Auf dem Weg zur Corona-Geisterstadt Wie es sich anfühlt, wenn Halle dicht macht

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Die Schulen sind in Halle schon ein paar Tage dicht. Auch Sportveranstaltungen und Konzerte finden wegen der zunehmenden Corona-Ausbreitung nicht mehr statt. Ab Mittwoch sind viele Geschäfte und die Kneipen zu. Was macht es mit den Menschen, wenn ihre Heimat Schritt für Schritt zur Geisterstadt wird? Ein Spaziergang.

Die vier Türme der Marktkirche und das Denkmal für Georg Friedrich Händel auf dem Marktplatz von Halle
In Halle ist in diesen Tagen deutlich weniger los als sonst (Symbolbild). Bildrechte: dpa

Meine Tour beginnt am halleschen Hauptbahnhof. So wie eigentlich jeden Tag, wenn ich, aus Leipzig kommend, von dort zur Arbeit starte. Aber heute ist mein Ziel nicht das MDR-Funkhaus am Hallmarkt. Ich möchte auf einem abendlichen Spaziergang herausfinden, wie das Coronavirus sowie die zahlreichen damit verbundenen Einschränkungen das Leben in Halle verändern.

Ich habe den Bahnhof noch gar nicht verlassen, da bemerke ich schon, dass deutlich weniger Menschen unterwegs sind als normalerweise. Der junge Mann, der am Serviceschalter der Bahn arbeitet, bestätigt meinen Eindruck. "So leer ist es sonst nur an Weihnachten, wenn alle bei ihren Familien sind", sagt er. Die Imbissbuden in der Bahnhofshalle sind alle längst geschlossen. Dabei ist es noch nicht mal 19 Uhr.

"Die Gefahr ist nicht greifbar"

Leere Geschäfte und Passsagen in Halle
Leere Gänge auch im halleschen Hauptbahnhof. Bildrechte: MDR/Oliver Leiste

Vom Bahnhof geht es über den Riebeckplatz zur Leipziger Straße – den Boulevard hinunter. Menschen treffe ich auf dem Weg kaum. Am Leipziger Turm begegne ich einem älteren Mann mit Aktentasche, vielleicht ein Anwalt. "Ein paar weniger sind schon unterwegs", erklärt er. Auf das Coronavirus angesprochen, gesteht er seine Verunsicherung: "Weil die Gefahr nicht so richtig greifbar ist. Und es ist auch nicht absehbar, welche Folgen das alles haben wird."

Als er weiter redet, wird der Mann fast etwas wütend. Auf das Robert-Koch-Institut, aber auch auf die Regierung. Die ganzen Maßnahmen, von Schulschließungen, über Konzertabsagen hin zur Schließung zahlreicher Geschäfte wirken auf ihn konzeptlos. Er ist sicher: "Die Institutionen hätten schon vor Monaten erkennen müssen, was da kommt. Wenn man da konsequenter gehandelt hätte, würde uns jetzt vielleicht manches erspart bleiben."

Wut, Unverständnis und Angst

Wir verabschieden uns und ich gehe weiter zum Markt. Auf dem Weg sehe ich in vielen Geschäften Schilder, die darauf hinweisen, dass die Läden bis auf Weiteres geschlossen bleiben. Als ich am fast menschenleeren Markt ankomme, verschwindet gerade das letzte Tageslicht hinter der Marktkirche. Wo sind sie denn alle, frage ich mich. Wut, Unverständnis, aber auch Angst – sie begegnen mir hier wieder. Diesmal in Form eines Markthändlers, der gerade dabei ist seinen Stand abzubauen. Für mich unterbricht er kurz seine Tätigkeit und erzählt: "Die Schulen sind schon zu, nun schließen hier fast alle Geschäfte in der Umgebung. Es kommen kaum noch Kunden. Aber wir sollen hier weiter stehen."

