburg
Suchtberatungsstelle
Trakehnerstraße 20
06124 Halle
Telefon: 0345 80 57 066
www.awo-halle-merseburg.de

Selbsthilfegruppe Glücksspiel Halle (Saale) – Game Over
Trakehnerstr. 20
06124 Halle
E-Mail: shg-gluecksspiel-halle@web.de
www.shg-gluecksspiel-halle.de.rs

Diakonie-Krankenhaus Harz GmbH
Psychosoziale Beratungsstelle - Zentrum für Suchtmedizin Degenerstraße 8
38855 Wernigerode
Telefon: 03943 261 660
www.elbingerode.diako-harz.de

Magdeburger Stadtmission e.V.
Beratung Glücksspielsucht
Leibnizstraße 4
39104 Magdeburg
Telefon: 0391 53 24 90
www.magdeburgerstadtmission.de

Quellen: Lotto Sachsen-Anhalt, Merkur Spielbanken Sachsen-Anhalt, eigene Recherchen

Sind Sie immer noch spielsüchtig?

Ja. Ich bleibe spielsüchtig, bis der Deckel zugemacht wird. Ich bin in der abstinenten Phase, aber ich gelte immer noch als spielsüchtig, denn Sucht ist nicht heilbar. Man kann nur lernen, mit der Sucht umzugehen. Und das kriegt man in der Therapie, der Beratung und der Selbsthilfegruppe gut vermittelt.

Gab es Auslöser für die Spielsucht?

Bei mir war es so, dass ich mich im Elternhaus vernachlässigt gefühlt habe. Meine Bedürfnisse wurden nicht wahrgenommen und konnte ich nicht umsetzen. Und das hat mich dann, glaube ich schon, in die Spielhalle getrieben, um Ablenkung zu finden. Die Auslöser bei mir sind früher Ärger mit Behörden und Ämtern gewesen. Immer, wenn ich frustriert war, bin ich in die Spielhalle gegangen.

War es danach besser?

Stefan Börner sitzt in einem Park auf einer Bank.
Stefan Börner sitzt in einem Park auf einer Bank. Bildrechte: MDR/Anja Walczak

Nur für einen kurzen Moment, wenn ich in der Spielhalle oder später in der Spielbank war. Das war meine eigene Welt, da hat mich keiner angequatscht. Da hatte ich meine Ruhe. Damit mir keiner näher kommt, habe ich an mehreren Automaten neben mir noch gespielt. Die habe ich besetzt. Das ist wie eine Flucht in eine andere Welt. Aber wenn ich die Spielhalle oder die Spielbank verlassen habe, dann kamen so Gedanken: Was habe ich da gemacht? Da gehst du nicht noch einmal hin. Jetzt ist Schluss." Aber dann bin ich noch wieder hingegangen, weil der Suchtdruck stärker war als der Wille, aufzuhören.

Ab wann haben Sie gemerkt, dass Sie ein Problem haben?

Schon mit 18, 19, 20 habe ich gemerkt, dass ich ein Problem habe, weil ich ja immer meinen ganzen Lohn verspielt habe. Aber ich wollte es nicht so richtig wahrnehmen. Ich habe es immer wieder verdrängt. Das ist ein typisches Merkmal eines Süchtigen: Verdrängen. So war ich auch. Meine Gedanken drehten sich nur noch ums Spielen. Ich war froh, wenn Feierabend war. Dann ging es sofort in die Spielhalle. Das ist der typische Glücksspielsüchtige. Es ist schon krass gewesen.

Sie hatten ja Familie. Wie geht man damit um?

Ich habe quasi ein Doppelleben geführt. Einerseits war ich Familienvater, aber in meiner exzessiven Spielphase habe ich schon gemerkt, dass ich doch nicht mehr der Vater bin, der ich eigentlich sein müsste. Ich habe immer Ausreden gefunden.

Sie hatten einen guten Job...

Ich war im öffentlichen Dienst, da verdient man sehr gutes Geld und ist auch fürs Alter abgesichert. Ich habe Gelder beiseitegeschafft während meiner Tätigkeit. Eines Tages, nach sieben oder acht Jahren, wurde das dann doch mal bemerkt. Dann hat man mich zur Rede gestellt. Und dann waren die natürlich alle baff.

War das gut oder schlecht für Sie?

Ich hätte jeden umarmen können. Aber das hätten die nie verstanden. Ich habe gesagt: Endlich ist es raus, endlich ist es vorbei. Ich habe mich dann auch bei Freunden und meiner Familie geoutet, nachdem die Firma dahinter gekommen ist. Es war nicht einfach, aber der richtige Weg.

Wie lange waren Sie tatsächlich im Gefängnis?

Ich hatte vier Jahre bekommen, durfte dann das Gefängnis aber nach zweieinhalb Jahren, also zwei Drittel der Haft, verlassen. Ich hatte viel Zeit, über mich nachzudenken. Es gab auch eine Selbsthilfegruppe in der JVA. Es war aber nicht das, was ich wollte. Ich durfte nach ungefähr einem Jahr zum ersten Mal raus - in die Selbsthilfegruppe nach Eisleben.

Kann die Politik Glücksspielsüchtigen helfen?

Die Politik kann dafür sorgen, dass der Spielerschutz verstärkt wird. Dass es keinen Zugang zu Online-Casinos gibt, die in Deutschland keine Lizenz haben. Andere Länder bekommen das auch hin. Das ist technisch möglich. Jugendschutz und Spielerschutz ist das A und O, um die Glücksspielsucht zu vermeiden. Wir möchten, dass man sich bundesweit in einer zentralen Sperrdatei registrieren kann. Und jede Spielhalle muss jeden Gast mittels Ausweis kontrollieren, ob er in der Datei gesperrt ist. So, wie das bei den Spielbanken der Fall ist. In Sachsen-Anhalt kann man sich in den einzelnen Spielhallen sperren lassen. Wir haben aber keine zentrale Sperrdatei. Aber die Lobby der Automatenwirtschaft ist natürlich groß.

Das Interview führte Anja Walczak.

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Quelle: MDR/fw

Dieses Thema im Programm: SACHSEN-ANHALT HEUTE | 17. März 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. März 2019, 17:56 Uhr

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2 Kommentare

19.03.2019 18:12 Interessierter 2

@mdr
Das hat damit überhaupt nichts zu tun. Man schreibt diesen Bericht für die Leser und nicht für den Betroffenen. Dem ist herzlich egal wie der Bericht. Ich denke man sollte bei so einem heiklen Thema mit einem positiven Ende zum Schluss kommen. Die letzten beiden Sätze wo jeweils das Wort "ABER" vorkommt machen wenig Mut. Und ich denke hier eben genau an Leser die der Spielsucht verfallen sind.

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT:
Hierbei handelt es sich um ein transkribiertes Interview. Was die Schlussworte des Interviewten sind, darauf haben wir keinen Einfluss.

19.03.2019 15:30 Interessierter 1

Man hätte den Artikel anders beenden können/müssen. Nämlich positiv. Auch sie Frau Walczak haben eine Verantwortung wenn sie so etwas verfassen.

mfG

Anmerkung von MDR SACHSEN-ANHALT:
Der Artikel ist ein Interview und gibt die Sicht des Betroffenen wieder.

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