Diesen Umstand kann der Mann nur schwer ertragen und wünscht sich, dass auch er nicht mehr aus dem Haus müsste. "Aber dann sitzen wir zuhause und bekommen kein Geld. Das wäre genauso fatal", ist er sich sicher. Man merkt, dass den Verkäufer die rasante Nachrichtenlage, die sich fast stündlich ändert, verängstigt. Weil er sich angesichts der Entwicklungen hilflos fühlt. So wie ihm dürfte es vielen gehen.

Sachsen-Anhalt setzt Schließzeit nicht um

Weiter geht es zu einem Dönerladen am Hallmarkt. Auch hier blickt man mit einigen Sorgenfalten auf die kommenden Wochen. "Tagsüber wird es gehen", sagt der Verkäufer. "Aber abends und nachts werden uns viele Kunden fehlen." Denn der Imbiss liegt in der Nähe zahlreicher Kneipen und ist für viele auf dem Heimweg ein beliebter Anlaufpunkt. Der Verkäufer ist sich nicht mal sicher, ob der Laden nach 18 Uhr überhaupt noch öffnen darf. Die von der Bundesregierung geforderte Schließzeit wurde von Sachsen-Anhalt zunächst nicht umgesetzt. Durch den Katastrophenfall, den Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand am Dienstagabend ausgerufen hat, kann sich alles schon wieder geändert haben. So genau weiß das keiner.

Die letzte Station meines Abendspaziergangs ist die Kleine Ulrichstraße. In den Restaurants und Kneipen hier pulsiert normalerweise das Leben – vor allem im Sommer. Ehrlicherweise: An einem mäßig warmen Dienstagabend während der Semesterpause wäre hier wahrscheinlich ohnehin nicht so viel los gewesen. Aber an diesem Abend wirkt die Straße fast ausgestorben. Die Hälfte der Lokale hat schon gar nicht mehr geöffnet. Die anderen sind bestenfalls spärlich besetzt.

144 Klopapierrollen für 70 Euro

Ich schaue noch kurz im Connisseur vorbei, einem meiner Lieblingspubs. Es ist St. Patrick's Day, der Nationalfeiertag Irlands, und in vielen Pubs wird dieser Tag immer ausschweifend gefeiert. Normalerweise wäre aus einem kurzen Besuch hier ein sehr langer Abend geworden. Aber nicht diesmal. Schließlich ist kaum jemand da. Drei Leute, die an der Bar rechts neben mir stehen, überlegen, dass gerade Künstler jetzt kreativ werden müssten, um den Corona-Auswirkungen zu trotzen. Auf meiner linken Seite sinnieren Menschen, was Klopapier wohl bei Ebay kostet. 144 Rollen gibt es schon für 70 Euro. Ein Schnäppchen.

Leere Geschäfte und Passsagen in Halle
Viele Geschäfte müssen für gut einen Monat schließen. Bildrechte: MDR/Oliver Leiste

Manche der Anwesenden merken schon die Einschränkungen, die die Pandemie mit sich bringt. Andere werden sie in den kommenden Tagen zu spüren bekommen. So wie die Bedienung, die sich hier im Pub ihr Studium finanziert. Wenn das Lokal am Mittwoch schließt, ist sie faktisch arbeitslos. "Dann muss ich wohl meine Eltern fragen", sagt sie lapidar. Wann das Studium weitergeht, weiß sie auch noch nicht sicher. Schließlich ist auch der Vorlesungsbeginn zunächst bis Mai verschoben.

Ich trinke aus und mache mich auf den Weg zurück zum Bahnhof. Was bleibt ist Unverständnis, aber vor allem Ungewissheit. Keiner derjenigen, die ich getroffen habe, weiß so richtig, wie es mit ihm oder ihr in den kommenden Wochen und Monaten weitergeht. Halle wird in der Zeit, spätestens bei Einbruch der Dunkelheit, zu einer Geisterstadt. Das zeichnet sich jetzt bereits ab.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT - mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Zudem ist er immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

Quelle: MDR/olei,kb

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 18. März 2020 | 05:00 Uhr

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